Donnerstag, 16. Juli 2009

Lorelei und Friedrichshain

Die kleine Schwester der H. sieht richtig gut aus. Wie die H. ist sie bestimmt 1,80 groß, sehr, sehr schlank, aber anders als die H. investiert sie dermaßen viel Zeit in ihr Aussehen, dass sie nicht nur ganz gut, sondern so phantastisch schön aussieht, dass allein ihr Herumgehen in Friedrichshain letzte Woche ausgereicht haben soll, einen jungen Mann ins Verderben zu reißen.

Man muss sich also die kleine Schwester vorstellen, wie sie irgendwo am Boxhagener Platz von der Bahn zu einer Verabredung geht. Rundherum ist alles so ein bißchen räudig, lauter Bars mit billigen, bunten Getränken zu Absturzpreisen, und die Jugend aller fünf Kontinente feiert den Sommer, die Ferien und die Sorglosigkeit vor dem 20. Geburtstag mit viel, viel Alkohol und noch mehr Lärm. Die meisten jungen Mädchen dort rund um die Simon-Dach-Straße herum kommen aus England oder Australien und sind ein bißchen zu dick und ein wenig zu ausgezogen, als dass man diesen Umstand übersehen könnte, und es mag sein, dass es der Kontrast zwischen jenen und der kleinen Schwester war, der das gute Aussehen der Schwester noch ein wenig vorteilhafter herausgestellt hat. Vielleicht war es auch die einbrechende Dunkelheit, die sinnenverwirrende Hitze zwischen den Häusern, mag auch sein, es habe der junge Mann auch schon ein wenig getrunken, jedenfalls kam er auf dem Fahrrad angefahren, starrte die kleine Schwester an und verlangsamte sogar ein bißchen. Ein wenig geniert (sagt sie) sah die kleine Schwester weg.

Für einen Moment verdeckte die Straßenbahn die kleine Schwester der H. Möglicherweise hielt der junge Mann in diesem Moment an, das weiß man nicht genau. Jedenfalls war er, dabei ist die Berliner Tram nicht schnell, noch auf gleicher Höhe, als die Straßenbahn vorüberfuhr und den Blick wieder freigab auf die andere Seite der Straße, die kleine Schwester und ihr gutes Aussehen. Noch immer, oder vielmehr erneut, starrte der junge Mann sie an. Immerhin kam er der kleinen Schwester nicht hinterher, sondern fuhr weiter, weiter, und schließlich vorbei.

Die kleine Schwester verlangsamte. Es ist nicht lustig auf zehn Zentimetern Absatz herumzugehen, nach einigen Minuten schmerzen die Ballen, die Riemchen schneiden ins Fleisch, und dann muss man sehr zurückhaltend auftreten, sonst tut man sich weh. Die kleine Schwester schlich also ein paar Meter vorsichtig die Straße entlang. Mit der einen Hand grub sie in ihrer Tasche nach ihrem Telephon, mit der anderen hielt sie die Tasche geöffnet, und weil sie auch in die Tasche schaute, denn vielleicht war das Telephon ja besser zu sehen als zu ertasten, sah sie nicht hin, als es plötzlich knallte. Der junge Mann war in die Straßenbahnschienen gefahren. Dann war er umgekippt.

Die kleine Schwester zögerte nur ganz kurz, bevor sie loslief. Zum einen kann man auf Sandaletten nicht richtig laufen, zum anderen meidet man möglicherweise Irrsinnige selbst dann lieber, wenn sie Unfälle haben und auf der Straße herumliegen. Die kleine Schwester aber ist gutmütig, überquerte die Straße und half erst dem jungen Mann und dann seinem Rad auf. Der junge Mann stand also neben ihr, klopfte seine Jeans ab, griff nach seinem leicht lädierten Rad, bedankte sich, stotterte ein bißchen und fuhr wieder los. Einige Meter später jedoch wurde er langsamer, kehrte um und hielt erst vor der kleinen Schwester wieder an. Ob sie ...?, fragte er. Ob nicht. Oder ob? - Denn ein wenig peinlich war ihm das Ganze wohl schon.

Außerordentlich schön sei die kleine Schwester, erläuterte er seinen Vorstoß. Umgedreht habe er sich nach ihr, denn so schön seien regelmäßig keine Leute, die öffentlich auf Straßen herumgehen, und so sei er, das habe sie ja gesehen, beim Schauen des Weges verlustig gegangen, denn auf eins nur könne man achten, auf die Straße oder eine schöne Frau, und so hätten nun er und sein Rad jeder einen kleinen Schaden davongetragen. Kleine Schäden aber ziehe man sich nicht umsonst zu, mit kleinen Schäden bezwecke das Universum meist etwas, und in diesem konkreten Fall sei der kleine Schaden doch in offensichtlicher Weise zur Kontakaufnahme bestimmt gewesen, denn andernfalls wäre er längst jenseits der Frankfurter Allee und die schöne Schwester an einem ebenfalls anderen Ort. Dem Universum aber dürfe man sich nicht widersetzen, und so sei die Bekanntschaft fortzusetzen. Da aber schöne Frauen sich nicht auf der Straße mit wildfremden Leuten zu verabreden pflegen, sondern ein wenig Bedenkzeit benötigten, schreibe er seine Telephonnummer auf. Dann werde er warten.

"Und?", frage ich die H. und bestelle noch ein Glas Ombrino. - Sie habe ihn wirklich angerufen, erfahre ich. Man sei verabredet auf Dienstag in der Mensa. "Dann hat er ja Glück gehabt.", kommentiert der Dritte am Tisch den Bericht. "Kommt ganz darauf an.", schüttelt die H. den Kopf und lacht. Ihre Schwester sei - mehr wolle sie dazu nicht sagen - ein wenig schwierig.

Montag, 13. Juli 2009

Montagmittag

Meine Verabredung verpasst eine Bahn und lässt auf sich warten. Zehn Minuten werde es noch dauern, erfahre ich per SMS. Unter Bäumen, an der Hauswand geschützt vor kühler Luft, blättere ich ein wenig in der Zeitung, amüsiere mich über den anlaufenden Wahlkampf, überdenke meine Speisewahl dreimal hin und her, bis ich wieder beim Hühnchen bin, und trinke Tee.

Rund um mich herum wird das Wochenende ausführlich besprochen. Eine große, blonde Frau, vielleicht 25 und so dünn, wie ich so gern wäre, redet schräg vor mir einer kleinen, rundlichen Hübschen mit Grübchen und schwarzen Augen einen Mann aus. Der sei doch unf***bar, erfahre ich, und habe zudem weder Geld noch Geschmack. Die Kleine schaut ein wenig betrübt in ihr Essen. Vermutlich stapeln sich bei ihr zuhause nicht gerade die attraktiven Angebote, so dass es doppelt schade ist, wenn das, was kommt, sich in befreundeten Augen wenig ansehnlich ausnimmt.

Neben mir dagegen geht es erst um ein Konzert und dann um Peer Steinbrück. Die beiden Männer, die sich über eine Band unterhalten, die ich nicht kenne, scheinen einen Sonnebrillencontest auszufechten, bei dem es darum geht, dass der mit der größten sonnbrillenverdeckten Fläche bezogen auf das Gesamtgesicht gewinnt. Elementar, höre ich, sei die Band und das Konzert, das jene am Samstag gegeben habe. Die Parteifreunde des amtierenden Finanzministers dagegen seien - ich horche auf - Hosenscheißer, wie der Mann mit der Gewinnerbrille dem anderen mitteilt. Als das Gespräch sich dem Fußball zuwendet, verliere ich das Interesse.

Vom Tisch mir gegenüber höre ich nur Fetzen. Hier sitzen drei Frauen, erzählen sich etwas halb hinter vorgehaltener Hand und lachen ab und zu plötzlich ziemlich laut, um dann alle auf einmal wieder zu verstummen. Cremig, verstehe ich erst und dann einige Sekunden später Stachelbart. Einen konkreten Anlass zur Heiterkeit scheint es aber gar nicht zu brauchen, denn als der Kellner kommt und den drei Frauen Essen bringt, brüllen alle drei (fast identisch gekleidet mit Tuniken, bunten Leggings, Riesentüchern und Sonnenbrillen) synchron los, während der Kellner die einzelnen beladenen Teller auf den Tisch stellt.

Inzwischen bin ich ein wenig ungeduldig, schreibe E-Mails und telefoniere ein bißchen mit der B., die heute Geburtstag hat. Sie sitze bei ihren Eltern im Garten, erfahre ich. Sie esse Kuchen. Kuchen würde ich auch ganz gern essen, zumindest würde ich irgendetwas gern essen, denn gefrühstückt habe ich nicht und das Abendessen ist sechzehn Stunden her. Damit es ein wenig schneller geht, bestelle ich schon einmal für mich und außerdem das, was meine Verabredung eigentlich immer isst, schaue noch ein bißchen ungeduldiger auf mein Telephon, weil ich sonst keine Uhr dabeihabe, und klopfe schon fast vor Unruhe auf den Tisch, als fast gleichzeitig das Essen und meine Verabredung erscheinen.

"Hey!", sage ich und greife nach meinen Stäbchen. "Wie war dein Wochenende?"

Sonntag, 12. Juli 2009

Auf einem Boot nach Westen

Heute nacht am Lido ein Boot bestiegen, und der Himmel war so gläsern und rein wie heute morgen früh um fünf auf dem Weg nach Haus. Die Glocken läuteten mir zur Abfahrt von einem der Campanile, und mit einem Ruck bäumte das Boot sich auf und schoss an Chioggia vorbei, der Adria entgegen. Vielleicht fuhr ich heute nacht auf das offene Meer.

Feingliedrig war der Fährmann, hübsch und schön, und stand mit freiem Oberkörper am Steuer, umweht von spritzendem Wasser und Salz. Hinter dem Fährmann saß ich mit untergeschlagenen Beinen, und mit mir noch andere, drei oder vier, die raunten sich leise etwas zu, was ich nicht verstand. Die anderen Reisenden, fiel mir auf, wirkten bedrückt.

Unsinnig fröhlich war dafür ich, zog mich übermütig an den Planken des Bootes hoch und hielt meine Hand in die Gischt. Aus Trotz jubelte ich die anderen an, die dicht gedrängt nebeneinander mehr lagen als saßen. Sie wirkten löcherig, durchscheinend irgendwie und ein wenig faulstichig und braun. Verärgert wand ich mich ab.

Neben dem Fährmann stand ich dann einige Zeit, sah der Sonne entgegen und blinzelte in das strahlende, weiße Licht. Das Salz bildete Krusten auf meinen Füßen, die Sonne wurde heißer, kam näher, und leckte mit hitzigen Zungen mir über die Haut. Ganz nahe waren wir schon am Ziel, immer aufgeregter wurde ich und winkte dem Ufer zu, an dem ein paar Männer in hellen, sommerlichen Anzüge standen und auf die Uhr sahen, als sei das Boot schon zu spät.

Man reichte mir ein Glas, als ich ankam, aus dem ich durstig trank. Man warf mir eine Art Tunika über, denn ich war (das war mir entgangen) nackt. Schließlich geleitete man mich den Strand hinauf bis zu Bäumen, in deren Schatten ich bleiben würde, vorerst, umweht von Kühle, umgeben von rankendem Grün, Moos und rauschenden Blättern am Ende der See.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Begegnung auf der Straße

Ich erkenne ihn von weitem. Besser sieht er heute aus als mit 18, als er allzu dünn war und ein bißchen hektisch. Schlank ist er noch immer. Auch sein Haar ist noch voll. Er trägt noch immer dieselbe Frisur wie 1995: Das blonde Deckhaar lang über dem kurz geschorenen Nacken.

"Du hast dich kaum verändert.", sage ich, als er vor mir steht. Er wehrt mit der Hand ab, klopft sich auf den Bauch, lobt meine Kleidung (aber nicht mich) und fährt sich mit der selben Bewegung wie vor fast 15 Jahren durchs Haar.

Er ist nur für ein paar Tage in Berlin, beruflich. Gerade kommt er von einem Meeting, jetzt will er zur C⎮O Galerie im Postfuhramt. "Wie geht es dir? Was machst du?", frage ich, und er erzählt von der Consultancy. Fünf Jahre sei er jetzt da. Länger als üblich. "Nicht so besonders originell.", entschuldigt er sich und lacht. Er hat recht: Meine halbe Abschlussklasse war oder ist Berater.

"Erzähl mal was von dir.", fordert er mich auf, und ich überlege. Viel gibt es da nicht zu berichten. Mein Job. Meine Wohnung im Prenzlauer Berg, Freunde, die auch viel arbeiten, und wenn wir es schaffen, sitzen wir irgendwo herum und essen und trinken Wein. Ab und zu gehe ich gern irgendwohin. Ansonsten keine Hobbies, keine Kinder. Zwei Katzen. Ein Freund. Er lacht. Wir mochten uns ganz gern, damals, erinnere ich mich und überlege, mit wem er befreundet war. Im Latein-Leistungskurs saß er schräg hinter mir. Ich glaube, wir haben uns auf dem 18. Geburtstag meines Freundes T. geküsst, damals, als man sich noch küsste, wenn man auf Parties ging.

"Bist du glücklich geworden?", fragt er auf einmal und unterbricht meine Überlegung. Ich bin überrascht. Als ein wenig peinlich empfinde ich diese Frage. Als ein bißchen zu pathetisch, ein wenig zu persönlich dazu. Woher soll ich das wissen, schießt es mir durch den Kopf. Keine Ahnung, hätte ich fast gesagt. Ich habe lange nicht gefragt. "Gut geht es mir.", sage ich daher und lächele so breit, wie ich es aus dem Stand hinbekomme. Das stimmt, wie ich weiß.

Aber es ist nicht dasselbe.

Montag, 6. Juli 2009

Alles anders

Wäre ich (und auch das wäre denkbar) etwa jemand, der etwas anderes könnte, als das, was ich kann, dann wäre ich jetzt nicht daheim. Ich würde nicht am Schreibtisch sitzen, gerade um kurz vor zwölf von der Arbeit heimgekehrt, sondern säße vielleicht irgendwo am Wasser auf einem Stein. Die Beine würde ich in einen See tauchen. Ich hätte einen Badeanzug an, in dem ich großartig aussehen würde, denn fabelhaft schlank wäre ich natürlich auch.

Ich hätte eine Gitarre bei mir, denn ich wäre gern ein wenig musikalisch. Ich würde singen, denn auch das könnte ich gern. Rund um den See stünden schwarz die Bäume, niemand wäre am See außer mir, und wenn ich singe, wenn ich die richtigen Worte finde, die richtigen Töne in der richtigen Reihenfolge, löste sich aus den Wassern, aus dem Wald und der Nacht die Seele des Sommers, drängte sich mir eng an die Seiten und sänge mit mir bis morgen früh und weiter, und der große Pan selbst bliese die Flöte, bekränzt mit Löwenzahn, Mohn und Rosen, ja: Rosen.



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