Sonntag, 13. Dezember 2009

Der Dunst von Indochina

Diese Ungeheuerlichkeit, ein Land nicht einfach zu kaufen, sondern sich zu nehmen, gleichsam aufzuessen und als eigenes Fleisch am eigenen Körper zu tragen. Kleine Beamte aus der Provinz zu Herrschern zu machen, und mit ihnen Frauen zu senden, mit den Frauen Kinder, mit den Kindern Lehrer und all das, was man vermisst, wenn man am Ende der Welt in einem viel zu großen Haus ein viel zu fremdes Land regiert.

Das Land aber lässt sich nicht verdauen, und so wird Indochina nicht ein fernes, wärmeres Frankreich, sondern etwas ganz, ganz anderes, und im Dunst über dem Mekong, in den geschäftigen, schmutzigen Straßen Saigons entsteht eine eigene, unendlich flirrende Welt, über die man uns Schlechtes erzählt, und die wir uns doch schön vorstellen, träge und elegant: Staubige Straßen, Reisfelder, Bambus, Seide und lächelnde Diener. Die Schmerzen sehen wir nicht.

Die Liebe aber bleibt sichtbar. Vielleicht gerade, weil es eine kühle, ihrer selbst kaum bewusste Liebe ist, die die alte Marguerite Duras beschreibt, denn sie, die fünfzehnjährige Tochter der verwitweten Schulleiterin von Sadec ist keine Romantikerin, und was sie mit dem viel älteren, reichen Chinesen verbindet, ist mit S*x zwar nur ungenügend beschrieben, aber Liebe, Liebe in des Wortes reiner Bedeutung ist es nicht. Ein reines Utilitätsverhältnis aber mag man die Liaison auch wiederum nicht nennen, denn mehr als Geld und Lust und Hunger nach dem, was man so Leben nennt mit 15, liegt in der warmen, feuchten Luft dieses Romans, der 1984 erschienen ist, aber in den späten Dreißigern spielt, als die Herrschaft Frankreichs über diesen Teil der Welt schon müde geworden ist, und die Risse im Gebälk tief und sichtbar.

Dass es der Duras gelingt, eine Liebesgeschichte zu schreiben, deren männlicher Protagonist nicht begehrenswert erscheint, ein kraftloser, nicht einmal schöner Sohn, ist eine Kunst und zwar keine geringe. Ganz allein um das Mädchen kreist die Erzählung, die wie zum Hohn "Der Liebhaber" heißt, als ginge es nicht allein um die Seele des Mädchens, die sich seiner schwächlichen Liebe nicht ergibt: Wie ein Baum einen prächtigen Parasiten tragen kann, eine blühende, tödliche Orchidee, die schillert und wuchert und ihm den Lebenssaft nimmt, so trägt der chinesische Bankierssohn die Liebe und das Begehren des Mädchens auf seinem schmächtigen Körper, und bisweilen erinnert - bei allen Wüsten der literarischen Distanz - dieser Bericht über Leidenschaft und Kälte der eigene Seele an Stendhal, und wie bei jenem liegt unter der gläsernen Klarheit des Wissens um die Regungen des eigenen Ich eine zweite, feine, silbrige Membran, in der sich eine zweite, schwärzere Geschichte spiegelt, die die Duras nicht aufschreibt, und die sich doch erzählt.

Der Stil freilich hält auch mit geringeren Konkurrenten nicht Schritt. Assoziativ malt die Duras Pinselstriche, Tuschezeichen, ein paar Sätze lang und bisweilen rankend ins Entlegene. Ein längeres Buch hätte an diesem Makel gelitten, doch wenn der Chinese lange Jahre später am Telephon über seine Liebe spricht, sind noch keine 200 spärlich bedruckte Seiten vorbei, und wir verlassen Madame Duras mit dem verlegenen Lächeln der Ertappten, auch wenn wir kaum wissen, warum.

Marguerite Duras
Der Liebhaber
1984

Etwas schief (12.12.2009)

Es ist anstrengend. Ich lächele, ich trinke Wein, ich versuche, möglichst den richtigen Ton zu treffen, nicht zu ernsthaft, aber auch nicht zu leger, und meistens schweige ich einfach, weil das - das habe ich gelernt - meistens richtig ist und selten falsch.

Um mich herum bricht so eine Art demonstrative Partyekstase aus, es wird getanzt, und auf der Tanzfläche kann man ziemlich gut sehen, wer seine Jugend auf den Raves der Neunziger verbracht hat, wer in den Clubs mit den krachenden Gitarren, und wer auf den Verbindungsbällen einmal mächtig viel Spaß gehabt haben muss.

Es wird gar nicht wenig paargetanzt. Zumindest die Einfachversion des Paartanzes, die ich als Knotentanz kenne, aber nicht genau weiß, ob er wirklich so heißt, kann hier fast jeder, oder zumindest die Hälfte oder so, und nach und nach werden die Frauen auf die Tanzfläche geholt. Mich aber holt keiner und für ein paar Minuten bin ich wieder 13, mit dicker Brille, einem lächerlichen Eigensinn und etwas skurrilen Neigungen, die keiner teilt. Irgendwo zwischen Schlüsselbein und Magen regt sich ein alter Trotz, den ich meistens verlache, weil es nichts bringt, etwas sein zu wollen, was man nicht ist: Ich sehe an guten Tagen ganz ordentlich aus, aber attraktiv, attraktiv bin ich nicht.

Irgendwann später fahre ich heim. Es ist kalt auf der Frankfurter Allee. Der Winterhimmel liegt wie ein schwarzer Stein auf der Stadt, und ich trete schneller in die Pedale, um endlich zu Hause zu sein.

Ich bin etwas schief in die Welt gestellt
, fällt mir ein Zitat ein, das vielleicht ein bißchen anders lautet, und dann gehe ich zu Bett. Der J. ist in Franken, ich bin allein, und nur die Katzen drängen sich zu mir, wie sie sich zu jedem drängen würden, der Katzenfutter austeilen kann und Katzen streichelt.

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Geschenk (10.12.2009)

Männer und Frauen, so sagen aufgeklärte Leute, sind eigentlich ziemlich ähnliche Wesen, und meistens ist das wahr. Fähigkeiten und Unfähigkeiten verteilen sich recht gleichmäßig auf die Geschlechter, und dass die Damen von diesen weniger profitieren, nun, dies fällt ganz eindeutig in die Kategorie der veritablen Schweinerei. Aber nicht hiervon wollen wir reden, denn heute soll einmal nicht von den Punkten die Rede sein, in denen wir uns gleichen, nein, die Punkte, die uns trennen, seien thematisiert, denn mit rasender Geschwindigkeit, um nicht zu sagen: Viel zu schnell für jemanden, der noch kein einziges Geschenk gekauft und nicht einmal einen ordentlichen Weihnachtsablaufplan hat, nähert sich das Fest und will gefeiert sein.

Einen Baum werde ich also auch dieses Jahr erwerben. Eine Ente wird gebraten, gefüllt mir Maronen und Schalotten und Pilzen und Brot, Rotkohl und Knödel gibt es wie jedes Jahr, und vielleicht finde ich sogar die Strohsterne wieder und die roten Kugeln. Ich stecke Bienenwachskerzen, die riechen am besten.

Neben dem Baum sitzen dann also Heiligabend zumindest der J. und ich. Vielleicht kommt Besuch. Jeder von uns hat ein Glas Champagner in der Hand, der J. hat einen Anzug an, und ich mein neues lila Kleid von parapluie. Vermutlich läuft Musik.

Wahrscheinlich sind wir beide ein bißchen zu satt. Überall steht Gebäck herum, Plätzchen vielleicht oder Quarkstollen mit Butter, und während bei den Nachbarn mit den kleinen Kindern der Weihnachtsmann selbst erscheint, überreichen wir uns einfach so kleine Geschenke. In dem Päckchen für mich ist vielleicht Schmuck. Oder eine neue Tasche. Oder eine der verlockenden Duftkerzen von Annick Goutal aus dem Lafayette, die ich sehr gern hätte, auch wenn ich zu geizig bin für eine Kerze für 80 Euro. Vielleicht ein orangefarbener, zentnerschwerer Bräter von Le Creuset, den hätte ich auch gern. Oder ein wunderschönes Seidentuch, vielleicht so eins mit Pferdeköpfen und goldenen Ketten.

Was aber in dem Päckchen des J. steckt, weiß keiner, und erst recht nicht ich. Schmuck scheidet für einen Mann eigentlich aus. Anzuziehen hat der J. genug, die Taschen stapeln sich, Koffer hat er auch genug für sehr lange Reisen, und all die Kleinigkeiten, die Frauen Männern zu Weihnachten kaufen, sind entweder zu groß wie ein Billardtisch, zu hässlich wie goldene Krawattennadeln in lustigen Formen, am Empfänger vorbei wie ein Kochkurs oder Skier, oder der J. hat das Erwünschte schon und braucht es nicht zweimal.

"Mein lieber J.", trete ich also alle paar Tage an den J. heran und frage nach seinen Wünschen. Wunschlos sei er an sich, wirft mir der J. die härteste Nuss des Jahres zum Knacken vor die Füße, und verzweifelter werde ich von Tag zu Tag. Im Internet, stelle ich fest, wirbt man nur für abscheuliche Dinge, Magazine, die sich dem männlichen Leben verschreiben, gehen an der Lebensrealität des geschätzten Gefährten vollends vorbei, und am Ende, ich sehe es kommen, gibt es nichts als ein

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Die anderen Nächte (09.12.2009)

Aber die Tram fährt vorbei. Ein paar Jungen heben Bierflaschen hoch wie Pokale gegen die Fenster der rollenden Bahn, ein Mädchen lacht laut, an die Scheibe gelehnt, den Kopf weit im Nacken, und zwei küssen sich so, als ob morgen die Welt zu Ende sei und die Liebe vorbei. Heute aber ist die Nacht noch jung und riecht so elektrisch nach Benzin, nach Parfum und gebrannten Mandeln vom Markt.

Du aber läufst nur heim: Eine dickliche Frau in zu dünnem Mantel, die Hände ganz tief in den Taschen. Dunkel, fürchtest du, wird es sein in deiner Wohnung, und keine Seele wartet auf dich mit blitzenden Kelchen, Gesang und sprühenden Küssen. Niemand flüstert dir lauter hübsche Lügen ins Ohr, niemand lacht und nimmt dich warm in die Arme. Neblig und kalt wird es sein und frieren wirst du bei laufender Heizung, und wenn du heute nacht stirbst, dann stirbst du allein.

Montag, 7. Dezember 2009

Tilly (07.12.2009)

"Sehr okay!", sage ich, als ich von der Weihnachtsfeier heimkomme, und packe meine Gewinne aus. Pappsatt bin ich und ein wenig angetrunken von einer ungeordneten Melange aus Glühwein, Rotwein, Weißwein und Sekt. Als ich mich aufs Sofa setze, springt mir die Katze auf den Bauch und rollt sich zusammen. Ich bin ein weiches, warmes Kissen.

Was eine Katze eigentlich den ganzen Tag so denkt, frage ich mich und streichele mit der linken Hand der Katze über Rücken und Kopf. Leise erst, dann lauter beginnt Tilly zu schnurren, streckt sich, dehnt sich und dreht mir den breiten, schwarzen Kopf entgegen. "Meine Süße!", sage ich und wünsche mir, auch bei einem viel, viel größeren, freundlichen Wesen zu wohnen, das mich füttert und liebevoll kratzt.

Nachts würde auch ich auf einem Kissen auf einem alten Sessel schlafen und leise schnarchen. Hätte ich Hunger würde ich maunzen, liefe auffordernd in die Küche und bliebe so lange vor meinem Napf sitzen, bis dieser sich füllt. In der Sonne würde ich liegen, den ganzen Morgen, von Mäusen träumen, die ich nicht jagen müsste, spielen würde ich wie eine Prinzessin sich herablässt zu ihrem Hofstaat, und stolz wäre ich auf mein schönes, glänzendes Fell und meine Augen aus heller, chinesischer Jade.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Italien, Italiener (06.12.2009)

Ganz München ist voller Italiener. Mailand und Rom müssen nahezu entvölkert sein, denn Massen lauthals italienisch parlierender Personen schieben sich die Maximilianstraße entlang, bleiben vor jedem Schaufenster stehen und bevölkeren dann einen der offenbar unzähligen Weihnachtsmärkte der Innenstadt.

Die Weihnachtsmärkte sind recht nett, es gibt zu essen und zu trinken, es riecht gut, und anders als in Berlin gibt es weder Dosenwerfen noch Fahrgeschäfte, denn so radikal säkularisiert, dass Weihnachtsmarkt und Rummelplatz synonym verwendet werden können, ohne etwas Falsches zu sagen, ist man offenbar nur an der Spree.

Dass wir morgen mit ganz vielen Kollegen eine Weihnachts-Trash-Rallye auf dem Weihnachtsmarkt am Alexa feiern, löst bei der Münchenerin M.3 daher auch eher Belustigung aus. Mit unseren Feuerzangenbowlen stehen wir in drangvoller Enge eingeklemmt zwischen lauter Italienerinnen im Pelz, die glühweintrinkend geradezu aggressiv überaus teure Handtaschen schwenken.

Die Kinder, die über den Weihnachtsmarkt geschoben werden, erwerben vermutlich gerade alle eine manifeste Klaustrophobie. Es kann nicht amüsant sein, wenn eine ganz, ganz viele Hosenbeine umzingeln und bedrohlich nahe kommen, und entsprechend brüllt ab und zu eins der Kinder ziemlich laut los.

Vor der Theatinerkirche kaufen Leute Weihnachtsbäume, die anscheinend fürchten, die Bäume könnten in den nächsten Wochen zur Neige gehen. Noch auf dem Weg zum Bahnhof sehe ich einen Mann unter einem riesenhaften Baum fast zusammenbrechen, den er alle paar Schritte abstellt, um kurz zu verschnaufen.

Als ich im Flughafenbus sitze, höre ich hinter mir wieder Italiener. Ein Mädchen singt ein Weihnachtslied mit einem Rentiergeweih aus Filz auf dem Kopf, und ein Bub, der ihr Freund sein kann oder auch ihr kleiner Bruder, lacht sich schier tot und schlägt sich buchstäblich auf die mageren Schenkel.

Am Terminal 2 verlassen beide den Bus, noch immer lachend.



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