Samstag, 30. Mai 2009

Journal :: 30.05.

Vom ordnungspolitischen Gewissen lese ich in der Zeitung und muss ein bißchen lächeln. Wenn alles, was von den Ideen des 20. Jahrhunderts übrig geblieben ist, sich in einer Handvoll Schlagworte erschöpft, hinter denen sich gleich einer Kulisse aus Pappe nichts mehr verbirgt, was die Macht über das Ja und Nein besäße, ist es so arg schlimm nicht (beschwichtige ich mein unpolitisches Gewissen), nur einmal die Woche oder seltener Zeitung zu lesen, und Nachrichten auf anderen Kanälen so möglich aus dem Weg zu gehen. Mir ist das alles von Herzen gleich.

Ein unendlicher Vorteil, höre ich von manchen, sei die Entkleidung des Staates von leitenden Ideen. Pragmatismus sei es, was verlässlicher leite als das Korsett einer feststehenden Vorstellung, wie Staatlichkeit auszusehen habe und welchen Zwecken der Staat zu dienen bestimmt sei. Doch abseits aller leisen Zweifel, ob Pragmatismus nicht vielleicht doch eher der Frage der richtigen Mittel als des richtigen Zwecks zuzuordnen sei - denn wie soll pragmatisch über die Frage des Wünschenswerten entschieden werden - muss, wie ich annehme, die Ablösung des Staates von einander widerstreitenden, stets konkurrierenden Ideen Staatlichkeit selbst, und nicht nur das staatliche Handeln, verändern:

Ist, so stelle ich mir vor und lasse die Zeitung sinken, der Staat stets eine Einheit gewesen, die nicht identisch mit ihren Repräsentanten war, so wie der Körper des Königs nicht identisch war mit dem Königtum und seiner Macht, so muss es etwas geben, was den Kanzler unterscheidet von der Regierung, den Präsidenten vom Notariat dieses Staates. Solange jeder Politiker - wie unvollkommen auch immer - als Exponent einer Idee, des Konservatismus, der Sozialdemokratie wie auch immer, agiert, bezieht er seinen zweiten Körper aus der überzeitlichen Idee einer gerechten, guten, angemessenen, möglicherweise sogar heilsbringenden Herrschaft. Ruht der Repräsentant von Herrschaft aber nicht mehr auf einer Idee, die dies vermittelt, so bringt er in die Ministerien von Mitte, in all den Stein des Regierungsviertels an der Spree, nicht mehr mit als sich selbst: Zwei Arme, zwei Beine. Mit Glück ein wenig Verstand.

Der überzeitliche, der neuzeitlich-rational überprägt sakrale Corpus jedoch wird nicht ungestraft vergessen. Im Moment der Entscheidung zwischen gleich funktionalen, aber unterschiedlichen Alternativen liegt die Leerstelle frei. Wer kann, wird diese mit Persönlichkeit füllen. Individuelles Charisma jedoch überhöht nur den einen, den persönlichen, den fleischlichen Körper des Politikers, aber schafft keine von individuellen Faktoren unabhängige Idee, was der Staat sein könne und was er ist. Der ideale Exponent dieses Konzepts ist der Fürst der Renaissance, der Freibeuter des Staates.

Die starke Persönlichkeit jedoch ist unwählbar. Sie herrscht nicht von Gottes Gnaden, sondern aus der eigenen Stärke, Ausstrahlung, Gerissenheit und Intelligenz im Umgang mit den Beherrschten heraus. Stellt sie den Standard von Staatlichkeit dar, so wird ein Friedrich Ebert unwählbar, ein Martin Schulz (so heißt der Fraktionsvorsitzender Sozialdemokratischen Parteien im EP) zur lächerlichen Figur. Die starke Persönlichkeit zersetzt damit den demokratischen Glaubenssatz, jeder sei - guter Wille und Können vorausgesetzt - ein denkbarer Herrscher. Wie so etwas schiefgehen kann, beobachte ich - mit viel Vergnügen am Burlesken, wie ich zugeben muss - in Italien. Selbst wenn es gutgeht, wäre ein bißchen Sorge dabei, würde ich über derlei Dinge mehr nachdenken, als ich es tue, die ich nur alle paar Wochen Zeitung lese, wie heute, im Zug heim nach Berlin.

(Und jetzt gehe ich aus.)

Freitag, 29. Mai 2009

Journal :: 29.05.

Alle Schaufenster sind voller Chucks. Meine Chucks indes sind verschwunden, einfach und spurlos weg, und vergeblich frage ich mich, wie ein paar türkisblaue Schuhe sich einfach in Luft auflösen können. Sonderbarerweise ist offenbar genau das passiert.

Weil alle Schaufenster voller Chucks stehen, halte ich das aber für kein Problem. Ich gehe also ins nächste Geschäft, ich frage nach neuen Chucks - beige sollen sie sein, Größe 37 - und sehe die Verkäuferin fragend an. Sie nickt und geht nach hinten. Fünf Minuten später erhalte ich die Auskunft, die Schuhe seien aus. Verkauft, nie bestellt - jedenfalls: Nicht mehr da.

Ich gehe ins nächste Geschäft. Ich frage, die Verkäuferin nickt, alles wiederholt sich: Die Schuhe sind weg. - Bin ich in der DDR?, frage ich mich. Das großartige an der Marktwirtschaft ist doch, dass jeder Nachfrage auch ein Angebot gegenübersteht, aber es bleibt auch im dritten Geschäft dabei: Keine Chucks in beige. Keine Größe 37. Leicht belämmert ziehe ich ab. Vor lauter Frustration kaufe ich eine dieser neuen, taillierten Barbour-Jacken, die viel besser aussehen als die klassischen Jacken, von denen ich eine seit fast zehn Jahren trage, weil sie immer schöner wird mit jedem Jahr. Chucks aber sind hier nicht zu wollen.

Die Marktwirtschaft ist auch nicht mehr das, was sie mal war.

Journal :: 28.05.

Auf einem Sofa zu liegen, Erdbeeren zu essen, rot und prall und tropfend vor Saft. Sich wundern, dass die Natur etwas hervorbringt, was so perfekt ist wie das, sich die Lippen zu lecken, benetzt mit süßem Saft, und die Zunge in die Höhlung inmitten der Erdbeere zu drücken.

Die Erdbeerschüssel auf den Bauch zu stellen und die Bauchmuskeln anzuspannen und sich zu freuen, wie die Schüssel auf und nieder wippt. Eine ganz besonders große Beere auszusuchen, abzubeißen und wohlgefällig die halbe Frucht zwischen zwei Fingern zu drehen, anzuschauen und mit der Zunge zu zerdrücken, die Augen zu schließen und darüber nachzudenken, dass jede Beere nur Tage existiert von der Reife zum Verderben, und - wie alles, was es gibt - mit Liebe gegessen werden sollte, mit Aufmerksamkeit und Sorgfalt, wie heute auf dem Sofa und nur selten sonst.

Donnerstag, 28. Mai 2009

Journal :: 27.05.

Im EC aus Wien gibt es noch Sechserabteile. In den Abteilen gibt es Cordsitze, vor den Abteilen hängen Vorhänge, und im Abteil bin ich ganz allein. Vor mir hat jemand Bier getrunken und die Kronen-Zeitung gelesen, aber bis Hamburg stört niemand meine Ruhe.

Ein bißchen lese ich, ein bißchen singt Lotte Lehmann Richard Strauss, und vor den Fenstern sinkt die Sonne über der unfassbaren Leere hinter Berlin. Schnurgerade streben die Ackerfurchen grau vom Schienenstrang zum Horizont, in strenger Linie reihen sich die Ähren, und selbst die Bäume wirken zurückgenommen und hager. Der Boden staubt.

Wie es wäre, hier zu leben, male ich mir aus und stelle mir etwas Wortloses vor, schmallippig und hart. Was die Leute hier wohl abends machen, wovon sie träumen, was sie sich erhoffen, und ob sie finden, wonach sie suchen, frage ich mich. Man weiß am Ende gar nichts von anderen Menschen, stelle ich fest, und niemand sagt einem, wie es ist, hier groß zu werden, nicht fortzugehen und später hier - was? - zu werden. Was die Menschen, überlege ich weiter, hier hält. Was sie denken über Leute wie mich und meine Freunde. Ob man hier etwas verpasst, was wir finden in den großen Städten, und auch: Was man findet, im Nichts um Berlin, in den Furchen der Äcker und am Rande der stillen Alleen, wovon ich nichts weiß und nichts wissen werde und vielleicht: Nichts wissen kann.

Dienstag, 26. Mai 2009

Journal :: 26.05.

Die Straßen sind noch naß, als ich das Büro verlasse. Es ist wärmer, als ich angenommen habe in meinem klimatisierten Büro. Die Luft ist reingewaschen vom Regen, und die Stadt schimmert vor Feuchtigkeit und Frische.

Wie ein Abend am Meer fühlt Berlin sich an, als ich fahre. Windig und weich streicht mir die Luft um die Beine, und die Flusen der Pappeln sind endlich verschwunden. Erleichtert um den Druck des schwül-warmen Morgens lächeln die Radfahrer einander zu an den Ampeln, und der Sommer breitet weit die Arme aus, als sei es abgemachte Sache, dass nach Donner und Blitz, nach Mühen und den Wirren langer Tage ein Fest auf mich wartet, Fontänen und Feuerwerk, und die Blüten der Bäume sich öffnen, voll von Honig, von Duft und saftigen Früchten im Herbst.

Montag, 25. Mai 2009

Journal :: 25.05.

Heute nacht gibt es Milch. Die Milch entspringt einer Quelle, die sich in meiner Wohnung befindet und äußerst ergiebig zu sein scheint. In dickem Strom fließt die Milch in alle Räume, ich freue mich ganz über die Maßen, tauche meine Finger in die schneeweiße, schäumende, duftende Flüssigkeit und lecke jeden einzelnen Finger ab. Die Milch schmeckt süß und cremig.

Über die Schwellen meiner Wohnung strömt die Milch, ergießt sich über den roten Sisal der Treppe, füllt das Treppenhaus hüfthoch an, und halb rutschend, halb schwimmend, gerate ich auf der Milch erst an die Haustür und dann auf die Straße, die erst nur feucht, dann nass und dann über und über überschwemmt wird mit der Milch, die Strudel bildet, spritzt, Wogen brechen sich an den Fassaden der Häuser, und kleine Kinder, Hunde und Erwachsene in Kleidern und Anzügen stürzen sich jubelnd in die Flut.

Bis zur Brust versunken reißen die Menschen sich die Kleidung vom Leib, die - schwarz auf der weißen Oberfläche - erst ein wenig treidelt, dann schwer wird und versinkt. Fremde Menschen reiben sich gegenseitig mit der Milch ein, formen die Hände zu Schalen und füttern einander. Die Sonne wird wärmer und wärmer, der Geruch der Milch wird immer intensiver, und als ich so glücklich bin vor lauter Milch, dass ich denke, mehr gehe nimmer auf Erden, wache ich auf. Es ist 8.25, und die Milch ist verschwunden.



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