Donnerstag, 4. Oktober 2007

Gib deine Hand

Wie leicht, denkt man manchmal bei Nacht: Wie leicht geht so ein Mensch kaputt. Wie leicht brechen Knochen. Wie schnell verliert ein Mensch das Gleichgewicht, fällt aus dem Fenster, schreit, schlägt auf, und dann kommen erst die Sanitäter, dann die Angehörigen mit tränenschweren Erinnerungen, und dann das Vergessen und das Nichts.

Wie einfach wäre es, einmal danebenzutreten zwischen Bahn und Bahnsteig. Sich mitnehmen zu lassen, nur ein paar Meter. Sich gegen die Wand drücken zu lassen, den Druck für einen Moment auszuhalten. Den Schmerz. Des Schmerzes Steigerung, und dann nachzugeben, zu sinken, zu bluten und zu sterben. So leicht wäre es, am Alexanderplatz, wo die Autos dreispurig fahren, die Augen zu schließen und in die Pedale zu treten. Zu zählen: Eins – Zwei – Drei, bis es laut wird (war ich das?), und dann Ruhe. Stille und Schweigen.

Aber schade, denke ich dann, wäre es doch. Schade um die Durchsichtigkeit des Himmels. Schade um den Klang einer Glocke, den Geruch von Wald. Wie die Wolken im Sommer aussehen, und wie eine Nacht riecht, so gegen sieben in der Früh, wenn man sich hellwach fühlt und alles übergroß erscheint, scharf konturiert wie sonst nie. Schade wäre es um den Geruch von Haut. Wie Blut schmeckt. Geliebt zu werden oder es wenigstens zu glauben, und an noch mehr Liebe zu denken, weil man will, dass es das gibt. Feige wäre es, die Kugel einfach vom Spieltisch zu nehmen, das Casino zu verlassen, und riskant wäre es wohl, darauf zu setzen, dass hinter den goldenen Pforten, hinter der Schwärze und hinter dem Nichts noch etwas wartet, dass all das wert wäre, wie wenig es auch sei.

Mittwoch, 19. September 2007

Wo das Meer zu Ende ist

Ganz schwarz ist das Meer bei Nacht, so schwarz, wie ich mir den Tod vorstelle an schlechten Tagen, an denen ich an Licht, an Strahlen, an Güte und warme, streichelnde Hände nicht glaube. So schwarz ist das Meer, dass es meine Haut mit Schwärze färbt, und durchtränkt mit Dunkelheit entsteige ich den Wellen.

Den Wald am Ufer hat die Nacht verschluckt, und auch das Hotel, die weiße Stadt am Meer, steht nicht in meinen Träumen. Vergeblich rufe ich nach dem J., niemand antwortet meinen Schreien, und die Vögel kreischen, schwarz auch sie, höhnisch mit langen Schnäbeln.

Dies ist das Ende von allem, wispert das Meer mir zu, und aus dem Wasser steigen die Schatten und hocken wortlos am Strand.

Knie nieder, befiehlt der Priester mir an der offenen Grube. Wie warm sie noch ist, wispern die Schatten sich zu, und nackt recke ich den Hals der Schwärze entgegen, der plötzlichen Kälte, und dann dem barmherzigen Nichts.

Sonntag, 16. September 2007

Der Urgroßvater, der Rechtsanwalt, die Großmutter und wir

Meine Tante M. – eigentlich meine Großtante – log bekanntlich wie gedruckt, und wer ihr glaubte, sagte meine Großmutter, sei selber schuld. Tatsächlich sei so gut wie alles, was diese Tante zu erzählen pflegte, unwahr, und was nicht unwahr sei, sei wenigstens gehörig übertrieben, und so wäre die gemeinsame Mutter niemals mit aufgelöstem Haar, die Hände ringend und kleine, spitze Schreie ausstoßend auf die Straße gelaufen. Niemals hätte die sehr reservierte Mutter dies getan, erst recht nicht auf dem Weg zum Rechtsanwalt der Familie, einem Herrn Dr. G., der, und immerhin dies sei wahr, sich späterhin allerdings als ein rechter Lump entpuppt habe.

Der Charakter des Rechtsanwalts allerdings interessiert uns eher wenig. Ob es denn tatsächlich unzutreffend sei, bohrte mein Cousin L. nach, dass jener Herr von der Urgroßmutter beauftragt worden sei, gegen ihren eigenen Mann, den Urgroßvater nämlich, ein Entmündigungsverfahren einzuleiten? Ein Verfahren, an dessen Ende die vollständige und allumfassende Geschäftsunfähigkeit stehen sollte? Ein gerichtliches Verfahren, über das die ganze Stadt gesprochen habe, wie Tante M. uns verraten hatte, die – im Gegensatz zu meiner Großmutter – sehr gern und mit erschreckender Ausführlichkeit, auch vor einem recht minderjährigen Publikum diejenigen Geschichten zum Besten zu geben pflegte, über die der Rest der Familie niemals sprach.

„Da gibt es auch nichts zu erzählen!“, rief meine Großmutter mit für ihre Verhältnisse entschieden erhobene Stimme aus und brach eine Tafel Blockschokolade derart bracchial entzwei, dass mein Cousin mir bedeutungsvoll zuzwinkerte. „Es gab also kein Verfahren?“, setzte der L. nach und steckte sich schnell ein paar Krümel der Schokolade in den Mund.

„Die ist nicht zum Essen.“, zog meine Großmutter das Päckchen vom Tisch und rührte in dem Milch-und-Sahne-Gemisch auf dem Herd. „Kein Verfahren?“, blieb mein Cousin fest und sah meine Großmutter durchdringend an. Es habe kein Verfahren gegeben? Die Tante M. sei nicht aus dem Radfahrverein gestoßen worden? Der Onkel F. nicht heulend aus der Schule gekommen, weil keiner mehr mit ihm schnipsen gewollt habe als Mitglied einer Sippe, deren Angehörigen das Spiel nicht bekam?

„Kinder sollen nicht soviel fragen.“, behauptete meine Großmutter und ließ die Schokolade vorsichtig vom Löffel in die Milch gleiten. „Also doch.“, nickte mein Cousin und bohrte weiter nach: „Tante M. sagt, er hätte Haus und Hof verspielt, wenn man ihn gelassen hätte, und am Ende war schon kaum mehr was da?“ – „Über Kranke macht man keine Witze.“, tadelt meine Großmutter und rührte entschieden die sich langsam schokoladenbraun verfärbende Milch.

„Ich mach‘ doch gar keine Witze.“, wehrte sich der L. und klapperte ein bißchen mit der Tasse. „Lass das!“, rügte meine Großmutter und nahm ihm die Tasse aus der Hand. Schwere Zeiten seien das gewesen, merkt sie an, und wir könnten froh sein, dergleichen nie erlebt zu haben. Wie man angeschaut worden sei, auf der Bank, und sogar die Zugehfrau habe ihr Geld ab sofort immer vor Vollzug bar auf die Hand haben gewollt.

„Und was er nicht verspielt hat, hat der Anwalt zur Seite gebracht?“, heischte der L. nach weiterer Bestätigung. Ingrimmig nickte meine Großmutter und kniff die Lippen aufeinander. Ein Schurke sei das gewesen, ein arglistiger Betrüger, der die geschäftliche Unerfahrenheit der Urgroßmutter ausgenutzt habe, sich schamlos zu bereichern mit der Vollmacht, die man ihm gutgläubig erteilt.

„Fertig!“, goß meine Großmutter die heiße Schokolade so heftig in beide Tassen, als könne sie den betrügerischen Anwalt darin ertränken, und drückte jedem von uns den Kakao in die Hand. - „Geht spielen.“, schickte sie uns, in der Hand die vollen Tassen, aus der Küche und war für weitere Auskünfte über den präzisen Geschehensverlauf nicht mehr zu haben, und so ist dies so gut wie alles, was ich weiß.

Sonntag, 2. September 2007

Warten

Und zu alledem, gelegentlich gegen Morgen, das unsinnige Gefühl, alles Leben sei nichts als ein entsetzlicher Irrtum. Die Entwicklung des Organischen ein täppischer, misslungener Versuch. Eine Verunreinigung des Seins durch einen schmierigen, fleckigen Film, und Gott verdrossen fortgegangen, während die Reste seiner gedankenlosen Spielerei in ein paar gläsernen Kolben, einigen längst gesprungenen Petrischalen ihrem Ende entgegen faulen.

Leg dich zu mir, fiebert das Etwas dem Nichts entgegen, und jenes nickt, strahlend vor Reinheit, vor gleißendem Licht, vor streng gezirkelter Ordnung, und die Wasser warten, uns zu ersticken, uns wegzuschwemmen und aufzulösen, bis die Welt wieder rein sein wird, weiß, wüst und leer, und nichts zu hören sein wird bis auf ein tonloses Rauschen.

Samstag, 25. August 2007

The Steinfrucht Experience

Wenn ich, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, von nun gar nichts mehr von mir hören lasse, komplett verstumme, dann mag es sein, dass nicht die Zwänge eines Berufslebens von runden siebzig Wochenstunden mich davon abhalten, Sie zu amüsieren, nein, des Todes kalte Hand mag mich von der Tastatur gerissen haben, denn in wenigen Minuten werde ich, Madame Modeste aus Berlin, mich voraussichtlich Hals über Kopf in ein gefahrvolles Experiment mit durchaus offenem Ausgang stürzen.

Aber der Reihe nach: Mein Immunsystem, wie man so sagt, ist nicht gerade bekannt für seine Treffsicherheit. Kurzsichtig wie seine Besitzerin stürzt es sich unkontrolliert und mit hoher Fehlerquote auf alles Mögliche, was in mein Körperinneres durch Berühren, Einatmen oder Verschlucken gerät, und von Nüssen bis Gräserpollen wird manche an sich harmlose Substanz gnadenlos und mit allen der körpereigenen Abwehr eigenen Mitteln bekämpft. Von Jahr zu Jahr umfangreicher wird die Liste der Dinge, die zu meiden sind, um nicht gräßlich anzuschwellen, markerschütternd zu niesen, der Atemluft sogar verlustig zu gehen, und knallrot mit gefährlich erhöhtem Herzschlag keuchend die nächste Apotheke aufzusuchen.

Bis gestern allerdings schienen Früchte noch zu denjenigen Dingen zu gehören, die mein Immunsystem als ungefährlich erkannte. Gestern morgen allerdings verstarb ich fast in einer längeren berufsbedingten Besprechung an einer Aprikose, einer duftenden, pfirsichhaft weichen, safrangelben Frucht. Noch im Prozess des Kauens begriffen, begann mein Gaumen zu prickeln. Wenige Sekunden später schwoll meine Oberlippe an. Meine Zunge wurde dick. „Einen Moment.“, flüsterte ich nervös und stürzte aus dem Konferenzraum.

„Ein Antihistaminikum in die Besprechung im 1. Stock.“, zischte ich, Panik in den Augen, dem nächstsitzenden Kollegen ins Büro. Wenige Minuten später, der Schweiß rann mir über die hochrote Stirn, wurde mir ein Tablette gereicht, das Immunsystem legte sich wieder schlafen, und die Besprechung konnte weitergehen.

Mit dem Aprikosenverzehr ist es also vorbei. Wie aber, frage ich mich, sieht es mit anderen Steinfrüchten aus? Mit den gelben Pflaumen zumal, die beim Gang über den schon fast völlig abgeräumten Kollwitzmarkt von dem J. mitgenommen wurden? Die auf der obersten Schale der Etagere in der Küche duften, saftig, überaus wohlschmeckend zumal, wie der J. versichert? Verführerisch wie der Apfel der Erkenntnis von Gut und Böse, süß wie die Sünde, und so verlockend wie nur diejenigen Dinge es zu sein pflegen, die man besser lässt.

Bestehen enge verwandtschaftliche Beziehungen zwischen gelben Pflaumen und Aprikosen? Welcher Arzt hat heute Bereitschaft? Lohnt es sich, einfach vor dem Verzehr eine C*tirizin zu schlucken? Oder probiert man nicht besser einfach aus, ob es nicht doch noch geht?

Und wenn es nicht mehr geht – tja. Dann lesen Sie wohl einfach woanders weiter.



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