Sonntag, 20. Februar 2011

Journal :: 19.02.2011

Es gehört zu den vielen Vorzügen des Grill Royal, dass die Gäste - das ist selten in Berlin - nicht absichtsvoll aussehen, als hätten sie absichtslos irgendwas angezogen, was gerade an der Leine hing, und so schaue ich mich ein wenig um und begutachte Kleider, Handtaschen, Schmuck und Frisuren. Ab und zu versuche ich zu schätzen, was die Frauen wohl wiegen, die an mir vorbei in den Raucherraum laufen, und versuche auf der 1 bis 100 Skala des guten Aussehens der weiblichen Gäste meinen ungefähren Standort zu bestimmen, schäme mich ein bißchen für diesen Akt lächerlicher Eitelkeit und esse weiter.

Weil ich am Freitag nach langen, rauchfreien Wochen wieder geraucht habe, rauche ich Samstag nicht, trinke ziemlich langsam zwei Gläser von dem ganz guten Cygnus, den sie hier haben, und schaue ein bißchen herum. Wäre das kein Steakhouse, bleibe ich an einem Paar vor den Kühlschränken hängen, würde ich den Mann für Jonathan Safran Foer halten, aber wenn ein Vegetarier einmal sündigt, dann vermutlich nicht gerade am öffentlichsten Ort Berlins. Eine Frau am Tresen von vielleicht 40 mit langen, schwarzen Haaren trägt ein wunderschönes Kleid von Kenzo, das ich letztes Jahr fast einmal anprobiert hätte, eine andere sehr schöne, sehr hochgewachsene blonde Frau hat ein graues, gerafftes Kleid von einer französischen Designerin in Mitte an, von der ich auch zwei Kleider habe. Dem Mann am Nachbartisch dagegen sollte mal jemand sagen, dass seine Uhr barbarisch aussieht. Unablässig läuft am Tresen vorbei Helene Hegemann zum Rauchen und zurück. An ihrer Stelle würde ich mir das Essen in den Raucherraum bringen lassen, geht es mir durch den Kopf, aber das ist vielleicht gar nicht erlaubt oder es gefällt ihr einfach aus so einem gewissen Bewegungsdrang heraus, den ganzen Abend durch das Lokal zu spazieren.

Mit dem J. diskutiere ich ein bißchen hin und her, was man noch so machen könnte, Samstag nacht, und ertappe mich bei dem Gedanken an eine Tasse Tee und das fast ausgelesene Buch in meinem Bett. "Es geht um zwei New Yorker Messies, von denen einer blind ist.", berichte ich dem J. die ungefähre Exposition des Werkes. Der J. nickt leicht abwesend und schaufelt weitere Bohnen auf seinen Teller. Aus Bequemlichkeit bestellt der J. in den meisten Restaurants immer dasselbe, im Alt Wien um die Ecke also beispielsweise immer das Schnitzel, im Pappa e Ciccia immer Vitello Tonnato und danach Pasta mit Ragù, und im Grill sind es gebackene Kartoffeln, Bearnaise, 250 g Filet, davor der Salat mit den Frischkäsebällchen und danach die Crème brûlée. Ich esse heute Schnecken. Filet Tagliata und den Schokokuchen von der Tageskarte.

Ich gähne. Gegen Ende der Berlinale ist die ganze Stadt schon eher ziemlich müde, das gilt auch für mich. Die Vereinbarkeit von Berufs- und Nachtleben, sage ich dem J., ist ein zu Unrecht vernachlässigtes Problem. Nach Hause aber will ich nun doch nicht fahren, vielleicht besser irgendwo in braunen Clubsesseln liegen, ein Gin Tonic in der Hand, ein Crémant möglicherweise, eine heiße Schokolade eventuell und sehr, sehr langsame Gespräche führen über möglichst belanglose Dinge. Zusehen, wie das Eis in den Gläsern schmilzt.

Am Ende aber dann doch keine Sessel, am Ende in der King Size Bar, ganz am Ende und eine Taxifahrt später dann daheim und mit der Zahnbürste im Mund vor dem Spiegel stehen, der keine Antworten gibt, wenn man ihn fragt, wer denn die Schönste ist im ganzen Land auf einer Skala von 1 bis 100.

Sonntag, 6. Februar 2011

Vom Äffchen

Es ist dunkel. Zwischen Vorhang und Fenster klafft ein schmaler Spalt. Milchiges Licht dringt matt in den Raum, und der J. atmet so leicht und leise, als schleiche er auf Socken, auf Zehenspitzen gar durch die Wälder des Schlafs. Es ist Sonntag, noch nicht einmal sieben.

Ich liege wach. Dem letzten Traume spüre ich nach: Soeben war ich doch noch ...? Zimt, fällt mir ein. Kardamom. Silberne Karaffen. Etwas wie ein Äffchen, ein kleines, behendes Tier jedenfalls, spielt eine Rolle. Flinke, lange Arme sehe ich vor mir. Rötliches Fell. Runde, furchtsame Augen blinzeln mich an, eine Affenhand streckt sich erst aus, zieht dann zurück und schon zittert das Äffchen eine Sprung weiter im schwärzlichen Schatten am Schrank. Angst hat der Affe, springt hin und springt her, wieselt um die Lampe, hält sich an der Stuckrosette fest, am Kabel, sitzt auf den Dielen und ist aus der Tür. Gleich schreien Katzen.

Ich schließe die Augen. Warm ist es unter der Decke, es riecht nach Schlaf und nach Nacht. Schon döse ich ein, schrecke dann auf, höre Geräusche und Schritte. Das Äffchen scheint im Wohnzimmer zu springen, kratzt wohl am Schrank. Etwas scheppert, Glas vielleicht, es raschelt. Eine Jagd stelle ich mir vor. Gefleckte, gefährliche Tiere, Dampf und Dschungel. Speere und Blut.

Hinter mir aber murmelt der J. und zuckt mit den Füßen. Bestimmt ist das Äffchen in seinen Schlaf geschlüpft, auf der Flucht vor den geifernden Katzen und sitzt voller Angst in den Träumen des J. "Komm her!", locke ich das Äffchen, das - ich sehe es jetzt erst - ein Glöckchen trägt und eine grüne Marke am Hals. Es ist angemeldet und versteuert, erschrecke ich und erstarre. Jemand wird es vermissen und zeigt uns als Tierdiebe an.

Den J. will ich wachrütteln, damit er das Äffchen verjagt. Die Katzen sollen den Affen hetzen, schnell aus dem Haus muss der Affe, damit der Besitzer mich nicht mit dem Äffchen ertappt. "Das Tier ist mir zugelaufen!", beteuere ich und hebe die Finger zum Schwur. Man wird mir nicht glauben, das weiß ich genau, und der Richter scharrt bös mit den Füßen. "Verkündigungstermin wird auf acht anberaumt!", brüllt das Gericht und ich zucke. "Kaffee!", schreit das Gericht und ich laufe davon.

...

"Kaffee?", hält mir der J. einen Becher entgegen. Zwischen Vorhang und Fenster dringt noch immer nur trübes Licht in das Zimmer, und vom Äffchen ist nichts mehr zu sehen.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Nichts (außer Erkältung)

Da sitze ich also auf dem Sofa. Rechts von mir eine Tasse Tee, links eine Katze, das Notebook auf den Knien, und im Kopf nichts als ein den Hohlraum innerhalb des Schädels vollständig anfüllendes, also quasi kopfgroßes Loch: Mir fällt nichts ein. Weder mag ich über die frisch eingetroffenen Babies mir lieber Freunde schreiben, weil es da ja außer der schieren Nachricht, auch der M. und die M. sowie der R. und die I. hätten jetzt je ein tolles Kind, gar nichts zu vermelden gibt, was auch Leute interessiert, die die vier nicht kennen, noch kann ich einen launigen Text über meine Erkältung schreiben, weil ich schon genug gejammert habe über laufende Nasen und bellenden, krächzenden Husten.

Realistischerweise interessiert es ja keinen, wann es mal etwas besser und wann wieder schlechter wird, mit Ausnahme des lieben J. und meiner Kollegen vielleicht, die sowohl akustisch als auch sonst darunter zu leiden haben, wenn es hier gerade nicht so gut aussieht. Auch ist es naturgemäß nicht so wirklich spannend, mir dabei zuzusehen, wie ich morgens viel zu früh aufstehe, um dann um 5.15 Uhr mit dem Taxi zum Flughafen zu fahren, wegen der Kombination von Erkältungsohren und Luftdruck den Rest des Tages taub zu verbringen, und schließlich nach einem längeren Vortrag auch noch zu verstummen. Aber gut, wen schert's.

Der größere Teil der Misere liegt natürlich ganz allein an mir. Ich bin strukturell unfähig, daheim zu bleiben, selbst wenn ich kaum durchs Treppenhaus komme, und wenn nicht gerade schlafe, bin ich schlicht ungern daheim. Dabei ist es nett hier. Ich eigne mich nur nicht so besonders gut für das Dasein daheim.

Wie dem auch sei. Morgen früh steht - aber auch das hat wenig Nachrichtenwert - erst einmal ein Zahnarztbesuch an. Ich habe, das immerhin ist kurios, beim Husten dermaßen die Zähne aufeinandergeschlagen, dass ein Stück einer Krone abgebrochen ist. Ich bin jetzt also nicht nur erkältet, ich falle auch noch auseinander. Immerhin habe ich fast zwei Kilo verloren, weil mir nichts schmeckt, aber selbst daran habe ich wenig Freude, ich sehe zu alledem auch noch erbämrlich aus, und zu lesen habe ich nichts, weil mir nicht einfällt, was. Wenn ich irgendwelche amüsanten Geschichten parat hätte, würde ich sie hier zum Besten geben, aber mir bleibt gerade nichts als eine saftige Grippe und die Einfallslosigkeit. Aber das sagte ich ja schon.

Sonntag, 30. Januar 2011

Was Very Heaven.

Weißt du noch, wie lackschwarz der Nachthimmel war, so sternklar, voller Glanz und Verheißung wie später nie wieder? Wie süß und wie ölig zog damals sich die Spree. Wie hallten vor Festen die Bässe. Und wie wir zu zweit morgens nach Hause gelaufen sind. Immer ein paar hundert Meter weiter voran, weil man auf meinen Schuhen noch nie gut laufen konnte, um dann erst mal Pause zu machen und auf einem Blumenkübel zu sitzen oder auf einer Bank oder in einer Fensternische, an herabgelassene Jalousien gelehnt.

Erinnerst du dich noch an den warmen Sekt? Es gab an irgendeinem Spätkauf an der Strecke nach Hause Rotkäppchen, der war zwar nicht kalt, aber dafür billig, und wir haben abwechselnd aus der Flasche getrunken, bis wir zu Hause waren, und den Rest verschenkt. Manchmal haben wir auch Kaffee aus Pappbechern getrunken, Splitterbrötchen gegessen dazu, wenn die Bäckereien schon geöffnet hatten und die Sonne leuchtete Friedrichshain aus, als sei die Stadt neu, verheißungsvoll, strahlend und rein.

Weißt du noch, wie gern ich getanzt habe damals? Ich war nie eine gute Tänzerin, nie ein Blickfang der Tanzfläche. Nie in der Mitte. Schwindelig habe ich auch damals nur mich selbst getanzt, aber schön war es, Tanz, Nächte, Heimweg und Sekt, dem Glück sah es schon verdammt ähnlich, das damals, und etwas Besseres habe ich niemals gefunden als das.

Sonntag, 23. Januar 2011

Die absolute Therapie

Sehen Sie, man kann doch inzwischen medizinisch meistens etwas machen. Diese Frau, der sie letztlich in den USA durch den Kopf geschossen haben. Leute, die seit zehn Jahren mit HIV leben. Frühgeburten, die so klein sind, dass sie aussehen wie Aliens, oder Gianna Nannini, die auf ihre sehr alten Tage ein wirklich spätes Kind bekommt. Alles eine Frage von ärztlicher Handwerkskunst und einer guten Medikation. Nur eine banale Erkältung, so etwas Schnupfen, Halsschmerzen, ein fest sitzender, bellender Reizhusten: Da muss man einfach durch.

Auf keinen Fall darf man zum Arzt gehen. Im Wartezimmer warten nämlich nicht nur alle anderen Kranken des Bötzowviertels, sondern auch alle Keime aller Krankheiten, die man noch nicht hat. Im Gegenzug steckt man selbst alle anderen Wartenden an, aber davon hat man natürlich nicht so besonders viel. Am besten ist es, man wartet einfach ab. Aspirin Complex ist ganz gut gegen die Symptome. Ingwer und Zitrone ist auch nicht übel. Manche Leute setzen auf Hühnerbrühe, die schmeckt wenigstens gut.

Verschwindet die Erkältung nicht nach spätestens drei Tagen von selbst, wird es natürlich unschön. Man wird ungeduldig. Man will gesund sein, man will nicht husten, man will so unvorsichtig drauflosleben, wie es nur ohne Erkältung sinnvoll ist, und dann begeht man Fehler. Man föhnt morgens seine Haare nicht ganz trocken. Man hat den ewigen Tee satt und stürzt sich einen halben Liter Almdudler eiskalt in den Magen. Man tanzt und schwitzt und fährt dann mit dem Rad nach Hause. Dann ist man richtig krank, muss zum Arzt wegen der Krankschreibung und legt sich daheim für mindestens eine Woche ins Bett.

Hat man einen geschätzten Gefährten, kann man sich gegenseitig Ping-Pong-Anstecken. Das geht so sicher ein paar Wochen. Irgendwann sind dann alle beide genervt, weil der andere so laut schnarcht und so schlecht gelaunt ist und so laut hustet. Dann streitet man sich, läuft erhitzt und ohne Shawl aus dem Haus, kehrt zu spät zurück ... das war es dann wieder.

Schwitzend und fluchend dämmert man dann so vor sich hin. Es wäre nicht übel, malt man sich aus, wenn die Medizin endlich etwas erfände. In der Medizin, so stelle ich es mir vor, ist es ja ähnlich wie im Fußball. Es führt nicht immer zum Erfolg, wenn man ganz, ganz viel Geld ausgibt, aber meistens halt schon, und so wäre vielleicht die Erkältung bald ein Stück Medizingeschichte, wenn die Gesamtheit der zumindest ab und zu Erkälteten Europas zusammenlegen würde, so jeder € 10 vielleicht, schnell kämen Milliardensumme zusammen, bestimmt machen die Amerikaner auch mit, wenn man fragt, und dann würden alle Forscher, die ansonsten gerade nichts auf dem Tisch haben, das ganze Jahr 2011 nach der Supertablette graben. Weihnachten wird das neue Medikament vorgestellt und 2012 ist es weltumspannend in jeder Apotheke erhältlich.



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