Sonntag, 14. Februar 2010

Auf, auf und davon

Heute nacht zog ich aus. Ein LKW von Zapf fuhr vor, und kleine, runde Männer mit Glatzen schleppten schweigend und flink alles, was ich besaß, in den Wagen. Fröhlich lehnte ich vor der Tür an der Wand und zählte die Möbel und Kisten.

Alle um mich herum waren lustig mit mir. Frauen mit langem, wehenden Haar tanzten blumenbekränzt auf der Straße. In den Autos hupten fremde Leute und winkten mir zu. Gelb und rund wie ein Keks hing selbst die Sonne vergnügt in den Wolken, Kinder flogen auf und davon am unteren Ende der Seile von roten Ballons, und ich sebst verneigte mich wie ein Artist vor dem Haus und schwang mich schließlich ans Steuer.

Einhergeweht, mein Lieber

Dass man zu schnell lebt, denke ich mir, und sehe aus dem Fenster des Taxis in den Weinbergspark hinein, dem man nicht glaubt, wie warm er werden kann, im Juli, und wie flirrend und rot in der Hitze. Dass man immer ein paar Stunden langsamer ist als man selbst. Dass das Herz stets zu Fuß einhergeschlendert kommt, und nur die Glieder fliegen und fahren so eilig durch die Welt, als sei das zu irgendwas gut: Mittwoch morgen also nach Essen. Zwei Tage am Stück im Kunstlicht gesprochen und mich selbst aufgeführt in einer mittelmäßigen Inszenierung. Das Bühnenbild etwas absurd. Donnerstag abend zurück nach Berlin.

Donnerstag um neun dann am Hauptbahnhof ins Taxi, vom Taxi heim. Umgezogen, losgelaufen, im Klub der Republik Anselm Neft zugehört und trotz Müdigkeit und Schwere gelacht. Mir vorgenommen, viel Werbung für Anselms Buch zu machen. Zu viel Sekt getrunken und darauf gewartet, dass die Verlangsamung eintritt, die mit Sekt einzuhergehen pflegt, dass sich die Muskeln endlich lockern, und die Welt weich wird und warm. Meine Ankunft in mir erwartet wie man auf Züge wartet, bisweilen, in denen Menschen sitzen, die man mag. Auf der Damentoilette gestanden und mich angesehen und mich fremd gefühlt in meiner Haut. Ich hätte vielleicht nicht viel für mich über, träfe ich mich an der Bar.

Menschen getroffen, die ich mag, und andere, die ich vielleicht mögen würde, würde ich sie kennen. Irgendetwas gesprochen und sofort alles vergessen. Viel zu spät heim und Freitag entsetzlich müde. Gekocht, zu zweit, und früh zu Bett.

Am Samstag wieder zum Tierarzt. In Mitte fast einen Hosenanzug gekauft, und dann ganz froh gewesen, dass er nicht passte. In Hosenanzügen, das weiß ich, sehe ich aus wie ein Mann. Im YamYam in Mitte gegessen. Im Deutschen Theater Nina Hoss beim Verrücktwerden zugeschaut und hingerissen gewesen von soviel Kunst. Mit dem W., dem N. und dem J. in Rutz Weinbar gesessen, einen Grauburgunder, einen Bordeaux und einen Saumagenburger bestellt, und zu Fuß durch den Schnee bis nach Hause. "Ich bin noch nicht da", gedacht. Die Stiefel ausgestopft mit Papier. Mit den Händen die Arme umfasst und gedrückt und sich gefragt, ob wohl andere Leute so ganz identisch mit sich durch die Straßen der Stadt spazieren, und ob das, was die anderen in Spiegeln sehen, von ihnen bewohnt und ausgefüllt wird, als seien sie wirklich das, wovon die Kleider scheinen und nicht irgendwo anders oder gar: Nicht ganz sie selbst.

Dienstag, 9. Februar 2010

Sonntag, 07.02.2010

Die Elbe ist schwarz. Irgendwo auf der anderen Seite des Flusses ziehen einsame Lichter weit ausgreifend Kreise durch die eisige Nacht.

Im Abteil aber ist die Luft abgestanden und warm. Neben mir lehnt die J. am Fenster in leichtem, schreckhaften Schlaf. Wir sind kurz vor Bad Schandau. Ein blondes, pausbackiges Mädchen liest der J. gegenüber einen historischen Roman, der schlecht aussieht, grob, bunt und billig, und ein kleiner Junge füllt Sudoku-Quadrate aus und sieht mich gelegentlich ernst und etwas abweisend an. Schöne Augen hat er, fällt mir auf, und ich lächele ihn an, und bedächtig, langsam und mit einer Würde, die älter scheint als er, senkt er den Kopf, um ihn wieder zu heben, und schaut mir prüfend einen Moment in die Augen und nickt.

Sonntag, 7. Februar 2010

Samstag, 06.02.2010

Prag ist fast leer. Oder besser: Prag ist ganz normal voll, wie eine hübsche, aber an sich unaufgeregte Stadt eben belebt ist an einem ganz normalen Samstag im Februar, und in den ungezählten Geschäften mit Souvenirs und böhmischem Glas stehen die Verkäuferinnen einsam und schauen an bunten, riesigen Vasen vorbei mit hängenden Armen ins Freie. Langsam wandern die J. und ich die Straßen entlang, vorbei an der Insel Kampa, durch ein paar Gässchen bis zu Národni třida, und dann sitzen wir im Café Louvre und essen Quiche und Salat.

Weil wir viel zu früh aufgestanden sind, alle beide, gähnen wir ab und zu ein bißchen und unterhalten uns mit den langen Pausen, die typisch sind für Leute, die sich schon lange, lange und gut kennen und nicht die ganze Zeit sprechen müssen, um zu demonstrieren, wie gut sie sich doch verstehen. Die J. hat Zahnschmerzen und nimmt ab und zu eine Tablette.

An den Straßen liegt zu Haufen zusammengekehrt alter, schwärzlicher Schnee. Wir zeigen uns gegenseitig besonders absonderliche Gegenstände in Schaufenstern, lachen und schauen uns um. Prag schwingt beidseitig der Moldau ruhig der Dämmerung entgegen, wir nehmen irgendwo auf der Kleinseite einen Aperitif und schauen über die Dächer der Stadt auf den Fluss herab, der Eisschollen führt und das stumpfe Schwarz des alternden Winters.

Im Restaurant Olympia essen wir Suppe und Braten, Rindfleisch in dichten, cremigen Saucen, Knödel und trinken einen weichen, roten, mährischen Wein. Das Essen ist solide, duftend und schwer, und besser als in vielen anderen Lokalen. Satt, sehr, sehr satt, laufen wir die Straßen herab Richtung Smichov.

Ich schlafe sofort. Kein Golem stört meine Träume.

Samstag, 6. Februar 2010

Freitag, 05.02.2010

Ich, meine Damen und Herren, erlebe annähernd nichts, und wenn jemals einer daherkommt, um mein Leben für das Vorabendprogramm zu verfilmen, wird das Ganze garantiert nach drei Wochen abgesetzt. Heute etwa war ich mit dem J. im Filetstück, und es war schon super da, der gemischte Vorspeisenteller mit einer göttlichen Leberwurst (ja, Leberwurst!), und danach 150 gr. Filet vom Freesisch Rind und Spitzmorchelrisotto dazu. Eine Flasche Duoro Tinto mit dem J. Objektiv und für den unvoreingenommenen Beobachter war der Abend aber vermutlich so amüsant wie drei Stunden vor einem Aquarium ohne Fische.

Weil wir nicht reserviert hatten, saßen wir am Fenster und sahen auf die Schönhauser Allee. Hastig und geduckt liefen Passanten unter den Schienen der Bahn hin und her. Die ganze Stadt ist überzogen mit einer buckeligen Eisschicht, und die Konzentration, die die nahezu unbegehbare Stadt erfordert, will man doch mal vor die Tür, macht die Berliner noch mürrischer als ohnehin. In den meisten Vororten ist zudem fast jeder hässlich.

In der Scheibe spiegelte sich der riesige Korbleuchter inmitten des Raums, und der J. kaute sein Entrecôte vom American Beef. Die anderen Leute im Lokal waren weder spektakulär schön noch außerordentlich extravagant, und sie haben auch nichts besonderes getan. Der J. schilderte den Diebstahl seines Kofferbandes mit der Aufschrift "59. Berlinale" durch ein paar unverfrorene Arbeiter am Band, die - beobachtet vom J. - das Band vom Koffer entfernt und sodann irgendwelchen Schabernack damit getrieben haben, und ich sah den Passanten hinterher und dachte darüber nach, ob denen in ihrem Leben eigentlich auch so langweilig ist wie mir.

Weil ich morgen früh mit der J. nach Prag fahre, sind wir nach dem Essen dann gleich nach Hause gegangen. Ich habe dem J. vom Chén Chè erzählt, wo ich Mittwoch abend war, und es war wirklich, wirklich nett und hübsch und sogar ganz lecker. Der J. und ich sind auf dem Heimweg mehrfach fast ausgerutscht, weil es überall so glatt ist, wie es eben wird, wenn Schnee zusammengetreten wird und mehrfach antaut und überfriert. Ich habe gegähnt und gepackt, weil ich morgen früh so lange wie möglich schlafen will, und dann stand ich im Bad, sah in den Spiegel, öffnete den Mund und zog ein paar Grimassen, damit es zumindest irgendetwas zu lachen gibt inmitten der Ödnis, die einem bleibt, wenn man so wenig mit sich azufangen weiß wie ich

Donnerstag, 4. Februar 2010

Mittwoch, 03.02.2010

Gegen zehn nach neun treffe ich den R. vor dem Fahrkartenautomat in der U-Bahn. Den R. - obschon an sich gut befreundet - habe ich tagelang nicht gesehen, auch gestern abend war er nicht da, und so stürze ich auf den R. zu, erzähle dies und das und noch ein bißchen mehr, und dann frage ich ihn nach seinen Eltern. Seine Eltern waren zu Besuch, das hatte er uns erzählt letzte Woche, und wie immer winkt der R. ab. Anstrengend sei es gewesen.

Dann steigen wir in die Bahn.

Morgens ist die Bahn voller Leute, die zur Arbeit fahren. Ganz früh kommen die Männer in den Arbeitsjacken und die Frauen in ihren billigen Steppjacken über den Chenillepullovern. Dann tauchen Anzüge auf, die Anzüge werden besser, und dann, ab halb zehn ungefähr, wird es einerseits studentisch und andererseits alt.

Weil es noch nicht halb zehn ist, stehen um uns herum nun auch Leute, die ungefähr so aussehen wie wir. Jüngere Anzugträger, Leute mit Bürojobs, die Wert darauf legen, nicht dasselbe anzuhaben wie die Leute im Büro nebenan. Alles schaut stumpf gegen die schwarzen Fenster.

"Magst du dich setzen?", fragt der R., und dann sitzen wir beide. "Weißt du eigentlich, wieso meine Eltern da waren?", fragt der R. auf einmal, und ich schüttele den Kopf. Seine Eltern kommen doch öfter, überlege ich und schaue ihn an. - Er habe geheiratet, sagt der R. dann einfach so, und ich schaue ein wenig entgeistert. Nicht, dass mich so an und für sich wundert, dass der R. und die I. nun doch noch geheiratet haben. Gott, denke ich. Andere Leute heiraten auch. Aber so ganz ohne alles, so ganz ohne Freunde, ohne Feier, ohne Kleid, und nicht einmal mit beiden Eltern? Und wieso eigentlich heiraten, wenn es auch ohne Heiraten sichtlich gut ging die letzten zwanzig Jahre? Warum auch lichtet sich der Kreis der Unverheirateten mehr und mehr, und wie reagiert man eigentlich, wenn man ein klein wenig beleidigt ist, so einerseits, weil einem keiner vorher was sagt, und man andererseits sehr herzlich gratulieren will, weil die Ehe ja generell als erstrebenswert gilt.

"Herzlichen Glückwunsch! Das ist ja toll.", trompete ich also und freue mich auf die verdutzte Miene des J.



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