Sonntag, 16. November 2008

Memento

Kürzlich war ich am Mittelmeer. Von morgens bis abends lag ich am Strand. Hinter mir befand sich das Ende Oktober schon fast leere Hotel und steinige, von Dornenbüschen spärlich bewachsene Hügel, auf denen alle paar Meter Bauruinen standen, von denen ab und zu etwas abfiel. Vor mir gähnte blau und grün das Meer, und wer angesichts dieser unfassbaren Leere nicht alle ein, zwei Stunden an den Tod denken muss, hat ein wirklich sonniges Gemüt.

Gelegentlich floh ich den Tod. Mit einem gemieteten Wagen fuhr ich von Elounda nach Agios Nikolaos, kaufte mir mehrere Zeitungen, las sie von vorn bis hinten durch, und saß dabei in einem Eiscafé, wo es ein wohlschmeckendes griechisches Eis mit dem italienischen Namen Dodoni gab.

Ansonsten ist in Agios Nikolaos nichts los. Es gibt ein Museum, das besuchten mein Begleiter und ich aus lauter Langeweile. Das Museum befindet sich in einem ungefähr vierzig Jahre alten Flachbau und zeigt eher unspektakuläre Kübel aus Ton, ein paar Tonpüppchen, Tonkühe, verzierte Särge aus Ton und einen Kopf. Besser gesagt: Einen Schädel. Einen Schädel mit einem Kranz aus goldenem Lorbeer, und es war schlechthin unmöglich, an etwas anderes zu denken als an Tod und Sterben und, ja, Verwesung, denn irgendwie musste aus einem Kopf mit Kranz ein Schädel mit Kranz geworden sein, der uns nun leicht bräunlich verfärbt in einer quadratischen Vitrine mit dem langzähnigen Grinsen der Toten begrüßte.

Der Tod wurde mir unangenehm. Kreta, so schien es mir, war voll von Gegenständen, die in irgendeiner Art und Weise das Ende menschlichen Lebens thematisierten. In den Zeitungen stand die ganze Zeit, der Kapitalismus sei am Ende, und sonderbarerweise fühlte ich mich von dieser Nachricht betroffen. Der Kapitalismus also auch. Herrje, dachte ich. Ist denn nichts mehr sicher vor dem Zahn der Zeit.

Zwei Wochen später fuhr ich wieder nach Hause. Berlin sah aus wie das Ende der Welt. Die Zeitungen schrieben über Leute, die mit 34 Jahren einfach so an Herzstillstand sterben, und beim Mittagessen sprachen die Kollegen über die Vorteile der Feuerbestattung in Hinblick auf künftige Ausgrabungen oder ihre Mitwirkung bei einer Choraufführung des Requiem von Mozart.

Langsam wurde ich nervös. In einem literarischen Werk - man denke an den Tod in Venedig - hat die Häufung von Todesmotiven bekanntlich nichts Gutes zu bedeuten. Nun stehen Literatur und echtes Leben zwar nur in einem eher entfernten Zusammenhang, aber man weiß ja nie. Ich habe vorsichtshalber mein Testament gemacht und bitte statt um Blumen um eine Spende an eine wohltätige Organisation. Diese werde ich demnächst benennen. Soviel Zeit wird ja wohl noch sein.

Dienstag, 11. November 2008

Von Kindern und Mördern

Saša Stanišić, Wie der Soldat das Grammofon repariert (2006)

Kinder, das ist bekannt, haben äußerst unangenehme Seiten. Sie stinken. Sie sind laut. Sie sagen die Wahrheit, wenn man sie nicht im Geringsten brauchen kann, sie lügen schrecklich schlecht und sind, unter anderem aus diesem Grund, sehr, sehr miese Erzähler. Ihre Geschichten haben weder Anfang noch Ende, es fehlt ihnen zumeist vollkommen an innerer Folgerichtigkeit, und die kindliche Froschperspektive - bedingt durch den fehlenden Erfahrungshorizont - führt zu vielfachen Redundanzen und ärgerlichen Längen bei der Wiedergabe von Selbstverständlichkeiten. Die Wahl eines kindlichen Erzählers für ein literarisches Werk zieht damit zwangsläufige Probleme nach sich: Eine nur halbwegs realistische Wiedergabe des kindlichen Erzählens wäre vor Langeweile nicht auszuhalten. Eine nur vorsichtig infantiler Diktion angenäherte Sprache wirkt dagegen wegen der Überlagerung erwachsener und kindlicher Sprach- und Erlebnisebenen nicht selten altklug und ein wenig künstlich dazu.

Natürlich - andernfalls gäbe es solche Bücher ja nicht - hat die Wahl eines kindlichen Erzählers auch Vorteile. Die Fiktion, der Erzähler erlebe alles zum ersten Mal, erlaubt es, das Selbstverständliche mit dem Gestus des Staunens zu erzählen, der dem Leser im besten Fall das Mitstaunen erlaubt und zudem viele Bilder ermöglicht, die einem Erwachsenen schlechthin nicht abgenommen werden, ungefähr so, wie es die Öffentlichkeit einem Dreißigjährigen eher als einem Dreijährigen verübelt, sich bei Kaisers auf den Boden zu werfen, wenn er kein Eis bekommt. Zudem erwartet der erwachsene Leser von einem erzählenden Kind naturgemäß nicht, alles Erlebte und Gesehene auch zu verstehen, zu erklären gar, oder möglicherweise in unschöne Geschehnisse hilfreich einzugreifen. Dies wiederum prädestiniert die kindliche Perspektive für das Erzählen über den Krieg aus der Position einer natürlichen Unschuld, die Gewalt erleidet, sie beschreibt, aber weder ihre Entstehung erklären muss, noch Position bezieht. Gerade eher komplexe Auseinandersetzungen wie der Krieg im früheren Jugoslawien eignen sich damit als Gegenstand des Erzählens aus kindlicher Perspektive. An ein Kind – wie Saša Stanišić alter ego Aleksandar – trägt man die Fragen nicht heran, die ansonsten der Leser dem Buch stellen würde. Wie konnte das passieren, etwa. Oder: Was ist genau geschehen? Und nicht zuletzt: Wer hat schuld?

Tatsächlich beantwortet das Buch keine dieser Fragen, ohne dass man die Antwort vermisst oder auch nur erwartet. Die Geschichte dieses mir bis heute unverständlichen Krieges wird vielmehr erzählt als eine Vertreibung aus dem Paradies, das etwas zu genrehaft, ein bisschen zu sehr märchen-, klischeebalkanhaft erzählt wird, und hier stößt man sich hart an der etwas zu putzigen Sicht des ungefähr zwölf- oder dreizehnjährigen Helden. Anfang der Neunziger Jahre, am buchstäblichen Vorabend des Schlachtens hebt die Erzählung an, und klingt doch streckenweise sehr nach den Erinnerungen sehr, sehr alter Leute, ein bißchen zu niedlich und zu pläsierlich, ein Jugoslawien wie aus der handgewebten Dekoration der Balkanrestaurants Dubrovnik, wie sie vor Jahren in deutschen Kleinstädten bunt geschmückt Ćevapčići verkauften, und auch vom Tonfall ähnelt manche Passage fast den immer etwas zu simplen Anekdoten Roda Rodas von vor dem ersten Weltkrieg. Indes: Schlecht sind die Geschichten nicht. Man hat sich schon einmal besser amüsiert, zweifellos – aber amüsiert habe ich mich schon und streckenweise sogar prächtig.

Gut gemacht – und hier bewährt sich der Blick eines kindlichen Helden – ist der Einbruch des Krieges. Wie mitten in ein folkloristisches, balkanbuntes Fest der Krieg tritt, betrunken, bewaffnet und platzend vor Unreife, und die scheinbar noch geglätteten Wogen dann doch innerhalb weniger Seiten des Buches die Idylle auffressen, verleiht dem Bösen, dem Grauen einen Körper, der es erst fassbar macht, wie der Krieg das Paradies erst überschattet und dann zerstört. Die Szenen aus der besetzten Stadt sind grell, gut gemacht, und es liegt nicht am Erzähler, dass man meint, so etwas bereits gelesen zu haben. Das 20. Jahrhundert hat an seinen Kindern keinen Kelch vorübergehen lassen.

Nach der Flucht aus Bosnien indes wird das Buch etwas – nun: lang. Dass der zunächst im Ruhrgebiet langsam heranwachsende Protagonist die Vergangenheit idealisiert, glaubt man angesichts der durchaus trist illustrierten Flüchtlingsgegenwart unbesehen. Lesen möchte man die Früchte dieser Idealisierung durch den nun schon älteren Aleksandar allerdings nicht, oder zumindest nicht in dieser Breite. Auch öffnet sich in diesen Passagen, in denen der Held in Deutschland zur Schule geht, eine gewisse Schere zwischen dem Kinderblick und dem wachsenden Alter. Die Jahre werden so schnell erzählt, dass man nicht ganz mitkommt mit dem wachsenden Erzähler, und die schon in den anfänglichen Anekdoten ein wenig nervenzerrende Naseweisheit des Kindes verträgt die Sprünge durch manche Rückblenden nicht immer. Auch die Erzählung mittels Briefen an eine sehr, sehr schattenhafte Freundin, bosnischer Flüchtling im früheren Wohnhaus in Višegrad, zieht eine Distanz des Lesers zum Geschehen nach sich, die möglicherweise absichtsvoll angelegt, gleichwohl dem Vergnügen nicht förderlich ist.

Rund immerhin endet das Buch nach rund 300 Seiten. Vielleicht etwas zu rund, wenn das Grab des Großvaters, des ziemlich demonstrativ personifizierten Jugoslawien, des Geschichtenerzählers und Parteifunktionärs, besucht wird, der auf den ersten Seiten stirbt, aber wenige Seiten später legt man das Buch (nur ein paar Stunden nach Beginn der Lektüre, der Roman liest sich leicht) mit einem gewissen Bedauern zur Seite, flankiert vom Erstaunen, dass der erhebliche Charme dieses Romans seine Mängel am Ende doch und nicht ganz wenig überwiegt.

Aber von Kindern will ich die nächste Zeit weder hören noch lesen.

Sonntag, 9. November 2008

Fräulein Pandora

Sofern Sie als Psychotherapeut in Ostwestfalen-Lippe praktizieren, wird möglicherweise in den nächsten Tagen ein sehr spezieller Fall Ihre Sprechstunde aufsuchen. Sie müssen dann sehr sensibel agieren, denn die betreffende, dem Vernehmen nach schöne Dame – jüngste Schwester eines Berliner Rechtsanwalts – ist, wie man hört, gerade reichlich nervös, und gehört zudem der Gruppe derjenigen Menschen an, die es aufgrund einer gut entwickelten Beobachtungsgabe mit hoher Wahrscheinlichkeit bemerken, für ein bisschen geistesgestört gehalten zu werden. Am Besten wird es daher sein, sie hören einfach nur zu, und nicken ab und zu, als sei das, was sie hören, vollkommen alltäglich und komme in Ihrer Praxis nur deswegen selten vor, weil die meisten Menschen – völlig zu recht, ganz klar – die geschilderten Vorgänge für nicht weiter besorgniserregend halten.

Keinesfalls sollten sie die junge Dame unterbrechen, wenn sie immer abwechselnd, atemlos und ziemlich durcheinander über die vier wichtigen Beziehungen ihres Lebens erzählt, auch wenn diese zunächst wenig interessant, sogar vielleicht etwas banal erscheinen. Der erste Freund etwa, ein blonder Schulkamerad des großen Bruders. Der zweite, ein Zivi im örtlichen Krankenhaus. Der dritte, ein ziemlich haarloser Kommilitone an der Universität Münster, und dann der letzte, der vor einigen Monaten verabschiedete, der zunächst sehr, dann ein wenig, und am Ende gar nicht mehr geliebte Herr A., welcher nicht nur p*rnographische Bilder auf der Festplatte seiner Freundin hinterließ, sondern sogar mit von ihrem großen Bruder geliehenen Geld eine andere Dame zwar erfolg-, nicht aber absichtslos bewirtet haben soll.

Nicht unverständlich ist es vor dem Hintergrund dieser Untaten, dass ihre Patientin nach dem Ende der Beziehung von Herrn A. nichts mehr wissen wollte und sich insbesondere für dessen weiteren Verbleib nicht interessierte. Gemeinsame Freunde waren so zahlreich nicht, die Semesterferien taten ein übriges, das ehemalige Paar zu separieren, und so erfuhr die Dame erst vor zwei Wochen, dass Herr A. seit Wochen in seiner ostdeutschen Heimat im Krankenhaus liege, ein Bein, zwei Rippen und einen Arm kompliziert gebrochen, und zudem mit einer unangenehmen Infektionskrankheit versehen, die man manchmal bekommt, wenn man im Krankenhaus ist, und das Krankenhaus ist nicht ganz sauber.

Bitte sprechen Sie den nahe liegenden Gedanken nicht aus, mit Herrn A. habe das Schicksal zur Abwechslung einmal offenbar den Richtigen getroffen. Zwar ist diese Überlegung vermutlich berechtigt. Gleichwohl hat das fremde Fräulein in Ihrem Behandlungsraum Grund zu der Annahme, etwas stimme ganz grundlegend nicht, denn bereits ihr vorletzter Freund – Sie erinnern sich an den ziemlich haarlosen Kommilitonen – sei nur wenige Wochen nach dem vom Kommilitonen eingeleiteten Ende der Beziehung im Spital gelandet, nachdem er beim Beachvolleyball aus Ungeschicklichkeit sich im Netz verfangen, gestürzt und dann mit gebrochenen Haxen abtransportiert worden sei.

Kurz wird Ihnen der Gedanke kommen, die junge Dame sei bei Ihnen als Arzt an der falschen Adresse. Indes werden auch Sie einräumen müssen, dass eine andere Profession hier möglicherweise, zumindest unter ziemlich urbanen Agnostikern, auch nicht originär zuständig ist, und so werden Sie bestimmt auch nach den beiden ersten Freunden fragen, und sich nicht wundern, dass der blonde Schulkamerad des großen Bruders nach dem Ende der Beziehung durchs Abitur gefallen, und der Zivi bei einem Tauchunfall ziemlich lädiert worden sei.

Machen Sie sich nichts daraus, wenn Ihnen auf diese Eröffnungen hin nichts Vernünftiges einfällt, denn das geht den meisten Leuten so, beispielsweise dem großen Bruder, dessen schallendes Gelächter von der Betroffenen als wenig feinfühlig getadelt worden ist. Seien Sie einfach nur nett, beruhigen Sie die junge Dame, geben Sie ihr Schokolade, aber bitte keine Medikamente, sprechen Sie von der blinden Hand des Zufalls, und (in Ihrem eigenen Interesse):

Halten Sie sich ansonsten besser fern.

Mittwoch, 5. November 2008

Die Pelzbitte

Aber bitte, wenn du einmal etwas über hast, und etwas über hast auch für mich, dann kauf mir bloß keinen Porsche. Kauf mir bitte keine Ringe und Ketten. Keine Perlen will ich von dir haben, keine blitzenden Steine. Kein Silber, kein Gold.

Kauf mir einen Pelz.

Weiß soll mein Pelz von dir sein, so weiß wie Milch, wie Schnee, wie der Winter. So weich will ich meinen Pelz wie kein Fuchs der Welt sein kann, Nerze vielleicht, ach, noch viel weicher, mit Härchen so fein wie die Wimpern von Kindern. Das Fell von einem ganz, ganz kleinen und zierlichen Tier, und dann tausend davon, denn lang soll der Pelz sein, fast bis zu den Knöcheln. Schmal will ich den Pelz, hochgestellt will ich den Kragen. Glänzend und weiß will ich vor dem Spiegel stehen im Pelzgeschäft. Einer Schneekönigin will ich ähneln, schlank und blass, viel schlanker als ich bin und es jemals wäre.

Einpacken sollen sie mir den Pelz in eine weiße Schachtel. Einschlagen sollen sie den Pelz in raschelndes, weißes Papier. Goldfarben soll der Pelzgeschäftname auf der Tüte stehen, die ich nach Hause trage, oder vielleicht trägt ein Bote vom Pelzgeschäft mir den Pelz hinterher.

Ganz gleich will ich den Pelz anziehen bei mir zu Haus. Vor dem Spiegel will ich stehen, den halben Tag, ach: den ganzen, und drehe mich und schaue mich an und photographiere mich und den Pelz, im Gehen, im Stehen und Sitzen. Schön siehst du aus, sollst du sagen und mich alleinlassen.

Alles, was ich habe und mag, ziehe ich an unter dem Pelz. Die braunen, niedrigen Stiefel, die schwarzen, hohen. Die dreifarbigen, spitzen Schuhe und die runderen, braunen. Die schwarzen, spanischen Hosen, den glänzenden, hellen Rock vom Lieblingskostüm, mein rotes Kleid. Ein seidenes Nachthemd. An- und Ausziehen will ich den Pelz, meine Wange drücke ich gegen den Pelz, streiche mir mit dem Pelz über die Innenseiten der Arme und über den Bauch. Umkehren will ich den Pelz, das Futter nach außen, und den Pelz von oben bis unten auf der Haut spüren, so weich und glatt und leicht und seidig.

Auf dem Boden ausbreiten will ich den Pelz auf einem roten, persischen Teppich. Auf den Pelz legen will ich mich ganz und gar. Einwickeln werde ich mich in den Pelz, und die Ärmel verknoten hinter dem Rücken. In den Kragen drücke ich mein Gesicht, einatmen will ich den Duft des Pelzes, über und über umarmt will ich sein von dem Pelz und einschlafen will ich, umschlungen vom Pelz, und träumen von seinen seidigen Haaren.

Montag, 3. November 2008

Ich habe Uwe Tellkamps Eisvogel abgebrochen

... und werde den Turm gar nicht erst kaufen.

Hab’ ich mich gelangweilt. Gott, hab’ ich mich gelangweilt mit diesem Buch in Kreta am Strand. Und dann habe ich – das passiert eher selten – einfach aufgehört und das Buch weggelegt, obwohl ich nach der ersten Urlaubswoche nichts Ordentliches mehr zu lesen hatte, und das liegt, ich schwöre, den begeisterten auf dem Buchrücken abgedruckten Kritiken zum Trotz an wirklichen und ernsthaften Mängeln des Eisvogels, als etwa da wären:

Es mag sein, dass Tellkamp (wie der Klappentext es nahe legt) eine abstrakt interessante Geschichte erzählt. Tatsächlich fängt es gar nicht schlecht an: Einer wird getötet, der Tötende kommt ins Krankenhaus und erzählt – so der etwas konventionelle Einstieg – seinem Verteidiger, wie es zu Tötung und Spital gekommen ist. Da menschliche Grenzsituationen wie die der Tötung andere Leute meistens interessieren, hilft einem dieser Cliffhanger über die ersten zwanzig oder dreißig Seiten hinweg, dann aber sank mein Interesse, börsenkursgleich in diesen traurigen Tagen, deutlich ab, kroch gelegentlich noch um matte drei, vier Prozente in die Höhe, um dann endgültig auf der Nullinie zu verenden.

Die Ursache dieses Sinkflugs ist simpel: Alle dargestellten Figuren haben mich nicht für fünf Pfennig interessiert. Der Schwager beim Fernsehen (um bei den Nebenfiguren anzufangen) ist ein quotensüchtiger und vulgärer Depp. Der bankmanagende Vater ist eine Karikatur der bundesdeutschen Babyboomer, und die karrierebesessene Assistentin und Kurzzeitgeliebte des Krankenhauspatienten scheint direkt der „Jungen Karriere“ entsprungen zu sein, oder besser: der Vorstellung, die sehr, sehr weltfremde Leute von den Junge-Karriere-Lesern so haben. Soweit sich das beim kursorischen Durchblättern feststellen lässt, wird es beim künftigen Mordopfer, einer Art rechtsintellektuellem Sektengründer, und seiner Schwester keinesfalls besser. Das Verführerische, das beiden zugeschrieben wird, wird nur behauptet, aber nicht illustriert. Bei der Anhängerschaft des künftigen Toten wird es dann ganz grauenhaft.

Etwas leicht macht es sich Tellkamp mit diesem Personal, denke ich mir, denn so sicher es Menschen geben wird, die ungefähr so sind oder bei ein bisschen bösem Willen zumindest so wahrgenommen werden können, so wenig überzeugend sind diese Fratzen als Personal eines Romans: Für ein repräsentatives Portrait der bundesdeutschen Funktionseliten und ihrer dysfunktionalen Abkömmlinge sind die Nebenfiguren (wie das Setting, auch der Tonfall der handelnden Personen generell) zu schlecht getroffen, und als Protagonisten einer guten Geschichte wünscht man sich zum einen etwas weniger holzschnittartige Charaktere, und zum anderen habe ich den großartigen Plot nicht gefunden. Möglicherweise hätte er sich beim Weiterlesen noch aufgeblättert, aber wozu ein Autor den Leser sich eine halbe Stunde langweilen lässt – ich habe keine Ahnung.

Nun schadet Nebenfiguren – gerade wenn sie der Leser nur durch die sicherlich befangenen Augen der Hauptperson sieht – eine gewisse Chargenhaftigkeit oftmals nur wenig. Allerdings möchte ich mich zumindest für diejenige Figur interessieren, die im Vordergrund der Bühne herumstolziert, zumal, wenn wie hier, die Hauptperson ihre Geschichte erzählt. Nicht, dass ich mich in Herrn Wiggo Ritter geradezu verlieben möchte, um an seinem Tun und Treiben Anteil zu nehmen, aber langweilen soll jemand, dem man ein paar Stunden lang zuhören möchte, nun auch nicht. Daran allerdings hapert es ganz gewaltig. Herr Wiggo Ritter macht es einem nicht leicht, nein: er macht es mir annähernd unmöglich. Dies aber liegt an der Auswahl eines Typs Mensch als Helden, der sich – zumindest was mich betrifft – als Träger von Interesse, vielleicht gar Sympathie, schlecht eignet.

Es mag ja vielleicht verständlich sein, dass arbeitslose Philosophen wie der Herr Wiggo Ritter dazu neigen, logischer Intelligenz und einer gewissen Formalbildung einen möglicherweise etwas übertrieben hohen Wert zuzuschreiben, denn was dem einen sein Jaguar ist dem anderen sein Heidegger, jedoch ist die Pose, die subjektiv unterbewertete Intelligenz oft annimmt, nicht gerade angenehm, bestenfalls rührend lächerlich, und strengt mich meistens, so auch hier, nicht wenig an. Ich gehe Menschen, die sich ihrer Umgebung für überlegen und von dieser für ungerechterweise unterschätzt halten, gern aus dem Weg, denn es gibt wenig Gründe, Zeit mit verbitterten, selbstgerechten, arroganten Leuten zu verbringen, und es gibt wenig denkbare Motive, hiervon abzuweichen, wenn sie einem als Personal eines Romans begegnen. Ein denkbarer Grund immerhin wäre Humor, und sicherlich hätte ich weiter gelesen, gäbe es etwas zu Lachen. Daniel Kehlmanns ‚Kaminski und ich’ funktioniert ja etwa mit einem durchaus anders, aber nicht sympathischer gestrickten Helden, allerdings habe ich den Verdacht: Uwe Tellkamp findet sein Geschöpf gar nicht so arg daneben und beschreibt einen Mann, der dem Leser angenehm sein soll. Dies allerdings darf als gründlich misslungen gelten, und zudem leidet die Nachvollziehbarkeit der Handlung ernsthaft unter der nahezu läppischen Beschreibung der vom Mordopfer Mauritz vertretenen elitistischen, sehr der Gedankenwelt der konservativen Revolution verhafteten Ideen in einer fast unerträglich kitschigen Version.

Es war nicht auszuhalten. Ich wurde immer müder. Die Sonne schien, der geschätzte Gefährte schmatzte vergnügt über der Lektüre von Adam Soboczynskis amüsantem Buch über die Kunst der Verstellung, und erstaunt stellte ich fest, nicht mehr wissen zu wollen, wie es zu dem Tötungsakt der ersten Seite gekommen ist. Weder wollte ich wissen, warum Mauritz stirbt, noch wie es dem tötende Wiggo Ritter vor und nach diesem Vorfall erging, und da habe ich die Lektüre beendet.

Berliner, die das Buch haben wollen, können es haben. Und nein, sagen sie mir nicht, wie es ausgeht. Es ist mir egal.



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