Montag, 9. April 2007

Absenz

Über diese Geschichte im befreundeten Kreise kann man nicht schreiben, denn die Hauptperson liest mit und hat sich’s verbeten. Über jenen familiären Vorfall nur aufs Verlogen-Vorteilhafteste, und dann macht’s keinen Spaß. Nicht einmal über sich selbst kann man schreiben, denn bald fragen jene, denen man es schuldet, glücklich zu sein, mit nur leicht gezügeltem Unmut, was nicht stimmt.

Fest gezogen sind die Stricke von Höflichkeit und freundschaftlicher Diskretion. Enger noch das Korsett des Tages, in dem wenig, weniger, ach: kaum noch Zeit bleibt für all das, was angenehm ist, leicht, ziel- und zwecklos.

Vielleicht später wieder, denkst du dir, und weißt doch, dass es vorbei ist. Vielleicht woanders, vielleicht nie wieder, vielleicht nur noch für dich daheim.

Vielleicht auch erst einmal vier Wochen.

Sonntag, 1. April 2007

Die Operation

I.

Kurz vor dem Einschlafen die präzise Vorstellung eines Überfalls. Drei Männer mit pastellgrünen Handschuhen drängen mich in die rechte, hintere Ecke einer Bushaltestelle aus Plexiglas. Einer der Männer legt meinen Bauch frei und desinfiziert die Haut mit einem alkoholischen Spray. Ein anderer holt aus dem Kofferraum eines abgewrackten, dunkelblauen Golf eine Vorrichtung, die einer Autobatterie nicht unähnlich sieht. Lange Schläuche aus mattem, erdbeerfarbenen Gummi hängen von den beiden Querseiten des Geräts nach unten und schleifen über die Gehsteigplatten nach. Leiser Ärger, wozu die Desinfektion dient, wenn dann doch im Umgang mit Schmutz und Keimen eine gefährliche Lässigkeit waltet.

Der dritte Mann tritt näher, zückt ein Messer, schneidet mir mit einer einzigen, beiläufigen Bewegung den Bauch auf, ungefähr eine Handbreit über dem Nabel, und schiebt einen der Schläuche schmatzend in die unappetitliche Masse aus Blut und gelbem talgartigem Fett.

„Nicht bewegen.“, ermahnt er mich und gibt einem der anderen ein Zeichen. „Jetzt?“, fragt der und schiebt ein paar verdächtig selbstgemacht anmutende Schalter nach oben. Auf der Vorderseite des Geräts fängt es an zu blinken, gurgelnd saugt der Schlauch in meinem Bauch und reißt ganze Stücke Talg und schlabberiges, glitschiges Fett durch das Gummi in das vor Anstrengung krachende Gerät.

Nach wenigen Minuten ziehen die Männer den Schlauch aus der Wunde und laufen hastig davon. Zitternd, ein Heftpflaster in der Hand, bleibe ich an der Bushaltestelle stehen, halte mir den Bauch und versuche, mit meinem T-Shirt das restliche Blut von den Rändern der Wunde wegzuwischen.

II.


Nach kurzem, kopfschüttelnden Erwachen erneutes Versinken. Wieder an derselben Bushaltestelle, derselbe blaue Golf, eine weitere Operation mit nunmehr jedoch wesentlich verfeinerter Technik. „Narbenfreier Kreuzschnitt!“, preist der Schlauchhalter mir an, der ohnehin der Gesprächigste des ansonsten verdächtig schweigsamen Trios zu sein scheint. Tatsächlich erfolgt die Bauchöffnung diesmal reibungslos, auch tritt kaum Blut an den Rändern des Schlauchs vorbei aus. Mein T-Shirt bleibt trocken, auch die schmatzenden Geräusche sind diesmal leiser. Kaum mehr vernehmlich füllt sich das Gerät. - „Bis bald.“, klopft der Gesprächige der Drei mir am Ende freundlich blinzelnd auf die Schulter.

III.


Erneutes Erwachen mit einer gewissen Befriedigung über den Fortschritt der Technik. Mit dem rechten Zeigefinger den kreuzweisen Schnitt auf der Bauchdecke nachgezeichnet, im Anschluss hervorragend geschlafen.

Mittwoch, 28. März 2007

Die Heimsuchung (auch: der Couscoussalat)

Die ganze Woche ernähren Sie sich unglücklich und schlechtgelaunt von irgendwelchem Zeug. Hier ein Stück lauwarme Pizza, dort eine Thai-Suppe aus Fertigpaste mit Bambussprossen aus der Dose, und gelegentlich ein fettiges Halloumi unterwegs. Ab Mittwoch aber denken Sie beim Warten auf die Bahn bereits an Speckknödel, am Donnerstag träumen Sie die ganze Nacht von Rinderbraten, Freitag früh haben Sie heftige olfaktorische Halluzinationen, die mit Schnitzeln zu tun haben, und am Freitag abend endlich sind Sie in irgendeiner Küche zu Gast.

Es werde gefeiert, hat man Ihnen gesagt, und es gebe ein Buffet. Alle Gäste brächten etwas mit. Wirklich scheint der Tisch sich zu biegen, aber neben einem Rest Kartoffelsalat, einer Riesenschüssel grüner Büschel mit Parmesanspänen und ohne Dressing, steht, ja, ganz als hätten Sie‘s gewusst: Dreimal der Couscoussalat von Jamie Oliver, dieses stetige, verlässliche Grundrauschen aller Parties aller Leute, die Sie kennen. Einmal leicht verrutscht in einer pastellfarbenen Tupperschüssel, einmal etwas zu knackig in einer handgetöpferten Schale, die aussieht wie ein Exponat der prähistorischen Sammlung, und einmal einfach so in Glas.

Alle drei Salate sind so gut wie unberührt, denn der Couscoussalat von Jamie Oliver ist eine fast völlig geschmacklose, leicht krümelige Substanz. Zwischen den wahlweise kinderzahnharten oder kinderbreiweichen Couscouskörnern liegen Gemüsestücke, irgendwelche schlappen Kräuter versuchen vergeblich, das Ganze zu aromatisieren, und während Sie die letzten Resten der anderen Salate zusammenkratzen, tritt ein anderer Gast neben Sie und spricht die goldenen Worte:

„Du musst unbedingt den Couscoussalat probieren! Das Rezept ist von Jamie Oliver.“

„Jamie Oliver“ intoniert Ihr Mitgast ungefähr so wie ein gläubiger Christ „die Heilige Jungfrau“ betont - halb ehrfurchtsvoll, halb ungläubig staunend ob der Realität der Jungfrauengeburt, nein: des Couscoussalates, und leicht geniert ob so viel Inbrunst drehen Sie sich weg, beißen sich auf die Unterlippe und suchen nach einer angemessenen und doch höflichen Antwort.

„Jamie Oliver ist ein aufgeblasener Fatzke und hat eine komische Frisur.“, fällt Ihnen ein, aber so etwas zu sagen gilt in Gesellschaft bekanntlich als hochgradig kindisch. „Jamie Oliver’s Rezepte bestehen aus steinhartem Gemüse und schmecken nach nichts.“, könnten Sie statt dessen sagen, aber Ihr Mitgast scheint – der Salat weist es aus – ein großer Anhänger dieses Herrn zu sein, der seine Reputation im Fernsehen erworben haben soll, wo man bekanntlich das Essen nur sehen, nicht aber es verzehren kann, und das, so fällt Ihnen ein, mag das Geheimnis des Erfolgs von Jamie Oliver sein. „Mir sagt Jamie Oliver ja wenig.“, hören Sie sich statt dessen sagen und ärgern sich ein wenig über Ihre schrecklich blöde und grauenhaft belanglose Stellungnahme zu diesem blonden Ärgernis der Gegenwart, das zu bekämpfen jeder billig und gerecht Denkende aufgerufen sein müsste. Ach, da stehen Sie in der fremden Küche, suchen nach passenden Worten, kramen in ihrem Gedächtnis nach Begriffen, die einprägsam, präzise und trotzdem vernichtend die nichtssagende Natur der Rezepte Jamie Olivers bezeichnen, aber dann, lange bevor Ihnen das schlagende, das treffende Wort, die endgültige Auslöschung der verderblichen Dominanz von Jamie Olivers Couscoussalat einfallen mag, ist der Mitgast verschwunden, und nur sein Salat ist noch da.

Samstag, 24. März 2007

Hauptbahnhof

Hier ist alles hart. Dass es woanders Erde gibt und Gras, Wind und Sonne, ist unvorstellbar. Wer hier nicht friert, hat keine Seele, und ich ziehe mir die Jacke enger um den Leib. Der ICE nach Leipzig hat 25 Minuten Verspätung, teilt eine leidenschaftslose Stimme alle paar Minuten mit, und auf dem Bahnsteig steht ein pummeliges Mädchen in einer viel zu großen Daunenjacke und teilt Kaffee aus, damit die Fahrgäste nicht zu schlecht gelaunt werden, während der Zug irgendwo anders auf der Strecke steht.

Einen Film könnte man hier drehen, der im Weltall spielt, schaue ich mich um, und statt auf der ICE-Strecke nach Süden würde der Zug dort, wo der Bahnhof aufhört, in ein laut- und lichtloses Nichts eintauchen, durch eine Schwärze gleiten, in der keine Lichter von menschlichen Siedlungen künden, und wo gar nichts wäre, außer ein paar scharfkantigen, blinden, grauen Brocken Gestein und Geröll, die durchs Weltall fallen, um irgendwo aufzuschlagen, wo keiner es hört.

Ich hätte Handschuhe mitnehmen sollen, reibe ich mir die Finger und schaue auf die Tafeln über dem Bahnsteig, die den Zug in zwanzig Minuten ankündigen und um Verständnis für die Verspätung werben. Wenn der Zug nicht kommt, fährt du nach Hause, verspreche ich mir, und schließe für ein paar Sekunden die Augen. Schön wäre das, sich ein paar Stunden Zeit zu stehlen, so lange zu schlafen, bis ich mich wieder spüren kann, bis die Betäubung verschwindet, und einen Herzschlag lang stehe ich schon fast wieder auf der Rolltreppe, fahre hoch und verlasse den Bahnhof dorthinaus, wo die Taxen stehen.

„Der Zug fährt gleich ein.“, wirft mir ein fremder Mann ungefragt zu, lacht, als habe er einen Witz erzählt, und verlegen lächele ich ein bißchen mit. „Danke.“, sage ich und drehe mich schnell um, bevor er noch etwas sagen kann, und eine Bekanntschaft beginnt, für die ich zu müde bin, viel zu müde, wie für alles, was heute noch kommen kann oder morgen oder irgendwann sonst.

Schlafen, denke ich, und steige dann doch in den Zug. "Nach Leipzig bitte einsteigen.", schließen sich die Türen, und nun freue ich mich doch auf die Lesung und bin ein bißchen gespannt, wie es wohl wird in Leipzig, ob die Sachsen mich mögen, ob die Texte gut genug sind, und der Abend es wert sein wird, im Bahnhof zu frieren, zu warten und durch die Kälte zu fahren, statt einfach zu Hause zu sein und zu schlafen.

Mittwoch, 21. März 2007

Leipzig, Berlin

Zu den schlimmsten Ängsten, die ich mir so halte, gehört ja die Vorstellung, ganz allein auf einem riesigen Platz zu stehen, rechts und links das schiere Nichts, und lauter Häuser mit geschlossenen Fensterläden, hinter denen sich fremde Leute über mich lustig machen.

Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht verständlich, dass mehr als die Angst vor Lesungen die Angst vor Lesungen ohne Publikum mich umtreibt, herumzustehen, auf die Uhr zu starren, und keiner kommt. Gegen diese – bisher zum Glück noch nicht verwirklichte – Furcht tritt sogar die Angst, mich vor Leuten vollkommen zum Depp zu machen, in den Hintergrund, und so freue ich mich auch dann über Ihre Anwesenheit

Am 22.03.2007
Um 21.00 Uhr
Im Volkshaus Leipzig
Karl-Liebknecht-Str. 32
04107 Leipzig
Zur Webloglesung des Handelsblatts

Und

Am 23.03.2007
Um 19.00 Uhr
In der Weekend-Gallery
Schlossstraße 62
14059 Berlin
Zur Lesung der EXOT-Redaktion,

wo ich – jeweils umgeben von anderen, reizenden und sehr begabten Menschen Texte verlesen werde, die in diesem Weblog veröffentlicht worden sind.



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