Montag, 25. Oktober 2010

Journal :: 24.10.2010

Unfassbar. Man hätte nach zwanzig Minuten gehen sollen, als immer noch ein Trichter über der Bühne des Deutschen Theaters hing, durch den die Schauspieler sprachen. Nun steht - es ist ein Gastspiel - das Ensemble des Thalia-Theaters nebeneinander auf der Bühne und sagt die Rollen auf wie die Sänger in einer konzertant aufgeführten Oper.

Neben mir windet sich der J. Nun gut, Lessings Nathan war vielleicht noch nie der deutschen Literatur spannendstes Stück. Dass die Inszenierung von Stemann aber dermaßen quälend ausfallen würde, war nun auch wieder nicht klar. Es ist unfassbar und bodenlos grässlich.

Die Bühne ist so gut wie leer. Irgendwo auf der schwarzen Fläche stehen zwei Schreibtische, die Mikrofone, an denen die Schauspieler in Hose und Hemd stehen und sprechen, und als irgendwann sehr klassisch verkleidete Personen erscheinen, ist klar, dass ein Regisseur keinesfalls nun anfangen lassen kann, zu spielen, sondern irgendetwas anderes passieren muss. In diesem Fall bieten die Kostümierten einen Kommentar von Elfriede Jelinek dar. Ich wäre wirklich gern woanders. Der M., zwei Plätze neben mir, verlangt gut hörbar sein Geld zurück. Die M. neben ihm wirkt auch nicht so besonders erfreut.

Dass wir besser im Alt Wien geblieben wären und den aus reinen Zeitgründen nach dem Schnitzel nicht mehr bestellten Kaiserschmarrn nicht gegessen haben, bedauere wohl nicht nur ich gerade ganz erheblich. Ich hätte auch den ganzen Tag mit der J. weiterfrühstücken können, das wäre auch nicht übel, aber statt dessen quetsche ich mich ins Theater, das schon für meine 1,68 eigentlich nicht genug Platz bietet. Es ist gleichermaßen langweilig und peinlich. Da Regisseure aus irgendwelchen mir unbekannten Gründen ihr Publikum regelmäßig für bescheuert halten, hat auch Stemann diese Inszenierung ganz offensichtlich mit dem Holzhammer entworfen. Ideenlosigkeit und die fixe Idee, ein Theaterstück müsse möglichst originell auf die Bühne gebracht werden, gehen eine unverdauliche Melange ein, und das Beste, was sich über diese Inszenzierung sagen lässt, ist, dass sie um zehn endet.

Leicht benommen sitzen wir in den Schwarzwaldstuben und warten zwei geschlagene Getränke lang auf den Kaiserschmarrn der M. Dann laufen wir heim. Die Nacht ist wärmer als gedacht und der Mond leuchtet voll durch das gelbe, spärliche Laub.

Journal :: 23.10.2010

Man darf sich da nicht täuschen lassen: Es wird kalt. Von jetzt bis Ende April wird es brutal schneien und stürmen. Niederschläge in Berlins sind ja immer ein bißchen so wie Streuwaffeneinschlag. Außerdem wird es monatelang nicht richtig hell. Die Bürgersteige werden, weil keiner räumt, Eisbuckel tragen und sich auflehnen gegen die Fußgänger dieser Stadt. Wer das Haus verlässt wird auf der Stelle gefriergetrocknet werden, und wer irgendwohin hinfährt, gelangt höchstwahrscheinlich nicht mehr unbeschadet wieder heim. Es bedarf also Vorkehrungen. Der J. und ich haben uns bevorratet.

Was Lebensmittel angeht, haben wir im Wesentlichen Marmelade im Haus. Wir besitzen ungefähr 40 Gläser gute, hausgemachte Marmelade, denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, und außerdem sitzt im Erdgeschoss ein Bäcker. Was man aber im Haus haben sollte, ist etwas zu lesen. Ich war also im Antiquariat. Ich habe nun genug Bücher für sechs Wochen ohne Kontakt zur Außenwelt. Ich habe Romane aus drei Jahrhunderten und vier Kontinenten gekauft. Ich habe dicke Bücher von französischen Strukturalisten, falls ich es diesen Winter schaffen sollte, ein bißchen gebildeter zu werden, als ich es bin. Ich habe Bücher über politische Theorie und New York. Ich habe Bücher über berühmte Leute und wahnsinnige Erfindungen. Ich habe genug zu lesen. Das ist beruhigend.

Weil man nicht den ganzen Winter lesen kann, habe ich auch DVDs erworben. Wir haben keinen Fernseher; das Medium interessiert mich nicht so. Ab und zu will ich trotzdem Filme sehe. Wir kaufen also Batman Begins, Beeing John Malkovich, Prestige, noch ein paar Klassiker, ein bißchen was zum Lachen und eine Staffel West Wing. Die schauen wir gleich.

Drei Folgen später ist es spät. Ich gähne. Müde bin ich, eigentlich könnte ich auch schlafen, aber wenn ich schlafen gehe am Samstag um zwei, dann bin ich schon fast tot, dann ist fast Winter, dann bin ich eine alte Frau mit einem Buch und einer Teetasse, und so ziehe ich mich noch einmal an, male mir die Lippen, lächele probehalber in den Spiegel und fahre los. Taxi. Erst in die Bar drei, dann ins Lass uns Freunde bleiben. Dann schlafe ich ein. Der Winter wird lang. Vielleicht wird er niemals enden.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Journal :: 22.10.2010

Irgendwo im Internet habe ich gelesen, dass auch andere Frauen ziemlich viel Zeit damit vertun, allein zu Hause alles anzuziehen, was sie so haben, und im Spiegel nachzuschauen, wie sie so aussehen. Besonderen Spaß macht das mit Cocktail- und Abendkleidern, die kann ich sonst ja nie anziehen. Das blaue, seidene von Charlotte Høyem. Das nie außer Haus getragene Paillettenkleid. Das silberfarbene von diesem Theaterschneider in Mitte, der aus irgendwelchen Resten großartige Roben schneidert. Mein rotes Kleid von les jolie choses mit dem fabelhaften Dekolleté.

Ab und zu schaue ich in den Modeblogs nach, was ich denn dazu noch brauche. Zu meinem lila Lieblingskleid von parapluie in der Schwedter Straße brauche ich derzeit unbedingt Overknees aus Wolle in so einem Zopfmuster und vielleicht einen Gürtel, den ich letztlich bei APC mal gesehen haben. Um in meinem grauen Kleid von Schumacher optimal auszusehen - hierzu vielleicht der neue, lange Cardigan mit den Military-Schulterstücken? - muss ich allerdings erst mal wieder drei Kilo abnehmen. Da stehe ich also vor dem Spiegel und betaste angeekelt meinen Bauch. Ich werde demnächst platzen, so sieht's aus, wenn ich nicht ganz schnell weniger esse. Sport wäre auch nicht schlecht.

Mit weniger essen ist es aber schwierig. Gehe ich irgendwohin, stehen da Häppchen. Sogar im Büro gibt es immer irgendwo Reste von Buffets. Ständig hat irgendwer Geburtstag und bringt Kuchen. Menschen laden mich ein. Ich bin irgendwo verabredet und bestelle dann doch keinen Feldsalat, sondern die Variationen von der Gänseleber und werfe eine geschmorte Rehschulter und Marillenknödel hinterher. Ich verzichte nie aufs Dessert und esse aus Prinzip zweimal täglich warm. Mein ganzes Sozialleben kreist um gedeckte Tische. Wenn irgendwo ein neuer Laden aufmacht mit einer guten Karte renne ich sofort hin, und wenn ich Gäste habe, esse ich selbst am meisten. Freitag zum Beispiel: Der liebenswürdige Sven K und seine M. essen jeder so circa eine halbe Blutwurst mit Kartoffelpüree und ein bißchen Sauerkraut, eine Miniportion des mitgebrachten sehr, sehr, sehr guten Käses, und ich verschlinge einen halben Meter Wurst und ein Pfund Käse.

Ich fühle mich schwer, als ich schlafen gehe. Unter mir ächzt der Lattenrost. Neben mir wälzt sich der J. Zu meinen Füßen geht die Katze Lilly vorsichtshalber auf Abstand, um nicht dabeizusein, wenn das Bett unter mir zusammenbricht, und ich schwöre bei allen Göttern der Damenkonfektion, schon morgen Gemüse zu erwerben, leichte Speisen zuzubereiten, gedünsteten Fisch, Reis und Möhren. Keine Milch, sondern Molke, keine schweren Weine, sondern höchstens mal ein Glas Weißweinschorle und Zitronenwasser statt der guten Bionade aus Zucker. Hart wird das werden, sehr hart.

Samstag, 23. Oktober 2010

Journal :: 21.10.2010

Haben Sie sich eigentlich auch so erschreckt wie ich? Sie nesteln also so gegen 22.00 Uhr in Mitte an meinem Fahrrad herum, sie zerren an der Kette, reißen ein bißchen am Sattel, so etwa, und dann komme ich auf einmal um die Ecke. "Was machen sie denn da?", frage ich, völlig perplex, und Sie schauen auf. Da stehe ich. Drei Meter entfernt. Klein, rundlich, blauer Dufflecoat, schwarze Haare, und schaue Sie an. Sie schauen zurück.

Für zwei, drei Sekunden fällt keinem von uns beiden etwas ein. "Wollen sie etwa mein Fahrrad stehlen?", erscheint mir etwas plump, obwohl ersichtlich gerade dies Sinn und Zweck Ihres Treibens darstellt. Was Sie gern sagen würden, aber es nicht tun, weiß ich natürlich nicht. Vielleicht würden Sie mich gern in Luft auflösen und mit dem Rad verschwinden. Vielleicht bezieht sich Ihr Wunsch mit der Auflösung in Luft aber momentan auch eher auf sich selbst. Sie schauen mich jedenfalls an wie die sprichwörtliche Kuh, wenn's donnert.

"Ist das ihr Rad?", fragen Sie mich irgendwann, als könnte da irgendein Zweifel bestehen. Gut, vielleicht bin ich ja auch nicht die Eigentümerin dieses Gefährts, sondern bloß eine konkurrierende Fahrraddiebin, aber bedenken Sie: Warum sollte jemand, der nicht so fertig aussieht wie Sie, ein dermaßen unscheinbares Fahrrad stehlen? Zur Sicherheit (und weil mir nichts Intelligenteres einfällt dazu) bestätige ich Ihre Vermutung. Sie trotten davon.

Falls mich jemand fragen würde, wie Sie aussehen, könnte ich Sie höchstens ziemlich ungefähr beschreiben. Ich denke, Sie sind so ca. 25. Sie sind so ein eher leptosomer Typ, blond, etwas farblos, und Ihre blaue Daunenjacke steht Ihnen nicht. Sie haben eine ganz ausgesprochen schlechte Haltung.

Sie haben aus meiner Sicht aber ohnehin ein Problem, finde ich. Sie sollten vor allem das mit den Rädern besser lassen. Das kann ziemlich unangenehm werden, wenn Sie mal an den Falschen geraten. Ich sage nur: Staatsanwalt. Vielleicht halten Sie sich einfach besser an ein eigenes Rad oder gehen zu Fuß. Außerdem, aber dies nur am Rande, brauchen Sie einen anständigen Friseur und sollten etwas gegen Ihren Haltungsschaden unternehmen, Sport, was weiß ich, Sie wissen schon, das haben Ihnen bestimmt schon andere gesagt. Ich sage es Ihnen nicht, ich bin schlicht froh, dass Sie weg sind, ich schließe mein Fahrradschloss auf und fahre heim. Es ist dunkel und kalt.

Auf der Torstraße treffe ich einen großen, roten Fuchs, der mich anschaut. Chaos regiert, raunt der Fuchs mir zu, und ich sehe ihm nach auf dem Weg durch die Nacht.

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Journal :: 20.10.2010

Morgens wache ich auf und habe einen sehr speziellen Appetit. Ananas vielleicht, Litschi, denke ich und reibe mir ganz verschlafen die Augen. Fruchtig soll es sein, auf diese spezielle Weise aromatisch wie manches Obst. Keine Zitrusfrucht, auch kein Apfel, erst recht keine Banane, aber auch nicht so sommerlich wie Melonen oder Beeren. Obst soll es sein. Aber Ananas oder etwas Exotisches ist es bei näherer Betrachtung dann doch nicht.

Im Büro weitere Halluzinationen von Früchten. Gegen Mittag wird es würziger, Ingwer wäre gut, ein Saft vielleicht. Rote Beete, Ingwer, Orange und eine Banane, damit es nahrhafter wird. Ich habe Hunger. Leider ist es nichts dergleichen greifbar.

Nachmittags wird mein Appetit heftiger. Schärfe stelle ich mir, auch gern etwas salzig, denke ich nun und schaue in den kalten, grauen Tag hinaus. Gleichzeitig soll es frisch sein und moussierend am besten, ein würziges Sorbet vielleicht, keinesfalls cremig oder mehlig. Etwas Stumpfes würde mich abstoßen. Ein Knödel etwa, eine gebratene Ente: Auf keinen Fall.

Abends daheim koche ich einen Kürbis. Mit einer roten Currypaste und ein bißchen Meersalz wird der Kürbis püriert, das schmeckt gut, aber das, was ich haben will, ist es immer noch nicht. Gesättigt, aber nicht zufrieden gehe ich schlafen. Keine Träume, erst recht nicht von Obst.

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Journal :: 19.10.2010

"Ihr seid zwei sehr nette Katzen.", sage ich zu den Katzen, weil sonst keiner da ist, mit dem ich sprechen könnte und reiße die Kühlschranktür weit auf. Es ist 22.30 Uhr, mein Kühlschrank enthält Senf, ein paar Currypasten, Käse und Butter, aber weil ich kein Brot mehr habe, schließe ich den Kühlschrank und gehe ohne Essen schlafen. So spät essen ist eh ungesund, tröste ich mich und bestaste meinen Bauch. Ich sollte häufiger nichts essen, sage ich mir, aber das hilft auch nichts.

Im Bett lese ich ein wenig unkonzentriert im neuen, sehr schlechten Bret Easton Ellis. Bret Easton Ellis habe ich mal geliebt, vor vielen, vielen Jahren, aber das ist so lange her, dass ich es kaum mehr glauben kann, und Bret Easton Ellis hat seither wenig dafür getan, diese Neigung aufrechtzuerhalten. "Mir ist langweilig.", sage ich dem Kater, der auf seinem roten Kissen liegt und seufzt, als ginge es ihm nicht anders. Die Katze dagegen sitzt, nein: thront auf dem neuen Himmelbett, das riesengroß an der Schmalseite des Schlafzimmers steht. Einen zufriedenen Eindruck macht die Katze, so, als gebe es außer Trockenfutter und einem Himmelbett nicht mehr zu wünschen auf Erden, und für einen Moment beneide ich das Tier um die Erfüllbarkeit seiner Wünsche.

Journal :: 18.10.2010

Mein Urlaub ist zuende. Statt irgendwann so gegen Mittag stehe ich deshalb um 8.30 auf und schleppe mich in die Dusche. Ich dusche immer ganz, ganz lange. Nach und nach drehe ich den Hebel immer weiter Richtung "heiß". Es ist kalt geworden. Im halb beschlagenen Spiegel schaue ich mir in die Augen. Nicht meine Zeit, blinzelt mein Spiegelbild mich an.

Immerhin ist es morgens noch hell. Zehn Minuten brauche ich zur Arbeit, die Greifswalder abwärts fahre ich seit ein paar Monaten, nicht mehr die Schönhauser entlang. An der Ampel am Alexa treffe ich Mek. Schottland, finde ich, hört sich gut an. In Gedanken bin ich schon im Büro, gleich darauf betrete ich tatsächlich die Halle, den Fahrstuhl, 1 - 2 - 3 - 4 - 5, dann bin ich da. Kaffee. Hunderte E-Mails. Ja, schön war's. Nur ein bißchen verregnet, sage ich ganz oft nach rechts und nach links und freue mich tatsächlich ein bißchen, dass alle noch da sind, und ich bin es auch.

13 Stunden später spuckt mich der Fahrstuhl wieder aus. Es ist spät geworden. Zu Hause wartet der J. und spricht von Schnitzeln im Alt Wien, aber dann sind es doch Tagliatelle misto mare bei Brot und Rosen, weil Montag ist und im Alt Wien alles dunkel.

Alles wie immer, sage ich zum J., und der J. nickt.



Benutzer-Status

Du bist nicht angemeldet.

Neuzugänge

nicht schenken
Eine Gießkanne in Hundeform, ehrlich, das ist halt...
[Josef Mühlbacher - 6. Nov., 11:02 Uhr]
Umzug
So ganz zum Schluss noch einmal in der alten Wohnung auf den Dielen sitzen....
[Modeste - 6. Apr., 15:40 Uhr]
wieder einmal
ein fall von größter übereinstimmung zwischen sehen...
[erphschwester - 2. Apr., 14:33 Uhr]
Leute an Nachbartischen...
Leute an Nachbartischen hatten das erste Gericht von...
[Modeste - 1. Apr., 22:44 Uhr]
Allen Gewalten zum Trotz...
Andere Leute wären essen gegangen. Oder hätten im Ofen eine Lammkeule geschmort....
[Modeste - 1. Apr., 22:41 Uhr]
Über diesen Tip freue...
Über diesen Tip freue ich mich sehr. Als Weggezogene...
[montez - 1. Apr., 16:42 Uhr]
Osmans Töchter
Die Berliner Türken gehören zu Westberlin wie das Strandbad Wannsee oder Harald...
[Modeste - 30. Mär., 17:16 Uhr]
Ich wäre an sich nicht...
Ich wäre an sich nicht uninteressiert, nehme aber an,...
[Modeste - 30. Mär., 15:25 Uhr]

Komplimente und Geschenke

Last year's Modeste

Über Bücher

Suche

 

Status

Online seit 7899 Tagen

Letzte Aktualisierung:
15. Jul. 2021, 2:03 Uhr

kostenloser Counter

Bewegte Bilder
Essais
Familienalbum
Kleine Freuden
Liebe Freunde
Nora
Schnipsel
Tagebuchbloggen
Über Bücher
Über Essen
Über Liebe
Über Maschinen
Über Nichts
Über öffentliche Angelegenheiten
Über Träume
Über Übergewicht
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren