Dienstag, 20. September 2005

Geschenkt

Oh... oha – ein Geschenk für mich, so entnehme ich zumindest dem Wunschzettel dort zu meiner Rechten, von dem jene, die mir eine Freude zu machen wünschen, mir Bücher ins Haus schicken lassen können. Ein freundlicher Mensch, so steht es dort unter „bereits gekauft“, habe mir ein Buch des hochgeschätzten Altphilologen Fuhrmann über den gleichfalls geschätzten Marcus Tullius Cicero zukommen lassen. Allerdings ist bei mir nichts dergleichen angekommen.

Entweder war´s die Post oder amazon hat Ihre Bestellung, lieber Leser verschlampt. Was macht man den in einem solchen Fall, fragt sich das Fräulein Modeste, und stürzt sich ergebnislos wieder in die Arbeit.

Sonntag, 18. September 2005

Frau Modeste streitet sich

„Mir geht´s nicht gut.“, jammere ich ein bißchen, und sehe dem J.² zu, wie er sich umständlich aus seiner Jacke pellt. Eine Viertelstunde der Beschreibung von Art und Umfang meiner persönlichen Kalamitäten später schaue ich den J.² auffordernd an und warte auf seine Stellungnahme. „Du erwartest nicht ernsthaft Mitleid, oder?“, kommt es prompt von der anderen Seite des Tisches. „Ich fühle mich wie vom Panzer überfahren, und dich interessiert das nicht?“, wälze ich mich ein bißchen in Selbstmitleid, der J.² aber nickt sichtlich gelangweilt und vertieft sich in die Karte.

„Wenn irgendwer auf Erden seine Probleme von vorn bis hinten selber verschuldet hat, Herzchen, dann dürftest du das sein.“, spricht der J.² über den Rand der Speisekarte hinweg und empfiehlt mir für die Wahl eines Beinamens, wenn ein solcher demnächst wieder einmal Mode werden sollte, „Bulldozer“. Wahlweise auch gerne „Rindvieh“.

„Muh!“, sage ich ein wenig gereizt, und wende mich der Kellnerin zu. „Ein Gin Tonic!“, bringe ich knapp heraus, aber der J.² unterbricht mich: „Ein Bier für mich und einen Pfefferminztee für die Dame.“ Wortlos nickt die Kellnerin und verlässt unseren Tisch. „Du bekommst heute keinen Alkohol.“, meint der J.², „auf irgendwelche melodramatischen Auftritte kann ich gut verzichten.“ „Du bist nicht mein Vater!“, zische ich meinen Begleiter an. „Der hätte gut daran getan, dich auch ein bißchen zu erziehen, und nicht nur zu verwöhnen.“, kommt es postwendend zurück.

In Bezug auf meinen Vater bin ich empfindlich. „Deine Mutter...“, fange ich deswegen an, und der J.² zieht missbilligend die Stirn in Falten. „Meine Mutter ist hier nicht Gegenstand des Tischgesprächs, okay?“, tönt es nun schon ziemlich laut, und über die nun folgenden Auseinandersetzungen fällt an dieser Stelle zu recht der gnädige Mantel des Schweigens.

„Musst du eigentlich so viel rauchen?“, unterbricht der J.² sein allgemeines Lamento über meine Wesensart, und nimmt mir die Zigarette aus der Hand, um die kaum angerauchte auszudrücken. „Aber du bist fehlerfrei, ja?“, keife ich zurück. „Ich habe immerhin eine funktionierende Beziehung.“, stochert der J.² ein bißchen in meinen Eingeweiden, und provoziert ein paar wohlgezielte Bosheiten über seine Freundin. - „Warum gebe ich mir das überhaupt? Wie hält man dich eigentlich aus? Bekommt man einen Orden für jeden Monat Beziehung ohne Mordversuch?“, theatralisch fasst sich der J.² an die Stirn und steht auf. „Du kommst allein nach Hause?“, fragt mein Begleiter, und verschwindet.

„Einen Gin Tonic.“, bestelle ich nun, und blättere ein bißchen in Szerbs „Reise im Mondlicht.“. Ein paar Seiten später ist der J.² wieder da.

„Und? Wieder abgekühlt?“, fragt er, und legt eine Schachtel Halloren-Kugeln vom Spätverkauf auf den Tisch. „Kleiner Trost.“. Ohne den J.² anzuschauen, greife ich nach der Schachtel mit den Süßigkeiten. Blitzschnell zieht der J.² die Schachtel wieder weg und streckt mir einen Apfel entgegen. „Erst ein paar Vitamine. Wir werden ohnehin ein bißchen rundlich in letzter Zeit?“ – Knapp widerstehe ich der Versuchung, ihm den Apfel einfach ins Gesicht zu werfen und greife statt dessen verbal zu schwerem Geschütz.

„Schön, dich mal wieder zu sehen.“, verabschiedet sich der J.² einige Stunden gegenseitiger Beschimpfung später vor meiner Haustür. „Hast du Dienstag Zeit für ein spätes Bier?, fragt er und wendet sich Richtung Bahn“ „Für dich doch immer. Wenn´s geht diesmal friedlich.“, sage ich, und höre im Hintergrund eine Art Hühnerchor höhnisch lachen.

Donnerstag, 15. September 2005

Es bleibt längst abgemessen unser Glück

Hell strahlen jenseits der Donau die Fenster der Paläste, als würde ein Fest gefeiert, zu dem wir nicht eingeladen sind. Irgendwo rechts fahren noch einige Wagen über die Kettenbrücke, und die J. spricht von einem, den sie geliebt hat und nicht haben sollte.

Schwarz und glänzend fließt der Strom zu unseren Füßen wie flüssiger Basalt, und ich höre der J. zu, die von den verzweifelten Spielen an jenen Tischen spricht, an denen der Einsatz hoch ist, und die Gewinnchance zum Heulen niedrig. In denjenigen Nächten aber, sagt man, in denen der Mond rot, und der Nordwind heiß würde, in denen die Stäbe grünen und den Häusern entlang des Flusses Hühnerbeine wachsen, in diesen Nächten gelingt vielleicht der große Wurf, der Himmel küsst die Erde, die Venus selber steigt von ihrem weißen Sichelwagen, und in allen Kelchen verwandelt das kalte Blut sich endlich in Wein. - An diesen Tischen indes, denke ich, bin ich nicht zugelassen, auf diesem Rasen habe ich die Platzreife nie erhalten, und am Ende rasseln aus den Einarmigen Banditen meiner Säle vielleicht nur wertlose Münzen, die man leichter Hand verstreut, und die nicht zählen, wenn man nächtens erwacht.

Halt mich fest, sage ich ins Dunkel, aber der Flussgott schweigt, und langsam gehen auf der anderen Seite der Donau die Lichter aus, nur die Fassaden leuchten steinern und kalt und werfen ihre Abbilder auf den fließenden Spiegel. Die J. ist ruhig geworden, und schaut den Wassern nach, und ich überlege, was sie wohl sehen mag.

Gemächlich, immer am Ufer entlang, gehen wir zurück, hören das Hallen der Schritte auf der Brücke, und bleiben einige Momente stehen. Möchte doch, denke ich, aus dem Rauschen ein Flußgott nach mir greifen, kalte, feuchte Hände mich zu sich ins Fließen ziehen, die Finger mir um den Hals legen, bis es dunkel wird, und ich keine Luft mehr brauche. Möchte doch die kalte Haut mir einmal abgezogen werden, die schützenden Zaubersprüche ungehört verhallen, die unterirdischen Feuer in den Höhlen unterm Budaberg lodern und der Flußgott mächtig werden über meinem Blut.

Aber die Götter sind tot, und der Abend wird kühler, und auf dem Rückweg zum Hotel weiß ich wieder, dass die Feuer nicht brennen wollen, und die Feste nicht stattfinden, ob mit mir oder ohne mich.

Dienstag, 13. September 2005

Der Budapester Tortentrip

„Also,“, sage ich zur C., und gieße der J. noch einen Tee ein. „ganz großartig war´s.“, und die J. nickt. „Und ohne mich, verdammt.“, sagt die C., und bedauert noch einmal, nicht mitgefahren zu sein. „Du hättest die Kaffeehäuser gemocht.“, sage ich, und lobe das Kaffeehaus Central, in dem man ganze Nachmittage und Abende dazu verbringen kann, wie es mit einem guten Kaffeehaus eben so geht. Das Café Gerbaud, ergänzt die J. mag zwar prächtiger sein, Jahrhundertwende mit seidenen Tapeten und Samtportieren, aber da machen einen die anderen Gäste ganz nervös, mit ihrem hektischen Rascheln, den irritierten Blicken, wenn ein paar Minuten keine Kellnerin zu sehen ist, und ihren Bestellungen, die aus zwei Flaschen Wasser und einem Schinkenbaguette bestehen.

„Schlechte Kaffeehausgäste.“, bestätigt die J., und wir beschreiben die anderen, wohl meistenteils gleichfalls auswärtigen Besucher der Budapester Renommierkaffeehäuser, die in absurden Gewandungen das im Reiseführer vorgeschriebene Tortenstück verzehren und sodann zu weiteren Top-Tips weitereilen. „Ganz schlimm,“, erzähle ich der C. zur Warnung, „war´s in der Konditorei Ruszwurm auf dem Burgberg.“, die zwar an sich sehr niedlich ist mit ihrer Biedermeiereinrichtung und den wirklich formidablen Torten, in der jedoch unter unermesslicher Geräuschentwicklung ungefähr alle zwanzig Minuten dreißig fehlfarbene Rentner das Café verlassen, um durch dreißig andere, wenn auch exakt identisch anmutende Rentner ersetzt zu werden, die mit den Ellenbogen auf den zierlichen Tischchen ein Stück Schwarzwälder Kirsch in sich hineinschlingen.

„Waren die Torten denn gut?“, fragt die C., und schaut ein wenig sehnsüchtig daher. „Extrem.“, lobt die J., und beschreibt Aussehen, Geschmack und Zusammensetzung der verzehrten Torten, und der bedauerlicherweise nicht verzehrten Torten dazu. Morgens, berichte ich der J., sind wir in eine kleinere Konditorei mit Stehtischen auf dem Ring eingekehrt, und haben erst einmal ein Stück gegessen, und vielleicht noch eine Kremschnitte dazu. „Die Dobostorte!“, seufzt die J., und verflucht die Berliner Konditoren. Ein paar Stunden später, fahre ich fort, die nächste Pause, vielleicht so gegen 11.00 Uhr, natürlich Torte, vielleicht ein bißchen Kleingebäck dazu und ein Kännchen Tee. Das ohnehin in meinem persönlichen persönlichen Ranking höchstplazierte Central hat sich auf diesem Gebiet weitere Meriten erworben, derweilen es als einziges der besuchten Kaffeehäuser losen Tee statt der weitverbreiteten Beutel verwendet. – Am Nachmittag dann ein weiteres Stück Torte, vielleicht ein Ischler Törtchen dazu, vielleicht ein Teller mit Kleingebäck wie jenen kleinen Linzer Törtchen, von denen ich mir einige hundert Gramm mit nach Berlin gebracht habe. Am Abend natürlich Torte, oder eine Mehlspeise, Strudel vielleicht oder Palatschinken, und dann ein bißchen Wein und zurück zum Hotel.

„Hört sich ja eindrucksvoll an.“, lacht die C., und fragt nach weiteren Speisen. „Bißchen Gulaschsuppe.“, sage ich, „und ein paar Würste.“, und winke ab, denn die herzhaften Spezialitäten der ungarischen Küche sind in aller Regel ein wenig zu deftig für meinen Geschmack, und besteht zum größeren Teil einfach aus Sauerrahm, Kohl und Paprika in Zusammenhang mit Fleisch oder Fisch.

„Und sonst?“, fragt die C. und fragt nach nicht-kulinarischen Reiseeindrücken. „Schön.“, sage ich. Genau im richtigen Maß verrottet, prächtig, elegant, melancholisch und vibrierend. Große, schöne Bäume an den Straßen und Denkmäler auf allen Plätzen. Die höchste Fast-Foodkettendichte, die ich jemals gesehen habe, ein Friedhof, der es an Größe vermutlich mit dem Centralfriedhof in Wien aufnehmen kann, abends schweigend an der Donau sitzen, am Morgen über einen schattigen Kirchplatz spazieren und den alten Frauen zuschauen, die gebeugt und ein wenig hexenhaft zur Messe gehen. Am Samstag den vielen, vielen Bräuten zuschauen, die in allen Kirchen Budapests heiraten, und nachts auf dem Franz-Liszt-Platz der J. erzählen, wie man sich alles vorgestellt hat einmal, und was daraus geworden ist in diesem Leben, bisher.

„Aber warte auf die Photos.“, sage ich der C., und schenke Tee nach.

Donnerstag, 8. September 2005

Ist das Glück

Eine möglichst kleine Tasche packen, die Abflugzeiten auf einem Post-It notieren, und dann die Wohnungstür hinter sich zuziehen. Die Treppe herabzulaufen, und zu wissen, das man den roten Sisal nicht wiedersehen wird, wenn man nicht wirklich will: Wegzufahren und bleiben zu können, den Personalausweis, ein paar Karten, und sonst nichts in der Hand. Nur denjenigen Bindungen unterliegen, deren Druck angenehm auf der Haut liegt. Die Wohnung, denke ich, könnte ich von überall auf der Welt kündigen, per Telephon meine Sachen verschenken, einen Job irgendwo auf der Welt annehmen, ein neues Lächeln in neuen Städten erwidern, ein anderes Zimmer mieten, und schwimmen in Wassern des Lebens, die ich noch nicht kenne.

Nie lebt man so intensiv wie auf der Durchreise. Nie leuchtet eine Stadt mehr als beim ersten Besuch, wenn man vom Flughafen in die Innenstadt fährt, und das fremde Licht um die Silhouette einer Stadt spielt, in der ich noch nie war. Der Geruch einer Stadt im klaren Morgen und nachts. Auf Plätzen sitzen, von denen man gestern nur den Namen kannte und das Leben derer zu erraten versuchen, die im Anzug mit Tasche an einem vorbeihasten. Alle eure Bindungen sind nicht wirklich, denkt man dann, und dass sie alle wegfahren könnten, ihr Leben stehenlassen, ihren Job kündigen, ihre Frau verlassen und an anderen Orten ein anderer Mensch sein. Seine Vergangenheit in ein Weckglas zu tun, das man gerne in die Hand nimmt, betrachtet, den Kopf schüttelt und lächelt, weil es schön war, manchmal oder meistens. Den Zauber des Anfangs immer wieder erleben, den Zeiger immer wieder auf Null setzen, anderen Boden unter den Füßen zu spüren, andere Stimmen hören, und wissen, dass man ganz und gar freiwillig zurückkommt, wenn das, was einen hält, noch schwerer wiegt als der süße Geruch der Fremde.

Noch liebe ich Berlin. Montag bin ich wieder da.


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