Samstag, 1. November 2008

Mon Minotaure

Ob wohl die Sieben und Sieben, die man dem Minotaurus schickte, wussten, was auf sie wartet? Ob auf dem Schiff etwa, bei Nacht unter Deck, einander zugeflüstert wurde, was vermutet wurde, vielleicht auch in Athen?

[Ein Monster. Pasiphaë selbst. Halb Mensch. Halb Tier.]

Dass am Ende der Reise die Opfer ehrenvoll empfangen wurden, denke ich mir und sehe eine Gesandtschaft der Minoer, wartend am Hafen. Den Minos selbst erkenne ich, Glanz und Gleichmaß der Göttersöhne, und sehe ihn aufatmen beim Anblick der Segel, denn bliebe das Schiff aus, so müssten die eigenen Söhne und Töchter der Stadt ins Labyrinth hinab, einen Hunger zu stillen, dem Sklaven etwa, wohlfeil in jenen Jahren, nicht zu genügen vermochten.

Letzte Bankette stelle ich mir vor. Schweren, schwarzroten Wein, Fleisch und die Gier derer, die wissen, dass diese Stunden reichen müssen für das Glück eines Lebens. Blasse Lippen und kalten Schweiß. Ein kurzes, hastiges, krampfverschlungenes Glück in der Nacht, vielleicht, einen bleichen, entzündeten Morgen. Tränen und Angst.

Weiße Gewänder und offenes Haar. Einen einsamen Abschied am Eingang zur Unterwelt denke ich mir, denn was wollte der Stiermann mit 14 Totern auf einmal. Die mitleidigen Blicke des obersten Priesters, und dann die geöffnete Tür. Rauhe, unverputzte Treppen. Gestank stelle ich mir vor, und das Schillern von faulendem Fleisch. Den Weg durch das Dunkel auf feuchten, glitschigen Böden.

Das Warten. Zu schreien. Holt mich hier raus. Das tagelange Umherwandern, Minuten von kurzem, angsterfüllten Schlaf. Die Furcht vor dem eigenen Herzschlag. Sind das nicht Schritte? Ein nächtliches, blutzersetzendes Schnauben. Der fremde, tierische Atem. Und dann, am Ende, der rote Leib. Glänzend gespannte Muskeln, schlanke, starke, sehnige Hände und der haarige Kopf mit den goldenen Hörnern, den schwarzen, offenen Nüstern, und den großen, feuchten und traurigen Augen der Kühe.

Donnerstag, 16. Oktober 2008

Liegen lesen

Leser, so las ich letztens beim jüngst verstorbenen Nicolaus Sombart, zerfallen ja in zwei Kategorien, von denen die erste aufrecht im Sitzen, die zweite aber im Liegen liest, und das letztgenannte, von orientalischer Schlaff- und Sinnlichkeit geprägte Lesen auf Bett oder Divan sei eine grundlegend andere Sache als das konzentrierte Studieren am Tisch oder, besser noch an einem Stehpult.

Tatsächlich, so stelle ich mir vor, unterscheidet sich nicht nur die emotionale und kognitive Grundhaltung des Lesens je nach Körperposition. Auch die gelesenen Bücher müssten sich unterscheiden, denn wer schon liest Mommsen im Bett? Oder Proust am Schreibtisch? Wer stellt sich an ein Pult zwecks Lektüre von Henry Miller?

Wechseln, nehme ich an, werden die meisten Leute daher je nach Buch den Ort ihrer Lektüre. Ich aber, meine Damen und Herren, ich bin den Stehpult- und Schreibtischbüchern von vornherein abhold. Faul bin ich und ein wenig vergnügungssüchtig dazu, und kaufe daher ausschließlich solche Werke, die in der Horizontalen lesbar sind, und habe gelernt, das für weiche, warme Lagerstätten Unpassende zu vermeiden, ungefähr so, wie man inzwischen weiß, welche Kekse man im Bett essen kann und welche nicht.

Schlüsselworte in Klappentexten wie etwa „radikal“ oder „mutig“, welche andeuten, dass das betroffene Werk Experimenten sprachlicher Natur gewidmet ist, vermeide ich. Durchweg kleingeschriebene Werke lasse ich wegen der Erschwerung des Lesevorgangs liegen, und überhaupt generell alle Bücher, die den Leser erkennbar anzustrengen bestimmt sind, schaffen es nicht bis an die Kasse. Gegenwartslyrik mag ich auch nicht.

Weil ich mich für Politik und Gesellschaft gleichermaßen gar nicht interessiere, kaufe ich keine Bücher, die entweder direkt diese Themen betreffen oder aber im Gewande des Romans gesellschaftliche Probleme thematisieren, im schlimmsten Falle getragen von der Hoffnung, der empörte Leser werde hierzu eine Position entwickeln und den Misstand abstellen. „Groß angelegte Panoramen der Gegenwart“ oder so ähnlich, erwerbe ich deswegen nie, und zudem – das nur nebenbei – mag ich keine Bücher über Freaks, außer sie sind exorbitant unterhaltsam. Eine weitere Abneigung gilt Büchern, in denen Hitler vorkommt.

Weil man im Bett schneller ermüdet als am Schreibtisch, scheiden auch die meisten Bücher aus, auf denen seitenweise nichts passiert. Langweilige Bücher lese ich auch dann nicht weiter, wenn man mir von berufener Seite ihre Kunstfertigkeit preist.

Am Ende bleibt nicht viel über bei einem Rundgang bei Dussmann, und wenn man tage- ja wochenlang liegt, ab Montag nämlich auf Kreta, dann steht man da, die mitzunehmenden, bereits vorhandenen Bücher sind nicht allzu zahlreich, und dankbar ist man für Benennungen, welche neu oder alt, Roman oder Sachbuch, sein mögen, aber nur eins sein müssen:

Im Liegen lesbar.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Wenn Sie so freundlich wären

Manchmal geht man morgens aus dem Haus, läuft so herum, und nachmittags um fünf erzählt einem jemand, dass man seit acht Uhr morgens eine Frühstücksfleck auf der Bluse hat. Warum die ungefähr zwanzig Leute, die man den Tag über so getroffen hat, einem nichts von der in der Tat riesengroßen Verunzierung erzählt haben, ist dann stets einigermaßen rätselhaft, aber zumindest ist in solchen Situation klar, wie man sich der Verfärbung wieder entledigt.

Nicht immer aber ist die Beseitigung so einfach wie der Gebrauch eines Dr. Becker-Fleckenstifts. Gerad beispielsweise rätsele ich vergeblich, wie man diese Google-Werbung hier im Blog wieder entfernt, die in manchen Browsern und offenbar auch nicht immer über dem jeweils neuesten Text aufzutauchen pflegt, wie man mir kürzlich offenbar nach Wochen mitteilte. Der Fleckenstift scheint hier wenig hilfreich, aber wie geht man nun vor?

Bei Google anrufen?
Sich bei Twoday beschweren?
Irgendwelche geheimnisvollen Zeichen eingeben, und alles wird gut?

Experten vor. Das muss doch irgendwie wieder weggehen.

Sonntag, 12. Oktober 2008

Die B. zieht Konsequenzen

Tatsächlich ist die B., wie ich erfahre, fertig mit der Liebe und wird sich fortan auf ihr berufliches Fortkommen konzentrieren. Dies liege auch nicht nur an dem unrühmlichen Ende ihrer letzten Beziehung mit einem langzeitarbeitslosen Historiker. Vielmehr habe sie diese Geschichte zum Anlass genommen, einige grundsätzliche Überlegungen über das individuelle positive Potential von Beziehungen anzustellen und sei dabei zu negativem Ergebnis gelangt.

„Oha.“, sage ich etwas unschlüssig hinsichtlich einer angemessenen Reaktion und frage nach den Gründen. Das Projekt eines Lebens mit Mann sei leider aussichtslos, erläutert mir hierzu die B., denn es verhalte sich wie folgt:

Zum einen – und dies sei fast das Wichtigste – komme sie auch allein gut durchs Leben. Anders als etwa die A., die einen Hang zum Luxus, aber keine Neigung zur Berufstätigkeit habe, sei sie auf einen finanziellen Zufluss von dritter Seite nicht angewiesen. Auch psychisch brauche sei keinen Mann und beherrsche sowohl die Pflicht des Singlelebens, wie Einladungen unter lauter Paaren, wie auch die Kür wie etwa Weihnachten oder Silvester. Im Gegensatz etwa zu mir sei sie zudem in Alltagsdingen bekannt selbständig und könne nicht nur Auto fahren, sondern auch Wasserkästen schleppen und bekäme ihre Katze ohne fremde Hilfe zum Arzt.

Seit ein Mann in ihrem Leben daher aber keine Notwendigkeit, sondern nur eine wünschenswerte Ergänzung, so steigere das ihre Kompromissbereitschaft naturgemäß nicht. Wieso, so fragt die B. erkennbar rein rhetorisch, so solle sie einen Mann zu sich nehmen, der ihr nicht besonders gut gefällt? Wozu etwa dann ein Anhänger erbärmlicher Weltmusik, wie der beste Freund ihres Bruders, den dieser in letzter Zeit auffällig oft erwähnt? Wieso mit jemandem seine Zeit verbringen, der sich komisch anfühlt oder seltsam lacht? Weshalb Verabredungen mit jemandem eingehen, der – wie ihr letzter Freund – nie selber zahlt, weil sein Einkommen für jedes Restaurant, das der B. gefällt, nicht ausreicht, gleichzeitig aber nicht einmal Bewerbungen verschickt, um das zu ändern?

Komme aufgrund der dargelegten Umstände aber nur ein ausgemacht schöner, kluger und gebildeter Mann in Betracht, der zudem beruflich zumindest halbwegs erfolgreich sein sollte, sozial nicht völlig verkümmert sei, und (in Ergänzung einer bekannten Schwäche der B.) vernünftig kochen kann, so stünde man sozusagen Auge in Auge mit dem Problem. Denn warum – die B. wird unwillkürlich etwas lauter – solle jemand, der so sei, wie es ihr gefalle, ausgerechnet zu ihr eine Neigung entwickeln? Denkbar wenig habe sie denjenigen zu bieten, die es sich vermutlich aussuchen können, mit welcher aus einer Schar unzähliger Damen sie ihre Freizeit verbringen, und entsprechend sei auch keiner ihre ohnehin nicht so besonders zahlreichen Exfreunde diesem Ideal nahe gekommen.

Wolle die damit diejenigen nicht, die sie bekommen könne, und bekäme nicht diejenigen, die sie wolle, so ziehe sie sich zurück. Sie verlasse das Spielfeld und konzentriere sich fortan auf Dinge, die ihr liegen, wie etwa ihr Job, und wenn ihr langweilig sei, werde sie Sport treiben. Oder im Chor singen. Oder sie kaufe sich einen Hund.

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Dass es ruhig sein soll

Mörderisch erkältet zu Hause geblieben. Immer wieder kurz und schlecht geschlafen, wüst geträumt vom Aufenthalt in großen, sehr, sehr laut rumpelnden, schwarzen Maschinen. Gelegentlich erwacht, die Katze gestreichelt, gelesen, ein bisschen nachgedacht, aber erkältungsbedingt nur ganz weiche, zerbeulte Gedanken fassen können und es schnell wieder gelassen.

Im Internet vergeblich nach Entspannung gesucht. Das Netz ist gerade kein guter Ort, wenn man sich weder für Wirtschaft noch für Politik interessiert, und es einem namentlich egal ist, wer die USA regiert oder das Bundesland Bayern, ob es einen deutschen Buchpreis gibt, wer ihn - oder von mir aus den Literaturnobelpreis - bekommt, und was an der Wall Street passiert. Mir doch gleich, was die Banken machen, gedacht und noch ein bisschen geschlafen.

Zwei, drei Stunden später wieder erwacht. Wieder online Nachrichten gelesen, die Katze auf dem Schoß, und mich gefragt, wo andere Leute eigentlich das Interesse hernehmen, zu erfahren, welche Filmschauspielerin schwanger ist, wer irgendwelche Fußballpokale bekommt, wie hoch die SPD die nächste Bundestagswahl verliert, und wer irgendwelche Banken leitet. - Diese Börsengeschichte kann einen Haufen Leute Haus und Job und Rente kosten, maunzt vorwurfsvoll die Katze. Wenn es sehr, sehr schlimm kommt, vielleicht auch dich.

Na und, zucke ich mit den Schultern. Ihr seid mir alle gleich egal, versichere ich gleichermaßen mir und dem Rest der Welt. Alles, was passiert, passiert auch ohne dass ich es erfahre. Alles, was ich tue, wird kein Jota am Lauf der Welt verändern, und das finde ich gut.

Missbilligend verschwindet die Katze in der Küche.

Es soll endlich Ruhe sein, rufe ich ihr hinterher, und das angenehmste wäre, das Internet stünde für einen Tag still. Oder für immer. Das Fernsehen ginge auf einmal, mitten im Satz aus. Die Zeitungen stellten den Druck ein. Fabriken machten morgens nicht mehr auf. Die Menschen schlenderten noch ein paar Tage, etwas unschlüssig, was jetzt wird, durch die Städte, zunehmend ungewaschen und beschäftigungslos und säßen dann einfach so Tag für Tag auf dem Rasen und würden lächelnd immer dünner.

Es soll still sein in den Straßen, fordere ich und verschütte ein bisschen Tee. Gras soll über uns und unsere Städte wachsen. Es soll keine amerikanischen Präsidentschaftskandidaten mehr geben. Niemand soll wissen, was ein Buchpreis ist. Oder ein Buch. Die Menschen sollen nach und nach sogar das Sprechen verlernen, wieder geduckt, klein und haarig werden, glücklich in den Bäumen hängen, und es wäre vorbei. Wirklich vorbei und zu Ende.



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