Donnerstag, 21. Januar 2010

Juli

Irgendwie aufgerauht von der Kälte, spröde, gesprungen, und frierend von morgens bis abends und nicht zuletzt nachts. Auf dem Heimweg dann auch noch gestürzt, schlingernd weitergelaufen. Unvollständig, kaputt. Nicht mehr ganz. Müde, müde, müde und seltsam entfärbt.

Weil es gar nichts zu erzählen gibt, einfach geschwiegen. So überdrüssig des Winters, der dicken, gepolsterten Jacken, der Lichtlosigkeit und der Blässe. Sich treiben lassen auf dem Strom von Gedanken die Wochen entlang, der Sonne entgegen, in wehenden Kleidern, mit offenem Haar, und im Mauerpark schaukeln, fliegen, wirbeln, der Sonne entgegen, rot, glühend vor Sonne und Abend und so schwerelos frei, wie du manchmal gern wärst.

Samstag, 16. Januar 2010

Vergiftet mit ihren Tränen

Eduard von Keyserling, Dumala (1908)

Einsam ist man in den Weiten des Ostens, in dem das alte, feudale Europa müde in verblassten Tapisserien friert, kraftlos wie der gelähmte Baron Werland in seinem Schloss Dumala, in dem ganze Flügel leer stehen, und die Mäuse hinter der Wand dem Ende dieser Welt entgegen nagen. Mit dem Baron friert seine schöne Frau Karola, sitzt des Abends neben ihm am Feuteuil und streichelt des Barons schmerzende Beine.

(Weiter im Common Reader)

Sonntag, 10. Januar 2010

Telephon

Eine Technik, sagt man, habe dann gewonnen, wenn sie auch von Leuten verwandt wird, die nichts von Technik verstehen. Die Leute, die so etwas sagen, meinen mich: Ich kann nicht Auto fahren. Ich habe noch nie tapeziert, nie gestrichen, noch nie einen Bohrer in der Hand gehabt, und wenn ich einen Fernseher mein eigen nennen würde: Ich bekäme ihn nicht an.

Zum Problem wird das ganz selten. Mein Fahrrad reparieren die netten Männer von Radkraft um die Ecke zuverlässig, kostengünstig und schnell. Meine Bilder hängt der J. auf. Dass in meinem Bad im rechten Waschbecken seit ganz lange der Stöpsel nicht mehr geht: Was soll's. Nur mein Telephon, mein Telephon brauche ich wirklich: Ich bin so gut wie nie daheim und wickele mein gesamtes Sozialleben über das Ding ab. Ich habe gar keinen anderen Wecker. Ich habe alle Telephonnumern nur, nur, nur da, und wenn ich an einem Dienstag morgen auf dem Weg ins Büro in meine Tasche greife und mein Telephon ist weg, dann muss ich mich erst einmal setzen. Verdammt, denke ich und trauere meinem sehr alten Sagem hinterher, das nichts konnte, was neue Telephone so können; aber das wenige konnte ich auch.

Am Samstag drauf, so gegen 13.00 Uhr, habe ich dann wieder eine SIM-Karte und ein altes Handy vom geschätzten Gefährten. Die nette Frau, die bei O2 so gegen 14.30 abnimmt, als ich anrufe, aktiviert das Gerät, ich frage alle Leute, die ich kenne, nochmal nach ihrer Nummer, und dann sitze ich auf dem Sofa und drehe das Telephon hin und her. Das Telephon ist von Sony Ericsson. Es heißt K 610i. Es ist silbrig und - hier beginnt das Problem - wesentlich neuer als mein verlorenes, schwarzes, steinaltes Sagem.

Moderne Menschen lachen vermutlich über mich und das neu-alte Sony. "Das läuft ja noch mit Dieselmotor!", höre ich wirklich zeitgemäße Menschen wiehern. Ich nicke dann traurig und schaue auf den Boden. Mein Sagem, so erinnere ich mich mit Wehmut, fraß sozusagen noch Gras, und neumodische Funktionen wie Ganzworterkennung bei SMS oder sprachgesteuertes Irgendwas oder Bilder verschicken, im Internet surfen oder Musik hören war komplett nicht drin. Mein Sagem war ein kleines, schwarzes, tragbares Telephon und so unsmart wie ich.

Nun gibt es mehrere Möglichkeiten. Ich könnte das Sony solange benutzen, wie es funktioniert, und irgendwann kenne ich K 610i so gut wie das alte Sagem. Dazu habe ich aber keine Lust. Ich will nicht das abgelegte Telephon vom geschätzten Gefährten nutzen. Ich mochte schon als Kind keine abgelegten Kleider. Ich könnte auch versuchen, ein anderes altes Sagem zu finden, aber die gibt es regulär gar nicht mehr zu kaufen. Oder ich hole ganz tief Luft und kaufe mir ein iPhone, denn alle haben iPhones, ich kenne nur noch zwei, drei Leute ohne iPhones, und weil alle iPhones haben, können sie mir alles erklären und es wieder in Ordnung bringen, wenn es nicht geht. Überdies kommt Apple meinen Defiziten entgegen - ich nutze seit Jahren ein kleines, weißes Macbook, das mir freundlich lächelnd verschweigt, was es alles könnte, wenn ich mehr nutzen würde als Firefox und Word.

iPhones aber haben einen Nachteil: Aus irgendwelchen Gründen verkauft O2 keine, die Beschaffung eines vertragslosen Telephons ist kompliziert und funktioniert nur im Ausland, und so rufe ich also am Samstag gegen 15.30 die J. an und schlage einen Termin vor. Die J. sagt sofort zu. Ich kaufe zwei Bahnfahrkarten Berlin-Prag, ich buche ein Hotel, ich denke darüber nach, wie das Café heißt, in dem ich beim letztenmal die perfekte Buchtel gegessen habe, und dann sitze ich auf dem Sofa und schaue mir das iPhone meines geschätzten Gefährten zum ersten Mal genauer an. Es sieht kompliziert aus, finde ich. Es hat ziemlich viele Funktionen.

Es sieht nicht aus wie ein Telephon für Leute, die nichts von Technik verstehen.

Mittwoch, 6. Januar 2010

Der gewöhnliche Leser

Sechs, acht oder zwölf Jahre alt zu sein und am Nachmittag mit einer ganzen Tasche voller Bücher im Bett zu liegen, eine Tüte Kartoffelchips, die ich unters Bett schiebe, wenn auf der Treppe hoch zu mir Schritte lauter werden oder einer ruft. Hingerissen sein, weggespült werden und sich willig überwältigen zu lassen von dem, was einer mit 26 Buchstaben kann.

Größer zu werden. Groß, erwachsen sogar, und weiterzulesen im Bett, auf dem Sofa, im ICE, sich in Büchern zu suhlen wie in warmem, leuchtendem Schlamm. Schöne Worte, funkelnde Sätze abzulecken, glattzulutschen, zu kauen, zu schlucken und auswendig zu lernen, was man ganz und gar besitzen will.

Berührbar bleiben. Jedes Buch treffen wie eine Person. Ungerecht sein dabei: Den einen mag man, aller Unarten zum Trotz, und schließt ihn in die Arme mit allen Manierismen, Sommersprossen und Haaren an der falschen Stelle, und nimmt nicht einmal die falschen Konjunktive übel. Den anderen mag man nicht einmal gut gekämmt bei sich haben und wirft ihn beim ersten falschen Wort hinaus. Der Genuss, regellos zu lesen, lässig schwankend in den eigenen Maßstäben und den Experten in Redaktionen und Instituten von sehr weit weg zusehen, die ein anderes Metier betreiben als das des gewöhnlichen Lesers, den nicht Erkenntnisinteresse treibt, was und wie Bücher denn wären, nicht das bestellte Berufsrichtertum, auch nicht der literarische Verbraucherschutz für andere Leute, sondern einzig und allein die Freude, von dem zu sprechen, was man liebt.

Wir freuen uns über Ihren Besuch: Der gewöhnliche Leser

Sonntag, 3. Januar 2010

Pailletten

Weißt du, es war doch der charming Herr Glam. Das goldfarbene Paillettenkleid, das ich anziehen durfte auf seiner Party letztes Jahr, und sah damit großartig aus, hätte das Kleid anbehalten wollen die ganze Nacht und überhaupt immer. Wahrscheinlich hätte ich sogar singen können in diesem Kleid und Kunststücke mit wilden Tigern, und wenn ich mit dem Kleid auf die Straße gegangen wäre, wären die Passanten auf die Knie gefallen und hätten mich und das Kleid umjubelt und photographiert.

Ein eigenes Paillettenkleid aber hatte ich nicht. Ein eigenes Paillettenkleid hätte ich niemals gekauft, denn ich führe kein Leben für Paillettenkleider, ich kann nicht singen, ich kenne keinen einzigen Tiger, und wenn ich auf die Straße gehe, dreht sich nicht einmal die Müllabfuhr um. Das Kleid aber, Herrn Glams goldenes Kleid, hat mich behext.

Ein goldfarbenes Paillettenkleid aber gibt es nirgends zu kaufen. Übers Jahr vergaß ich also das Kleid, hängte grau und grün, lila und blau, Tweed und Wolle in den Schrank, dachte nicht an Gesang und nicht an die fehlenden Tiger, und dann hing es da doch: Schwarz zwar, und nicht golden. Kurz zwar, und nicht lang, aber gerade, eng, ziemlich ausgeschnitten für meine Verhältnisse und ganz und gar besetzt mit Pailletten. Ich habe das Kleid sofort gekauft.

Dann aber gingen die Wochen ins Land. Weihnachten? Unmöglich. Silvester? Doch nicht bei der sehr gemütlichen und ganz und gar tigerfreien Party bei M. und M. Ausgehen? Keine Ahnung, was Sie tragen, wenn Sie ausgehen, aber ich bevölkere die Bars von Berlin, und da lachen vermutlich alle, wenn ich aufkreuze mit meinen Pailletten. Mein geschätzter Gefährte J. lacht wahrscheinlich am meisten. Bälle? Der J. kann nicht tanzen. Premieren? Wir sind in Berlin ... Parties? Ich wüsste nicht wo.

Da hängt das Kleid nun also im Schrank. Sogar das Etikett ist noch dran. Ab und zu fällt das Licht durch die offene Schranktür und bricht sich funkelnd in hundert Pailletten. Fernab der Stadt zucken die Pfoten der Tiger in Träumen, und ich trage das Kleid wohl nur für mich und zu Haus und allein.



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