Samstag, 25. Februar 2006

Happy End

Er erinnere sich, erzählt er, nicht mehr genau an alle Liebhaber der Mutter, die irgendwann ins Haus kamen, schon lange vor der Scheidung. An einen aber erinnere er sich noch genau, einen Studenten, zehn Jahre jünger als seine schöne Mutter, deren sinnliches, hohes Lachen einen Raum füllte, als seien die anderen Frauen eines Festes gar nicht da. Der Student habe viel mit ihm gespielt, ihm immer etwas mitgebracht, eine gelbe Trillerpfeife etwa, einen Luftballon in Form eines Hasen mit langen Ohren, und ihm morgens, wenn seine Mutter noch schlief, und der Student zum Bäcker ging und ihren Hund ausführte, immer ein Hörnchen mitgebracht, bestreut mit Mohn. Eines Nachts aber kam die Mutter mit einem anderen nach Hause, der Student wurde verabschiedet, und durfte nicht mehr erwähnt werden. „Nun gib doch endlich Ruhe mit dem G.“, wurde er von der Mutter beschieden, erwähnte den Studenten nicht mehr, und eines Tages war auch der Neue wieder weg.

Die Frauen des Vaters waren nicht so schön wie die Mutter. Wenn sie lachten, drehte sich kein ganzes Lokal nach ihnen um, und er erinnere sich aus diesen Jahren auch nur an eine Geliebte des Vaters, ein eckiges, fast unhübsches Mädchen, die, als die Eltern schon getrennte Wohnungen hatten, eines Nachts weinend in das Kinderzimmer kam, und sich neben ihm auf sein Bett geworfen hatte, heulend, als sei jemand gestorben, aber es war wohl bloß die Liebe, denn auch das Mädchen tauchte nicht wieder auf. Schließlich kam die Scheidung, sein Vater behielt die großen, etwas gespenstischen Gemälde Gerhart Richters auf der Galerie, und die Mutter bekam den Baselitz, der in ihrem Esszimmer im ersten Stock hing, später, als ich regelmäßiger Gast war in diesem Hause, in dem es so lebhaft zuging wie bei mir daheim, und ständig Menschen kamen und gingen. Im Garten lagen Freunde mit Fremden zwischen dem weißen Oleander, den Rosen und dem Lavendel aus dem Park von I Tatti. Auf der Terrasse trank seine Mutter mit meiner Mutter und anderen Freundinnen lachend Prosecco, irgendwann gegen Ende der Achtziger Jahre.

Ihr Sohn sei zu ernsthaft, ganz der Vater, nicht sehr amüsant und zu still dazu, konstatierte seine Mutter in diesen Jahren, und kümmerte sich nicht weiter um ihn, dem sie täglich Geld in eine indische, gehämmerte Schale legte, um irgendwelche Ausgaben zu bezahlen, nach denen sie nie fragte. Ab und zu, wenn sie besonders verliebt war, fuhr sie einfach weg oder zog um. Dann musste er mit. Manche von den neuen Männern der Mutter waren nett, manche bemühten sich um Kameradschaft mit dem fast erwachsenen Sohn, der an ihren Parties nicht teilnahm und selber nie eine veranstaltete. Verschwand ein Lebensgefährte oder ein Liebhaber der Mutter, so dachte er nicht mehr an ihn, vergaß ihn, wie ihn die Mutter vergaß, und gewöhnte sich an den Neuen. Manchmal verschwand auch die Mutter für ein paar Wochen, dann rief er den Vater an, der Geld überwies, das man in die indische Schale legen konnte, damit immer etwas da war.

Nach dem Abitur zog er aus und kam nicht wieder. Ab und zu verliebte er sich, und wenn er nicht wiedergeliebt wurde, oder viel zu viel, dann verabschiedete er sich oder wurde verabschiedet, und vergaß die Geliebte sofort. Konnte eine einmal nicht vergessen werden, rief er nie wieder an, ging ins Ausland, verreiste mit einer anderen, und als es einmal einen scharfen Stich gab, als eine anrief, die doch nicht ganz vergessen war, da legte er mitten im Gespräch auf. Schmerzlos wurde er 25, 26, und als er 27 war, beschloss er, dass es so nicht weitergehen könne. Man stürbe ab auf diese Weise, behauptet er und klopft mir gegen die Wange. Man wolle erst nicht mehr lieben, und dann könne man es nicht mehr, und laufe am Ende herum als eine verlockende Attrappe seiner selbst. Niemand aber, so fährt er fort, hänge sein Herz an eine Attrappe, eine Fata Morgana, die sich stetig entfernt, wenn man sich ihr nähert, und so zöge man eben weiter und weiter und weiter.

Er wollte nicht mehr weiter, er suchte sich ein Mädchen aus, das ein bißchen zu ernsthaft ist und ein wenig unhübsch. Wenn sie lacht, hört man sie kaum, und umgezogen ist sie in ihrem Leben nur zweimal, einmal nach dem Abitur und einmal nach der Uni.

Zusammenziehen will sie demnächst, heiraten, ein Kind oder auch ganz viele, und das, sagt er, sei eine gute Sache.

Freitag, 24. Februar 2006

Wie schön, wie nett & gerne wieder

Sehr toll, wenn auch wirklich erstaunlich, ist es ja, dass so gut wie alle Vorurteile, die man so über den Rest der Republik hat, sich bei eingehender Betrachtung aus nächster Nähe als vollkommen wahr erweisen. So sieht man in Hamburg tatsächlich am Sonntagvormittag riesige Blondinen mit großen Zähnen, die in grünen Barbourjacken überm Twin-Set an der Alster spazierengehen, Stuttgarter Rechtsanwälte teilen beim Mittagessen die Kosten ihrer Flasche Mineralwasser wirklich durch die Anzahl der Anwesenden und bringen Berliner Kellnerinnen, die tatsächlich Schauspiel studieren oder Bücher über ihre schreckliche Kindheit in Erlangen schreiben, damit zu händeringender Verzweiflung.

Auch Düsseldorf bleibt in dieser Beziehung so gut wie nichts schuldig: In den Auslagen der Schmuckgeschäfte locken ungeschlachte Gebilde aus Edelmetallen besetzt mit riesengroßen Steinen die Kundinnen, die wirklich in langen Pelzen über die Kö flanieren, und eine Düsseldorfer Bloggerlesung findet im Keller einer messingbeschlagenen Passage statt, in der ich vermutlich Donnerstagmorgen noch den einen oder anderen Euro gelassen hätte, wenn die Düsseldorfer nicht wirklich Weiberfastnacht feiern würden, und zu diesem Behufe ihre Geschäfte schließen.

Ebenfalls zutreffend scheint es zu sein, dass die Düsseldorfer, ja das Rheinland generell, einen herzlichen und freundlichen Menschenschlag hervorbringt, der mir die Lesung am Mittwoch wirklich angenehm gemacht hat, und meine Aufregung über den großen Raum, die vielen Leute und dieses ungewohnt professionelle Umfeld schnell beseitigt hat. Es hat Spaß gemacht.

Herzlichen Dank an das Handelsblatt mitsamt der saukomischen „Kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt“, die sich der Herr Knüwer hält, an meine denkbar beste Reisegefährtin, die lustige Frau Nuf, die bekannten und bewährten Herren aus Berlin und Bayern und an alle, mit denen ich mich wieder viel zu kurz unterhalten habe können.

Und weil ich Lesungen mag, und gern andere Blogger treffe, freue ich mich über mehr Lesungen (demnächst in Frankfurt und München) und auf ein Blogmich 06.

(Felix hat Links gesammelt)

Mittwoch, 22. Februar 2006

Das tibetanische Steinsalz

Nichts Essbares ist Ihnen fremd, Sie können mit verbundenen Augen die weißen Trüffel des Piemont von ihren Lombardischen Verwandten unterscheiden, die teuerste Trinkschokolade Berlins von Domori war Ihnen schon 2003 € 18 wert, und Sie trinken seither keine andere mehr. Sie hatten schon vor fünf Jahren indischen Gin in ihrem Schrank, und wissen heute schon, welche walachischen Winzer nächsten Sommer ganz groß rauskommen. Ihre Freunde lieben Sie für die Qualität Ihrer Gelage und halten respektvoll den Atem an, wenn Sie zu Gast sind und irgendetwas essen. Wenn aber Ihnen jene Menschen, die Sie Ihre Freunde nennen, auch nur eine einzige der schokoladenüberzogenen Kaffeebohnen von Sawade, nur ein einziges Eclair bei Albrecht in der Rykestraße wert sind – dann, oh mein teurer Leser, geschätzte Leserin: Dann lassen Sie gefälligst Ihre Freundinnen zu Hause, wenn Sie einkaufen gehen.

Aber fangen wir von vorne an:

„Magst du mitkommen, ein paar Besorgungen machen?“, säuselt die D. also in den Hörer und lockt ihre liebe Freundin Modeste an einem Dienstagmorgen um halb elf aus dem warmen Bett auf der Jagd nach der Königin des Natriumchlorids, der weißen Lilie aus dem Zaubergarten mineralischen Wohlgeschmacks, kurz – auf der Jagd nach dem tibetanischen Steinsalz.

„Selber schuld, wer mitkommt.“, entgegnen Sie mir? Soll, denken Sie, doch einfach ablehnen, wer es nicht ernst meint mit der Suche nach wahrhaftem Genuss? Mit so etwas muss man einfach rechnen, wenn man mit Frau D. einkaufen geht? - Dass aber ein Spaziergang durch einfach alle Feinkostgeschäfte einer Dreimillionenstadt auch für die in allen Stahlgewittern der Feinkostbeschaffung hartgesottenen Menschen in dieser Form nicht ohne weiteres vorhersehbar war, das, liebe Leser, das sollte jedem anständigen Menschen ohne weiteres einleuchten.

Ins Lafayette, in Ordnung, und auch das Fräulein Modeste hat schon manche Stunde vor den Vitrinen der Pâtisserieabteilung verbracht, den letztjährigen Staatshaushalt der Republik Burkina Faso an der Käsetheke verbraten und ganz hinten in der Ecke beim Fisch mehr Austern gegessen, als für irgendeinen Menschen gesund sein kann. Eine Epicerie gibt es auch, „Fleur de Sel“ kann man da aus einfach allen Gegenden Frankreichs kaufen, in ansprechenden Leinensäckchen mit Seidenschleifchen zugebunden, ein paar Gläschen mit grobem Meersalz und einige gutaussehende Streuer. Wenn die D. aber an dieser Stelle dieses Ausflugs ihre liebe Freundin Modeste beobachtet haben würden, wie sie ein wenig gelangweilt vor der Theke mit den Konfitüren steht, dann würde sie schon in diesem frühen Stadium des Ausflugs bemerkt haben, dass ein Salzkauf an Ort und Stelle eigentlich eine ganz gute Idee gewesen wäre.

„Wo willst du denn jetzt noch hin?“, ist eine eigentlich auch kaum mehr missverständliche Äußerung eines gewissen Überdrusses der jeweiligen Begleitung an der jeweiligen Situation, und wer dann noch weiterzieht, das Hawaiianische Meersalz in einem kleinen Gewürzgeschäft verschmäht und afrikanisches Meersalz in der dekorativen Frischebox mit exklusivem Holzlöffelchen aus ungeklärten Gründen für unzureichend erklärt, der hat es nicht besser verdient, als jene an sich und meistens von mir hochgeschätzte Dame, die in dem ungefähr achten Geschäft, das irgendwo in Berlin Mitte Salz und Gewürze anbietet, sich auf einmal ihrer Meisterin gegenübersah.

Die Meisterin war leider nicht ich. Ich, zermürbt von der Reise durch die leuchtenden Gefilde des Salzes, stand schweigend und ein wenig bockig zwischen den beleuchteten Regalen und fühlte mich ein wenig wie eine Achtjährige, die ihre Mutter beim Schuhkauf begleiten muss. So rein äußerlich war das meisterhafte an der Meisterin, welche die Position einer Verkäuferin in diesem Geschäft einnahm, übrigens nicht allzu aufdringlich sichtbar. Hochgewachsen war sie natürlich, wie es Meisterinnen zukommt. Blond, mit schönen, goldenen Ringen in den Ohren, und mit einem so strahlend weißen seidigen Oberteil angetan, wie es sich für eine Priesterin des Salzes gehört.

„Muss es tibetanisch sein?“, frug die Meisterin, und meine Freundin schüttelte den Kopf. „Wir führen verschiedene Salzsorten aus dem Himalaya!“, flötete die Meisterin weiter, und ihre Kundin spitzte fast sichtbar die Ohren. „An welche Konsistenz hatten sie gedacht?“, führte die Meisterin das Verkaufsgespräch in immer konkretere Bahnen, und schwenkte mehrere Steingutgefäße, in denen sich Salz verschiedenen Mahlungsgrades befand. „Wir bieten dieses tibetanische Rosésalz an. Elegante Knusprigkeit, dezenter, vornehmer Geschmack. Besonders angenehm zu rotem Fleisch, harmoniert aber auch mit Gemüse.“ – „Hm.“, stand Frau D. der Meisterin unschlüssig gegenüber und nahm ihr die Dose aus der Hand. „Alternativ dieses sehr ergiebige Salz, ausgesprochen blutvoll. Kräftige Ausstrahlung, ein Torero, wenn sie wissen, was ich meine.“ Mit einer Dose Salz in jeder Hand stand meine Begleitung der Meisterin gegenüber, die weitere Behältnisse aus den Regalen nahm.

„Ein eher zurückhaltendes Salz aus Japan. Sehr gradlinig, subtil. Hoher Mahlungsgrad, eine feine Puderigkeit. Denken sie an ein fernöstliches Rokoko. – Und hier, ein englisches Salz. Maldon. Traditionsunternehmen seit 1882. Das ist so rein, das eignet sich hervorragend für`s Finish am Tisch. Oder dieses australische Salz, pfirsichfarbene Auswaschung. Besonders mild.“ – Bewundernd signalisierte meine Freundin der Meisterin Zustimmung.

„Ich geh` kurz eine rauchen.“, meldete ich mich ab und verließ das Geschäft. Hinter der Scheibe sah ich die Meisterin auf meine Freundin einreden, immer weitere Schmuckdosen, Holzgefäße, Leinenbeutel und Metalldöschen aus den Schränken ziehen, und meine Freundin nickte, nickte und nickte.

"Können wir jetzt los?“, unterbrach ich, als die Zigarette fertig geraucht war, und der Strom des Salzes immer noch kein Ende zu nehmen schien. „Einen Moment, Modeste.“, wurde ich abgewiesen, und erst, als wirklich alle Produkte, die das Geschäft zu bieten schien, einmal durch die Hände der Verkäuferin gegangen waren, schritt meine Freundin an den Kassentisch, zückte ihre Kreditkarte, und die Meisterin packte Salz für € 33,68 in eine ansprechend bedruckte Papiertüte.

„Für sie habe ich auch noch was!“, wandte sich die Meisterin beim Verlassen des Geschäftes erstmals an mich. Neben dem Kassentisch stand die Priesterin des Salzes, griff in eine Schublade und überreichte mir ein Zehn-Gramm-Döschen apricotfarbenen afrikanischen Salzes mit handgeschriebenem Etikett. „Zum Probieren.“, winkte die Dame uns hinterher.

„Nie wieder.“, stöhnte ich auf, als sich die Tür hinter uns schloss. „Die Frau versteht ihr Geschäft.“, sprach die D., warf einen zufriedenen Blick in die Tüte, und wir gingen.

So etwas, dachte ich bei mir, auf dem Weg die Friedrichstraße hinunter, so etwas sollte man seinen Freunden niemals antun.

Und das sage ich auch Ihnen. Und ich meine es ernst.

Freitag, 17. Februar 2006

Some snapshots of a night

Vom „LassunsFreundebleiben“ dann doch zur B., und auf ihrer Spüle sitzt eine Rumänin mit wunderschönem, rostrotem Haar, die ein Chanson ihres russischen Geliebten singt. „Das klingt schön.“, rufe ich ihr über den Rauch und die Stimmen hinweg zu und frage, worum es geht. „Da stirbt ein Kind am Benzinschnuffeln.“, antwortet statt ihrer ein blasser, schlanker Junge, der eine Bierflasche mit den Zähnen öffnen kann wie die Bauarbeiter, die vor Jahren das Haus gegenüber sanierten, als wir noch in Friedrichshain wohnten, der J. und ich.

„Geht’s dir gut?“, tätschelt die B. mir die Schulter und fragt nach Urlaubsplänen. Doch wieder Thailand, sage ich, male ihr und mir die riesengroßen Litschis aus, gekühlte Kokosnüsse am Strand, und das saftige Grün des Dschungels, platzend vor Chlorophyll. Mit der Rumänin auf den Schultern läuft der russische Geliebte ein paarmal um die Küchentisch, und sie ruft der B. irgendetwas zu, was ich nicht verstehe. „Kannst du rumänisch?“, frage ich, und sie nickt. Die B.² schildert irgendeinen absurden Film, und der Junge, der Bierflaschen mit den Zähnen öffnen kann, imitiert einen Schauspieler, den niemand kennt.

Über dem Tisch zerplatzen laut und leise die Pointen, abwechselnd klingeln alle Telephone und rufen zu Parties, die noch besser sein sollen als alle Parties der letzten Nächte. Vor dem Badezimmerspiegel malt sich die B. ein dunkles, verschattetes Blau um die Augen, und in einer Wolke ihres duftenden Puders laufen wir die Alte Schönhauser hinunter, fahren irgendwohin, und ich trinke viel zuviel Gin Tonic, lehne den Wodka ab diese Nacht, und lasse mir lauter Geschichten erzählen, die ich auf der Stelle wieder vergesse.

„Wo willst du hin?“, brüllt die B. mir ins Ohr, als ich mir die Garderobenmarke geben lasse, und ich zucke mit den Schultern. „Wo sind wir hier eigentlich?“, frage ich die Taxifahrerin, die dick und blond hinter dem Steuer thront wie ein weiblicher Berliner Buddha. „Dann fahren sie mich besser dahin.“, sage ich auf ihre Antwort, nennen eine andere Adresse und steige, eine Kurzstrecke weiter, aus dem Wagen. Die Fenster sind dunkel.

„Bist du allein?“, frage ich, das Telephon am Ohr, und lasse mir öffnen. „Hey Höllenprinzessin.“, umarmt mich der J.², reibt sich den Schlaf aus den Augen und tappt brillenlos und barfuß in die Küche. „Hier sieht’s aus.“, moniere ich, und J.² murmelt irgendetwas über Verrückte, die mitten in der Nacht andere Leute überfallen. „Du trinkst jetzt Tee.“, lehnt er Nachfragen nach Wein ab, nimmt mir die Zigaretten weg und verstaut das halbvolle Päckchen auf seinem Kleiderschrank, unerreichbar für meine 1,67.

„Magst du nicht endlich schlafen?“, fragt er, brüht einen Kräuteraufguss auf, schneidet aus einem Apfel eine Krone wie für ein kleines Kind und hüllt mich in zwei warme, wollige Decken gegen die Kälte, bis ich doch müde werde, und wir uns auf der Couch leise Geschichten erzählen von früher, bevor die Welt so schnell, so laut und grell wurde, wie sie nicht mehr aufhören wird zu sein, solange wir leben.

Dienstag, 14. Februar 2006

You are my death, you are my beauty

Später aber, als die Musik ausgegangen war, und nur noch die Boxen knackten, irgendwann nach dem letzten Rest von warmen Wodka, riss die Nacht auf, ihre Eingeweide quollen blau aus den offenen Flanken, und wir fuhren noch einmal los, die Torstraße entlang, die Friedrichstraße hinunter und weiter gegen Westen, der Nacht hinterher, die in unserem Rücken schon fadenscheinig wurde, trüb, als habe jemand einen Tropfen grauer Milch in den Himmel gegossen. Der Morgen drückte uns schwer in die Kurven auf dem Weg aus der Stadt. Irgendwo in der verbrauchten Luft im Fond des Taxis flossen meine Gedanken ineinander, verknoteten sich, verbanden sich neu, und mir verschwammen Namen, Orte und Zeit, während der Fahrer mit einer Hand am Steuer einen anderen Radiosender suchte und hin und wieder ohne Anlass auflachte, als glitte auch er dahin auf einem zähen Strom aus Müdigkeit und lauter Gegenwarten zugleich.

Das Fleisch des Mannes an der Tankstelle, bei dem wir Wein kauften und noch mehr Zigaretten, drückte sich aus seinem roten Overall, und unter dem gelben Base-Cap leuchtete seine Haut wie ein roher Schinken. Sein linkes Augen war verklebt mit einem krümeligen, gelben Sediment. „Da war ich mal als Kind.“, sagte mein Begleiter auf dem Weg zurück ins wartende Taxi und deutete auf das Etikett der Weinflasche, und ich nickte, schaute nicht einmal mehr hin, und trank von dem sauren, dünnen Wein, den er mir nach hinten reichte.

„Halten sie an.“, sagte er, und der Wind fuhr übers offene Feld, zog uns weiter zwischen die Bäume, und in der Feuchtigkeit eines Morgens, der der Sauberkeit entbehrte, als sei der Tag schon schillernd vor Fäulnis und verdorben von unserer Gegenwart geboren, stolperten wir zwischen den Grabsteinen entlang. Tief bohrte sich mein Absatz zwischen die Gehsteigplatten. Die Wände der Mausoleen rechts und links von unserem Weg schwitzten Vergänglichkeit und stinkendes Moos.

Wie Teehäuser bargen sich die Mausoleen im Wald, all die Teehäuser der Toten, die auf unser Verschwinden warteten unter den glitschigen Böden, und die kalte Nässe des Waldes drang zwischen Rock und Stiefeln durch die Strumpfhosen in meine Haut und durchtränkte erst meine Beine, um dann mich ganz und gar anzufüllen mit schwarzem, übelriechenden Wasser. Die letzten Tropfen Wein aus der ersten Flasche gossen wir den Toten als Miete auf ihr Grab, öffneten eine weitere Flasche und bliesen den Rauch unserer Zigaretten in die Luft wie ein Brandopfer für die, die vor uns da waren, und deren Namen in Stein gegraben sind, während uns, flüchtigen Passanten einer hastigen Zeit, keine Grabsteine für hundert Jahre mehr aufgestellt werden, wenn wir einmal so tot sein werden wie jene.

Als die Weinflaschen leer waren, gingen wir zur Straße zurück und fuhren heim durch den trüben Morgen, und wie von jeder unserer Nächte sollte uns nichts bleiben als die Gewissheit, das alle unsere Stunden nicht mehr enthalten würden als den Rausch vergeblicher Exzesse und eine Traurigkeit, die gleißend hinter den Dingen steht wie die Wände verrottender Mausoleen weit hinter der Stadt.



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