Dienstag, 27. April 2010

Niemals wäre

"Ganz gut", sage ich Schwesterchen, und lasse mir von ihrem Urlaub erzählen. Es scheint schön zu sein, dort am Meer, sonnig, und Schwesterchen schickt mir ein Photo aufs Handy, auf dem sie hinter einer riesigen Sonnenbrille versteckt lacht, dass die Zähne blitzen.

Unverschämt gesund sieht Schwesterchen aus, so schlank, wie ich niemals sein werde, und so lebendig, wie ich mich nicht einmal fühle, wenn ich keinen Heuschnupfen habe. Von Herzen beneide ich Schwesterchen um diese ungeheurliche Vitalität und schaue aus dem Fenster meines Büros über den Teil von Mitte, der nicht so besonders posh ausschaut, sondern eigentlich nur ein bißchen abgewrackt und schäbig. Auf meinem Tisch liegen rund zehn Kilo Papier.

"Du musst ans Meer!", empfiehlt Schwesterchen und erzählt irgendetwas Belangloses über Delphine und Surfer, und ich schaue dem kleinen, länglichen Rechteck beim Auf- und Abtauchen zu, das anzeigt, dass mir jemand E-Mails geschrieben hat und auf Antwort wartet. Mir läuft die Nase. Dann lege ich auf.

Ans Meer würde auch ich gern fahren, male ich mir die Wellen aus und das Salz und die Endlosigkeit des Himmels. Delphine brauche ich nicht, aber Sonne wäre schön, Gelächter im Hintergrund, klirrendes Eis in Gläsern und lachen würde auch ich, eine Sonnenbrille würde ich tragen, aber so lachen wie Schwesterchen würde ich nie, nie wäre ich so lebendig, so strahlend, so ganz und gar dem Augenblick anheim gegeben und wehend im warmen Wind wie Fahnen in leuchtenden Farben.

Mittwoch, 21. April 2010

Geimpft

Vor zwei Wochen gehe ich also zum Arzt. Ich gehe nicht gern zum Arzt, ich warte ungern, ich ziehe mich sogar vor Ärzten ungern aus, und ich höre den Müttern des Prenzlauer Berges ungern zu, die in Massen in den Wartezimmern der Umgebung herumsitzen und Geschichten über ihr Leben mit Kind erzählen, die meistens entweder langweilig klingen oder ganz, ganz schlimm.

Schließlich bin ich dran. „Sind sie eigentlich geimpft?“, fragt der Arzt irgendwann so en passant, und ich schüttele den Kopf. Bin ich nicht. Meine Mutter fand Impfungen aus irgendwelchen Gründen verwerflich, und was ich mir nicht von selbst einfing, das kann ich also jeden Moment bekommen.

Der Arzt runzelt die Stirn. Seinen Ausführungen entnehme ich, Impfungen seien wichtig, vor allem Röteln, aber auch Masern, Keuchhusten und Kinderlähmung, Tetanus sowieso, und von der Schwester bekomme ich ein Rezept in die Hand gedrückt und einen Terminzettel dazu. 20.04.2010 steht auf dem Zettel.

Gestern gehe ich also schon wieder zum Arzt. Wieder sitzen im Wartezimmer ungezählte Prenzlmütter, wieder warte ich in einem hässlichen, schwarzen Kunstledersessel und blättere gelangweilt in Zeitschriften herum, und schließlich ruft man mich herein. Es geht schnell: Eine Spritze in den linken Arm, eine in den rechten. Dann kann ich gehen.

Abends aber fängt mein rechter Arm an zu pochen. Ich gehe ins Bad. Der linke Arm sieht vollkommen normal aus, das schon, aber rechts spannt die Haut, der Arm wird dick, rot ,und wenn ich den Arm hebe, fühlt es sich irgendwie merkwürdig an. Alles nicht optimal. Besorgt gehe ich schlafen.

Heute Morgen stelle ich mich wieder vor den Spiegel. Inzwischen sieht mein Arm aus, als habe irgendwer ein Hühnerei in meinem Arm verstaut. Das Anziehe ist nicht ganz einfach, das Strickoberteil scheuert, und schließlich ziehe ich etwas ärmelloses an und eine ganz, ganz leichte Jacke. Dann fahre ich los. Im Büro betaste ich vorsichtig mit der linken Hand den Arm. Es scheint noch etwas dicker geworden zu sein, und ich google „Arm geplatzt nach Impfung“ und „Impfung gefährlich?“. Meine impfkritische Mutter scheint recht zu behalten.

Gegen Nachmittag dann wird mein Arm zunehmend unbeweglich. Hebe ich den Arm an, erreiche ich maximal eine Ellenbogenhöhe kurz unter dem Brustkorb. Ein Versuch, durch Dehnung meine übliche Beweglichkeit wiederherzustellen, scheitert. Abends fahre ich ganz, ganz vorsichtig heim.

Zu Hause wickele ich den Arm vorsichtig in ein nasses Tuch. „Sei bloß nicht wehleidig!“, befehle ich meinem Spiegelbild und mache eine entschlossene Miene. „Das tut gar nicht weh.“, sage ich laut. Dann gehe ich zu Bett. „Keine gute Idee.“, versichere ich der Katze, und die Katze maunzt, als habe sie das immer gewusst, nicht anders (man muss es zugeben) als meine Mutter.

Sonntag, 18. April 2010

Der schale Lauf der Dinge

Georg M. Oswald, Vom Geist der Gesetze, 2007

Vor einem runden Dutzend Jahre saß ich – ein wenig gelangweilt, nehme ich an – in einem fensterlosen Hörsaal, und einige Meter vor mir lief ein älterer Herr in beuteligen Hosen hin und her und sprach über das Strafrecht, genauer gesagt: über die soziologische Komponente des Strafens und Bestraftwerdens. Was er ganz genau sagte, habe ich vergessen, aber sinngemäß und sehr ungefähr entnahm ich seinen Worten, dass wir alle Sünder seien, und die Armen, die Ungebildeten und die Ausländer säßen nur deswegen mehr im Gefängnis als andere Leute, weil sie weder am Erlass der Gesetze noch an deren Vollzug beteiligt seien.

Soweit ich mich erinnere, reagierte das Auditorium ungefähr so stumpf, wie es halt zu gehen pflegt, wenn jemand Dinge erzählt, die jeder weiß, und die Empörung des schon damals grauhaarigen Dozenten verpuffte ebenso wirkungslos in der abgestandenen Luft des Juridicums wie – zumindest nehme ich das an – sein Appell, sich stets daran zu erinnern, dass Juristen oft nicht Gerechtigkeit exekutieren, sondern die Summe der Vorurteile der herrschenden gesellschaftlichen Gruppen.

Ein paar Jahre später, ich hatte die Uni inzwischen verlassen, wurde mit diesem Dozenten eine ganze Generation emeritiert, deren stets reizbare Empörbarkeit meistens berechtigt gewesen sein mag, um sich trotzdem bisweilen schmerzhaft lächerlich zu äußern, und dass der Roman des Münchners Georg M. Oswald rein thematisch zumindest einen Hund wie mich nicht hinter dem Ofen hervorzulocken vermag, wird wohl auch damit zu tun haben, dass die Ungerechtigkeit auch in meinen Augen ein Übel darstellt, keine Frage, allerdings ein Übel, über das ich mich eher etwas seltener errege, und das öffentlich auszustellen jedenfalls kein Zweck ist, der das Mittel eines ansonsten eher etwas faden Buches zu heiligen vermag. Die Dinge – und die Anfechtbarkeit dieses Gleichmuts ist mir bewusst – sind, wie sie sind. In Oswalds Buch sind sie also folgendermaßen:

Weiterlesen im Common Reader

Samstag, 17. April 2010

Dort draußen am Walde

Im Frühling dann doch am liebsten aufs Rad. Die großen Straßen stadtauswärts fahren, weiter und weiter, bis die Häuser kleiner werden und einsam auf den Weiden stehen, als sprächen sie nicht miteinander und seien sich selbst genug, die Mauern verschleiert vom Weißdorn.

Die Alleen verlassen. Sich ganz zu verlieren zwischen Himmel und Feld, und die Knospen der Bäume so vorsichtig streicheln wie ein kleines, neugeborenes Tier. Auf dem feuchten Gras vor den Koppeln zu rasten. In den Abend zu fahren durch die beseelte Stille der Wälder, am Wasser vorbei hinter Schilf.

Ungern nach Haus, wenn es dunkel wird und kühler. Unterwegs die Straße noch einmal verlassen. Minutenlang am Feldessaum stehen, die Füße im Unkraut, und eine Handvoll fetter, schwarzer Erde in einem Beutel verstauen, um den großen Pan zu sich nach Hause zu locken, damit er die Flöte mir spiele den Sommer entlang bis zum Herbst.

Donnerstag, 8. April 2010

Mutter

"Oha.", sage ich, verkneife mir ein herzhaftes "Bist du wahnsinnig" und wechsele einen besorgten Blick mit dem C. Die L. lacht. Sie persönlich werde ja gern photographiert, wirft sie in die Runde im Toca Rouge, allerdings kämen auch ihr die Umstände ein wenig sonderbar vor.

In der Tat:

Die L., Rechtsreferendarin und Gelegenheitsfreundin des mir befreundeten C., begab sich also vor zwei Wochen in Begleitung einer Freundin zu einem bekannten Club in Friedrichshain, und stand dort, wie es dort halt so Sitte ist, eine Stunde lang in der Schlange vor der Tür. Es war saukalt, die L. fror in einer Kombination aus einem nachthemdartigen blauen Gewand, sehr, sehr engen Jeans, einer viel zu kurzen Lederjacke und diesen Stiefeln, die aussehen wie die Fußbekleidung auf Mittelaltermärkten.

Nach circa 45 Minuten hatte die Freundin der L. genug gewartet und ging einfach weg. Die L. fror allein weiter. Irgendwo im Inneren des Gebäudes befanden sich weitere Freunde der L., die galt es zu finden, aber zunächst stand sich die L. vor der Tür die Beine in den Bauch.

Als ihr ein Fremder etwas zu trinken anbot, griff sie sofort zu. Ihre Hände seien schon ganz steif gewesen, berichtet die L., und der fremde Samariter habe ihr seine Handschuhe ausgeborgt. Schnell freundete man sich an. Der Fremde, so erfuhr die L., war Photograph, 38 oder so, gebürtig aus Aachen, aber ansässig in Kreuzberg seit fast zwanzig Jahren, und arbeite für verschiedene Presseorgane und ansonsten photographiere er halt so herum. Ein- oder zweimal habe er in kleinen Galerien ausgestellt.

Die L. fand das alles hochspannend. Die L. stammt selbst aus einem Kaff in Hessen, dessen Namen wir uns alle nicht merken können, hat dann in Marburg studiert und ist seit knapp sechs Monaten - für immer, wie sie beteuert - in Berlin. Entsprechend bewunderte sie den Photographen bestimmt zehn bis zwanzig Meter lang in Richtung Haupteingang, und das dauert ziemlich lange.

Kurz vor dem Eingang bot der Photograph an, die L. zu photographieren. Er habe da so ein Projekt. "Wenn es nichts Nacktes ist ....", stimmte die L. etwas vorsichtig zu, und der Fremde beruhigte sie. Es gehe um voll bekleidete Bilder. Die L. gab ihre Telephonnummer heraus. Dann trennten sich die Wege: Die L. ging tanzen, der Photograph fuhr, von der Tür verschmäht, heim.

Schon am nächsten Tag rief der Photograph an. Noch am selben Abend traf die L. ihn in einem Café und ließ sich erläutern, worum es ging. Sie sollte in Abendkleidern photographiert werden, teilte der Photograph ihr mit, und zwar in den Abendkleidern seiner Mutter. Dieser - und der Photograph zückte ein paar Bilder seiner Mutter in jungen Jahren - sehe die L. im Übrigen außergewöhnlich ähnlich.

"Kleiner Mutterkomplex.", kommentierte der C. dieses Projekt einige Tage später eher sparsam, wie es dem betont nicht-beziehungsähnlichen Verhältnis zwischen dem C. und der L. entspricht. Sorgfältig ist der C. darauf bedacht, weder Verhaltensweisen, die nach Eifersucht aussehen könnten, noch übertriebene Fürsorge an den Tag zu legen, und so behielt er seine Meinung auch dann noch für sich, als sich herausstellte, dass es nicht um die Kleider einer lebenden, sondern einer vor einigen Jahren verstorbenen Mutter geht. Als aber die L. ankündigte, diese Bilder würden nicht in Kreuzberg, sondern in Aachen im inzwischen unbewohnten Einfamilienhaus der toten Mutter gefertigt, wohin sich der Photograph mit der L. zu diesem Zweck für mehrere Tage begeben werde, bat der C. dann doch einige vorwiegend weibliche gute Freunde, der L. den eindrücklichen Rat zu geben, hiervon auf jeden Fall Abstand zu nehmen, selbst wenn, wie der L. versichert wurde, diese im Bett seiner Mutter schlafen dürfe, während der Photograph im Kinderzimmer übernachte wie immer.



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