Freitag, 10. März 2006

Die Grillplatte Akropolis

„Papa?“, stieg ich über den gleichfalls schlafenden Hund und setzte mich auf die Bettkante neben meinen Vater. „Mmmh“, antwortete der mit geschlossenen Augen und langte auf dem Nachtschrank nach seiner Brille. „Musst du nicht einkaufen?“, zog ich die Vorhänge auf, bis das Zimmer im gleißenden Mittagslicht lag, die Tapete gescheckt von den Schatten der Blätter eines Baumes vorm Fenster, und mein Vater blinzelte erst mich an, dann in die Sonne, und sah auf die Uhr. Samstagmittag war’s, 13.00 Uhr.

„Warst du lange weg gestern abend?“, fragte ich weiter, sprang auf die Decke, hörte mit halbem Ohr seinen verschlafenen Erzählungen über Freunde und Freundinnen zu, über Konzerte und Bars, und referierte die vorabendlichen Aussprüche des Babysitters, dessen Dummheit innerfamiliär geradezu sprichwörtlich war: Ein pausbackiges, rothaariges Mädchen, 16 oder 17 Jahre alt, das Lehrerin werden wollte, und es gewiss auch geworden ist.

„Heute nicht, Prinzessin.“, röchelte mein Vater zurück und schleppte sich ins Bad. Aus der offenen Badezimmertür drang das Brummen der Zahnbürste, und ich saß ein wenig enttäuscht zwischen den Decken und Kissen: Der Samstagseinkauf mit einem Frankfurter Würstchen beim Metzger auf die Hand und Schokolade am Stiel bei Edeka mit der klaren Ansage, den Kauf auf keinen Fall meiner schon eher gesundheitsbewussten Mutter zu verraten, war offenbar an widrigen Umständen gescheitert. „Nicht böse sein, Modeste.“, streichelte mein Vater mir auf dem Rückweg aus dem Bad über den Kopf. „Gehen wir halt zum Griechen.“ – Die Welt war wieder in Ordnung. „Versprochen ist versprochen!“, nagelte ich meinen Vater auf seiner schlaftrunkenen Ansage fest, und zog wieder ab, um die größte Playmobilstadt aller Zeiten weiter auszubauen, umzubauen, und dann alles wieder abzureißen.

„Ich dachte, wir gehen zum Griechen?“, bohrte ich nach, während mein Vater sich Müsli in einen Teller häufte, und sprang mit einem gewaltigen Satz auf die Küchenplatte, die mir so ungefähr bis zu den Schultern ging. „Nun lass mich doch erst einmal frühstücken.“, kam es ein wenig gequält zurück, und nach einigen Stunden, begleitet von regelmäßigen Anfragen nach der genauen Zeit des Aufbruchs, rasierte sich mein Vater und suchte im ganzen Haus nach seinem Autoschlüssel. Mit einer über Jahre gestählten Gleichgültigkeit gegenüber abhandengekommenen Schlüsseln, dem genauen Aufenthaltsort von meines Vaters Portemonnaie und seinen anderen Habseligkeiten, saß meine Mutter mit meiner kleinen Schwester auf dem Schoß im Wohnzimmer und blätterte in der Zeitung.

Ungefähr mit der Ansage: „Seid ihr noch nicht angezogen?“, tauchte mein Vater irgendwann aus jenen Untiefen wieder auf, in denen sich seine Schlüssel bis heute zu verbergen pflegen. Ich öffnete die Pforte zur Auffahrt, sprang auf den linken Rücksitz, und zehn Minuten später schloss mein Vater den Wagen auf dem Parkplatz des "Akropolis" wieder ab.

Wie es dem Betreiber des Restaurants Akropolis gelungen war, eine Baugenehmigung für die baulichen Veränderungen zu erhalten, mit denen er dem ursprünglich weißgekalkten Fachwerkbau ein eher hellenisches Aussehen zu verleihen suchte, mag der Teufel wissen: Rechts und links der Tür ragten zwei meterhohe, weiße, dorische Säulen empor und trugen ein gleichfalls weißes Vordach mit Götterstatuen obendrauf. Über jedem Fenster hatten die Betreiber einen Götterkopf angebracht, und in den Fenstern blinkten bunte Lampen in Plastikschläuchen, die sich wiederum um Götterstatuetten ringelten. Unter der Decke, aber das konnte man erst sehen, wenn man saß, hing ein Fischernetz mit lauter Plastikfischen drin, und große bemalte Amphoren lehnten in allen Ecken. An der Kopfseite des Schankraumes stand eine ungefähr lebensgroße nackte Person auf einer Art Füllhorn und schmiegte sich an eine Grotte, aus der Wasser in ein muschelförmiges Bassin plätscherte. Ich liebte das Akropolis.

„Und das Fräulein Modeste endlich auch wieder da?“, der schmierigste Kellner der ganzen Stadt reichte auch mir eine eigene Karte, obwohl er genau hätte wissen können, dass die Kunst des Lesens sich mir noch nicht erschlossen hatte. „Darf ich eine Cola?“, fragte ich meine Mutter, die nur stumm den Kopf schüttelte. Einen Apfelsaft also.

„Einmal die Grillplatte Akropolis. Und einen Halben Roten mit zwei Gläsern bitte.“, orderte mein Vater, und der Kellner schrieb die immer gleiche Bestellung auf einen dieser schmalen Kellnerblöcke, auf denen oben der Name einer Brauerei aufgedruckt ist, und unten etwas die Werbewirkung Bekräftigendes stand wie „Bierige Braukunst“ oder auch „Herzhaft frisch und würzig“. Auf dem Tisch warb ein Plastikaschenbecher für die Zigarettenmarke „HB“, und hinter den Fenstern zum See konnte man Ausflugsdampfer sehen, auf denen Familien hin und herfuhren, winkten und Kuchen aßen.

Ob die Grillplatte Akropolis wirklich so groß war, oder ob lediglich die Relation zwischen der beschränkten Größe einer fünfjährigen Person und der Fleischplatte den Eindruck übermäßiger Fülle erweckte, vermag ich nicht mehr zu sagen. Gleichwohl, groß war sie bestimmt, eine ovale weiße Bratenplatte, gefüllt mit Bergen von Gyros, Souvlakispieße waren drauf, alle möglichen gegrillten Fleischteile, Lammkoteletts und Hähnchenschnitzel, Unmengen Krautsalat mit ein paar versprengten Oliven dazu, Zaziki und Tomatenreis und Pommes Frites extra in einer Schüssel, auf deren Grund das schlangenstarrende Haupt der Medusa zu sehen war, näherte man sich dem Grund. Verzierungshalber lag an einer Seite der Grillplatte jeweils eine blütenförmig aufgeschnittene Tomate gefült mit hervorquellender Petersilie, wenn ich mich recht entsinne und die Dekoration nicht verwechsle mit jener, die das unweit gelegene, aber längt nicht so beliebte Restaurant "Dubrovnik" zu bieten hatte. Mindestens eine ganze rohe Zwiebel lag in Ringen über dem Ensemble.

Ob meine Eltern das "Akropolis" in der selben Weise schätzten, wie es bei mir der Fall war, mag ein klein wenig fragwürdig sein, gleichwohl, in schöner Regelmäßigkeit beschloss ich Mahlzeiten in Gesellschaft der gipsernen Göttern Griechenlands mit einer Portion Sahnejoghurt mit Honig und Nüssen, meine Eltern bekamen jeweils einen Ouzo, und wir bestiegen wieder den Wagen, den ein Jahr später, ein paar Tage vor meiner Einschulung, ein betrunkener Autofahrer auf dem Parkplatz von Peek & Cloppenburg komplett demolieren würde, und ein paar Jahre später war auch das "Akropolis" nicht mehr da.

Mittwoch, 8. März 2006

Aus einem schwarzen Stein gebrochen

Tiefer sinke ich, immer tiefer dem Schlaf entgegen. Die Dunkelheit umfängt mich wie warmes, brackiges Wasser, und ich falle der Nacht und den Träumen entgegen, die ihre Finger ausstrecken nach mir. Auf einmal aber schiebt eine Hand sich empor von ganz unten, aus dem Bodensatz der Nacht, und setzt einen schwarzen Traum ab auf meinen Dielen. Dichter wird die Dunkelheit, fester und schwer, und klumpt sich zusammen zu Schatten erst, zu Traumfleisch dann und Knochen.

Langsam und tastend, wie jemand in fremden, dunklen Räumen umhergeht, höre ich seine Schritte, recke mich angstvoll nach oben, versuche, dem Schlaf zu entkommen und dem Knacken des Bodens unter seinem Fuß. Die Hände aber, die nach mir greifen, die Müdigkeit in mir, sie sind stärker als ich, und ich falle wieder, gleite dahin, meinem Traum entgegen, dessen Schritte lauter werden, sicherer sein Gang, und ich höre ihn atmen.

Dass er verschwinden wird, öffnete ich nur die Augen, das weiß ich genau, aber ich kann nicht erwachen, ich sinke, falle immer weiter, und sein Schritt nähert sich dem Bett. Laut knacken die Dielen, sein Ärmel streift die rote Wand an meinem Bett, und ich kneife die Augen zu, um ihn nicht zu sehen. Aufwachen will ich, ihn zurückschicken dahin, wo er mich nicht fassen kann, aber immer tiefer wird mein Schlaf, und immer lauter sein Atem. Sprich, denke ich, und gib dich zu erkennen, obwohl ich weiß, wer er ist, und was er sagen wird.

Tief vergrabe ich meinen Kopf im Kissen, ziehe die Decke über mich, damit er mich nicht anfassen kann mit seinen kalten, feuchten Fingern. Er aber steht an der Wand, wartet auf mich, atmet, und ich höre sein Räuspern. Sprich endlich, fahre ich ihn an, damit ich antworten kann, und dich zurückjagen in die Hölle, aus der du kommst. Näher kommt sein Schritt, bewegt die Luft an meinem Bett, und als er sich setzt, als er seine Hand auf meine Schulter legt, öffne ich die Augen.

Du bist ja immer noch da, sage ich, und sehe ihm in die Augen, streife versehentlich sein weißes, blutleeres Fleisch, und er starrt an mir vorbei zum Fenster. Du hast mich gerufen, sagt er, und ich schüttele den Kopf. Du hast mich doch gerufen, beharrt er und streicht mir mit einem Finger den Unterarm aufwärts zur Armbeuge.

Verschwinde, schreie ich ihn an, reiße die Augen auf, und höre seinen Schritt leiser werden, sich entfernen, bis ich die Augen wieder schließe, und der Schlaf mich wiederum umfängt und sinken lässt, fallen lässt, und seine Hand wiederum nach meiner greift, wenn ich schlafe.

Sonntag, 5. März 2006

Die Einweihungsparty

„Kennst du den da drüben am Sofa?“, stößt mich mein Nachbar vor dem Tisch mit den vielen Flaschen an und misst sorgfältig drei Messbecher Triple Sec ab. „Nein? Musst du kennenlernen. Brillanter Kopf. 14 im Ersten, im Zweiten auch nicht weniger, und von seiner Diss kann man Depressionen kriegen, so als Normaldoktorand. Dabei ein richtig netter Junge, mit dem man auch mal gut sein Bier trinken kann. Seine Frau übrigens auch, feiner Kerl, da drüben vor der Badezimmertür. Die blonde mit der randlosen Brille. - Nein, die mit den kurzen Haaren. Mit der war ich ja im Referendariat, wir hatten eine richtig gute Zeit damals bei Schinder, Knochenbrecher & Partner im Referendarzimmer. Wäre nix für mich auf die Dauer, für den Job musst du ja richtig brennen, gell, aber so für’n halbes Jahr, sehr okay. Auf die Dauer tut’s aber auch ein kleinerer Laden. Ist auch nicht das schlechteste, mittelgroße Boutique, vier Standorte bundesweit. Im Berliner Büro sind wir nur zu fünft. In Berlin gibt’s ja nichts zu verdienen, da kommt alles von außen, das Geld, die Mandate sowieso. Lausige Gehälter an und für sich, aber Berlin kost' ja nichts.“

„Den werd‘ ich morgen verfluchen.“, deutet mein Nachbar auf den Inhalt des Cocktailshakers und rückt seine Brille gerade. „Das ging früher irgendwie besser. Heute hängt mir so ein Abend tagelang nach. So nett das ist, das kann man nicht jede Woche machen. Unter der Woche ist sowas sowieso nicht drin, da kommt man abends um neun aus der Kanzlei, und dann haut man sich nur noch aufs Sofa. Fernseher an, Zeitung, Glas Wein wenn’s hoch kommt, aber wenn man’s anders haben wollen würde, würde man ja, sage ich mir immer. Wir wohnen ja eigentlich mitten drin, da muss man ja nur aus der Tür.“, mein Nachbar deutet mit der Hand einmal vage Richtung Mitte, und gießt streng nach Rezept irgendwelche Säfte und Spirituosen in den Shaker.

„Schöne Wohnung haben sich die beiden gekauft, ganz modern, fehlt ein bißchen der Altbaucharme, aber die Lage wiegt das auf. Meine Güte, jetzt noch am Kollwitzplatz kaufen. Weißt du, was die gezahlt haben? Weißt du auch nicht. Würde ich auch nicht verraten an deren Stelle. Wir sind ja mit € 230.000 weggekommen, aber eben auch die Tram vor der Tür. Hat seine Vorteile. Hat aber auch Nachteile, besonders wenn man schlafen will.“

„Sieht irgendwie anders aus, als man's kennt.“, füllt mein Nachbar die rötliche Flüssigkeit aus dem Shaker in zwei Gläser und probiert. „Schmeckt aber nicht übel. Nicht ganz wie im fluido, aber schon in Ordnung. Kennt ihr das fluido? Seid ihr da oft? Da um die Ecke habe ich mal gewohnt, regelmäßig versackt in dem Laden. Schöne Zeiten waren das, 2001, 2002. Die hatten’s schon raus, ist ja auch deren Job. Für meinen ersten Cocktail aber nicht schlecht. - Cheers. Auf die Gastgeber.“

Wir stoßen an.

„Schöne Party ist das hier.“, meint mein Nachbar und deutet mit der Hand auf zwei Paare, die im Wohnzimmer knoten: „Wird sogar getanzt. Sollte man öfter mal machen.“

Donnerstag, 2. März 2006

Du meines Panthers Rosengang

Über Alkibiades aus Athen

Es ist kein gemessenes Schreiten marmorblasser, erhabener Gestalten, für das die Straßen der Akropolis, wie wir sie kennen, in jenen Jahrzehnten gebaut wurden. Stolz und heißblütig treibt Athen, glänzendes Zentrum der griechischen Welt, durch das fünfte vorchristliche Jahrhundert, in dem äußerster Ehrgeiz auf unendliche Möglichkeiten stößt, denn nichts von dem, was man denkt, sagt, aufschreibt oder ausprobiert, ist zuvor jemals gedacht oder getan worden. Ein lautes und übermütiges Lachen, ein Schrei von Lebenslust und Maßlosigkeit füllt das Zeitalter, das die Götter für seinen Wagemut beschenken mit einer Perfektion der Schönheit, der Grazie und der Eleganz, als könne kein Fehl sein an dem, was noch ganz ohne die Müdigkeiten späterer Saecula zu sein scheint, rund, spiegelnd wie polierter Marmor und makellos wie das Lächeln der Athene über ihre eigene Stadt.

Azurblau, grün wie der griechische Frühling, rosenrot und golden, prangend und saftig steht die Stadt in einer reichen, ebenso üppigen Natur, und nicht minder kräftig sind die Farben, die sie dem Leben ihrer Söhne verleiht, die sie mit aller Kraft der Unvernunft liebt, um sie bei dem kleinsten Anlass zu verstoßen, ganz, wie ein Kind ein Spielzeug zertritt. Göttlich ist nur der Sieger, kein Mitleid schlingt weiche Arme um einen Unterlegenen, und was wie die Fähigkeit zur raschen Verzeihung, zur schnellen Revision unverhältnismäßiger Urteile ausschaut, mag nicht mehr sein als eine lachende Gleichgültigkeit in jenen Zeiten, in denen die Schönheit noch zu neu war, um der Brechung zu bedürfen, und die Amphoren noch nicht leergetrunken, auf deren Grund erst spätere Zeiten die schwere Süße der Melancholie finden sollten.

Strahlende Sieger wünscht sich das Volk von Athen, Helden wollen die Dichter besingen, und stolz, schön wie die Statuen dieser amüsantesten aller Götterwelten, mit jener sorglosen Verfeinerung eines Adels, der mit dem Schwert in der Hand durch ein schwankendes, stets durch die Könige der Perser bedrohtes Griechenland zieht, männlich und kraftvoll, laufen die Besten der Athener durch eine Welt, in der das Gute und das Schöne ebenso eine Einheit bildet wie Soldatentum und Gedankenfülle, Sinnlichkeit, Ehrgeiz und eine Lust am Spiel, wie sie nur der Gott und der Desperado aufbringen.

Es ist die Mitte dieser Welt, das Herz Athens, das 450 v. Chr. jenen Mann gebiert, den das Zeitalter selber geträumt haben muss, um ihn in Fleisch und Blut über die Agora der Stadt zu schicken: Neffe und Ziehsohn des Perikles, Schüler und Geliebter des Sokrates, Schwiegersohn des Hipponikos, des reichsten Mannes der griechischen Welt. Geliebt, vergöttert, verführerisch durch Anmut, Schönheit und Geist, glänzend im Feld und von einer Wendigkeit, die wir bewundern müssten, wäre sie uns nicht ein wenig unheimlich, ein wenig tierhaft in ihrer Unbedenklichkeit und von einer Leichtigkeit, die der Folgenschwere fremd geworden ist, die unsere Schritte hemmt und begleitet.

Ob es die Sucht nach Ruhm und Siegen war, die Alkibiades verlasst haben mag, Athen in immer weitere Kriege zu treiben, oder die Einsicht, dass das in allzu kleine Stadtstaaten zersplitterte Griechenland auf die Dauer den Feinden von außen keinen Widerstand zu leisten vermögen würde? Oder ob die Unruhe selbst sich eines Unruhigen bediente, um Athen in ein militärisches Abenteuer um das reiche Sizilien zu treiben, an dessen Besitz die Hegemonie innerhalb der griechischen Welt hing? Hingerissen von der Beredsamkeit des Alkibiades jedenfalls zogen die Krieger der Stadt über das Meer, aber das Glück war woanders, und so sehr das Volk von Athen den Alkibiades vergöttert hatte, so sehr forderte es nun seinen Kopf. In Abwesenheit verurteilte man den Glücklosen indes nicht wegen der Erfolglosigkeit im Felde, sondern wegen eines Streiches, einer Übermütigkeit, von der noch heute keiner sagen kann, ob er sie wirklich begangen: Noch während der Vorbereitungen des Feldzuges nämlich waren eines Nachts allen Hermes-Figuren, die die bilderreiche Stadt schmückten, die Köpfe abgeschlagen, überdies hatte der gesprächige Alkibiades angeblich die Geheimnisse der eleusinischen Mysterien ausgeplaudert und im Kreise einiger Freunde Parodien der heiligen Handlungen gefeiert. Er solle sterben, beschloss also die Volksversammlung, aber dass der Verurteilte nicht nach Athen zurückkehren würde, um sich dort hinrichten zu lassen, dürfte auch die Zeitgenossen nicht besonders überrascht haben.

Statt nach Athen fuhr Alkibiades also nach Sparta, zum monarchistischen Erzfeind, gewann auch dort Einfluss, wurde mächtig, schloss ein Bündnis mit dem Perserkönig und besiegte Athen bei Dekeleia. Wiederum verurteilte die athenische Volksversammlung den Alkibiades zum Tode, allerdings galt auch diese Verurteilung wiederum einem Abwesenden, und so wurde auch aus diesem zweiten Todesurteil nichts.

Vielleicht hätte Alkibiades Sparta die entscheidenden Siege verschaffen können, vielleicht wäre schon in jenen Jahren eine der mächtigen Stadtstaaten der hellenischen Welt erst prima inter pares werden können, und schließlich ein einheitliches griechisches Reich entstehen können, das einen anderen Weg genommen hätte. Vielleicht wäre das Römische Reich nicht entstanden in einer schon aufgeteilten Welt, und geachtet und geehrt hätte Alkibiades als ein spartanischer Feldherr altern können. Maßvolle Vernunft aber war seine Sache nie, und so begann der Maßlose nicht nur eine Affäre mit der Frau des spartanischen Königs Agis II., sondern jene erwartete von dem fremden Feldherrn sogar ein Kind, und so erstarb auch diese Chance eines einheitlichen griechischen Großreiches im Schlafzimmer der Königin von Sparta, deren Untertanen nicht viel übrig hatten für derlei Umtriebe.

Vor den lakedaimonischen Verwicklungen floh Alkibiades weiter, geriet an den Hof des Persers Tissaphernes, Provinzstatthalter des Großkönigs, und wurde wiederum mächtig, spielte Spartaner und Athener gegeneinander aus, und kehrte schließlich als Gewinner politischer Wirren innerhalb der attischen Polis mit einigen Siegen an der Brust umjubelt nach Athen zurück.

Langsam aber wurde Alkibiades alt, und die Göttin Athene, die die Jugend liebte, wandte sich ab von ihrem Sohn. Die Elastizität, die der Jugend vorbehalten zu sein scheint, fiel von ihm ab, und die Fähigkeit, zu bezaubern, zu verführen, und auf Fortunas goldener Kugel durch Griechenland zu rollen, muss den Alternden verlassen haben, denn nur wenige Jahre später entzog das Volk von Athen Alkibiades endgültig seine Gunst, der ein paar Schlachten verloren hatte. Wiederum flüchtete Alkibiades, aber diesmal sollte das Glück nicht auf seiner Schulter die Stadt verlassen, und so wurde Alkibiades am Hofe des persischen Satrapen, zu dem der Vertriebe sich geflüchtet hatte, auf Betreiben der fast ungriechisch nachtragenden Spartaner ermordet. Das Bedauern der Zeitgenossen, hört man, soll sich in Grenzen gehalten haben.

Wir aber, die wir zwei und ein halbes Jahrtausend später dem saftvollen, strotzenden Frühling unserer Welt ein halb sehnsüchtiges, halb belustigtes Lächeln hinterherschicken, werfen mit ein wenig mehr Bedauern der ungebrochenen Kraft und der Maßlosigkeit jenes Unverschämtesten der Athener eine Kusshand hinterher und hegen keinen Zweifel, dass selbst der Hades ihm leicht sein müsse, und Persephone selbst ihm hinter den schwarzen Strömen goldene Äpfel reicht.

Montag, 27. Februar 2006

Die Vogelgrippe und der Fußkrebs

Ihnen, mein sehr verehrtes Publikum, habe ich heute eine traurige Mitteilung zu machen: Der geschätzte ehemalige Gefährte, der vielgeliebte, gutaussehende und amüsante J. liegt leider ausgerechnet an seinem heutigen ungefähr 31. Geburtstag im Sterben und wird, während ich diese Zeilen schreibe, in seiner Wohnung am Helmholtzplatz von der Vogelgrippe dahingerafft.

„Würdest du mich sehr vermissen, wenn ich tot wäre?“, röchelte es ungefähr vorgestern aus dem Hörer, und der J. erläuterte mit ersterbender Stimme alle jene Symptome, die zweifelsfrei auf das nahende Ende eines Opfers der Vogelgrippe hindeuten. Schnupfen zum Beispiel. Gliederschmerzen und so ein allgemeines Unwohlsein, ich könne mir das vielleicht nicht so vorstellen...ihm sei zum Beispiel ziemlich kalt, und nachts würde er schwitzen.

„Es ist noch kein Berliner an der Vogelgrippe gestorben.“, beruhigte ich den geschätzten ehemaligen Gefährten, und deutete an, dass auch jene harmlose Erkrankung, welche die Welt eine „Erkältung“ nennt, sich in jenen eher diffusen Symptomen äußert. Überdies, versuchte ich, meiner Stimme einen festen und überzeugenden Klang zu verleihen, gehöre es doch nicht zu den Gewohnheiten des J., engen Verkehr mit gefiederten Wesen zu pflegen. Habe der J. in letzter Zeit einen Schwan gestreichelt? Leben in seiner Wohnung von mir bisher unbemerkte Hühner? Wurden flüssige Eier geschlürft, oder infiziertes Wildgeflügel roh verschlungen? – Ich nähme seine Beschwerden nicht ernst, entgegnete leicht gereizt der J. und beendete das Gespräch. Am Abend indes war er immer noch am Leben.

„Mach dir keine Sorgen!“, wiegelte ich also die fortwährenden Befürchtungen des J. ab und erinnerte an eine Vielzahl möglicher Todesursachen in den letzten zehn Jahren, die sich samt und sonders als harmlose Erkältungen oder gar als Zustand völliger Gesundheit entpuppten. Selbst die regelmäßige prophylaktische Einnahme eines Antibiotikums über den Zeitraum mehrerer Jahre, mit dem man gemeinhin Lungenentzündungen bekämpft, erwiesen sich als außerstande, die Rossnatur des geschätzten ehemaligen Gefährten zu zerrütten, dessen Familienmitglieder alle steinalt werden, wenn es sie nicht gerade an den Alleebäumen seiner niedersächsischen Heimat zerlegt. „Erinnerst du dich an das Dengue-Fieber?“, halte ich dem J. einen besonders spektakulären hysterischen Anfall vor, der erst im Bangkok Nursing Home ein Ende fand, als ein streng blickender Arzt dem hyperventilierenden und kreidebleichen J. verkündete, er sei nach medizinischen Maßstäben gesund. „Hast ja recht.“, konzedierte der J., Abkömmling einer ganzen Dynastie von Hypochondern, und 24 Stunden vergingen, bevor ich erneut mit dem Gesundheitszustand meines geschätzten ehemaligen Gefährten konfrontiert wurde.

„Herzlichen Glückwunsch, Lieblings-Exfreund!“, gratulierte ich gestern nacht also dem J., und drückte ihm eine Flasche Sekt in die Hand. Von der Vogelgrippe war vorerst nicht mehr die Rede. Plaudernd und trinkend saßen wir also auf dem Sofa des J., und jener hustete ab und zu dezent zur Seite. Auf einmal aber wurde der J. still und betrachtete entsetzt seinen rechten Fuß.

„Ist irgendwas?“, fragte ich und schaute ebenfalls seine Füße an, an denen keinerlei Auffälligkeiten sichtbar waren. „Siehst du das?“, wandte sich der J. an mich und deutete auf den Spann. „Da ist doch irgendwie...diesen Höcker habe ich auf der anderen Seite nicht. Das fühlt sich auch ganz komisch an!“ – der J. betastete seine Füße und schaute mich sorgenvoll an.

„Fußkrebs, ganz klar.“, seufzte ich auf und hob mein Glas auf seine Gesundheit.



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