Samstag, 5. Dezember 2009

München (05.12.2009)

10.00 Uhr

Ganz kurz spiele ich mit dem Gedanken, einfach den ganzen Tag in meinem sogenannten Alpenzimmer (einer Art Laura-Ashley-Imitat im Chalet-Stil, überraschend geschmackvoll ausgefallen) im Bett zu bleiben. Wie es die Hotels bewerkstelligen, diese komplette Reinheit raschelnd weißer Bettwäsche zu schaffen, frage ich mich und taste nach meiner Brille, die ich brauche, weil ich sonst auf dem Weg zu meinen Kontaktlinsen verunglücke oder etwas zerstöre.

Weil ich nichts zu lesen habe, verwerfe ich den Gedanken an einen Tag im Bett dann doch und stelle mich nackt vor den Spiegel. Die Frauenzeitschrift Brigitte, habe ich gehört, werde künftig keine Models mehr ablichten, aber selbst diese Anhängerinnen normal dicker Frauen würden mich - würde ich dort vorstellig - vermutlich nach kurzer Ansicht heimschicken: Meine Körpermitte wirkt irgendwie breiig. Meine Körperspannung tendiert in den negativen Bereich. Mein Rücken tut weh.

An sich bin ich noch von gestern abend komplett gesättigt. Wirklich sehr schlanke Personen würden nun auch eingedenk des unerfreulichen Anblicks des eigenen Körpers auf dem Weg zum Bad einfach nichts essen, aber ich schleppe mich ungeduscht ins Erdgeschoss, lese in der Süddeutschen etwas über den Untergang der Welt wegen schlechten Wetters und stopfe mir zwei Weißwürste, eine Brezel, Rührei und Tee in den ohnehin vollen Magen.

Dann lege ich mich wieder ins Bett.

12.00 Uhr


Mein Nacken ist neunzig. Den ganzen Tag drücke und presse ich an meinen Halswirbeln herum und versuche, den archimedischen Punkt meiner Rückenmuskulatur zu finden, an dem selbiger aus den Angeln gehoben werden kann, um sich fortan wieder normal anzufühlen. Leider suche ich völlig vergeblich. Als ich vor den Spiegeln in der ersten, zweiten, dritten Boutique stehe, sehe ich mich eigentlich mangels Bewegungsfähigkeit nur frontal von vorn.

Auch eine Massage wirkt sich nur kurzzeitig wohltuend aus. Es fühlt sich gut an, das schon, man sollte viel öfter massiert werden, aber das merkwürdige Gefühl völliger Versteifung lässt nur für etwa eine halbe Stunde nach. "Sie sind verspannt.", teilt mir die Physiotherapeutin mit, eine kleine, lebhafte Ungarin, und zieht kräftig an meinem Rücken und meinen Wirbeln. Das Mädchen wiegt maximal 50 Kilo, schätze ich und frage mich, was sie eigentlich über Leute denkt, die so teigig wirken wie ich. Kein Wunder, dass mich keiner umsonst massiert, ziehe ich den Bauch ein, aber das nützt natürlich gar nichts.

14.00 Uhr

Rund um mich herum sind alle Frauen blond, sogar die M. ist erblondet. Gelangweilte Männer sitzen auf niedrigen Hockern und warten auf ihre Freundinnen, die in immer neuen Kleidern aus den Kabinen kommen, sich drehen, in den Spiegel schauen und dann in die Kabine zurückkehren. Die meisten sind fabelhaft schlank.

"Ist der okay oder brauche ich den größer?", frage ich eine der ebenfalls blonden Verkäuferinnen, die zur 38 rät. Tatsächlich geht es eine Größe größer besser, und mit einem Kleid, einem Pullover und einem Shirt verlasse ich das Geschäft. 5 Kg, schätze ich, müsste ich abnehmen, um akzeptabel schlank zu werden, aber das mache ich nächstes Jahr. Die M. will auch abnehmen, sagt sie, und wir verabreden eine München-Berlin-Diät mit montagmorgendlichem Contest.

16.00 Uhr

Ich trinke heiße Schokolade. Ich glaube, der Laden heißt Vianne und erinnert ein bißchen an das kakao am Helmholtzplatz, das ich mochte und das nicht mehr da ist, leider. Die heiße Schokolade im Mokkatässchen mit Orange und die halbe, kandierte Orangescheibe dazu, erinnere ich mich mit einem Löffel Wehmut und blättere ein wenig zerstreut in Marguerite Duras Liebhaber, den ich aus irgendwelchen Gründen nie gelesen habe.

Hier gibt es Schokolade und Milch getrennt mit einem Mini-Schneebesen zum Selberrühren, angenehme Musik im Stil der Dreißiger und ich werde etwas müde. Ich würde gern ein paars Stunden einfach auf einem Sofa liegen und mir etwas erzählen lassen und dabei vielleicht eine Katze kraulen, die leise schnurrt.

18.30 Uhr

Eigentlich bin ich schon hungrig. Neidisch schaue ich meinem Begleiter auf das Haloumi und den anderen Leuten im Café Puck auf das gebratene Fleisch. Demnächst gibt es etwas, sage ich mir und trinke heiße Zitrone.

Träge fließt der Abend durch den langgestreckten Raum, ich höre zu, antworte, beobachte meinen Begleiter, der seine Worte ab und zu mit den Hände unterstreicht. Nett ist es hier, überlege ich mir und schaue mich um. In Städten bin ich immer daheim, da geht es immer, egal wo, nur am Land fühle ich mich stets fremd, wie ein Alien, im besten Fall wie ein Besucher im Zoo.

20.00 Uhr

Sie sitzt schon an der Bar. Sie ist schlank geworden, so schlank, dass ich sie fast nicht erkenne, aber lacht dann doch wie in Berlin und ist so klug und schnell und witzig, wie Leute sind, die ich mag. Den Laden mag ich auch, der Schmock heißt, in der Augustenburger Straße, und der gut und etwas zu reichlich kocht.

Die Maronensuppe mit Jacobsmuschel ist sehr kompakt, an sich eine ganze Mahlzeit, und mir fällt die Maronensuppe in Wien vor zwei Jahren ein, die ein Weihnachtsmenu eröffnen sollte, und danach hätte ich eigentlich aufhören können zu essen. Statt dessen erschien der Kellner mit einer Scheibe Gänsestopfleber, die wiederum zur Speisung eines Hungrigen auch ganz allein gereicht hätte.

Hier erscheint ein Kalbfilet, butterweich, rosa und mit einer sehr schaumigen, zartweißen Emulsion. Wir trinken einen schweren, sehr dichten israelischen Cabernet Sauvignon und ich erzähle von der Weinprobe in Israel auf einem Weingut das Carmelwein oder so hieß, zu der mein Vater mich mitnehmen musste, weil meine Mutter krank war, und ich war elf und saß drei geschlagene Stunden traubensafttrinkend zwischen meinen Onkeln und langweilte mich so vor mich hin.

Nach dem Kalb bin ich unglaublich satt. Ein Dessert kann ich unmöglich essen. Noch vor drei Jahre hätte ich die Nachspeise trotzdem einfach bestellt, aber zu den Nachteilen des Alters gehört offenbar auch eine Art natürlicher Mäßigkeit, die noch viel Langeweile verursachen wird in den nächsten fünfzig Jahren. Immerhin geht es mir gut: Ich lache fürchterlich viel, rauche vor der Tür und laufe schließlich zu Fuß zurück zum Hotel.

Es ist nicht spät, aber ich bin müde.

Freitag, 4. Dezember 2009

Die große Höhle (03.12.2009)

Dass ich heut' nacht in der großen Höhle war, und keiner war dort außer mir. Dass es feucht von den Decken hing, und die Wände pulsierten schwarz und verkrustet von all ihren Opfern.

Dass es irgendetwas mit einem Bus zu tun hatte, dass ich dort war. Wieso keiner mir zur Hilfe kam, und nicht einmal mein Handy hatte Empfang. In meiner Tasche hatte ich zwei krümelige Kekse. Nur zu meinen Füßen bewegte sich etwas Pelziges, Kleines, vielleicht meine Katze oder ein anderes freundliches Tier.

Dass ich kurz an Flucht dachte und den Gedanken verwarf. Dass ich ins Innere lief, wo ein Strom breit nach Süden floss, dem ich folgte. Dass es hell wurde am Ausgang.

Dass ich lief und lief, aber der Schein wurde nicht heller. Ganz vergeblich rannte ich über spitze Steine, vorbei an einer ausgebrannten Telephonzelle und einem toten Pferd. Dass die Glocken läuteten irgendwann, gellend, ach: greller als alles, und der Fluß anstieg, wallte wie kochendes Öl und höher kroch, höher: Bestimmt bis zu mir.

Mittwoch, 2. Dezember 2009

35 (01.12.2009)

Die M. wird 35. Es gibt Pizza und Sekt, und das überraschte Geburtstagskind sitzt inmitten der Freunde, die ihr Freund am Vortag per Mail zusammengerufen hat.

Gut sieht sie aus, finde ich, gut auch die anderen Freunde, die teils aus dem Büro gekommen sind und teils von zu Hause. Wir haben uns nicht sehr verändert in den letzten sieben, acht Jahren, glaube ich und schaue in die Gesichter rund um den Tisch.

"Was hast du vor im nächsten Jahr?", frage ich irgendwann und schenke mir ab und zu Sekt nach und esse Torte. "Nichts.", sagt die M. und fügt hinzu, dass es kaum mehr etwas gebe, was sie hoffe und erwarte, und ich bin ein wenig erschrocken.

Aber vielleicht hat sie recht: Zwischen zwanzig und dreißig passiert unglaublich viel, wenn das, was man machen wird und wie man lebt, sich langsam und mühevoll herauskristallisiert. Noch viel mehr verändert in den zehn Jahren davor, wenn man aus einem weichen, noch fast ungeformten Kind man selber wird, mit dem man leben muss den Rest seiner Jahre. Ab 30 ist dann vielleicht nicht mehr arg viel los.

Vielleicht läuft alles reibungslos weiter. Ein wenig Karriere wird man jetzt noch machen. Vielleicht bekommt die eine oder andere ein Kind. Aber jemand anders wird keiner von uns mehr werden, es sei denn, es läuft etwas schief. Nur noch Variationen wird es geben der Möglichkeiten seiner selbst, und Überraschungen, Überraschungen bieten die Jahre, die kommen, wohl nicht mehr arg viele, und was bleibt ist Verfall am Ende und ein wenig Langeweile zuvor.

Dienstag, 1. Dezember 2009

Für morgen (30.11.2009)

Aber wenn ich sechs wäre, und nicht 34, bliebe ich morgen einfach daheim. Wenn man mich weckt, würde ich nur blinzeln und tun, als sei ich krank, und wenn ich Haferflocken essen soll, schüttele ich den Kopf. Dann schließe ich die Augen und schlafe wieder ein.

Nicht so krank will ich wirken, dass meine Mutter zu Hause bleibt und mich mit kalten Tüchern einwickelt und Tees kocht, die nach Schweiß schmecken und nach nassem Hund. Meine Mutter soll ruhig ins Büro, und Frau F. soll kommen. Frau F. ist sehr alt und legt sich gleich auf das Sofa und schläft. Frau F. schnarcht lauter als ein Bär.

Vor meinem Bett schläft der Hund. Ab und zu wälzt er sich träge hin und her, schnappt nach Hasen und Vögeln und lauter Tieren, die es nicht gibt, und vielleicht lasse ich ihn sogar in mein Bett. Da liegen wir dann und lesen ein Buch nach dem anderen aus der Bücherei. Jede Woche holen wir mehr. Jede Woche eine ganze, volle Tasche.

Wenn Frau F. sehr tief schläft, schleiche ich in die Küche. Auf den Zehenspitzen kann ich gerade den Kühlschrank öffnen. Bis zum Käse brauche ich noch einen Stuhl. Ein ordentliches Stück vom Emmentaler schneide ich ab, fahre zweimal mit dem Löffel in die Marmelade, und vielleicht lange ich nach Aprikosen oder Kirschen im Glas. Dann lege ich mich wieder hin.

Vielleicht höre ich Schallplatten. Dem Bär Jacob ziehe ich seine Sachen an und aus. Dem Hund erzähle ich Geschichten. Langsam wandert die Sonne müde und kraftlos über den Himmel, am Badezimmer vorbei und hängt schlapp im entblätterten Nussbaum. Weiter gen Westen treibt der Wind die bleigrauen Wolken, und auf dem Fensterbrett sitzen die Spatzen und frieren.

Aus dem Bett meiner Schwester hole ich mir eine weitere Decke. Träumen würde ich von einem eigenen Pferd. Einfach weiterschlafen würde ich, wenn meine Mutter käme, so gegen vier, und blinzeln würde ich nur, legte sie mir die Hand auf die Stirn: Leicht und kühl und kein bißchen beschwerend.

Montag, 30. November 2009

Michael Jackson (28.11.2009)

Der Spätkauf führt alles. Wer ein knallrotes Sparschwein haben will, ist hier ebenso am Ziel wie derjenige, den es nur nach drei Flaschen Sternburger und einer Schachtel L&M gelüstet, und wer Grünkohl mit Wurst der Marke Kohlkönig kaufen will, ist hier gleichfalls goldrichtig. Entsprechend ist der Laden, richtig, richtig voll: Vor dem Tresen hängen Regale, auf den Regalen stehen runde Dosen voller Haribo und Schokoriegel, Klebebildchen in einer halbgefüllten Pappschachtel und mindestens zehn verschiedene Kaugummisorten. Auf dem Tisch liegen Zeitungen und noch mehr Süßes, und hinter dem Tresen steht der Verkäufer, der eigentlich ein bißchen zu jung ist, um Inhaber des Spätkaufs zu sein, aber genau weiß man das nicht. Ich schätze ihn auf 25.

"Eine Schachtel Pepe light und ein Feuerzeug!", brülle ich gegen das Radio an, das auf einem kleinen Wandregal hinter dem Verkäufer hängt und quietscht, keckert und scheppert. Unsere Zigaretten sind im Habermeyer um die Ecke irgendwie verschwunden.

Der Verkäufer dreht sich zweimal um die eigene Achse, bevor er hinter sich greift. Jeder Berliner Spätkauf führt mindestens sechzig Sorten Zigaretten, Pepe gehört nicht zu den am häufigsten verlangten, und so sucht der Verkäufer erst einmal ein bißchen zwischen all den anderen bunten Schachteln. "Zweite von unten, rechts.", helfe ich nach.

Im Radio hört Duran Duran gerade auf zu spielen, und für eine Sekunde vielleicht ist es still. Dann aber jodelt wieder ein Moderator wie die Leute, die auf der Kirmes Karusselle betreiben. Michael Jackson werde singen, verheißt der Moderator und dreht die Stimme hoch, höher, am höchsten. Michael Jackson singt Billy Jean.

"Magst du Michael Jackson?", dreht sich der Verkäufer zu mir um. "Ja.", sage ich. Wer mag Michael Jackson nicht, hätte ich hinzufügen können, aber ich bleibe still und warte auf meine Zigaretten. Der Verkäufer hat es schon in der Hand.

Der Verkäufer aber macht keine Anstalten, mir das Päckchen zu geben. Statt dessen schlingt er die Arme melodramatisch um den Leib und beginnt zu tanzen. "Ich tanze wie Michael Jackson!", behauptet der Verkäufer und hat gar nicht mal so unrecht. "Du tanzt total gut.", lobe ich den Mann und sehe ihm halb ungeduldig, halb amüsiert bei erstaunlich elastischen Verrenkungen auf dem halben Meter zwischen Tresen und Zigarettenregal zu.

Billy Jean sei nicht sein Lover, proklamiert der jüngst verstorbene Sänger, und der Verkäufer reißt an geeigneter Stelle die Arme hoch und singt mit. Michael Jackson, vernehme ich, sei eigentlich Muslim gewesen, tanzt der Verkäufer immer weiter. Zwischendurch wirft er mir die Zigaretten auf den Tisch, aber weil er keine Anstalten macht, zu kassieren, stehe ich immer noch im dem winzigen Friedrichshainer Spätkauf und komme mir reichlich dumm vor. Ab und zu gehen Leute draußen vorbei und schauen fasziniert in das Innere des Geschäfts.

Als der Verkäufer aufhört zu tanzen, ist er ein ganz klein wenig außer Atem. € 4,25 bekomme er, hält er mir die Hand entgegen. Schlanke Hände hat er, fällt mir auf, sehr feinnervig und grazil.

"Ich könnte im Fernsehen auftreten.", behauptet der Verkäufer ganz unbescheiden. Er werde das aber nicht tun, fährt er fort, denn für sogenannte Talentshows sei er sich zu schade, und ansonsten habe man in den Medien als Mann keine Chance. "Oha.", sage ich, weil mir nichts Besseres einfällt. Für einen Moment sagen wir beide nichts.

"Du kannst drei Cola-Flaschen für zehn Cent kaufen.", deutet der Verkäufer auf die Haribo-Packungen, und ich nicke. Zwei Fruchtgummiherzen bekomme ich gratis oben drauf und wende mich zur Tür.

"Light my fire!", singt der Verkäufer mit dem Radio weiter, als ich gehe, und von der anderen Straßenseite aus sehe ich den Mann auf dem einen Quadratmeter hinter dem Tresen rhythmisch hin und her laufen, immer einen Schritt nach vorn und einen nach hinten, und die Faust hält er hoch direkt neben die gelbe, staubige Lampe.



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