Sonntag, 6. Februar 2011

Vom Äffchen

Es ist dunkel. Zwischen Vorhang und Fenster klafft ein schmaler Spalt. Milchiges Licht dringt matt in den Raum, und der J. atmet so leicht und leise, als schleiche er auf Socken, auf Zehenspitzen gar durch die Wälder des Schlafs. Es ist Sonntag, noch nicht einmal sieben.

Ich liege wach. Dem letzten Traume spüre ich nach: Soeben war ich doch noch ...? Zimt, fällt mir ein. Kardamom. Silberne Karaffen. Etwas wie ein Äffchen, ein kleines, behendes Tier jedenfalls, spielt eine Rolle. Flinke, lange Arme sehe ich vor mir. Rötliches Fell. Runde, furchtsame Augen blinzeln mich an, eine Affenhand streckt sich erst aus, zieht dann zurück und schon zittert das Äffchen eine Sprung weiter im schwärzlichen Schatten am Schrank. Angst hat der Affe, springt hin und springt her, wieselt um die Lampe, hält sich an der Stuckrosette fest, am Kabel, sitzt auf den Dielen und ist aus der Tür. Gleich schreien Katzen.

Ich schließe die Augen. Warm ist es unter der Decke, es riecht nach Schlaf und nach Nacht. Schon döse ich ein, schrecke dann auf, höre Geräusche und Schritte. Das Äffchen scheint im Wohnzimmer zu springen, kratzt wohl am Schrank. Etwas scheppert, Glas vielleicht, es raschelt. Eine Jagd stelle ich mir vor. Gefleckte, gefährliche Tiere, Dampf und Dschungel. Speere und Blut.

Hinter mir aber murmelt der J. und zuckt mit den Füßen. Bestimmt ist das Äffchen in seinen Schlaf geschlüpft, auf der Flucht vor den geifernden Katzen und sitzt voller Angst in den Träumen des J. "Komm her!", locke ich das Äffchen, das - ich sehe es jetzt erst - ein Glöckchen trägt und eine grüne Marke am Hals. Es ist angemeldet und versteuert, erschrecke ich und erstarre. Jemand wird es vermissen und zeigt uns als Tierdiebe an.

Den J. will ich wachrütteln, damit er das Äffchen verjagt. Die Katzen sollen den Affen hetzen, schnell aus dem Haus muss der Affe, damit der Besitzer mich nicht mit dem Äffchen ertappt. "Das Tier ist mir zugelaufen!", beteuere ich und hebe die Finger zum Schwur. Man wird mir nicht glauben, das weiß ich genau, und der Richter scharrt bös mit den Füßen. "Verkündigungstermin wird auf acht anberaumt!", brüllt das Gericht und ich zucke. "Kaffee!", schreit das Gericht und ich laufe davon.

...

"Kaffee?", hält mir der J. einen Becher entgegen. Zwischen Vorhang und Fenster dringt noch immer nur trübes Licht in das Zimmer, und vom Äffchen ist nichts mehr zu sehen.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Nichts (außer Erkältung)

Da sitze ich also auf dem Sofa. Rechts von mir eine Tasse Tee, links eine Katze, das Notebook auf den Knien, und im Kopf nichts als ein den Hohlraum innerhalb des Schädels vollständig anfüllendes, also quasi kopfgroßes Loch: Mir fällt nichts ein. Weder mag ich über die frisch eingetroffenen Babies mir lieber Freunde schreiben, weil es da ja außer der schieren Nachricht, auch der M. und die M. sowie der R. und die I. hätten jetzt je ein tolles Kind, gar nichts zu vermelden gibt, was auch Leute interessiert, die die vier nicht kennen, noch kann ich einen launigen Text über meine Erkältung schreiben, weil ich schon genug gejammert habe über laufende Nasen und bellenden, krächzenden Husten.

Realistischerweise interessiert es ja keinen, wann es mal etwas besser und wann wieder schlechter wird, mit Ausnahme des lieben J. und meiner Kollegen vielleicht, die sowohl akustisch als auch sonst darunter zu leiden haben, wenn es hier gerade nicht so gut aussieht. Auch ist es naturgemäß nicht so wirklich spannend, mir dabei zuzusehen, wie ich morgens viel zu früh aufstehe, um dann um 5.15 Uhr mit dem Taxi zum Flughafen zu fahren, wegen der Kombination von Erkältungsohren und Luftdruck den Rest des Tages taub zu verbringen, und schließlich nach einem längeren Vortrag auch noch zu verstummen. Aber gut, wen schert's.

Der größere Teil der Misere liegt natürlich ganz allein an mir. Ich bin strukturell unfähig, daheim zu bleiben, selbst wenn ich kaum durchs Treppenhaus komme, und wenn nicht gerade schlafe, bin ich schlicht ungern daheim. Dabei ist es nett hier. Ich eigne mich nur nicht so besonders gut für das Dasein daheim.

Wie dem auch sei. Morgen früh steht - aber auch das hat wenig Nachrichtenwert - erst einmal ein Zahnarztbesuch an. Ich habe, das immerhin ist kurios, beim Husten dermaßen die Zähne aufeinandergeschlagen, dass ein Stück einer Krone abgebrochen ist. Ich bin jetzt also nicht nur erkältet, ich falle auch noch auseinander. Immerhin habe ich fast zwei Kilo verloren, weil mir nichts schmeckt, aber selbst daran habe ich wenig Freude, ich sehe zu alledem auch noch erbämrlich aus, und zu lesen habe ich nichts, weil mir nicht einfällt, was. Wenn ich irgendwelche amüsanten Geschichten parat hätte, würde ich sie hier zum Besten geben, aber mir bleibt gerade nichts als eine saftige Grippe und die Einfallslosigkeit. Aber das sagte ich ja schon.

Sonntag, 30. Januar 2011

Was Very Heaven.

Weißt du noch, wie lackschwarz der Nachthimmel war, so sternklar, voller Glanz und Verheißung wie später nie wieder? Wie süß und wie ölig zog damals sich die Spree. Wie hallten vor Festen die Bässe. Und wie wir zu zweit morgens nach Hause gelaufen sind. Immer ein paar hundert Meter weiter voran, weil man auf meinen Schuhen noch nie gut laufen konnte, um dann erst mal Pause zu machen und auf einem Blumenkübel zu sitzen oder auf einer Bank oder in einer Fensternische, an herabgelassene Jalousien gelehnt.

Erinnerst du dich noch an den warmen Sekt? Es gab an irgendeinem Spätkauf an der Strecke nach Hause Rotkäppchen, der war zwar nicht kalt, aber dafür billig, und wir haben abwechselnd aus der Flasche getrunken, bis wir zu Hause waren, und den Rest verschenkt. Manchmal haben wir auch Kaffee aus Pappbechern getrunken, Splitterbrötchen gegessen dazu, wenn die Bäckereien schon geöffnet hatten und die Sonne leuchtete Friedrichshain aus, als sei die Stadt neu, verheißungsvoll, strahlend und rein.

Weißt du noch, wie gern ich getanzt habe damals? Ich war nie eine gute Tänzerin, nie ein Blickfang der Tanzfläche. Nie in der Mitte. Schwindelig habe ich auch damals nur mich selbst getanzt, aber schön war es, Tanz, Nächte, Heimweg und Sekt, dem Glück sah es schon verdammt ähnlich, das damals, und etwas Besseres habe ich niemals gefunden als das.

Sonntag, 23. Januar 2011

Die absolute Therapie

Sehen Sie, man kann doch inzwischen medizinisch meistens etwas machen. Diese Frau, der sie letztlich in den USA durch den Kopf geschossen haben. Leute, die seit zehn Jahren mit HIV leben. Frühgeburten, die so klein sind, dass sie aussehen wie Aliens, oder Gianna Nannini, die auf ihre sehr alten Tage ein wirklich spätes Kind bekommt. Alles eine Frage von ärztlicher Handwerkskunst und einer guten Medikation. Nur eine banale Erkältung, so etwas Schnupfen, Halsschmerzen, ein fest sitzender, bellender Reizhusten: Da muss man einfach durch.

Auf keinen Fall darf man zum Arzt gehen. Im Wartezimmer warten nämlich nicht nur alle anderen Kranken des Bötzowviertels, sondern auch alle Keime aller Krankheiten, die man noch nicht hat. Im Gegenzug steckt man selbst alle anderen Wartenden an, aber davon hat man natürlich nicht so besonders viel. Am besten ist es, man wartet einfach ab. Aspirin Complex ist ganz gut gegen die Symptome. Ingwer und Zitrone ist auch nicht übel. Manche Leute setzen auf Hühnerbrühe, die schmeckt wenigstens gut.

Verschwindet die Erkältung nicht nach spätestens drei Tagen von selbst, wird es natürlich unschön. Man wird ungeduldig. Man will gesund sein, man will nicht husten, man will so unvorsichtig drauflosleben, wie es nur ohne Erkältung sinnvoll ist, und dann begeht man Fehler. Man föhnt morgens seine Haare nicht ganz trocken. Man hat den ewigen Tee satt und stürzt sich einen halben Liter Almdudler eiskalt in den Magen. Man tanzt und schwitzt und fährt dann mit dem Rad nach Hause. Dann ist man richtig krank, muss zum Arzt wegen der Krankschreibung und legt sich daheim für mindestens eine Woche ins Bett.

Hat man einen geschätzten Gefährten, kann man sich gegenseitig Ping-Pong-Anstecken. Das geht so sicher ein paar Wochen. Irgendwann sind dann alle beide genervt, weil der andere so laut schnarcht und so schlecht gelaunt ist und so laut hustet. Dann streitet man sich, läuft erhitzt und ohne Shawl aus dem Haus, kehrt zu spät zurück ... das war es dann wieder.

Schwitzend und fluchend dämmert man dann so vor sich hin. Es wäre nicht übel, malt man sich aus, wenn die Medizin endlich etwas erfände. In der Medizin, so stelle ich es mir vor, ist es ja ähnlich wie im Fußball. Es führt nicht immer zum Erfolg, wenn man ganz, ganz viel Geld ausgibt, aber meistens halt schon, und so wäre vielleicht die Erkältung bald ein Stück Medizingeschichte, wenn die Gesamtheit der zumindest ab und zu Erkälteten Europas zusammenlegen würde, so jeder € 10 vielleicht, schnell kämen Milliardensumme zusammen, bestimmt machen die Amerikaner auch mit, wenn man fragt, und dann würden alle Forscher, die ansonsten gerade nichts auf dem Tisch haben, das ganze Jahr 2011 nach der Supertablette graben. Weihnachten wird das neue Medikament vorgestellt und 2012 ist es weltumspannend in jeder Apotheke erhältlich.

Sonntag, 16. Januar 2011

Katzenjammer

Ach, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, nichts ist es heute mit ein wenig Geplauder über Bücher, über gutes Essen und Neuigkeiten, wie sie Menschen zustoßen, die man kennt und teilweise schätzt. Nur allzu gern schriebe ich Ihnen etwas auf über die sehr, sehr großartige Caesar-Biographie von Christian Meier, die mir ein freundlicher Leser vor einigen Wochen hat schicken lassen. Ebenso gern zählte ich Ihnen auf, was ich gestern abend in Gesellschaft des des J, des R. und der I. im Paris Moskau alles gegessen habe. Auch die tatsächlich etwas merkwürdige Trennung der H. und des S., von der mir die Schwester des S. kürzlich berichtet hat .... aber ich muss passen. Den ganzen Tag, von morgens bis abends und nicht zuletzt nachts jault, maunzt, kreischt und jammert meine Katze Lilly. Dabei ist sie nicht krank. Es geht nicht um Schmerzen. Lilly fehlt nichts außer einem Kater.

Einen Kater allerdings habe ich nicht zu bieten. Der dicke Willy, meine hübsche, nur ganz leicht übergewichtige Tigerkatze, ist ein Kastrat. Fremde Kater mögen mir - die ich zwei, aber nicht zehn Kätzchen beherbergen mag - vom Halse bleiben, und so jammert Lilly immer weiter.

Zwar gibt es immerhin schon einen Tierarzttermin, um dem guten Tier die störenden Organe entfernen zu lassen. Auch soll Lilly ab nächsten Mittwoch Tabletten erhalten, die den jammervollen Zustand medikamentös beenden. Doch stets, wenn ich daran denke, Ihnen etwas über die gallischen Kriege, über das großartige Wagyu-Tartar oder das Zweierlei vom Pferd gestern abend oder diese Geistesgestörte, die einfach so auf dem Handy des S. ... ja, dann jammert sie wieder. Meinen Nachbarn gegenüber hätte ich ein schlechtes Gewissen, wären deren Kinder nicht mindestens ebenso laut. Aus dem Haus würde ich gehen, aber ich bin ein wenig erkältet, fröstele den ganzen Tag mit Halsweh und ein wenig Gliederschmerzen so vor mich hin, liege folglich bis jetzt noch im Bett, und höre meiner Katze zu, wie sie laut, durchdringend, klagend nach Katern ruft, die es hier (gottlob!) nicht gibt.



Benutzer-Status

Du bist nicht angemeldet.

Neuzugänge

nicht schenken
Eine Gießkanne in Hundeform, ehrlich, das ist halt...
[Josef Mühlbacher - 6. Nov., 11:02 Uhr]
Umzug
So ganz zum Schluss noch einmal in der alten Wohnung auf den Dielen sitzen....
[Modeste - 6. Apr., 15:40 Uhr]
wieder einmal
ein fall von größter übereinstimmung zwischen sehen...
[erphschwester - 2. Apr., 14:33 Uhr]
Leute an Nachbartischen...
Leute an Nachbartischen hatten das erste Gericht von...
[Modeste - 1. Apr., 22:44 Uhr]
Allen Gewalten zum Trotz...
Andere Leute wären essen gegangen. Oder hätten im Ofen eine Lammkeule geschmort....
[Modeste - 1. Apr., 22:41 Uhr]
Über diesen Tip freue...
Über diesen Tip freue ich mich sehr. Als Weggezogene...
[montez - 1. Apr., 16:42 Uhr]
Osmans Töchter
Die Berliner Türken gehören zu Westberlin wie das Strandbad Wannsee oder Harald...
[Modeste - 30. Mär., 17:16 Uhr]
Ich wäre an sich nicht...
Ich wäre an sich nicht uninteressiert, nehme aber an,...
[Modeste - 30. Mär., 15:25 Uhr]

Komplimente und Geschenke

Last year's Modeste

Über Bücher

Suche

 

Status

Online seit 7898 Tagen

Letzte Aktualisierung:
15. Jul. 2021, 2:03 Uhr

kostenloser Counter

Bewegte Bilder
Essais
Familienalbum
Kleine Freuden
Liebe Freunde
Nora
Schnipsel
Tagebuchbloggen
Über Bücher
Über Essen
Über Liebe
Über Maschinen
Über Nichts
Über öffentliche Angelegenheiten
Über Träume
Über Übergewicht
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren