Sonntag, 24. Mai 2009

Journal :: 24.05.

Auf dem Weg zum Märchenbrunnen denke ich weiter über Siri Hustvedts Roman nach. Dass es stets riskant ist, wenn Autoren Kunstwerke etwas zu genau beschreiben, die ihre Protagonisten schaffen, fällt mir ein, ungefähr so, wie die wenigsten Schriftsteller ihren Geschöpfen einen Gefallen tun, wenn sie die Behauptung, jemand habe Humor, mit Beispielen unterlegen. Ist man nicht gerade Oscar Wilde (und wer ist schon Oscar Wilde?), dann geht das schief, und so belegen auch die seitenlangen Beschreibungen der Werke des Malers William Wechslers, der einen männlichen Hauptfigur von Was ich liebte, die Faszination nicht, die sie auf den Ich-Erzähler Leo Hertzberg ausüben.

Angenehm temperiert, filigran und doch glaubhaft wirken dagegen die Beziehungen der vier New Yorker untereinander: Das Ehepaar Erica und der Erzähler Leo, das in einer Art sorgsam gedrosseltem Glück miteinander lebt, bis das gemeinsame Kind bei einem Umfall stirbt. Das benachbarte, befreundete Paar William und Violet, der eine kühle, gläserne, erste Frau vorausging. Lucille. Das Altern beider Paare, die Beziehungen untereinander wie deren Veränderungen. Was Freundschaften sind, und vor allem: Was und worüber die Protagonisten arbeiten, denn tatsächlich irritiert mich an der deutschen Literatur der Gegenwart nicht selten, dass ihre Helden entweder gar nicht, oder irgendetwas sehr Seltsames tun, um ihre Miete zu zahlen. Etwas kupiert wirkt das nicht selten, denn das Leben der Menschen wird durch seine wirtschaftliche Seite ja meist nicht wenig geprägt. Zudem finden auch die großen Themen im Leben der Menschen zu einem ganz erheblichen Teil in beruflichem Kontext statt, und so empfinde ich es als angenehm, über die rund dreißig Jahre am Ende des letzten Jahrtausends, die der Roman umfasst, stets informiert zu bleiben, worüber die vier Hauptpersonen arbeiten und was sie denken. Insbesondere die psychohistorischen Arbeiten Violets nehmen so viel Gestalt an, dass ich sie gern gelesen hätte. Joachim Radkau fällt mir dazu ein, der vor circa zehn Jahren eine nicht unanfechtbare, aber lesenswerte Geschichte der Nervosität vorgelegt hat, die die pathologischen Auswirkungen des Vitalismuskultes im späten Kaiserreich und der Weimarer Republik in Beziehung zu den Reaktionen und Entwicklungen seiner Entscheidungsträger gesetzt hat.

Etwas künstlich wirkt der Themenwechsel im letzten Drittel des Buches. Der Todesfall des kleinen Jungen von Leo und Erica und die schmerzlichen, erstarrten Reaktion der Eltern hierauf wirken noch sehr gelungen dem Fluß des Lebens entnommen. Dann aber wendet sich Hustvedt dem Werdegang des Buben von Lucille und William zu, der spektakulär missrät, sich in den Raves der Neunziger verliert, Drogen nimmt, pathologisch lügt und schließlich im Umfeld eines ebenso verdorbenen wie lächerlichen Künstlers in einen Mordfall verwickelt wird. Das Motiv des Bösen, des seine Eltern verzehrenden Wechselbalgs wird hier etwas zu stark betont, so, als habe Hustvedt am Ende ihrer Geschichte noch einen stärkeren Akzent setzen wollen, dessen es nicht bedurft hätte, um eine gute Geschichte über das Leben zu erzählen, seine Abgründe und Verwerfungen, die Nähe zu Nacht und Nichts in unseren scheinbar sonnigen Straßen, und dass es sich trotzdem lohnt, sich zu lieben und zu befreunden, einander gut zu sein, auch wenn, was wir tun können, nichts hilft gegen das Chaos, die Zeit und die Dunkelheit, die - doch scheinbar nur - stets stärker sind als wir.

Siri Hustvedt
Was ich liebte
2003

Journal :: 23.05.

Keiner weiß, was die Berliner Brasilianerinnen beruflich gemacht haben, bevor eine nach der anderen Enthaarungsstudios eröffnet hat. In jeder Straße gibt es ungefähr zwei. In den meisten Studios werden auch andere kosmetische Behandlungen angeboten, aber keins der Studios, stelle ich fest, will mich verschönern. Zumindest nicht heute: Da, wo ich einen Termin habe, ist die Kosmetikerin erkrankt, da wo ich keinen Termin habe, ist keiner mehr frei, und so sitze ich haarig und mit schief geschnittenen, splitternden Nägeln mit Rillen auf meinem Bett und rufe irgendwo an. Zwischendurch gehe ich eine Stunde zum Pilates, kaufe kurz ein, und dann telefoniere ich weiter. "Ich kann so kaum vor die Tür!", versuche ich die Angestellten von Kosmetikstudios zu überzeugen, an mir ein wohltätiges Werk zu tun, und schließlich bin ich erfolgreich. Es war das achte Telefonat.

Eigentlich mag ich keine Kosmetikstudios mit medizinischer Aura. Ich mag die Alte-Damen-Läden mit Tüllgardinen und dicken Puderquasten und Zerstäubern aus buntem, geschliffenem Glas, in denen es nach Lavendelwasser riecht. In meiner Situation indes wäre ich sogar in die Charité gefahren, wenn man mir da die Fußnägel schneiden würde. Ich schließe also fest die Augen und überlasse mich in durchaus klinikähnlichem Interieur einer Braslianerin mittleren Alters, die alles über Fernsehserien weiß, in denen Mädchen Models werden wollen. "Ich dachte, Modeln ist seit den Neunzigern vorbei?", frage ich irgendwann, aber liege offenbar falsch. Die Kosmetikerin findet Models super.

In der Nachbarkabine quatscht ganz offensichtlich eine schon vor zehn Jahren eher mittelmäßg geschätzte Studienkollegin irgendetwas Irrsinniges über Kunst. Die Kosmetikerin spricht über ein Mädchen, das einen Preis für gutes Aussehen gewonnen hat, und in der ZEIT erbost sich Adam Soboczynski über die verderblichen Auswirkungen der Dummheit derjenigen, die sich im Internet äußern, als sei die Dummheit mit dem Netz entstanden, und nicht vom Anbeginn der Welt an dagewesen und artikuliere sich jetzt nur halt etwas lauter. Ein steter Quell des Entzückens über Dummheit und fehlende Distanz zu eigenen Positionen ist mir in diesem Zusammenhang - hier soll es einmal erwähnt werden - übrigens das Kommentatorenwesen auf FAZ.NET: Ein verlässlicher Garant guter Laune.

Wer aber von derlei Dummheit im Internet dümmer wird, denke ich und überlasse meine Füße einer merkwürdigen Maschine, die Hornhaut abflext, darf eigentlich morgens nicht vor die Tür aus Angst, in der U-Bahn pro Fahrt ob der strunzdummen Umgebung bis zu zehn IQ-Einheiten einzubüßen. Dummheit im Netz, überlege ich mir und wähle sorgfältig zwischen unterschiedlichen Nagellackfarben, ist am Ende ähnlich leicht zu umgehen, wie Dummheit an irgendwelchen anderen Orten. Man muss da ja nicht hin.

Dummheit in einem Kosmetiksalon ist allerdings nur dann zu vermeiden, wenn man nicht mit Papierstreifen zwischen den Zehen und einer Feile auf den Fingernägeln auf dem Behandlungsstuhl sitzt. Die Kosmetikerin quatscht trotz Zeitung einfach weiter, lässt sich weder von einem laufenden IPod noch von mehreren mitgeführten Periodika beeindrucken, und so gehen im Zuge der sorgfältigen Hand- und Fußpflege eine Modelshow, die Zeitschrift für Umweltrecht und das Süddeutsche Magazin eine nicht wenig reizvolle Verbindung ein. In der Nachbarkabine schwadroniert meine Ex-Kommilitonin noch immer über Kunst, dass die Schwarte kracht.

Als der Lack auf meinen Nägeln trocken ist, reicht man mir einen Tee. Vorsorglich, und um meine neu erworbene Zehennagelschönheit nicht zu gefährden, wickelt die Kosmetikerin meine Zehen sogar noch in eine Art Klarsichtfolie ein. Dann bin ich entlassen.

Samstag, 23. Mai 2009

Journal :: 22.05.

Der Duschschlauch ist gerissen. Der Duschkopf selbst ist zwar intakt, allerdings geht das obere Ende des Duschschlauchgewindes nicht mehr aus dem Kopf heraus, und außerdem hat der Duschkopf von Anfang an nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt hatte. Weil es sich aber ohne Dusche schlecht leben lässt, fahre ich gegen Mittag zum Baumarkt. Aus irgendwelchen Gründen gibt es allerdings im ganzen Prenzlberg keinen Baumarkt, man muss also die Greifswalder Straße ziemlich weit Richtung Norden fahren, am S-Bahnhof vorbei, und dort, wo die Leute schon ganz schön - nun: anders - aussehen, als zwischen Kollwitz- und Helmholtzplatz ist dann der Obi.

Wie alle Baumärkte ist der Obi extrem sachlich gestaltet. Vielleicht hat das Klientel des Obi keinen Sinn für die Bedeutung schön eingerichteter Geschäfte. Vielleicht betrachtet der Kundenkreis eine ansprechende Darbietung der Waren - Werkzeug etwa, Farben, Parkett, Leisten oder Waschbecken - als pekuniäre Verschwendung, aber im bleichen Licht des Baumarkts in einer sehr hohen, an ein Lager erinnernden Halle sehen die angebotenen Duschköpfe und Duschschläuche alle irgendwie dubios und ein bißchen billig aus. Durchaus unschlüssig stehe ich vor dem Regal und kann mir nicht vorstellen, dass irgendetwas hier wirklich funktioniert und sich gut anfühlt. Zudem überfordert mich die Produktpalette. Zwischen € 9,95 und € 99,79 ist hier alles zu haben. Die Duschköpfe sind alle verstellbar, sie tragen alle Namen, die den naturhaften Charakter des durch ihren Einsatz erreichbaren Duscherlebnisses andeuten, wie etwa "Saar", "Isar" oder - ganz international - "Amazonas". Die anderen Namen habe ich vergessen.

Nach fünf Minuten kommt ein Verkäufer zu mir. Er ist vielleicht fünfzig, trägt einen Bart und ist klein und quadratisch. Er rät mir zu "Amazonas", denn da (junge Frau) hätte ich was Ordentliches und det billije Zeuch sei allet Nippes. Ziemlich teuer ist Amazonas, aber gut, ich habe schließlich keine Vorstellung von den angemessenen Kosten einer Duschvorrichtung, und so schicke ich mich an, mit "Amazonas" und einem passenden Schlauch zur Kasse zu gehen. In diesem Moment allerdings taucht ein anderer Mann auf, den ich erst für einen Verkäufer ohne Schild und in Zivil halte, dann aber als Kunden identifiziere. "Amazonas", erfahre ich, sei schlecht. Die Schwägerin des anderen Kunden habe nämlich "Amazonas" gekauft (nein: sei zu Amazonas überredet worden), und dann habe "Amazonas" nach nur vier Monaten zudem nicht überzeugender Performance die Funktion eingestellt. Ein längeres Gespräch entspinnt sich über nicht geltend gemachte Garantien und Montagsmodelle. Ansonsten funktioniert "Amazonas", wie ich vom Verkäufer höre, nämlich sehr gut.

Nach Ansicht eines weiteren, allerdings sofort weiterschlendernden Herrn mit zwei Farbeimern in der Hand sollte ich auf den ganzen Tinnef verzichten. Was er damit meint, bleibt leider offen, weil der unbekannte farbenkaufende Kunde die Kritik nicht mit konstruktiven Vorschlägen verbindet, zu welchem Modell ansonsten zu greifen sei. Mit "Amazonas" in der einen und einem anderen Modell in der anderen Hand stehe ich, unschlüssiger denn je, vor dem Regal mit dem Sanitärbedarf und schaue mich hilfesuchend um.

Der Verkäufer nimmt einen anderen Duschkopf in die Hand und schüttelt ihn fachmännisch. Meiner Ansicht nach passiert da gar nichts, aber ich scheine mich zu täuschen, denn der Verkäufer und der andere Kunde sprechen über das Ergebnis dieses offenbar auf Qualitätskontrolle ausgelegten Verhaltens, als sei allgemein bekannt, dass man die Güte von Duschköpfen nicht anders prüfen kann als durch energisches Schütteln.

"Ich nehme den.", schüttele ich daher entschlossen auch "Amazonas". Nun scheint aber auch der Verkäufer von diesem Duschkopf nicht mehr überzeugt zu sein, denn einladend wird mir ein dritter Duschkopf präsentiert. Er ist gleich teuer und sieht eigentlich identisch aus. "Von mir aus.", reiße ich mich daher los und stürme zur Kasse. Der Verkäufer und der andere Kunde bleiben bei den Duschköpfen zurück.

(Ansonsten mit dem J. im Anna Blume gefrühstückt. In der Zeit gelesen, dass es tatsächlich - man denke - einen Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Gershon Scholem gab. Mit der C. und dem M. erst in der Oderquelle, dann im Liebling. Wie immer zu viel gegessen. Gelacht.)

Freitag, 22. Mai 2009

Journal :: 21.05.

Die C. geht nach Brüssel. Wenn man macht, was sie macht, sei das der logisch nächste Schritt, und zudem strenge es sie an, die ganze Zeit gefragt zu werden, wieso sie keine Kinder habe mit inzwischen 36, höre ich mit Bedauern. Rund um die C. herum wimmelt es gerade vor kleinen Kindern und schwangeren Frauen.

Im Fleury laufen gleichfalls Kinder en masse herum. Lauter lässige, gut gekleidete Mütter mit teuren Sonnenbrillen und den Tuniken, die im Lafayette kürzlich nicht gekauft habe, weil der J. sie nicht mag, schieben ihre Kinderwagen zwischen den engen Tischen hindurch. Hübsche Kinder haben die fremden Frauen, lockige, kleine Prinzessinnen im Mini-Trenchcoat und blonde Buben im Fischerhemd, die schon mit drei irgendwie pfiffig und sehr, sehr gut gewaschen aussehen, und einen Moment frage ich mich, was man wohl macht, wenn man einsehen muss, dass das eigene Kind optisch deutlich hinter den anderen zurückbleibt, aber wahrscheinlich ist das Quatsch.

Rechts und links kommen und gehen Leute. Die C. und ich sitze fünf Stunden am Fenster im Fleury, bestellen ab und zu etwas nach, ziehen uns die weiß-blauen Kissen so hin, dass wir auf der Bank mehr liegen als sitzen, und sprechen über unsere Jobs, die Männer unseres Lebens, gutes Essen und Reisen und unsere Mütter. Als es aufhört zu regnen, brechen wir auf.

Im Kauf Dich Glücklich essen wir Waffeln. In den letzten Jahren hat das provisorisch anmutende Interieur mancher Cafés etwas Steriles angenommen, fällt mir auf. Die Sperrmüllmöbel haben ihren unschuldigen Charme verloren und wirken nun, als handele es sich um Teile einer ganz besonders raffinierten Inszenierung, und vielleicht ist das auch wahr. Vor uns sitzt eine Handvoll Nachwuchspolitiker der FDP, junge Männer Mitte dreißig in den gekrempelten Hemden der Juristen außer Dienst. Das gut Gewaschene haben sie mit den kleinen Jungs aus dem Fleury gemeinsam, fällt mir auf, aber ich weiß nicht, wie ich das Verbindende benennen kann und lasse es deswegen bleiben. Die C. und ich verabreden uns auf morgen abend oder Sonntag und brechen auf, jeder nach Hause. Inzwischen ist es sieben.

Im fluido drei Stunden später gibt es keine Kinder. Überhaupt hat von meinen engen Freunden niemand ein Kind, aber die M., wie ich höre, überlegt das zu ändern. Ihr Job sei langweilig und ein Jahr Auszeit gar nicht schlecht. "Nicht gerade der beste Grund für Nachwuchs.", höre ich mich sagen, und der J. und der M. nicken energisch. Der M. habe zudem kein Interesse an dem zusätzlichen zeitlichen Aufwandsposten, fügt er hinzu.

Vielleicht ist es gar nicht das Kind, überlege ich mir und trinke hintereinander einen Tijuana Sling und einen Jaffa Smash Royale und einen Sekt auf Eis. Vielleicht ist es der Neuanfang, den die Leute suchen, die Kinder haben. Vielleicht ist es auch die Pause, das Sabbatical, und die M. ist nur ein bißchen ehrlicher als andere. Vielleicht haben auch andere Leute ihr Leben satt, vielleicht langweilen sich alle Leute über 30 in ihren festgefügten, ordentlichen Existenzen. Vielleicht wachen alle Leute morgens auf wie ich nach manchen Nächten, und fühlen sich leer, weil alle Anfänge längst verbraucht sind, und nichts Neues mehr kommt, was sich nicht anfühlt wie etwas längst Bekanntes. Vielleicht bekommen die Anderen vor lauter Angst vor den ewigen Wiederholungen und der Langeweile Kinder, und dann sehen die Kinder doch nur wieder aus wie die jungen Männer von der FDP.

Donnerstag, 21. Mai 2009

Journal :: 20.05.

Durch den Abend streifen, im Liebling ein Glas Sekt trinken, im Lass uns Freunde bleiben ein Glas Weißwein, kreuz und quer die Straßen entlang zu laufen, die alle voll sind, so voll, als sei in den Häusern niemand, und die hellen Fenster nichts als Lüge.

Niemals nach Hause zu gehen, stelle ich mir vor, immer weiter zu spazieren durch die Nacht, und dann doch - auf einmal müde von den vielen Stunden am Schreibtisch - aufstehen, heim, im Bett zu liegen, noch ein bißchen zu tippen, und zu spüren, wie die Welt sich verlangsamt, die Fäuste sich öffnen, und die Welt für einen Moment, einen Abend vielleicht, stehen bleibt wie ein Läufer irgendwo entlang des Weges.

Dienstag, 19. Mai 2009

Journal :: 19.05.

Die rechte Fahrbahn ist gesperrt, und das Gate schließt in zehn Minuten. Nervös kralle ich meine Fingernägel in die Nackenstütze vor mir. Fahren sie schneller, denke ich erst, dann sage ich es auch, und weil ich wirklich sehr verzweifelt bin, gibt der Taxifahrer tatsächlich Gas. Erst über einen Supermarktplatz, dann über eine Tankstelle. Schließlich über ein Stück Baustelle, ein paar Meter Fahrradweg, und dann geht es wieder voran. Zwanzig Euro werfe ich nach vorn, hasche nach der Quittung und checke in letzter, wirklich allerletzter Minute ein. Es ist morgens, kurz vor zehn. Noch einmal gut gegangen.

Auf dem Rückweg abends um acht ist es dann gemütlich. Langsam schaukelt der Wagen von Tegel in den Prenzlberg, ab und zu fallen mir die Augen vor, und als ich vorm Pappa e Ciccia stehe, zähle ich in aller Ruhe Geld ab, wünsche noch einen schönen Abend und lasse mich auf die Holzbank des Restaurants fallen. Spaghetti Vongole, bestelle ich. Einen Wein. Zur Feier des Tages gibt es eine Crème Caramel.

Um halb elf sitze ich wieder am Schreibtisch.

Journal :: 18.05.

Neun Kilo habe ich seit Weihnachten abgenommen, behauptet die Waage. Leider sieht man nichts. Oder nur ganz wenig. Frisch geduscht stehe ich vor dem Spiegel, kneife mir in die Seiten, beuge mich vor und zurück und frage mich, was man eigentlich machen muss, um so auszusehen, wie man aussehen will, oder ob das gar nicht geht. Irgendwie habe ich am Bauch immer noch mehr Speck als Muskeln.

"Findet ihr, ich mache mir zu viel Gedanken um mein Aussehen?", frage ich die Lieblingskollegen mittags beim Sushi. Aber nein, sagen beide brav im Chor. Es hört sich irgendwie verdächtig an. Ob eine weitere Gewichtsabnahme empfehlenswert sei, frage ich daher nicht. Als ich nach Hause komme, schaue ich bei Google nach, was man eigentlich idealerweise wiegt, wenn man so groß ist wie ich. Leider ist das Internet bei den wirklich ernsthaften Fragen des Lebens auch diesmal keine große Hilfe.

Nach sechs soll man nichts mehr essen, habe ich gehört. Andere Stimmen dagegen behaupten, die Uhrzeit sei egal. Weil ich eh nie vor neun zu Hause bin, beschließe ich, die zweite Ansicht sei zutreffend, richte Salat mit Huhn an, backe eine Brezel auf, und sollte zu Bett gehen, als ich doch noch - nur für eine halbe Stunde, sage ich mir - ins Lass uns Freunde bleiben gehe, mit dem J. und dem M.2 erst eine Weinschorle und dann einen Sekt trinke, über Politik und Cabrios lache und schließlich zu spät zu Hause bin, wie immer.

Es ist zwanzig nach eins. Der Tag wird lang.



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