Freitag, 1. Januar 2010

Schwiegerfreunde

Man lernt sich kennen, man geht ein paarmal miteinander aus, und irgendwann ist man dann zusammen. Die ersten zwei Wochen geht man kaum vor die Tür. Eines Tages aber klingelt bei der Geliebten das Telephon, und man hört irgendwas mit wie "Dachte, du lebst nicht mehr" oder "Ist er jetzt da?". Dann wird ziemlich lange über Leute geratscht, die man nicht kennt (vielleicht hat man von dem einen oder anderen schon mal gehört, aber das hat man nicht behalten). Es folgt eine Verabredung. Ein Sonntagsfrühstück beim Pappa e Ciccia vielleicht oder ein Glas Wein im Liebling.

Kurz vor der Verabredung ist man verblüfft, wie nervös die Geliebte auf einmal wird. Man selbst hat die Ruhe weg. Schließlich trifft man weder die Mutter noch den Chef der neuen Freundin, es geht nur um ihre Freunde. Welchen Grund sollen diese Menschen schon haben, einen nicht zu mögen. Hand in Hand läuft man also los.

Im Lokal angekommen, gibt es dann zwei Möglichkeiten: Entweder ignorieren die Freunde einen komplett und unterhalten sich ausschließlich über Angelegenheiten, die einen nicht interessieren, und Leute, von denen man gerade das erste Mal hört. Schweigend sitzt man da und sieht seine neue Freundin von der Seite an. So kennt man sie gar nicht. Und offenbar gibt es Leute, die sie viel, viel besser und länger kennen als man selbst. "Damals in Mentone ...", schnappt man auf und "... aber mit deiner Mutter ist es ja nicht anders." Da sitzt man dann und fühlt sich irgendwie fremd und ausgeschlossen.

Die andere Möglichkeit ist unangenehmer: Man wird nach Herz und Nieren ausgefragt. Dabei fällt einem auf, wie viel diese Leute schon über einen wissen. Offenbar haben umfangreiche Gespräche in der Anbahnungsphase stattgefunden, gut, man selbst hat ja auch - aber doch nicht so umfassend. Was sie wohl sonst noch alles ..., sieht man seine Freundin von der Seite an, die auf einmal viel mehr zu diesen Menschen, und viel weniger zu einem selbst zu gehören scheint.

Zu Hause ist dann alles wieder okay. Die Freundin relativiert hier ein bißchen und erklärt da. Man erfährt, wieso eine arglose Antwort auf eine Frage zu einem überraschenden Stirnrunzeln geführt hat, und wieso man es bei einem der Leute am Tisch ein bißchen schwer hat. Gut, man würde den Nachfolger eines guten Freundes vielleicht auch nicht mit offenen Armen wllkommen heißen. Insgesamt aber mag man die Leute, schon weil sie mit der großartigsten Frau des Universums befreundet sind. Es bliebe einem ja auch gar nichts anderes über.

Nach einigen Wochen stellt man fest, dass die Freunde schon sehr (um nicht ganz direkt zu sagen: unangenehm) omnipräsent sind. Sie klingeln, ohne vorher anzurufen, und die Freundin macht in Unterwäsche auf. Sie gehen einfach so an ihren Kühlschrank, wenn sie Hunger haben. Sie schreiben sich täglich ungezählte E-Mails über alles Mögliche. Sie sehen sich jederzeit und ständig zu sechst, zu acht, zu zehnt, es scheint gar kein Ende zu nehmen, und verbringen ganze Sonntage miteinander.

Eigentlich, fällt einem auf, sind die Freunde ganz schön arrogant. Beispielsweise besteht ein ganzer Freundeskreis aus Juristen, nur aus Juristen (kennen die den keine anderen Leute als immer nur Juristen) und diese Juristen fühlen sich Gott und aller Welt überlegen. Meistens merkt man das nicht so, aber ab und zu sagt einer etwas über Fächer, die man auch studieren kann, und dann wird rund um den Tisch ein bißchen gelacht, als sei ein Studium der angewandten Kulturwissenschaften, des Maschinenbaus oder der Betriebswirtschaft irgendwie witzig. Oder die Freunde verbindet die Musik, und dann schauen immer alle betont unbeteiligt an einem vorbei, wenn man auch mal was über Musik sagt. Oder alle sind ziemlich reich und gehen ständig irgendwohin, wo man beim Lesen der Speisekarte die ganze Zeit schwitzt.

Wenn man klug ist, sagt man dazu nichts. Die Freunde waren vor einem da. Sie werden allem menschlichen Ermessens auch noch in fünf Jahren ständig auftauchen, und so tut man gut daran, sich so gut es geht zu integrieren. Ansonsten wird es schwierig. Nehmen wir nur einmal den Urlaub: Den ersten Urlaub wird die Geliebte im Hormonrausch vielleicht noch zu zweit verleben wollen. Igendwann aber fängt alles an zu planen, ein Wochenende Rom, eine Woche nach Schottland, und dann steht man da. Nicht mitkommen kommt irgendwie nicht in Betracht, wenn alle anderen als Paar fahren. Mitkommen und die ganze Zeit den komischen Freund von X geben, ist aber auch keine Alternative.

Manche Menschen gehen in die Offensive und laden nach einigen Monaten die Freunde der Freundin zu einer eigenen Party ein. Da stehen sie dann, sehen sich gründlich die Wohnung an, zeigen sich verstohlen die Bücher im Bücherregal, und reden den ganzen Abend mit niemandem, den sie nicht schon kennen. Oder höchstens nur mal so zehn Minuten und aus Höflichkeit.

In der ersten Krise werden die Freunde der Freundin so ein wenig zum Alptraum. Man sitzt dann so zu Hause, fühlt sich elend, und stellt sich vor, wie alle um die Freundin herumsitzen und Dinge sagen wie "natürlich schon was anderes" oder "ganz ein netter Kerl, aber am Ende". Selbst wenn alles wieder gut ist, betrachtet man die Freunde von nun an mit noch mehr Reserve. Wieso zum Beispiel mailen sie sich ständig alle an, aber man selbst erhält die Mails immer nur über die Freundin? Und warum fragt einen eigentlich keiner, wo man war, wenn man mal ein paar Wochen nicht auftaucht?

Nach ein paar Monaten geht auch diese Phase vorbei. Vielleicht geht man mit dem einen inzwischen ab und zu zum Tennis. Das hat sich so ergeben, und ist eigentlich immer sehr nett. Danach isst man noch was zusammen, meistens einen Burger unter Männern im Bird oder im White Trash, und irgendwann wird der Tennisfreund dann auch ohne Tennis mal getroffen. An einer umfassenden Burgertestreihe der Burgerbräter von Berlin kommen dann auch noch zwei andere Freunde der Freundin ab und zu mit. So langsam kennt man die Zusammenhänge und neuralgischen Punkte, und wenn alle lachen, dann weiß man zumindest wieso. Inzwischen bekommt man auch alle E-Mails.

Irgendwann trennt sich dann eine Freundin der Freundin von ihrem Freund. Es wird fürchterlich viel diskutiert, es müssen sehr schwere Möbel geschleppt werden, und dann begibt sich die nun Alleinstehende auf eine pannen- und verwicklungsreiche Suche nach einem neuen Mann. Man bekommt das so halb und halb mit und schüttelt bisweilen den Kopf. Die Arme, bemitleidet man ein bißchen. Leider bestimmt nicht leicht vermittelbar. Ein bißchen üppig ist sie ja schon. Und überhaupt - diese arroganten Juristen.

Irgendwann scheint es dann doch hingehauen zu haben. Die Freundin der Freundin verschwindet über Wochen. "Der Neue belegt Y ja völlig mit Beschlag.", sagen die Freunde, und man ärgert sich auch ein bißchen. Ist ja schön für sie, aber man ist doch ungern so ganz abgemeldet, nur wenn es da jetzt wieder jemanden gibt. Schließlich ist der Typ ganz neu, und man selbst und die anderen Freunde waren quasi immer schon da.

Eines Tages erhält man dann eine E-Mail. Es wird gefrühstückt im Fleury oder es gibt ein Glas Wein im Rutz. Y wird kommen und bringt ihren neuen Freund mit. Man ist sehr gespannt auf den Neuzugang. Ein Mathematiker, hat man gehört. Einzelkind. Davon hält man eigentlich nichts. Man will seine Zeit ja nun auch nicht mit jedem verbringen.

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Handwarm, ereignislos

Weißt du, sage ich und gehe so nah an ihn ran, dass ich seinen Atem spüre auf den kalten Wangen: Dieses Jahr werde ich rückstandslos vergessen, und wenn später einmal einer zu mir kommt und sagt 2009, dann schüttele ich den Kopf und sage, ich war nicht dabei. Es wird nicht falsch gewesen sein.

Schuldig geblieben ist 2009 mir nichts. Was man so an Erfolg erwarten kann, vernünftigerweise, hat man mir ruhig und sachlich zustellen lassen, und für gute Freunde, Abende am Meer, Brot, Wein, Käse und Fleisch hat man dankbar zu sein und dankt mit freundlich gelassener Geste: Es war schön mit Euch, wie immer. Ich habe Euch gern. Ich mag sogar mich an manchen Tagen und stehe dann abends vorm Spiegel und schaue mich an. Manchmal sehe ich aus, als sei ich komplett.

Weißt du, schließe ich meine Hände um eine heiße Tasse Verveine: 2009 war okay. Keine große Freude habe ich behalten. Keine Traurigkeiten gingen tiefer als ein leiser, leichter, wehmütiger Schmerz. Die Zeit fließt vorbei an mir wie ein lauwarmes Rinnsal, der Himmel ist immer leicht bewölkt bei 13° C, und die Reise führt über flache, grüne Hügel immer nur weiter und weiter und nirgendwohin.

Samstag, 26. Dezember 2009

Im Entenfett

Sehen Sie hier, meine Damen und Herren, eine mittelalte und mitteldicke Dame in ihrem Nachthemd mit lustigen Volants im Bett sitzen und tippen. Was Sie nicht sehen: Diese Dame, verehrtes Publikum, ist ganz und gar getränkt mit Entenfett wie eine ägyptische Mumie mit Salben und Ölen. Auf dem Nachttisch zu ihrer Linken liegen wahnsinnig viele Bücher, entenfettdurchzogen auch sie, weil in den Regalen nebenan nun endgültig kein Platz mehr ist. Ganz oben liegt Iris Hanikas Treffen sich zwei, das ziemlich gut ist und von der Liebe zwischen einer hysterischen Galerieassistentin und einem Systemberater, beide so etwas über vierzig, handelt, wie die Liebe bei beiden zeitgleich in einem Café in der Oranienstraße zuschlägt, schwierig wird, zwischendurch ein bißchen unmöglich erscheint, und dann ganz klein, leise und schüchtern doch weitergeht.

Auf der Seite des geschätzten Gefährten J. (auch er riecht wahnsinnig intensiv nach Ente) liegt ein weiterer David Foster Wallace, weil der J. gerade im David Foster Wallace-Rausch lebt, und diesen nur unterbricht, um eine Runde an seiner sogenannten xbox zu spielen, die demnächst voraussichtlich kaputt gehen wird, wenn nicht ein Wunder passiert, und der J. von selbst aufhört, diese unwürdige Freizeitbeschäftigung zu pflegen. Möglicherweise, aber damit habe ich nichts zu tun, wird demnächst kaltes, gelbes Entenfett in ihr Inneres gelangen, und dann ist sie hin. Hierbei wird es sich um Zufall handeln, da bin ich mir sicher, denn überhaupt alles hier ist mit Ente ... nun, man möchte fast sagen: kontaminiert, und da kann so ein Suppenlöffel Entenfett schon einmal dorthin gelangen, wo man gar nicht mit seinem Auftauchen rechnet.

Die Ente selbst, deren Fettmoleküle die Wohnung gerade ganz und gar durchdringen, existiert indes schon seit so gegen acht nicht mehr, denn nach sieben Stunden Zubereitung

(30 Minuten bei 225°, sechs Stunden bei 80°, und dann nochmal 30 Minuten hochfeuern)

habe ich Brust und Keulen des Tiers auf vier Personen verteilt, die den Fleischteil der Ente nicht restlos, aber doch in den entscheidenden Teilen verzehrt haben, flankiert von Semmelknödeln, Rosenkohl, Rotkohl und einer Portweinreduktion. Dazu gab es einen Pfälzer Spätburgunder und vom Besuch mit Parmesan gefüllte und mit Schinken eingewickelte Datteln vorab.

Der nicht essbare Teil der Ente liegt nun im Abfalleimer. Ein nicht unwesentlicher Teil des Entenfetts dagegen hat sich (um es einmal ganz genau zu erläutern) erst bei zunehmender Erwärmung verflüssigt und ist dann in einen gasförmigen Zustand übergegangen, um sodann in Vorhängen, Bettwäsche, Kleidungsstücken und auf der eigenen Haut wieder zu erstarren: Viel von dem Entenfett durchflockt noch die Luft dieser Wohnung, sackt langsam ab und wird uns und alles, was in der Wohnung ist, in den nächsten Tagen mit einem dünnen, schmierigen Film aus Ente überziehen. Die Ente, so könnte man es vielleicht nennen, hat sich einerseits ausgedehnt, ist aber andererseits auch als Körper im Raum verschwunden.

Ziemlich lange nachdenken könnte man über dieses Verhältnis von Ausdehnung und Verschwinden, gewiss so lange wie David Foster Wallace über das Hummeressen und vor allem -zubereiten in Maine nachgesonnen hat, aber zum Glück neigen mittelalte, mitteldicke Damen mit Volants am Nachthemd nicht zum Nachdenken, zumal dann, wenn das Entenfett nicht nur den Gegenstand so einer potentiellen Überlegung darstellt, sondern ihr auch von innen wie von außen anhaftet, sich absetzend in den Poren ihrer Haut und tiefer vordringend in Hautschichten, in die nicht einmal die kosmetischen Labore gelangen, weil diese halt nicht sieben Stunden lag an etwas herumbrutzeln, und die Dame also nicht nur eine Ente zubereitet und eine Ente verzehrt hat, sondern vielmehr die Ente ist auf eine ganz gewisse Weise, und so wird die Dame, oh verehrter Leser, ihre fruchtlose Überlegungen über Enten nun beiseite legen und sich dem Nachleben des George-Kreises zuwenden und den Entenduft ignorieren, der auch diese Seiten streng durchweht.

(Und vielleicht hilft ja auch ausgedehntes Lüften)

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Ausgetrickst

Man braucht nicht verheiratet zu sein, um eine Schwiegermutter zu haben. Meine ruft gestern an, es ist 17.30 Uhr, und ich liege auf dem Sofa und amüsiere mich mit einer Tasse Tee über Marina Lewyckas A Short History of Tractors in Ukrainian.

Wenn das Telephon klingelt, nimmt der J. so gut wie nie an, weil er keine Lust hat, aufzustehen. Ich dagegen wuchte mich vom Sofa, wühle in der Wohnung nach dem Fernsprechgerät und belle irgendwann "Modeste!" in den Hörer. - "Ja? Modeste?", flötet die Mutter der J. zurück. "Es ist deine Mutter!", rufe ich dem J. zu, der aber einfach nur nickt und keine Anstalten macht, nach dem Telephon zu greifen. Nach dem letzten komplett misslungenen Besuch reicht es vermutlich auch ihm, denn es gibt kaum etwas Anstrengenderes als den Autofetisch des Vaters vom J. und die schrill-verzweifelten Versuche seiner Mutter, die etwas unterkühlte Stimmung während der Besuche durch demonstrative Fröhlichkeit zu verdecken, wenn nicht gar zu beseitigen. Die Versuche misslingen regelmäßig und machen jeweils alles eigentlich noch viel schlimmer.

"Habt ihr denn auch schon einen Baum?", leitet die Mutter des J. das Gespräch auf das bevorstehende Fest. Ich verneine. Der J. soll den Baum kaufen, ich kümmere mich um das Essen, die Dekoration und die Koordination mit den Freunden, mit denen gefeiert werden soll, und wälze unendlich viele Kochbücher auf der Suche nach Vor- und Zwischengängen, Desserts und befrage das Internet und spezialisierte Händler wegen passender Weine. Nur das Hauptgericht steht fest: Es gibt eine Ente mit Maronen, Knödel und Rotkohl dazu.

"Das klingt ja schön.", jubelt die Mutter, deren Harmoniebedürfnis es verbietet, irgendetwas auf Erden nicht als optimal einzuordnen. Auch Fondue am Heiligabend sei gut, denn das sei ja überhaupt das Beste.

Was denn meine Eltern machen, werde ich weiter befragt, und antworte wahrheitsgemäß, diese feierten auch dieses Jahr am Strand. Es solle, wie ich per E-Mail erfahren habe, ein Elefantenfest geben mit einem festlichen Diner. Meine Eltern feiern seit Jahren außer Landes und bleiben dieses Jahr gleich mehrere Monate da. "Ach schön!", kommentiert die Mutter des J., die selbst niemals im Ausland überwintern würde, und setzt zum Sprung an.

"Wann sollen wir denn kommen?", werde ich also gefragt. "Am 26. oder am 27.?", setzt man mir die Pistole auf die Brust. Ich schnaufe. Mein Familiensinn erstreckt sich höchstens auf meine eigene Familie. Ich brauche außerdem gerade dringend Urlaub, und es gibt kaum etwas, was dem Erholungseffekt so zuwiderläuft wie der angekündigte Besuch.

"Wir machen auch alles so, wie ihr es sagt!", drängt die Mutter des J. weiter. Wir sollen das Programm aussuchen und das aufzusuchende Lokal. Keinesfalls würden sie lange bleiben, wird mir versichert, und die Mutter tut mir ein bißchen leid. Es kann nicht schön sein, so betteln zu müssen, wenn man seinen einzigen Sohn Weihnachten besuchen will.

"Soll deine Mama Samstag oder Sonntag kommen?", frage ich daher den J., statt einfach zu behaupten, wir seien total verplant und hätten keine Zeit. Ich ärgere mich im selben Moment. "Dann Sonntag.", grunzt der J. und sieht auch etwas angestrengt aus.

"Ach schön!", zwitschert die Mutter nun deutlich entspannter. Sie habe auch schon Geschenke gekauft, und ich schiebe die Frage vorerst weg, wo ich weitere Handtücher und Bettwäsche unterbringen soll, die ich seit Jahren in einer Art Festtagsabonnement beziehe. Die letzten liegen noch unausgepackt unter dem Bett, aber das sage ich nicht.

Sonntag, 20. Dezember 2009

So egal wie einfach alles.

Caravaggio, Staatsoper am 19.12.2009

Malakhov tanzt, aber das geht mich nichts an. Nicht gerade gelangweilt, aber allerhöchstens halbwegs interessiert statt mitgerissen sitze ich im ersten Rang und schaue dem Ensemble der Staatsoper zu, wie sie in einer Choreographie eines (mir unbekannten, aber der Rest der Welt scheint ihn zu kennen) Mauro Bigonzetti das Leben Michelangelo Caravaggios glatt und hübsch und leidenschaftslos heruntertanzt. Es sieht ganz nett aus: Recht gekonnt, soweit ich das beurteilen kann, und komplett asexuell.

Irgendwann nach der Pause fallen mir sogar kurz die Augen zu. Ich kann nicht einmal sagen, dass mir die Tänzer gefallen. Nun gut, ich verstehe nichts davon, aber keinem der sichtbar gut trainierten Menschen auf der Bühne nehme ich die Leidenschaft ab, die das Sujet verlang: Lebensgier und Brutalität, Radikalität, Lust am Vulgären, am betäubenden Übermaß. Hingabe und Hingegebensein, Schweiß, Sp*rma und Blut und die grellen Kontraste, die außerordentliche Berührbarkeit dieses fleischlichsten Malers des italienischen Barock: Man sieht nichts davon.

Kunstvoll verdrehen sich die Solisten um- und nebeneinander, führen vor, was sie können, und das ist nicht wenig, und obwohl sie kaum etwas anhaben, wirken sie so geschlossen wie dunkle, blinde Schaufenster in einer verwaisten Fußgängerzone am Sonntag. Dazu fiedelt ein wenig Monteverdi.

Ich gähne. Neben mir wippt ein junger Mann ungeduldig mit dem Fuß und schaut ab und zu auf die Uhr. Möglichst lautlos ziehe ich meine Lederschärpe wieder fest und schlage die Beine andersherum übereinander, um halbwegs bequem zu sitzen, und sehe mir die älteren Damen in der Reihe vor mir an, die sorgfältig onduliert gebannt auf die Bühne starren, und denen der Abend sichtlich gefällt, weil sie vielleicht von Fleisch und Blut und Leben nicht mehr erwarten als das.



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