Erinnerung
Wohlgeratene Texte, gutaussehende Autoren, ein, wie ich vernommen habe, hierzulande wohlbekannter Veranstaltungsort - eigentlich müssen Sie heute abend einfach kommen.
19.00 Uhr. Herbststr. 37. 1160 Wien.
Wohlgeratene Texte, gutaussehende Autoren, ein, wie ich vernommen habe, hierzulande wohlbekannter Veranstaltungsort - eigentlich müssen Sie heute abend einfach kommen.
19.00 Uhr. Herbststr. 37. 1160 Wien.
„Es sieht schlecht aus, meine Damen.“, resumiert die C. ein wenig vor sich hin und zerbröckelt einen dieser italienischen Kekse zwischen den Fingern, die man verpackt kaufen kann in herrlich bunt bedrucktem Papier. „Und ansonsten gibt das Angebot nichts her?“, frage ich, und versuche mich an andere Herren zu erinnern, die man bei Gelegenheit an öffentlichen Orten kennen zu lernen pflegt. „Naja...“, unterbricht die J. meine Gedanken. In weiten Kreisen der Bevölkerung erfreue sich eines gewissen Bekanntheitsgrades ja auch noch...
Die Canaille
Fragt man einen beliebigen netten Herrn nach demjenigen Freund, den er am meisten beneidet, so wird er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weder den Wohlhabendsten nennen noch den Erfolgreichsten, und noch nicht einmal den, der am besten ausschaut. Der vielbeneidete, weil vielgeliebte Freund jedes Mannes entspricht vielmehr einem Typus, dessen Anziehungskraft auf Umständen beruht, die nur als wahrhaft dunkel zu bezeichnen sind: Es geht um die Canaille.
Der Erfolg der Canaille beruht zumindest teilweise zwar zweifellos auf seiner Unverschämtheit. Auf die Idee, irgendjemand wolle sich nicht mit ihm treffen, kommt die Canaille nicht einmal, und so spricht auch die arbeitslose, haarlose und übergewichtige Canaille nur diejenigen Frauen an, die jeder ansprechen würde, wenn er denn den Mut besäße. Die Canaille würde auch etwa Kate Moss zu einem gemeinsamen Bier auffordern, die Dame zahlen lassen, und sich nach erfolgreichem Treffen einfach so drei Wochen nicht melden.
Die Canaille hält vielleicht einer alten Dame die Tür auf, junge Damen jedoch, so nimmt es die Canaille an, seien auf seine Hilfe nicht nur nicht angewiesen – sie wären unverschämt, Hilfe zu erwarten, und so taucht die Canaille alle paar Monate auf, frisst den Kühlschrank leer, verschwindet mitten in der Nacht, weil das Telefon klingelt, und sagt nicht, wer angerufen hat. Vielleicht borgt sich die Camaille noch Geld, vielleicht lässt sie sich aber auch nur ein paar Hosen bügeln – jedenfalls ist von der Canaille außer Ärger nichts zu erwarten, und so nimmt es rein nach den Gesetzen der Logik wunder, dass das Telefon der Canaille trotzdem immerzu klingelt.
Frauen würden geradezu schlecht behandelt werden wollen, zieht so mancher Mann seine Schlüsse aus dem unglaublichen Erfolg der Canaille, und versucht es seinerseits mit ein wenig schlechtem Benehmen. Indes scheint außer Rücksichtslosigkeit und einem ungehobelten Wesen die Canaille noch über einen zusätzlichen, schwer zu benennenden und absolut imponderabilen Charme zu verfügen, denn nicht jedem ist es gegeben, von Frauen für sein mieses Betragen geliebt zu werden.
Dass von der Canaille vor diesem Hintergund nur abgeraten werden kann, versteht sich beinahe von selbst. Versuche, die Canaille zu bessern, aus einem solchen Herrn aufrichtige und nachhaltige Gefühlsbezeugungen, Geschenke, die von Herzen kommen oder ähnliche angenehme Dinge herauszupressen, sind daher schon vom Anfang an zum Scheitern verdammt.
Und selbst wenn es gelänge: Was unterschiede die Canaille dann noch von einem normalen Mann, und würde sich nicht vielleicht sein Reiz in diesem Moment ins Nichts verflüchtigen?
„Es sieht wirklich nicht gut aus“, knurrt die C., und öffnet eine letzte Flasche Wein.
"Das hört sich ja gar nicht gut an.", schüttelt die C. den Kopf und verschwindet kurz in der Küche. "Niederschmtternde Aussichten, so alles in allem.", bestätige ich und helfe der C., einen Apfelkuchen aus der Form zu befreien, während die J. die Sahne schlägt.
"Ja, und das ist noch nicht alles.", versucht die J. den Mixer zu übertönen. Denn da sei ja beispielsweise auch noch
Das ewige Kind
Das ewige Kind ist bekanntlich derjenige Herr, der den einzigen Sinn der Vaterschaft darin sähe, auf der Stelle eine Carrera-Bahn kaufen zu können. Das ewige Kind kommt zudem schon zur ersten Verabredung zwanzig Minuten zu spät, um sodann den etwas ausgewachsenen Schopf zu schwenken und von seiner Playstation zu sprechen und diesem Wahnsinnsspiel mit Monstern, das er verdammt gern hätte, aber das leider sein Einkommen gerade ziemlich übersteigt, da er auch mit 38 noch irgendwo jobbt, bevorzugt in einer derjenigen Branchen, die irgendetwas Unbestimmtes mit Kunst, Film oder Medien generell zu tun haben, denn das ewige Kind plant, einmal groß herauszukommen, wenn es einmal erwachsen ist, was voraussichtlich allerdings vorm Eintritt ins Rentenalter nicht der Fall sein wird.
Ansonsten ist das ewige Kind ein passionierter Fußballspieler in Berlins Wilder Liga, und besucht in seiner Freizeit gern Clubs in Friedrichshain oder so, wo alle Anwesenden außer dem ewigen Kind maximal 22 Jahre alt sind. Da tanzt er ausgelassen und ekstatisch, beklagt ab und zu, wie viele Leute nur dem Ausweis nach jung sind, aber um drei nach Hause gehen, während er... Leider reagiert er äußerst allergisch, macht man ihn auf die 15 Jahre Altersunterschied aufmerksam, die zwischen den anderen Gästen dieser Tanzveranstaltungen und ihm selber liegen.
Gern verliebt sich das ewige Kind in eine jener reizenden jugendlichen Personen, die in derartigen Clubs zu verkehren pflegen, und unterhält sich hingebungsvoll über die Probleme, die der Erwerb des kleinen Scheines im Strafrecht oder der Gesellenprüfung des ehrbaren Handwerks des Schaufensterdekorationswesens bedeutet. Als Mann in durchaus mittleren Jahren, der gerade im Begriff ist, sich im mit einer fünfzehn Jahre jüngeren Person zum Trottel zu machen, sieht sich das ewige Kind selbstverständlich nicht, denn die jugendliche Geliebte ist ja in der Wahrnehmung dieses Herrn ungefähr so alt, wie er sich fühlt, und wie es im Übrigen auch seinem Einkaufsverhalten entspricht, was jeder, der dem ewigen Kind einmal eine halbe Stunde gegenüber gesessen hat, bereits an seiner Garderobe bemerken kann. Diese nämlich entspricht voll und ganz dem, was die einschlägige Presse der interessierten Öffentlichkeit als exorbitant angesagt für die nach 1980 geborenen Jahrgänge vorstellt.
Aus vorstehend ausgeführten Gründen ist die Gefahr, das ewige Kind versehentlich zum Gefährten zu wählen, bereits aufgrund des Paarungsverhaltens dieser Gattung so gut wie ausgeschlossen, zumindest dann, wenn man selber den 25 Geburtstag bereits gefeiert hat, und außerdem seit vielen Jahren nicht mehr dort verkehrt, wo das ewige Kind seine mittleren Jahre verbringt, bis der Türsteher ihn nicht mehr einlässt oder fragt, ob er in diesem Etablissement seine Tochter abholen wolle.
Das sei nicht lustig, knurrt die C. aus verschiedenen Gründen, und verschluckt zum Trost ein großes Stück Apfelstrudel fast unzerkaut und mit sehr viel Sahne.
Aber das ist noch nicht alles, lässt die J. vernehmen und trink ihre Kaffeetasse leer,
weswegen übermorgen Fortsetzung folgt.
"Schmeckt's?", fragt die C. und salzt den Rehrücken ein wenig nach. "Alles bestens.", bestätige ich, verteile großzügig eine dunkle Sauce mit rosa Pfeffer und Madeira über das Fleisch und ein luftiges Puree von Kartoffeln und Sellerie, und eine kleine Weile spricht niemand.
"Was ist denn nun an den anderen Herren falsch?", knüpfe ich an die Ausführungen der J. wieder an. "Leider auch unbrauchbar.", bestätigt diese, betrachtet eine Weile versonnen den dunkelroten Inhalt ihres Glases und fährt fort. Denn abgesehen von den durchaus eher lästigen Rettern gebe es da beispielsweise ja noch
Den armen Ritter
Mit dem Retter auf den ersten Blick leicht zu verwechseln, lebt der Ritter die Grundannahme seiner Entbehrlichkeit auf andere Weise aus. Rettet der Retter gern arme Hascherl vor dem Untergang, so hat der Ritter begehrenswertere Ziele ins Auge gefasst. Sein Blick heftet sich nicht auf die Fußkranken der ganzen Veranstaltung, sondern auf die Burgfräulein, die Prinzessinnen, die blonde Schönheit des Semesters, die strahlende Königin des 103, und errötend folgt er ihren Spuren.
Die Prinzessin allerdings hat für den armen Ritter wenig über. Irgendetwas, so weiß die Fama, entspricht am armen Ritter stetig nicht dem Ideal, welches die Prinzessin durch die Welt trägt, und so bleibt dem Ritter nichts weiter übrig, als sich in die Rolle des Haushofmeisters zu schicken, des Reisemarschalls, der Sparkasse, des Hausarbeits-Ghorstwriters zumal, und eigentlich aller Handwerker von Berlin, um sich auf diese Weise nützlich zu machen, denn als Ritter an sich, als nackter Mann sozusagen, interessiert sich die Prinzessin nicht die Bohne für den armen Kerl, der es trotz dieser sich mit zunehmendem Zeitablauf stetig verfestigenden Gewissheit nicht lassen kann, sich auch weiterhin so lange zum Haustrottel der Dame zu machen, bis sie ihn entweder erhört, oder aber jemanden anders so intensiv erhört, dass für den armen Ritter fortan keine Verwendung mehr besteht. Während man vom ersten Fall sozusagen noch nie gehört hat, bildet letzterer den Regelfall, nach dessen Eintritt der arme Ritter sich zumeist schnurstracks das nächste unerreichbare Ziel suchen wird.
Eines Tages aber, meist um den dreißigsten Geburtstag herum, wird der Ritter nachdenklich. Die Frauen seines Herzens erweisen sich als nach wie vor unerreichbar, beruflicher Erfolg hilft entgegen seinen Erwartungen auch nur in wenigen und zudem wenig verlockenden Fällen, und so kann es sein, dass der Ritter Schwert und Lanze der hohen Minne fallen lässt und sich erreichbaren Zielen zuwendet, die dann den Rest ihres Lebens mit dem wenig angenehmen Gefühl verbringen dürfen, den traurigen Kompromiss zwischen den Möglichkeiten eines Mannes und seinen Wünschen darzustellen.
Das geht natürlich überhaupt nicht, schüttele ich den Kopf und kratze das letzte Puree von meinem Teller. Aber da war doch noch mehr, meine ich mich zu erinnern, als ich mich das letzte Mal umgetan habe unter den Söhnen des Landes, da waren doch zum Beispiel...
diejenigen Herren, die erst morgen vorgestellt werden.
Ein Desaster in vier Gängen
„Mit den Männern“, hebt die J. das Glas, „bin ich ja fertig. Kein Herzblut, kein Herzklopfen, und nie, nie wieder am Telephon sitzen und warten. Mit der Liebe bin ich durch.“ – Die C. und ich schauen uns ein wenig betreten an und kauen ein wenig hilflos auf den saftigen Scheiben einer Forellenterrine herum.
„Ist ja vielleicht nicht das Schlechteste.“, relativiere ich ein wenig. „Abwarten, ein wenig Zeit ins Land gehen lassen, und dann kommt einer um die nächste Ecke....“ – Die J. aber schüttelt energisch den Kopf. Da käme nun nichts mehr. Wer jetzt als Mitglied der einschlägigen Jahrgänge noch nicht in festen Händen sei, der könne nicht oder wolle nicht, und ein ganzer Mann solle es im Übrigen schon sein, denn als Nebenfrau tauge sie erfahrungsgemäß herzlich schlecht, und der halbherzigen Lösungen sei sie mehr als überdrüssig.
Über dem Tisch hängt für einige Sekunden eine düstere Wolke verlegenen Schweigens. „Nette Männer gibt’s doch immer.“, tröstet die C., aber die J. ist nun, beflügelt von dem zweiten Glas Weißburgunder, nicht mehr zu halten. Nein. So sei das eben durchaus nicht. Was nun noch, jenseits des dreißigsten Lebensjahrs verfügbar sei, sei den durchaus weniger amüsanten Kategorien der Männerwelt zuzuordnen. – „Und die wären?“, frage ich und knete ein wenig an dem Wachs herum, das am Kerzenhalter der Tischdecke entgegenläuft.
Da sei, hebt die J. an, ja zum Beispiel
Der Retter
Der Retter, wie man weiß, nimmt sich gern junger Damen an, deren Leben irgendjemand bei Gelegenheit einmal in Ordnung bringen sollte. Probleme, die jeden anderen in die Flucht schlagen würden, ziehen den Retter daher magisch an. Hört der Retter beispielsweise von einer Person, die schwere Neurosen, gern eine lange und vergebliche Therapiegeschichte, vielleicht das eine oder andere Suchtproblem oder etwas ähnliches aufzubieten hat, so zittern seine Nüstern, sofort lässt er sich Telefonnummern geben, und wird die nächsten Jahre mit dem Versuch zubringen, die Dame wieder auf die Hinterbeine zu stellen.
Das allein legt bereits die Vermutung nahe, der Retter trage einen kleinen Komplex mit sich herum. Tief vergraben in dem schlammigen Grund seiner Seele hält der Retter sich nämlich für kein sonderlich liebenswertes Wesen, das seine Anwesenheit im Leben von weiblichen Personen deswegen nur durch seine Nützlichkeit zu rechtfertigen in der Lage sei, und was könnte nützlicher sein als eben die Rettung?
Eine noch etwas anstrengendere Unterart des Retters rettet gern Frauen, die sich an sich - und für den Rest der Welt nur allzu offensichtlich - auch selber recht gut zu helfen wissen. Da hier wenig gerettet werden muss, und kein über die Ufer getretener Lebenslauf wieder in ein sanft begradigtes Bett zurückgeleitet werden braucht, muss der Zustand der Rettungsbedürftigkeit in jenen Fällen erst einmal herbeigeführt, oder doch zumindest herbeigeredet werden. Der Retter neigt also zum Pathologisieren. Gern tröstet er verlassene oder sonstwie unglückliche Frauen, findet die abenteuerlichsten Ursachen für das Scheitern verschiedenartigster Projekt in der zarten, aber schadhaften Seele der jeweiligen Frau, von der ohnehin mehr, als die meisten Damen es schätzen, die Rede ist, und empfiehlt einen guten Therapeuten, denn man müsse die Vergangenheit bewältigen, um nach vorne schauen zu können, wo das wahre Leben wartet – mit letzterer Aussicht meint der Retter indes in Wirklichkeit lediglich sich selbst.
Der Retter ist also anstrengend. Der Retter geht daher gar nicht, schließt die J. ihre Ausführungen und erntet ein zustimmendes Nicken rund um den Tisch. - Natürlich sei der Retter, schenkt die C. Wein nach, kein attraktives Modell. Indes seien die Retter ja glücklicherweise nicht allein auf der Welt,
so dass Fortsetzung folgt.