Dienstag, 10. Oktober 2006

Die fiktive Krankenschwester

Lügen, sagt man, hätten kurze Beine, womit der Volksmund in pointierter Form zum Ausdruck bringen will, dass früher oder später ohnehin jede auf Täuschung Dritter abzielende Unwahrheit auffliegt, was, wie wir alle wissen, aber maximal dann zutreffend sein dürfte, wenn man - wie ich - seine Ausreden ständig vergisst und zudem zu faul ist, die fiktive Seite seines Lebens einfach irgendwo aufzuschreiben. Man, und da liegt der Volksmund natürlich richtig, verplappert sich, verheddert sich in den straff gespannten Fallstricken zwischen Realität und Fiktion, man trifft gleichzeitig zwei Personen, die jede eine andere Version des Verlaufes irgendeiner Geschichte aufgebunden bekommen haben, von denen maximal eine stimmt, oder man - und dann wird es erfahrungsgemäß besonders schwierig - wird von dem Drang nach Wahrheit einfach übermannt.

Der Triumph der Wahrheit über die Lüge gilt gemeinhin als eine sehr moralische Sache, und darf wohl, hält man die Wahrheit für moralisch vorzugswürdig, selbst dann als überlegen gelten, wenn sie ihrerseits nicht originär moralischen Zwecken dient. Die K. etwa, eine Bekannte von Bekannten, treibt keineswegs die Wahrheitsliebe dazu, eine harmose Lüge gerade ziemlich zu bedauern, wenngleich doch immerhin die Liebe an sich die K. motiviert, allerdings nicht die Liebe zur Wahrheit, sondern schon eher die Liebe zu einem netten Herrn.

Diesen Herrn traf die K. vor einigen Wochen auf einer größeren Party, man unterhielt sich, die K. war übermütig gestimmt, trank viel zu viel Gin Tonic, und so verschwieg sie ihm kurzerhand ihren Beruf. Rechtsanwältin ist die K., und als Rechtsanwältin, wie niemand besser weiß als ich, hat man allen Grund zu seiner Profession möglichst zu schweigen, denn aus mir unbekannten Gründen empfinden Personen männlichen Geschlechts Rechtsanwältinnen als erotisch abstoßend. Krankenschwester sei sie von Beruf, behauptete deswegen die schon ziemlich angetrunkene K., und der nette Herr glaubte jedes Wort.

Man plauderte, man küsste sich sogar ein bißchen, man ging auseinander, und die vermeintliche Krankenschwester verbuchte den Abend als etwas hochstaplerisch, aber reizend, und hatte den Abend fast schon vergessen, als sie den netten Herrn wenig später ein zweites Mal traf. "Wie geht's im Krankenhaus?", fragte er sie, und sie musste einen Moment überlegen, bis ihr einfiel, dass sie ja Krankenschwester war.

Eine Richtigstellung war ihr gerade in bißchen peinlich, und so spann sie schnell irgendetwas zusammen, was ihrer Ansicht nach Krankenschwestern zu erzählen haben, und wechselte schnell das Thema. - Das Gespräch verlief ansonsten noch viel netter als das erste, man küsste sich wieder, man küsste sich weiter, und man verabredete sich für einen der nächsten Abende ganz gezielt.

Recht vielversprechend sieht es also eigentlich aus mit der K. und dem netten Herrn. Die Krankenschwester, die nicht existente Krankenschwester K., liegt der Rechtsanwältin K. allerdings nun schwer auf der Seele und die Wahrheit würgt in ihrem Hals. Denn was, so hat die K. allen Grund sich zu fragen, wird der nette Herr sagen, wenn er von der Täuschung erfährt? Wird mangelnde Wahrheitsliebe der K., allzu früh offenbart, ihn unverzüglich in die Flucht schlagen? Oder wird es das rechtsanwaltliche Berufsleben sein, was die weitere Bekanntschaft beenden wird? Oder empfiehlt es sich einfach, weiterzuschwindeln und Krankenschwester K. noch ein Weilchen am Leben zu lassen, bis die verkappte Rechtsanwältin K. dem Herrn so ans Herz gewachsen sein wird, dass er ihr die Täuschung verzeiht? Indes beschwindelt man doch ungern diejenigen, die einem lieb sind oder es gerade werden, und so ist die Situation der K. ganz insgesamt gerade keine besonders komfortable. Der Sieg der Wahrheit über die Lüge, so wünschenswert auch generell, erweist sich an der K. als individuell durchaus wenig angenehm, und so verdammt sich die K. gegenwärtig schrecklich für ihre anfängliche Schwindelei, was wiederum ja durchaus im Sinne derjenigen sein dürfte, welche zu moralischen Ansichten über Wahrheit und Lüge neigen, der Volksmund etwa, um noch einmal auf jenen zu sprechen zu kommen, der ja, wie bereits ausgeführt, ansonsten selten genug zu siegen weiß, und an der K. derzeit eines seiner raren Exempel statuiert.

Sonntag, 8. Oktober 2006

Ouverture

Hübsch ist das Mädchen nicht, an das ich mich erinnern kann, noch besonders anziehend. Ziemlich schnell in allem, was sie tut, fast ein wenig fahrig, nicht sehr gefällig, nicht besonders freundlich, auch nicht von der Offenheit, die meine Freundin N. anderen angenehm machte. Nicht so schön, nicht so glänzend wie die N. natürlich, der nachgeschaut wird schon mit 14. Mit kurzen, schwarzen Haaren auf dem Kopf laufe ich durch den Mittelstufentrakt der Schule, einer dicken Brille auf der Nase und bunten Sweatshirts an, die mir nicht stehen, weil sie viel zu weit sind, aber ich dachte, ich sei dick.

In der Pause stehe ichauf dem Raucherschulhof, ziehe an meinen ersten Zigaretten, Dunhill Methol, warum auch immer, und kaufe mir manchmal, wenn ich nach der Schule allein zu Hause bin, eine Tüte Erdnußflips und gehe mit einem ganzen Stapel Bücher zu Bett. Ich lese den ganzen Tag, manchmal die Nacht dazu, und schlafe ab und zu in der Schule ein, aber das ist mir egal. Schlecht in der Schule zu sein ist das einzige, was ich an mir cool finde, lässig, so lässig wie die N., die nur zu lächeln braucht, nein, nicht einmal zu lächeln, einfach nur da zu sein, damit Menschen sie mögen, aber statt der N. dankbar zu sein, dass sie mir Einladungen verschafft, die ich sonst niemals hätte, missgönne ich ihr die Aufmerksamkeit, die Gabe, geliebt zu werden, die Briefchen, die Anfragen, und die mühelose Kontaktaufnahme, die mir schwer fällt, so schwer, dass die wenigen Versuche, denen näher zu kommen, die ich verehre, so anstrengend werden für alle Beteiligten, dass sie schleunigst wieder eingestellt werden. Es wäre auch nicht viel dabei herausgekommen.

Der G. zum Beispiel, mit dem ich ab und zu Eis essen gehe und lange, etwas trübsinnige Gespräche führe. Der G. ist, wie jeder weiß, in die N. verliebt, die kein Herz hat für den armen Kerl, der viel liest, und nicht besonders sportlich ist, der kein vernünftiges Auto fährt, und ab und zu stottert, wenn er aufgeregt ist. Der G. wird zehn Jahre später glänzend promovieren, aber auch das würde der N. nicht imponieren. Die Neigung des G. zur N. ist hoffnungslos. „Was hält die N. von mir?“, fragt der G. viel zu oft, und ich sage irgendetwas, was ich vergessen habe, und komme gar nicht darauf, der Verliebtheit des G. durch einige gezielte Boshaftigkeiten ein Ende zu machen. Ein feiner Kerl sei ich, sagt der G., und mir zieht sich das Herz zusammen.

Die N. ist kein feiner Kerl, die N. hat an jedem Finger zehn, wie man so sagt, und spielt sie gegenseitig aus. Ab und zu lädt einer aus Frustration ihre Freundin ein, das bin ich, und spricht den ganzen Abend über die N., regt sich auf über ihre Unzuverlässigkeit, ihre Verlogenheit, die Unstetigkeit ihrer Gefühle, und möchte ein bißchen bemitleidet werden. Geliebt werden wollen sie nur von der N. „Dass du dich mit dem nicht zu Tode langweilst!“, lacht die N. mich aus, wenn ich mit G. zum Schwimmen fahre und den Bauch einziehe, aber der G. schaut mich nicht anders an als seinen kleinen Bruder.

Allein zu Hause vor dem Spiegel bin ich manchmal schön. Dann lächele ich dem Spiegel zu, drehe mich ein bißchen, schaue über die linke Schulter, über die rechte, lege den Kopf schief, und halte den Mund geschlossen, weil das besser aussieht, wenn man meine Vorderzähne nicht sieht. Die sind nämlich schief. In der Schule schweige ich selten. mein Mundwerk ist gefürchtet, und über meine Witze lacht man gern. Eingeladen werde ich immer öfter in den nächsten Jahren, gelte als schlagfertig, als amüsant und geistreich, wie man sagt, aber nicht als charmant, und geliebt wird man nicht für einen exakten Kopf, den der Lateinlehrer lobt, der auch Philosophie unterrichtet. Eingeladen werde ich oft, geküsst werde ich selten, und nie von denen, denen ich nachschaue, und mit denen ich befreundet bin, nicht mehr und nicht weniger. Trostpreis, beschimpfe ich mich laut, allein vor dem Spiegel.

Ich lächele zu wenig, sagt die N., und rede zu viel. Das mögen Männer nicht, wenn ein Mädchen so viel redet, und ich nehme mir vor, mehr zu schweigen. Das Schweigen aber fällt mir schwer. - Quantität sei nicht Qualität, tröstet die N. und rät zu dem S. oder zum K., nette Jungs seien das, aber in mich verliebt sich keiner, und ich mag sie auch nicht haben, selbst, wenn ich könnte.

Später werde das ohnehin alles anders, behauptet die N., und ich nicke wider besseren Wissens.

Samstag, 7. Oktober 2006

Fünf

Frau Gutemine hat gefragt:

1. 5 Dinge, die ich nicht habe, aber gerne hätte:

Tja, denken Sie, da lässt sich das Fräulein Modeste bestimmt irgendetwas angemessen Originelles einfallen und wünscht sich etwa einen Zwergwombat oder so, gern vielleicht auch einmal etwas ganz altruistisch Immaterielles wie den Weltfrieden. Oder dass die USA das Kyoto-Protokoll unterschreiben, irgendwie so, was ganz nebenbei auch noch in hoffentlich sehr sympathischer Weise zum Ausdruck brächte, dass Madame wie alle intelligenten Leute längst erkannt hätte, das Dinge, die man kaufen kann, nicht glücklich machen, wie man ja immer wieder hört.

In Wirklichkeit ist zumindest letztere Aussage ziemlich unzutreffend: Es gibt kaum etwas Frustrierenderes, als wenn man etwas kaufen will, und es nicht geht, weil es die Kleidungsstücke, die man kaufen will, nicht in der Kleidergröße gibt, die man nun eben einmal hat. Noch schlimmer, wenn die Lücke im Sortiment auch völlig zu recht besteht, weil die Sachen, die man eigentlich ganz gerne tragen würde, an schon eher dicken Frauen einfach schlecht aussehen. Noch schlechter, wenn einem auch bei längerer Überlegung keine als schön bekannte Frau des öffentlichen Lebens einfällt, die dicker ist, als man selber. Insofern: Kleidergröße 34/36. Und einen straffen Bauch.

Im Übrigen würde ich auch gern die Fähigkeit besitzen, Klavierspielen zu können, habe aber keine Lust, lange zu üben. Da der Klavierunterricht meiner Kindheit vollkommen fruchtlos an mir vorbeigegangen ist, und trotz mehrjähriger Qual nie auch nur ein einigermaßen angenehmes Ergebnis bei der ganzen Sache herausgekommen ist, habe ich da allerdings wenig Hoffnung. - Da ein Klavier in meine Wohnung auch gar nicht passen würde, hätte ich bei der Gelegenheit gern noch eine größere Wohnung. In die würde ich, glaube ich, dann gern ein Bild von Andreas Gursky hängen, die Photographien mag ich nämlich, obwohl die derzeit ja jeder mag, außer natürlich denjenigen, die nie mögen, was alle mögen, aber das ist ein anderes Thema.

2. 5 Dinge, die ich habe, aber lieber nicht hätte:

Familienangehörige in dieser Kategorie zu nennen, gilt gemeinhin als bösartig, nicht? Selbst dann, wenn einzelne Familienmitglieder wirklich ziemlich anstrengend sind? Und gern anrufen, wenn man sehr viel zu tun hat und wollen, das man irgend etwas kostenlos für sie macht? Sie schütteln den Kopf? Geht nicht? Okay....

Dann aber sozusagen statt dessen die mir völlig ermangelnde Fähigkeit, sich über den Rest der Welt einfach nicht aufzuregen. Ich rege mich immer auf. Ich bin aufbrausend und launisch, und wenn ich jemals privat Kinder oder beruflich Personalverantwortung hätte, würde es übel ausgehen, weshalb es wohl ziemlich gut ist, wenn diesbezüglich alles so bleibt, wie es ist.

Sehr gern los wäre ich natürlich auch die fünf Kilo Berufsspeck, die ich irgendwann dieses Jahr angesetzt haben muss, was wiederum mit dem stetigen Hunger korrespondiert, den ich immerzu habe, während Menschen, die ich kenne, den ganzen Tag nichts essen als Salat, und von mir um diese Fähigkeit heiß beneidet werden.

In diesem Zusammenhang wäre es natürlich auch sehr nett, nicht jedesmal komplett zusammenzubrechen, wenn irgendwo jemand auftaucht, der wesentlich besser aussieht als ich und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich verwandele mich in diesen Momenten jedesmal in jemanden, der sehr klein, sehr hässlich und sehr missgünstig mit verschränkten Armen irgendwo in einer Ecke steht und dabei sehr, sehr lächerlich wirkt. Das merkt zum Glück allerdings meistens keiner außer mir selbst, weil ja alle um die auftauchende Schönheit herumstehen und sich an ihrem Lächeln weiden.

Und Schlafstörungen natürlich. Ich wache jeden Morgen nach maximal sechs Stunden mit obskuren Träumen auf und fühle mich den ganzen Tag wie durchgekaut.

3. 5 Dinge, die ich nicht habe, aber auch nicht haben möchte:

Ein Kraftfahrzeug natürlich. Habe ich nicht und brauche ich nicht, ich bleibe Taxifahrerin aus Leidenschaft. Und - lassen Sie mich überlegen: Einen elektrischen Entsafter. Kinder. Ein Haus im Grünen. Und Cellulite hätte ich auch nicht so gern.

4. 5 Dinge, die ich habe und auch weiterhin haben möchte:

Meinen Job, den ich selbst dann noch mag, wenn ich nach 16 Stunden nachts um 1.00 aus dem Büro nach Hause falle. Mein Blog, auch wenn ich zu wenig Zeit habe, die Texte zu aufzuschreiben, deren Fetzen mir ab und zu durchs Hirn rauschen. Den geschätzten Gefährten natürlich, ohne den ich nicht einmal sechs Stunden pro Nacht schlafen könnte. Das Sofa, das ich mir letztlich gekauft habe, um darauf zu liegen, falls ich mal zu Hause bin.

Und Berlin. Sofern ich Berlin habe, und nicht Berlin mich.

Sammeln Sie das Stöckchen auf, wenn Sie möchten.

Mittwoch, 4. Oktober 2006

Logistik und Eitelkeit

Sollten Sie, meine Damen und Herren Berliner, im Laufe des morgigen Tages eine dicke Dame beobachten, die sich alle paar Sekunden hektisch und ein wenig fahrig durchs allzu dichte schwarze Haar fährt, dicke Haarsträhnen zwischen Zeige- und Mittelfinger klemmt, und vor jedem Spiegel anfängt, ihr Haar nach rechts und links zu schieben, und dann ein bißchen zu schnauben, weil es ja doch nicht besser wird: Sprechen Sie sich ruhig an. Es geht ihr gut. Da wäre nur....

.... die Sache mit den Haaren.

Wie die Fama weiß, wiegen allein meine Haare mehr als manches Model, welches sadistische Modeschöpfer über den Laufsteig schicken. Meine Haare sind schwarz, dick, erinnern nicht nur entfernt an das, was Pferden aus der Haut sprießt, und neigen überdies dazu, nicht glatt und seidig an den Seiten herabzuhängen, sondern strähnenweise abzustehen.

Dies wiederum bedingt, dass das schiere Wachsenlassen keine sonderlich vorteilhafte Alternative darstellt. Da ich auch nicht zu denjenigen Leuten gehöre, die überhaupt immer gut oder zumindest charming zerzaust wirken, gehen allzu lange Absenzen vom Friseur auch stets schwer zu Lasten meiner Gesamterscheinung, die ohnehin derzeit gewichtszunahmebedingt noch weniger meinen Vorstellungen entspricht als sonst.

Dann gehen sie doch zum Friseur, stöhnt es vernehmlich aus den Weiten des Internets. Überhaupt, so ächzt es weiter, sollten sie - also ich - endlich aufhören, ein seriöses Medium wie das Internet durch die Verbreitung ihrer rein privaten und im Maßstab welthistorischer Ereignisse extrem irrelevanter Probleme vollzumüllen. Beschäftigen sie sich endlich mit ernsthaften Dingen, schallt es mir aus den elektronischen Kanälen entgegen, denn meine Privatprobleme fände, wie man weiß, höchstens ich selber interessant.

Dabei, so antworte ich hiermit empört den anonymen Stimmen, ist es doch gerade die Beschäftigung mit ernsthaften Dingen, welche mich davon abhält, dem entwürdigenden und ästhetisch sehr, sehr demütigenden Zustand ein Ende zu bereiten. Nicht die Befüllung des Internets mit rein privaten Petitessen, nein, mein Broterwerb ist es, der mich davon abhält, endlich einmal zum Friseur zu gehen, denn diese Zunft pflegt ausschließlich zu Zeiten zu arbeiten, an denen diejenigen, die wie ich einer Berufstätigkeit nachgehen, in ihren Büros und nicht auf Friseurstühlen sitzen.

„Wann geht ihr eigentlich zum Friseur?“, fragte ich folgerichtig Kollegen, die schon länger berufstätig sind als ich, um herauszufinden, wie jene des Problems Herr werden, nur, um zu erfahren, dass der frühe Morgen sich anbiete, wolle man trotz Beruf halbwegs gepflegt durchs Leben schreiten. – Tätigkeiten, die am frühen Morgen auszuführen sind, verbieten sich mir indes eigentlich von selbst, zudem mag es dem Erfolg eines Friseurbesuchs abträglich sein, wenn die zu Frisierende während der Leistungserbringung einschläft. – „Na, Samstags“, sagten andere Stimmen, „musst halt nur rechtzeitig anrufen.“ – „Ich hasse Friseurbesuche!“, entgegnete ich dann, „und sehe überhaupt nicht ein, meine ohnehin allzu knappe Freizeit vor einem Spiegel zu verbringen, in dem ich immer bleich und ziemlich krötenartig aussehe, während die durchtrainiert-schlanke Friseurin M., halb so breit wie ich selber, vergeblich versucht, den Dschungel auf meinem Kopf in eine französischen Garten zu verwandeln.“

Ein paar Tage lang siegten so die Unlustgefühle am Friseurbesuch über die Unlust an der ausgewachsenen Frisur. Dann aber, da sich das Haareschneiden nicht ewig aufschieben lässt, wird, voraussichtlich morgen, doch angerufen werden müssen. Morgen allerdings sind die Samstagstermine höchstwahrscheinlich bereits ausgebucht, nichts geht mehr, und ich vertage den Friseur schlimmstenfalls gezwungenermaßen für eine Woche, während der die Haare munter weitersprießen, und wühle den ganzen Tag, den ganzen, verdammten Tag, in meinen Haaren herum, bis man mir solches verweist.

Und das sollten auch Sie tun, wenn Sie mich morgen so herumlaufen sehen, die rechte Hand im Haupthaar und die linke am Telephon, während ich vergeblich versuche, einen Termin noch für Samstag zu bekommen, und leicht hysterisch in das Telephon an meinem Ohr kreische, dass man mir das doch nicht antun könne, denn es handele sich um einen wirklichen Notfall, es ginge gar nicht mehr, nein, jetzt geht es auch nicht, aber bitte, bitte diesen Samstag... morgens, abends - egal wann, ja, hat ihre Kollegin auch schon - es ist aber wirklich dringend - nicht einmal, wenn jemand absagt? - Ja, dann rufen sie mich doch einfach an, danke - bitte - vielen Dank, tschüß.

Aufmerksamkeit

Sehr gern lese ich ja gelegentlich Texte aus diesem Weblog anderen Menschen vor, die sich zu diesem Zweck an öffentlichen Orten versammeln, wie erst letztlich, Sonntag nämlich in Wien, wo freundliche Wiener auch mir zuzuhören bereit waren.

Noch schöner für die eigene Eitelkeit ist es natürlich, wenn sogar andere Menschen meine Texte vorlesen mögen, zumal so ansprechend wie Herr Wrobel, der, unterlegt mit ein wenig Musik, diesen Text zum Anhören bei blog:read eingestellt hat.

Sehr gefreut.

Dienstag, 3. Oktober 2006

Anästhesie

Nein, sage ich, heute nicht, und nicht morgen. Ich bin doch völlig leer, mich haben sie doch ausgeräumt, durch mich fließt nur noch ein gleichmäßiges Rauschen, so ein Geräusch, als ob man im Radio keinen Sender findet. Ich habe heute keine Geschichte zu erzählen, vielleicht erzähle ich nie wieder eine Geschichte, weil ich doch alle Geschichten vergessen habe, und neue Geschichten passieren mir nicht, oder sie laufen so unbemerkt neben mir her. Ein schlechtes Gedächtnis hatte ich schon immer.

Vielleicht kann ich noch ein bißchen vor mich hin erzählen, ein wenig aus den alten Zeiten, die ich nicht vergessen habe. Das wäre gut, denn jeden Tag versinke ich weiter, ausgeschlagen mit einem weißen, gleißenden Nichts, mit einer Müdigkeit, die nicht mehr weggeht, weil irgend etwas kaputtgegangen ist, was mit Schlaf zu tun hat: Ein riesengroßer Motor, der den Raum füllt, in dem ich bin, und die Firma ist noch nicht gekommen, ihn abzuholen und zu reparieren.

Gar nicht schlecht ist die Leere, nicht übel fühlt sich das an, dieses leichte Gefühl des Schwindels, der von der Schlaflosigkeit kommt, die Widerstandslosigkeit und das gleichgültige Fließen. - Das ist mir egal, würde ich denken, wenn die Betäubung einen Moment nachließe, und lasse mich hierhin und dorthin schicken, wie ein Paket oder irgendetwas, was einfach nur da ist. Die Welt ist etwas ausgeblichen zur Zeit, ein wenig überbelichtet, die Wirklichkeit ein bißchen zu dünn, und sieht verzogen aus, irgendwie schief, und ich würde mich vielleicht wundern, aber statt dessen schließe ich nur hin und wieder die Augen und versuche mich an jemanden zu erinnern, der ich mal war, und der verschwunden ist, irgendwohin, vielleicht einfach aufgelöst oder verreist in ein trübes Zwischenreich zwischen hier und all den anderen Orten.



Benutzer-Status

Du bist nicht angemeldet.

Neuzugänge

nicht schenken
Eine Gießkanne in Hundeform, ehrlich, das ist halt...
[Josef Mühlbacher - 6. Nov., 11:02 Uhr]
Umzug
So ganz zum Schluss noch einmal in der alten Wohnung auf den Dielen sitzen....
[Modeste - 6. Apr., 15:40 Uhr]
wieder einmal
ein fall von größter übereinstimmung zwischen sehen...
[erphschwester - 2. Apr., 14:33 Uhr]
Leute an Nachbartischen...
Leute an Nachbartischen hatten das erste Gericht von...
[Modeste - 1. Apr., 22:44 Uhr]
Allen Gewalten zum Trotz...
Andere Leute wären essen gegangen. Oder hätten im Ofen eine Lammkeule geschmort....
[Modeste - 1. Apr., 22:41 Uhr]
Über diesen Tip freue...
Über diesen Tip freue ich mich sehr. Als Weggezogene...
[montez - 1. Apr., 16:42 Uhr]
Osmans Töchter
Die Berliner Türken gehören zu Westberlin wie das Strandbad Wannsee oder Harald...
[Modeste - 30. Mär., 17:16 Uhr]
Ich wäre an sich nicht...
Ich wäre an sich nicht uninteressiert, nehme aber an,...
[Modeste - 30. Mär., 15:25 Uhr]

Komplimente und Geschenke

Last year's Modeste

Über Bücher

Suche

 

Status

Online seit 7734 Tagen

Letzte Aktualisierung:
15. Jul. 2021, 2:03 Uhr

kostenloser Counter

Bewegte Bilder
Essais
Familienalbum
Kleine Freuden
Liebe Freunde
Nora
Schnipsel
Tagebuchbloggen
Über Bücher
Über Essen
Über Liebe
Über Maschinen
Über Nichts
Über öffentliche Angelegenheiten
Über Träume
Über Übergewicht
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren