Sonntag, 10. April 2011

Nur in Demut ihn betrachten.

Ach, sagt sie, auf ihn angesprochen. Den kenne sie natürlich. Dann lacht sie, schüttelt den Kopf und trinkt noch etwas Wein.

Zusammen mit ihm studiert hätte sie, gemeinsam erst mehr zufällig in der Einführungsveranstaltung gesessen, damals im Wintersemester 1994/95. Mit einer Menge anderer Leute seien sie später in die Mensa gegangen, und als sich Freundeskreise bildeten, sei sie Teil eines Kreises geworden, dem auch er, wenn auch eher lose, verbunden war. Mehr oder weniger täglich hätten sie sich gesehen, meist an der Uni, auf Parties oder irgendwo in den WGs von Freunden, abends ins Bars, und ein paar Mal waren sie zusammen Ski fahren in den Alpen.

Sie hätte sich nie als eine Freundin von ihm bezeichnet. Sie war auch nie allein bei ihm in der Wohnung, die er mit einer Katze und seiner älteren Schwester bewohnte, die wegen irgendwelcher Auslandsprojekte eigentlich nie da war.

Dass sie in ihn verliebt war, erzählte sie keinem. Es hätte auch keinen Sinn gehabt, sagt sie heute. Sie sei schon auf den ersten Blick erkennbar keine Partnerin für ihn gewesen. Sie war ein wenig unhübsch, behauptet sie, dicklich und mit Brille. Schlecht angezogen sei sie gewesen, ein wenig unbeholfen, immer im falschen Moment zu ernst oder zu albern, und dass es nichts werden würde mit ihr und einem blonden, sportlichen, beliebten Mann, der mit der halben Republik verwandt und mit der anderen Hälfte befreundet war, war von Anfang an klar.

Nur wegen ihm habe auch sie ein Jahr an einer amerikanischen Uni verbracht. Sie brauchte ein Stipendium, dafür musste sie gut sein, aber irgendwie ging es sich so aus, und sie verbrachte sie auch dieses Jahr in seiner Nähe. Er hatte da schon irgendwelche Freunde, sein Vater kannte da irgendwen, deswegen war er sofort unter Leuten und auch das Ausland brachte ihn ihr nicht näher. Sie habe das nicht enttäuscht, sagt sie. Sie habe das nicht anders erwartet.

Er hatte immer Freundinnen, sagt sie, und ich kann es mir vorstellen. Seine Freundinnen waren alle hübsch, ungefähr so wie die junge Jil Sander hübsch war, von dieser sehr, sehr gepflegten Sorte Frau, die ihr und auch mir immer noch Komplexe bereiten. Diese Frauen scheinen dazu geboren, es irgendwie leichter im Leben zu haben, und so sei es ihr eigentlich selbstverständlich gewesen, dass diese Frauen etwas mit ihm hatten und nicht sie. So eine Frau habe er dann ja auch geheiratet.

Ihr Leben habe sich damals mehr um ihn gedreht als um ihr Studium, ihre Freunde und ihre Familie, erzählt sie und dreht ein wenig verlegen an einem Ring. Sie habe etwa Buch geführt über jedes gewechselte Wort, mit ihr wie mit anderen. Was er anhatte. Was sie über ihn erfuhr. Das Nichtigste, nichts war ihr zu unwichtig, nichts, was er sagte oder tat, war ihr gleichgültig. Sie pflegte diese Passion wie man ein Hobby pflegt, wie manche Käfer sammeln oder Bilder malen, sie verzehrte sich Nacht für Nacht und ließ sich nie das Geringste anmerken.

Nach dem Studium trennten sich ihre Wege. Er ging nach München, sie nach Berlin. Beide promovierten im Völkerrecht. Seit ein paar Jahren ist er bei einer Internationalen Organisation. Sie arbeitet für die EU. Ab und zu treffe sie ihn auf Konferenzen, einmal habe sie ihn am JFK gesehen. Er hat zwei Kinder, hat sie gehört. Sie hat keine, aber einen halbwegs festen Freund. Vielleicht wird sie diesen Freund heiraten in den nächsten Jahren. Sie liebe ihren Freund, wie man so sagt, fügt sie hinzu, als wolle sie jeden potentiellen Zweifel daran zerstreuen.

Niemals aber, betont sie, sei sie wieder so verliebt gewesen wie damals als Studentin in ihn. Über nichts, was später kam, sei es Beruf, Beziehung, was auch immer, habe sie so nachgedacht. Kein Mann, mit dem sie wirklich zusammen war, habe sie auch nur halb so erfüllt und beschäftigt, und bis heute könne sie nicht für sich garantieren, riefe er an.

Dienstag, 5. April 2011

Romantik als Symptom

An sich bin ich ziemlich patent. Ich laufe herum, ich belle in Telephonhörer, ich kann in 15 Minuten vier Paar Schuhe, ein Kleid und zwei Oberteile aussuchen, bezahlen und das Geschäft wieder verlassen. Ich kann einen Empfang für zehn oder hundert Leute organisieren, ich kann Papiere schreiben, die andere Leute ernst nehmen oder zumindest so tun, und an guten Tagen kann ich viel größere Tiere als mich dazu bringen, durch brennende Reifen zu springen. Ich habe das Windmachen gelernt. Ich bin ziemlich effizient und ein klein wenig nüchtern.

Anders sieht es nur aus, wenn ich krank bin. Wenn ich zum Beispiel am Montag morgen in einem Taxi sitze, ich fahre durch Berlin, und dann schießt auf einmal eine fremde Frau zwischen zwei parkenden Autos hervor, das Taxi bremst, meine Handtasche fliegt durch den Innenraum, und mein Kopf einmal heftig nach hinten und nach vorn, dann hat es sich mit mir und meiner handfesten Normalperson. Zumindest, wenn ich am nächsten Morgen ernsthafte Sorgen habe, mein Kopf bricht demnächst mal ab, lege ich mich erst für zehn Stunden zum Schlafen ins Bett (zumindest nachdem mir ein Arzt gesagt hat, es sei nichts kaputt), und dann verfalle ich in meinen "Krankes-Mädchen-Modus".

Auf meinen Füßen liegt dann meine Katze. Ich dämmere erst ein paar Stunden so vor mich hin, bemitleide mich, schwanke alle paar Stunden ins Bad, und irgendwann versuche ich etwas zu essen. Wenn es mir nicht gut geht, esse ich nur weiche, breiige Speisen, selbst wenn ich gar nichts am Magen habe. Grieß ist gut. Milchreis noch besser. Auch so eine Pampe aus Weißbrot, heißer Milch und Zucker ist nicht übel. Dazu gibt es süßen Tee mit Milch und Kandis.

Auch literarisch - wenn es denn wieder geht - soll es weich und breiig sein. Jetzt Thomas Bernhard ginge gar nicht. Überhaupt, Lesen ist es gerade nicht so. Vielleicht ein Film. Null Tote, keine Gemetzel, Hitler darf auf keinen Fall vorkommen. Ein Merchant/Ivory Film, so etwas. Jenseits von Afrika. Sex and the City, und dann Szenen, die ich besonders romantisch finde, zweimal schauen. Ich will niemals heiraten, weil ich die Ehe aus grundsätzlichen Erwägungen ablehne, aber ich habe heute zweimal Miranda in Staffel 6 dabei zugesehen, wie sie Steve einen Heiratsantrag macht. Wäre ich nicht so müde, ich würde Pride and Prejudice einwerfen und Colin Firth bewundern.

Sobald es mir schlecht geht, platzt meine Alltagsperson von mir ab und ich überlege, wieso für mich eigentlich nie einer singt. Gut, ich würde möglicherweise lachen - aber woher will die Welt das wissen, wenn es keiner versucht? Wieso wäscht mir eigentlich niemand die Haare? Nur weil nicht einmal ich selbst in der Lage bin, mir vernünftig die Haare zu waschen, ohne dass es richtig wehtut? Wie würde ich - nur so rein theoretisch - eigentlich in einem Brautkleid aussehen?

Einige Stunden später geht es dann wieder. Die Brautkleid-Idee habe ich verworfen, weil Brautkleider ohne Eheschließung keine sehr sinnvollen Investitionen darstellen. Langsam fange ich an, die Bildschirmküsse zu zählen und kritisch zu bewerten. Zwei vollbefriedigend. Einmal ausreichend. Durchgefallen.

Etwas Scharfes zum Essen wäre es jetzt auch ganz gut, nach dem ganzen süßen Brei. Vorsichtig, schließlich schmerzt mein Nacken nach wie vor, schaue ich in den Kühlschrank und nehme mir ein Stück Käse. Dann lese ich nach, was man mir auf meinen Blackberry schickt. Bei Mails, die mir besonders wenig gefallen, fletsche ich ein bißchen die Zähne.

"Geht schon wieder ganz gut.", maile ich und versuche, den Kopf nicht zu drehen. Morgen geht es wieder los, sage ich zur Katze. Übel ist mir nicht mehr. Schwindelig wird mir nur noch, wenn ich aufstehe, und auch die anderen Symptome sind vorbei. Vorbei.

Am Hafen

Dann aber die Schelde. Die gut gekleideten Passanten, besser angezogen, als man in Berlin zu sehen bekommt. Das Licht, wie es jeden Quadratzentimeter der Haut ausleuchtet. Ich selbst in den Scheiben der Geschäfte, bleich, sonderbar aufgequollen wie etwas, das lange im Wasser gelegen hat, und blinzelnd in der gleißenden Sonne.

Ich bin doch noch gar nicht so weit, sage ich mir und schaue mir zu beim Gang durch Antwerpen. In mir ist noch Winter. Irgendwo hinter den Schläfen tickt es hastig und hohl. Ein Metronom vielleicht. Mag sein auch ein Kerl mit einem stählernen Hammer, und irgendwo brechen krachend Schollen aus Eis.

Vielleicht auch nur eiserne Bänder.

Montag, 28. März 2011

Caviar

Wenn Sie gestern nachmittag am Münchener Flughafen im Duty Free Bereich herumstanden und vielleicht über eine Flache Whiskey nachgedacht haben oder an den Parfums herumschnupperten, dann haben Sie mich bestimmt gesehen: 1,70 groß. Schwarzhaarig. Schlammfarbener Mantel, braune Tasche, Stiefeletten. Ziemlich eilig hereingerauscht, ich bin ja nie so ganz pünktlich, und dann zielstrebig zu dem Regal ganz rechts bei der Kosmetik, wo sie La Prairie führen.

"Die kauft doch bestimmt nichts.", haben sie sich noch gedacht, was auch Verkäuferinnen zu denken pflegen, weil aus irgendwelchen Gründen nie Verkäuferinnen kommen, wenn ich irgendwo stehe, weil sie mir an Nasenspitze ansehen, dass ich mich nur so ein bißchen umschaue, um es mir dann noch ein bißchen zu überlegen. An sich gehört man mit 35 ja zur besten Käuferklientel für La Prairie, weil man alt genug ist, um sich um seine Haut zu sorgen, aber noch jung genug, um nicht ausschließlich Anti-Faltencremes zu erwerben. Da stehe ich also und schaue die Regale rauf und runter.

Was Sie nicht sehen können: Ich kaufe diese Kosmetika nie. Ich glaube Stiftung Warentest, dass teure Cremes nichts bringen. Ich bin auch zu geizig, um € 238 für einen Topf Hautcreme auszugeben, ich schmiere mir jeden Morgen ein bißchen Dr. Hauschka Rosencreme für € 8 ins Gesicht, weil Schönheit jetzt eh nicht so meine Kernkompetenz darstellt, aber ich rieche die La Prairie Skin Caviar Creme (oder so ähnlich) für mein Leben gern. Also sehr gern. Aber zum Kaufen reicht es halt nicht.

Als ich mich ein bißchen umgedreht habe, waren Sie schon in Sorge. Die wird doch nicht ...? Nein, wird sie natürlich nicht, auf keinen Fall würde sie, aber einen dicken Klecks auf die Hände, dann ganz sorgfältig verreiben, und von München bis Berlin immer wieder an den Händen schnuppern, weil diese Creme so super riecht, besser als alles, besser als meine Handcreme, besser als Buttercreme und Blumenfelder und überhaupt fast alles, was gut riecht.

Erst daheim habe ich mir die Hände gewaschen. Das konnten Sie natürlich nicht mehr sehen, und selbst wenn Sie daneben gestanden hätten in meinem Bad im Prenzlauer Berg, hätten Sie nicht mitbekommen, wie leid es mir getan hat um den Duft, als Lavendelseife aus dem Seifenspender quoll, und die Creme verschwand, verduftete, bis ich zum nächsten Mal irgendwohin fliege oder in irgendeiner Parfumerie bin, wo man unbeobachtet und unbeachtet bis zu den Probierflaschen von La Prairie gelangt.

Sonntag, 20. März 2011

Unrast

Bis zur Berlinale geht es ja immer noch. Dann aber wird es zäh. Die Kälte. Die schmelzenden, dreckigen Schneehaufen. Die miese Laune der Berliner, Sie wissen schon: Diese Mienen, als hätte die ganze Stadt gerade schlechte Nachrichten erhalten, nichts Schlimmes, nur etwas Verdrießliches, und zu alledem auch noch eine alles durchdringende Feuchtigkeit.

im März wird es endlich wärmer. Hell. Morgens blinzelt man, wenn man aus dem Haus geht. Man kann Sonnenbrille tragen. Im Schrank kramt man ein bißchen hin und her, dann zieht man eine etwas leichtere Jacke hervor und geht so nach draußen. Ist noch etwas kalt so. Geht aber schon. Geht sogar ziemlich gut.

Morgens ist man nicht mehr so müde. Abends liegt man trotzdem länger wach. Als würden bei steigenden Temperaturen alle Vitalfunktionen hochgefahren, auch die eher so emotionale Empfindsamkeit, wird man etwa unruhig. Warum denn, beschwichtigt man sich. Passt doch alles, mehr oder weniger jedenfalls. Nicht weniger auf jeden Fall als vor ein paar Wochen. Langweilig ist es, das schon, aber auch nicht schlimmer als die letzten Monate, die freilich selbst für ein schon ziemlich berechenbares Dasein ganz besonders arm an Überraschungen verlaufen sind. Das ist normal so, schärft man sich ein. Ich werde ja jetzt alt.

Morgens treibt einen die Unrast nun etwas früher ins Bad. Heute geht's los, denkt man manchmal mit Shampoo im Haar. Wenn man im Büro sitzt, das Diktiergerät in der Hand, fühlt es sich manchmal an, als würde es gleich donnern, und die Welt wäre dann eine andere.

Jedes Jahr im Frühling erwartest du einen nie stattfindenden Aufbruch, beruhigt man sich und schaut über die Dächer der Häuser hinweg in den leeren Himmel über Berlin. Nichts wird passieren, ebenso wie 2010 und 2009. Der Sommer wird kommen und gehen. Ein paar schöne Abende, Nächte, Nachmittage werden drin sein für dich. Nichts wird geschehen, was deine Welt verwandelt, und eines Morgens wird die Luft nach Moder riechen, nach Kühle, nach Winter, nach Ende und dann ist es aus.

Sonntag, 13. März 2011

Journal :: 12.03.2011

Nach dem Essen kommt es dann doch raus: Die I. hat uns gar ncht zum Grillen eingeladen. In Wirklichkeit hat der M. seine Freundin, die M., das gemeinsame Kind, den J. und mich und sich selbst bei der I. eingeladen, indem er Freitag mittag einfach bei der I. angerufen und uns angekündigt hat, denn die I. hat einen Garten und wir nicht.

Wahrscheinlich weil die I. sich nicht so richtig gesträubt, sondern einfach eingekauft und aufgeräumt hat, hat der M. uns von dieser Vorgeschichte des Grillens gar nichts erzählt. Vielleicht wäre der J. dann auch nicht mitgekommen, weil er den Weg erst mit der M 4 und dann mit der S. 8 und dann mit dem Bus 260 so abstoßend findet, dass er nur dann gern zur I. fährt, wenn der Transfer per Kraftfahrzeug gewährleist ist. Ein Kraftfahrzeug besitzen wir aber alle nicht.

Irgendwann aber sitzen wir dann in der Sonne. Etwas kühl ist es noch, und die Beete sind noch recht kahl. Nur die Krokusse blühen lila und gelb und sehen nach Frühling nach, die Sonne scheint, und auf der Hollywoodschaukel der I. liegt die sechs Wochen alte C., das Kind von M. und M., und schaukelt ganz leicht hin und her. Vor der Schaukel liegt ein Berg Decken und Kissen für alle Fälle.

Es gibt Merguez und Steaks und Chicken Wings, die die I. mariniert hat. Es gibt auch Salat und Guacamole, es gibt Bier und Sekt und Bionade, und als der S. aus dem Büro nach Hause kommt, liegen wir zu fünft im Anbau auf den Sofas und erzählen uns träge und ziemlich verlangsamt irgendetwas über nichts. Ab und zu schauen wir im Internet, wie in Japan die Welt untergeht, und wundern uns ein bißchen, dass auch in echt alle Katastrophen aussehen wie von Roland Emmerich. "Unfassbar.", sagen wir, weil man zu diesen Bildern nichts anderes sagen kann, als dass es so etwas nicht geben soll, und dann trinken wir noch etwas mehr und essen Nüsse und buchen für eine Woche alle zusammen im Juni ein Haus am Meer.

"Ich war noch nie auf Usedom.", sage ich und schaue mir die Bilder von Usedom an, auf denen das Meer aussieht, als sei es zum Vergnügen da, und denke nicht an die Bilder, auf denen sich der Pazifik eine ganze Stadt nimmt mit Häusern und Autos und echten Menschen, weil es nicht auszuhalten ist, wie zerbrechlich das ist, was wir bewohnen, wie es schmelzen kann von einem Moment auf den anderen, und wie wenig Gewicht uns zukommt auf der Waage der Welt.



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