Freitag, 4. Dezember 2009

Die große Höhle (03.12.2009)

Dass ich heut' nacht in der großen Höhle war, und keiner war dort außer mir. Dass es feucht von den Decken hing, und die Wände pulsierten schwarz und verkrustet von all ihren Opfern.

Dass es irgendetwas mit einem Bus zu tun hatte, dass ich dort war. Wieso keiner mir zur Hilfe kam, und nicht einmal mein Handy hatte Empfang. In meiner Tasche hatte ich zwei krümelige Kekse. Nur zu meinen Füßen bewegte sich etwas Pelziges, Kleines, vielleicht meine Katze oder ein anderes freundliches Tier.

Dass ich kurz an Flucht dachte und den Gedanken verwarf. Dass ich ins Innere lief, wo ein Strom breit nach Süden floss, dem ich folgte. Dass es hell wurde am Ausgang.

Dass ich lief und lief, aber der Schein wurde nicht heller. Ganz vergeblich rannte ich über spitze Steine, vorbei an einer ausgebrannten Telephonzelle und einem toten Pferd. Dass die Glocken läuteten irgendwann, gellend, ach: greller als alles, und der Fluß anstieg, wallte wie kochendes Öl und höher kroch, höher: Bestimmt bis zu mir.

Mittwoch, 2. Dezember 2009

35 (01.12.2009)

Die M. wird 35. Es gibt Pizza und Sekt, und das überraschte Geburtstagskind sitzt inmitten der Freunde, die ihr Freund am Vortag per Mail zusammengerufen hat.

Gut sieht sie aus, finde ich, gut auch die anderen Freunde, die teils aus dem Büro gekommen sind und teils von zu Hause. Wir haben uns nicht sehr verändert in den letzten sieben, acht Jahren, glaube ich und schaue in die Gesichter rund um den Tisch.

"Was hast du vor im nächsten Jahr?", frage ich irgendwann und schenke mir ab und zu Sekt nach und esse Torte. "Nichts.", sagt die M. und fügt hinzu, dass es kaum mehr etwas gebe, was sie hoffe und erwarte, und ich bin ein wenig erschrocken.

Aber vielleicht hat sie recht: Zwischen zwanzig und dreißig passiert unglaublich viel, wenn das, was man machen wird und wie man lebt, sich langsam und mühevoll herauskristallisiert. Noch viel mehr verändert in den zehn Jahren davor, wenn man aus einem weichen, noch fast ungeformten Kind man selber wird, mit dem man leben muss den Rest seiner Jahre. Ab 30 ist dann vielleicht nicht mehr arg viel los.

Vielleicht läuft alles reibungslos weiter. Ein wenig Karriere wird man jetzt noch machen. Vielleicht bekommt die eine oder andere ein Kind. Aber jemand anders wird keiner von uns mehr werden, es sei denn, es läuft etwas schief. Nur noch Variationen wird es geben der Möglichkeiten seiner selbst, und Überraschungen, Überraschungen bieten die Jahre, die kommen, wohl nicht mehr arg viele, und was bleibt ist Verfall am Ende und ein wenig Langeweile zuvor.

Dienstag, 1. Dezember 2009

Für morgen (30.11.2009)

Aber wenn ich sechs wäre, und nicht 34, bliebe ich morgen einfach daheim. Wenn man mich weckt, würde ich nur blinzeln und tun, als sei ich krank, und wenn ich Haferflocken essen soll, schüttele ich den Kopf. Dann schließe ich die Augen und schlafe wieder ein.

Nicht so krank will ich wirken, dass meine Mutter zu Hause bleibt und mich mit kalten Tüchern einwickelt und Tees kocht, die nach Schweiß schmecken und nach nassem Hund. Meine Mutter soll ruhig ins Büro, und Frau F. soll kommen. Frau F. ist sehr alt und legt sich gleich auf das Sofa und schläft. Frau F. schnarcht lauter als ein Bär.

Vor meinem Bett schläft der Hund. Ab und zu wälzt er sich träge hin und her, schnappt nach Hasen und Vögeln und lauter Tieren, die es nicht gibt, und vielleicht lasse ich ihn sogar in mein Bett. Da liegen wir dann und lesen ein Buch nach dem anderen aus der Bücherei. Jede Woche holen wir mehr. Jede Woche eine ganze, volle Tasche.

Wenn Frau F. sehr tief schläft, schleiche ich in die Küche. Auf den Zehenspitzen kann ich gerade den Kühlschrank öffnen. Bis zum Käse brauche ich noch einen Stuhl. Ein ordentliches Stück vom Emmentaler schneide ich ab, fahre zweimal mit dem Löffel in die Marmelade, und vielleicht lange ich nach Aprikosen oder Kirschen im Glas. Dann lege ich mich wieder hin.

Vielleicht höre ich Schallplatten. Dem Bär Jacob ziehe ich seine Sachen an und aus. Dem Hund erzähle ich Geschichten. Langsam wandert die Sonne müde und kraftlos über den Himmel, am Badezimmer vorbei und hängt schlapp im entblätterten Nussbaum. Weiter gen Westen treibt der Wind die bleigrauen Wolken, und auf dem Fensterbrett sitzen die Spatzen und frieren.

Aus dem Bett meiner Schwester hole ich mir eine weitere Decke. Träumen würde ich von einem eigenen Pferd. Einfach weiterschlafen würde ich, wenn meine Mutter käme, so gegen vier, und blinzeln würde ich nur, legte sie mir die Hand auf die Stirn: Leicht und kühl und kein bißchen beschwerend.

Montag, 30. November 2009

Michael Jackson (28.11.2009)

Der Spätkauf führt alles. Wer ein knallrotes Sparschwein haben will, ist hier ebenso am Ziel wie derjenige, den es nur nach drei Flaschen Sternburger und einer Schachtel L&M gelüstet, und wer Grünkohl mit Wurst der Marke Kohlkönig kaufen will, ist hier gleichfalls goldrichtig. Entsprechend ist der Laden, richtig, richtig voll: Vor dem Tresen hängen Regale, auf den Regalen stehen runde Dosen voller Haribo und Schokoriegel, Klebebildchen in einer halbgefüllten Pappschachtel und mindestens zehn verschiedene Kaugummisorten. Auf dem Tisch liegen Zeitungen und noch mehr Süßes, und hinter dem Tresen steht der Verkäufer, der eigentlich ein bißchen zu jung ist, um Inhaber des Spätkaufs zu sein, aber genau weiß man das nicht. Ich schätze ihn auf 25.

"Eine Schachtel Pepe light und ein Feuerzeug!", brülle ich gegen das Radio an, das auf einem kleinen Wandregal hinter dem Verkäufer hängt und quietscht, keckert und scheppert. Unsere Zigaretten sind im Habermeyer um die Ecke irgendwie verschwunden.

Der Verkäufer dreht sich zweimal um die eigene Achse, bevor er hinter sich greift. Jeder Berliner Spätkauf führt mindestens sechzig Sorten Zigaretten, Pepe gehört nicht zu den am häufigsten verlangten, und so sucht der Verkäufer erst einmal ein bißchen zwischen all den anderen bunten Schachteln. "Zweite von unten, rechts.", helfe ich nach.

Im Radio hört Duran Duran gerade auf zu spielen, und für eine Sekunde vielleicht ist es still. Dann aber jodelt wieder ein Moderator wie die Leute, die auf der Kirmes Karusselle betreiben. Michael Jackson werde singen, verheißt der Moderator und dreht die Stimme hoch, höher, am höchsten. Michael Jackson singt Billy Jean.

"Magst du Michael Jackson?", dreht sich der Verkäufer zu mir um. "Ja.", sage ich. Wer mag Michael Jackson nicht, hätte ich hinzufügen können, aber ich bleibe still und warte auf meine Zigaretten. Der Verkäufer hat es schon in der Hand.

Der Verkäufer aber macht keine Anstalten, mir das Päckchen zu geben. Statt dessen schlingt er die Arme melodramatisch um den Leib und beginnt zu tanzen. "Ich tanze wie Michael Jackson!", behauptet der Verkäufer und hat gar nicht mal so unrecht. "Du tanzt total gut.", lobe ich den Mann und sehe ihm halb ungeduldig, halb amüsiert bei erstaunlich elastischen Verrenkungen auf dem halben Meter zwischen Tresen und Zigarettenregal zu.

Billy Jean sei nicht sein Lover, proklamiert der jüngst verstorbene Sänger, und der Verkäufer reißt an geeigneter Stelle die Arme hoch und singt mit. Michael Jackson, vernehme ich, sei eigentlich Muslim gewesen, tanzt der Verkäufer immer weiter. Zwischendurch wirft er mir die Zigaretten auf den Tisch, aber weil er keine Anstalten macht, zu kassieren, stehe ich immer noch im dem winzigen Friedrichshainer Spätkauf und komme mir reichlich dumm vor. Ab und zu gehen Leute draußen vorbei und schauen fasziniert in das Innere des Geschäfts.

Als der Verkäufer aufhört zu tanzen, ist er ein ganz klein wenig außer Atem. € 4,25 bekomme er, hält er mir die Hand entgegen. Schlanke Hände hat er, fällt mir auf, sehr feinnervig und grazil.

"Ich könnte im Fernsehen auftreten.", behauptet der Verkäufer ganz unbescheiden. Er werde das aber nicht tun, fährt er fort, denn für sogenannte Talentshows sei er sich zu schade, und ansonsten habe man in den Medien als Mann keine Chance. "Oha.", sage ich, weil mir nichts Besseres einfällt. Für einen Moment sagen wir beide nichts.

"Du kannst drei Cola-Flaschen für zehn Cent kaufen.", deutet der Verkäufer auf die Haribo-Packungen, und ich nicke. Zwei Fruchtgummiherzen bekomme ich gratis oben drauf und wende mich zur Tür.

"Light my fire!", singt der Verkäufer mit dem Radio weiter, als ich gehe, und von der anderen Straßenseite aus sehe ich den Mann auf dem einen Quadratmeter hinter dem Tresen rhythmisch hin und her laufen, immer einen Schritt nach vorn und einen nach hinten, und die Faust hält er hoch direkt neben die gelbe, staubige Lampe.

Dienstag, 24. November 2009

Wie man jemand anders wird (24.11.2009)

Nehmen wir beispielsweise meine Freundin C. Die C. ist sehr klug, sehr schnell, sehr charmant, wenn sie möchte, und zu alledem sieht sie auch noch gut aus. Meine Freundin C. ist ziemlich super. Derzeit wohnt sie in Brüssel, arbeitet wie ein Pferd 15 Stunden am Tag, aber ob und was sie davon haben wird, ist noch völlig offen. Die C. lebt nicht schlecht, aber verdient jeden Euro, den sie ausgibt, selbst.

Auf der anderen Seite der Anstrengungsskala sitzt meine Freundin A. in einem sehr bequemen Feuteuil. Morgen früh wird sie ungefähr drei Stunden länger schlafen als die C., dann wird sie frühstücken, und während die Putzfrau kommt, geht sie spazieren. Oder nein, morgen ist Mittwoch. Am Mittwoch hat die A. Gesangstunden. Das alles finanziert ihr Mann. Weil die A. ihn sonst nicht geheiratet hätte, gibt es keinen Ehevertrag.

Natürlich ist das alles von schreiender Ungerechtigkeit. Die C. ist nicht nur viel klüger als die A., sie sieht auch noch besser aus (finde ich), und doch ist keineswegs absehbar, dass sich die Verhältnisse eines Tages verkehren. Ganz im Gegenteil: Es spricht Einiges dafür, dass der Schreibtisch der C. sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiter füllen wird. Dabei werden die Belange, um die es geht, vermutlich immer wichtiger. Die A. aber wird während dessen zu Hause herumsitzen und das Haus einrichten, einkaufen, sich mit Freundinnen im Café treffen, und ansonsten tut sie vermutlich auch künftig wenig. Befragt, ob sie sich nicht langweilt, antwortet sie wohl auch künftig mit einem erstaunten "nein".

Mir persönlich gefällt das Lebensmodell der A. eigentlich ganz gut. Ich würde sehr gern morgen ausschlafen. Ich sitze auch gern im Café. Gleichwohl arbeite ich ähnlich viel wie die C., und bin vor einer halben Stunde nicht aus einer Bar, sondern aus dem Büro gekommen. Die Frage, die sich mir nun stellt, ist angesichts dessen vermutlich rein rhetorisch, aber nicht weniger drängend: Wie wird man jemand anders? Und wenn dies - erwartungsgemäß - nicht möglich sein sollte: Auf welchen Umstand geht es zurück, dass die Umstände aussehen, wie sie aussehen, und ist da wirklich nichts zu machen?

Um über diese Fragen ernsthaft nachzudenken, habe ich aber keine Zeit.



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