Freitag, 15. April 2005

Echte Männer

„Das geht doch gar nicht.“, sage ich ins Telephon und lache so laut, dass die anderen Leute vorm 103 sich umdrehen. Weil es schön ist heute, und die Sonne auf die noch weißen, nackten Arme scheint, lachen ein paar sogar zurück, und ich blinzele die Sonne an, während der O. mir von einem Kerl erzählt aus dem Berghain. „Denk dir,“, sagt der O., „der Kerl kauft halt teure Wäsche, und ein bißchen sonderbar ist er sowieso, der benutzt Slipeinlagen, damit die Wäsche nicht kaputt geht. Weil die normalen Slipeinlagen nicht so für die männliche Anatomie gebaut sind, nimmt er welche für Strings, die gibt es, damit kommt er gut zurecht.“

Ich stelle mir kurz vor, wie es wäre, einen Mann auszupacken, der Slipeinlagen in seiner Leibwäsche umherträgt, und muss nochmal lachen, dann aber kommt meine Verabredung, und ich lege auf.

„Schon komisch,“, meint meine Verabredung zu O.´s neuer Bekanntschaft, und bestellt sich ein Weizenbier. Die Kellnerin trägt eine schwarze, durchsichtige Spitzenbluse, bauchfrei und geknotet, und um uns herum haben alle riesige Sonnenbrillen auf. Ich schütte mir ein bißchen braunen Zucker in den Pfefferminztee und schaue der Tram nach, die lauter Leute von Mitte aus in den Prenzlberg fährt, die heute zum erstenmal ihre Haut zeigen.

Wir debattieren ein bißchen über echte Männer, und mein Begleiter pustet sorgfältig Asche von seinem Powerbook. Nie, soviel ist klar, wird sich die Slipeinlage für den Mann durchsetzen. Die unrasierte Männerachselhöhle dagegen wird schon in wenigen Jahren, so sind wir uns ebenso einig, der Vergangenheit angehören. Die wolligen Büschel meiner frühen Jugend sieht man schon jetzt selten in den Schwimmbädern, weil die meisten Herren, wie ich vermute, daheim mit der Nagelschere ein wenig kürzen. Wer schon einmal über längere Zeiträume das Bad mit einem Mann teilen durfte, wird sich mit gemischtem Vergnügen an unendliche Stunden erinnern, in denen der geschätzte Gefährte unter Einsatz schmieriger Substanzen und stark riechender Sprays sein Haar in die richtige Fasson zu bringen bemüht war. Mein letzter Freund übrigens verfügte über zwei Kleiderschränke. Beide waren voll.

„Die verschwitzten Kerle in Karohemden wollt ihr doch auch nicht.“, meint mein Begleiter. Wie man es mache, sei es falsch. Das aber, so antworte ich und schlürfe die letzten Reste Flüssigkeit aus meinem Teeglas, sei völlig falsch. Mühelose Perfektion sei gefragt. „Geht doch gar nicht,“, wendet der Begleiter ein, und hat natürlich völlig recht. Sollen doch auch einmal die Männer leiden, sage ich, und schaue den sorgfältig und planvoll verwuschelten Männern zu, die hinter großen Sonnenbrillen die weiblichen Passanten kommentieren.

Zehn Jahre „Faserland“

Wir hatten sowas von nichts zu tun den ganzen Sommer. Wir lagen im Garten der Eltern eines Freundes am See, und ab und zu ging einer ins Haus und holte etwas Kaltes zu trinken. Ich lag auf dem Steg, war sogar zum Baden zu träge, und die Sonne hatte mir den Bikini strahlend weiß auf die Haut gemalt, weil ich monatelang kaum etwas anderes trug, bis die Schule wieder anfing.

Ich muss den „Mephisto“ gelesen haben, und mindestens ein Buch von W. S. Maugham, und die Erinnerungen der Lady Diana Cooper dazu, aber meine Erinnerung weiß das nicht mehr, nur in den Büchern steht auf dem Vorsatzblatt „1995“ und mein Name, weil ich damals Bücher noch Leuten auslieh, die sie dann nie zurückgaben.

Von der Ödnis der zeitgenössischen Literatur war ich so überzeugt, dass ich noch nicht einmal darüber nachdachte, und so werde ich Faserland trotz der emphatischen Empfehlungen von irgendeinem dieser längst verwehten Freunde skeptisch begonnen haben, die Füße im kühlen Wasser und langsam die Seiten umschlagend. An die Skepsis kann ich mich indes nicht mehr erinnern, nur noch an die Euphorie des Wiederfindens, die „Faserland“ bei uns allen auf dem Steg auslöste, denn es war unser eigenes Spiegelbild, unsere Traurigkeiten, der Ekel und der Überdruß und die Angst vor etwas Ungenanntem in der Gier. Vor unseren Augen wurde die Reise durch die Republik von Gosch auf Sylt bis Zürich zu einer Höllenfahrt, einem Panoptikum aus Einsamkeit und Verwesung, in dem der Tod in den Falten eines Lebens saß, das ein gutes wäre, wenn es denn nur auf die Umstände eines Lebens ankäme. Jenem namenlosen Erzähler, den Christian Kracht einen nüchtern anmutenden Bericht über eine Reise durch die übersättigte Republik schildern ließ, vorbei an der Hybris und der kalten Lust, umgeben von unendlich einsamen Menschen, waren wir durch eine Selbstreflexion überlegen, von der wir ahnten, dass sie uns nicht zu besseren Menschen machen würde, sondern nur zu abwechslungsreicherer Gesellschaft.

Das schmale Buch, keine 200 Seiten lang, war unsere Hymne, und ich las es auf der Stelle vier- oder fünfmal. Dass „Faserland“ aber unsere Sicht der Welt verändert hätte, war schon deswegen nicht wahr, weil es genau das ausdrückte, was wir schon jahrelang unausgesprochen gespürt hatten: Nicht jenseits der Gärten unserer Welt, sondern in den komfortablen Räumen unserer Kindheit und in jenen Kleidungsstücken, die eine Dauerhaftigkeit vortäuschten, die es nicht mehr geben sollte, brütete ein Untergang, dessen feine Erschütterungen wir spürten. Den Dingen unseres Lebens gab die Vorahnung dieser Vergeblichkeit ein fremdes und vorläufiges Aussehen, und dass ganz am Ende dieser Höllenfahrt in den Wassern des Bodensees nicht Reinheit und ein neues Leben wartet, sondern nur der sinnlose Tod eines Mannes, der ein „Jedermann“ sein könnte, wenn es denn Gott gäbe, erschien uns folgerichtig. Wir waren schon so weit ab von den Träumen eines neuen Lebens auf den Trümmern einer alten Welt, den unsere Eltern folgenlos geträumt hatten.

Ein Jahr später war keiner von uns mehr vor Ort.

Manchmal bekomme ich noch E-Mails von den Freunden vom See. Meistens sind es Umzugsmeldungen, und unentwegt ziehen die Freunde von einst durch die Republik. Viel weiß ich nicht mehr von ihrem Tun und Treiben, und kann nicht sagen, was sie treibt. Treffe ich den einen oder anderen, so erzählen wir uns ein wenig von unseren Leben, in denen alles da sein dürfte, was die Welt noch über ihre Lieblinge auszuschütten pflegt.

Aber zwischen den Sätzen beim Wiedersehen in Cafés, in der Stille der abgebrochenen Wortanfänge und dem kurzen Schweigen bei einem Treffen in Eile auf Flughäfen schwingt mit, dass die Welt auch jene Erwartung nicht enttäuscht hat, von denen dieses Buch einen ersten Schatten auf unsere Welt geworfen hat, die Ahnung, dass wir nicht mehr sein würden, als ein nervöses, feines Geäder auf einer langsam abgewaschenen Goldschicht, dahinter nichts als die Leere, die Einsamkeit und alle Häßlichkeit der Welt.

Mittwoch, 13. April 2005

T. weiß ganz genau Bescheid

„Man kann halt nicht alles haben,“, sagt der T. und zuckt ein wenig mit den Schultern. Die jüngst verstoßene A. fühlt sich unverstanden. Sie habe ihren nunmehr wohl ehemaligen Gefährten von Herzen geliebt, indes habe das gemeinsame Leben in zumindest einer Beziehung zu wünschen übrig gelassen, und da habe sie halt... und dann sei es eben zu jener Begegnung gekommen. Der andere, der mit den Muskeln und den eher körperlichen Vorzügen, habe ihr aber nichts bedeutet, so emotional, und ihr Freund sehe das nicht ein. T. gähnt ein wenig und winkt zum zweitenmal vergeblich nach der Kellnerin.

„Als Frau kann man da ja nun nicht so ohne weiteres trennen,“, meint die R., und lächelt ein wenig unsicher dazu. „Als Mann auch nicht,“, brummt M., dem die ganze Diskussion ein wenig unangenehm ist, derweilen er mit dem ehemaligen Gefährten der A. auch weiterhin freundschaftlich verbunden zu bleiben plant. Ich werfe ein, dass dergleichen Empfinden nun doch eher individuell sein dürfte, und komme auf jenen Film von Wenzel Storch zu sprechen, den ich als offenbar einziges Mitglied meiner versammelten näheren menschlichen Umgebung gern besuchen würde.

„Dieser Relativismus kotzt mich an.“, schneidet T. meine diesbezüglichen Vorstöße ab. Es ginge gar nicht um moralische Vorschriften, jedwede Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf die individuelle Ebene zu verlagern, sei aber schlichter Blödsinn, und ein gefährlicher Blödsinn dazu. Den Frauen, so T., täte ein Mann, der sich auf diese bequeme Haltung zurückzöge, überdies keinen Gefallen. Die Frau säße da am End´, verliebe sich, und der Mann verlange noch Gelassenheit dazu und verweise auf die vereinbarte Unverbindlichkeit, zu der Frauen in aller Regel nicht in der Lage seien. Und das sei nun einmal Fakt.

A. schaut noch ein wenig unglücklicher aus als bei ihrer Ankunft. M. murmelt etwas von Fehlern, die jeder einmal macht, und schlägt einen kniefälligen Brief vor, der A. wieder in die Gunst des entschwundenen Freundes bugsieren soll. Der hänge doch auch an der A., und als Zeichen des guten Willens solle sich A. doch um eine Berufstätigkeit bemühen, denn dann sehe der Freund, dass es ihr nicht nur am bequemen Leben gelegen sei.

„Ein Bière Picon“, bestellt der M., als die Kellnerin endlich kommt, ich ordere einen weiteren Tee, um meinen ohnehin etwas anfälligen Magen nicht weiter zu reizen, und T. zählt ein paar unglücklich verlaufene Geschichten aus unserem Bekanntenkreis auf, in denen schlechte Männer netten Mädchen schlussendlich schrecklich mitgespielt hätten.

„Ich habe ihn aber wirklich nicht geliebt.“, mischt sich A. ein, und spielt auf eine gemeinsame Freundin an, die seit Jahren, wie jedermann weiß, neben ihrem geschätzten Gefährten einem weiteren Mann ihr Schlafgemach zu zeigen pflegt. Dass nicht jede alleinstehende Frau zur Keuschheit bereit oder überhaupt in der Lage sei, habe ich auch noch beizutragen, und auch M. räumt ein, dass es einige Damen gebe, die eben etwas hemmungsloser veranlagt seien als andere.

„Die haben sich was einreden lassen.“, wischt T. die Einwände vom Tisch.

Aere perennius

Wenn das alles mal ferne Vergangenheit sein wird, wenn es keinen Bundeskanzler mehr gibt und keine Hauptversammlungen mit belegten Brötchen, kein Fernsehprogramm, in dem man anderen Leuten beim Sportmachen zuschauen kann, und keine zehn Zeitschriften, die sich mit Gartenbau beschäftigen:

Wenn diese Welt also völlig untergegangen sein wird und unsere Grabsteine blank von der Zeit die Pflaster einer neuen Welt decken - was, so frage ich mich nachts manchmal vor meinen Büchern, wird dann noch bleiben und gelesen werden von jenen, die für ein paar Stunden noch einmal durch die Fußgängerpassagen unserer Welt flanieren mögen?

Auf eine Qualitätsauslese kann man wohl nicht hoffen. Den Helvius Cinna, was mag er geschrieben haben, hielt jener traurige Liebhaber der Clodia für gleichwertig, aber nichts ist auf uns gekommen von den anderen Neoteroi, deren Geistesverfassung der unseren nicht fern gewesen sein wird, den späten Kindern einer komplizierten, verrotteten, in allen Farben der Verkommenheit prächtig schillernden Welt. - Wieso sollte auch der Zufall planvoll walten. Wessen Bibliothek fast unversehrt auf die Nachwelt kommt, eingegraben in heißem Sand, oder aufbewahrt in den Klöstern, die das Gedächtnis des nächsten Untergangs bilden werden, weiß keiner, und man kann nur hoffen, dass es eine schöne Bibliothek sein wird. Je besser sie sein wird - wenn es denn eine private Sammlung ist - um so mehr wird sie Charakter und Geschmack ihres Besitzers abbilden, und das wird heißen, dass zwangsläufig etwas fehlt. Mit ein bißchen Pech wird unser Abbild in den Köpfen unbekannter Zeiten geprägt sein von der Larmoyanz und Belanglosigkeit eines Martin Walser, oder der Sehnsucht des Botho Strauß, von der ich kaum sagen kann, wieso ich sie ein wenig übelriechend, verschwitzt und alles in allem abstoßend finde.

Natürlich wird für jene, die nach uns kommen, das Gefühl unserer Zeitgenossenschaft über die Jahrhunderte hinweg wesentlich weiter gehen, als es uns erscheint. Schon Fauser steht in meinem Regal als ein Exponent der verstorbenen Bonner Republik, die Gruppe 47, die ich verachte für ihre miesen und weinerlichen Produkte, stehen meinem Leserherzen ferner als jener Bischof von Hippo Regius, und die ruchlosen Gräfinnen an den Höfen des Rokoko. Letztlich sind diese zwanzig oder dreißig, wohl auch einmal zweihundert Jahre aber wohl nichts in Ansehung der Jahrhunderte: Auch wir, sofern wir nicht professionell lesen, unterscheiden ja kaum etwa zwischen der Goldenen Latinität und der Neronischen Moderne - auch wenn das Gefühl einer inneren Kluft zwischen dem opulenten Apuleius und der klaren und luftigen Dezenz der Umbruchphase zwischen Republik und Kaiserreich deutlich spürbar ist, gleichwohl wir nicht wissen, was davon typisch gewesen sein mag, und was nur individuell. Proust, den ich liebe, mag dem Späteren noch fast als Zeitgenosse erscheinen, auch wenn die Welt der „Recherche“ von meinem nüchternen Dasein so weit weg sein mag wie der Mond, und Adler Lamm und Pfau mögen in den Sehnsüchten späterer Jahrhunderte noch den Weg von Christian Krachts türkisfarbenem Porsche-Cabrio säumen, jenem Wahrzeichen der Neunziger.

Vielleicht, so denke ich manchmal, wird aber mit den Buchmessen, den staubigen Kaffeehäusern und den öden Feuilletons auch diese Schriftkultur dahingehen, der Entwurf eines Lebens, das komfortabel ausgestopft ist mit bedrucktem Papier. Vielleicht wird niemand in späteren Jahrhunderten in einer Grabrede das Paradies als einen Ort kennzeichnen, an dem ein unversehrtes Satiricon auf dem Schreibtisch des Neuankömmlings liegt, wie es 1986 mein Großvater ausgemalt hat, als sein Bruder zu Grabe getragen wurde. Vielleicht wird auch dieses Glück enden, und am Ende bleibt stummes Papier, dass den nächsten Barbaren für nichts gut sein wird als für Feuer und Rauch.

Dienstag, 12. April 2005

Im Pausensommer

Einen ganzen langen Sommer irgendwann in der zweiten Hälfte der Neunziger lagen wir am Pool einer Freundin, deren Eltern so gut wie nie daheim waren. Das Haus lag am Ende der Welt zwischen Kornfeldern und Laubwäldern, die als ein grüner Saum den flirrenden Himmel und das zunehmend trockene Gelb der Felder trennten. Vorbei kam nur, wer eingeladen war, es gab keine Nachbarn, es gab keine Straße, nur einen Feldweg, der von einer Bundesstraße aus kilometerweit durch die Hügel führte, bis hinter einer Taxushecke schließlich das Haus auftauchte, ein weißer Bungalow am Ende der Welt.

Wir waren zu fünft damals, lagen um den Pool herum, und wenn ich mich richtig erinnere, dann hatte ich in diesem Sommer den letzten Bikini an, den ich jemals mein eigen nannte, ein Neckholder, schwarz, mit weißen Nähten. Auf den beiden Photos, die ich noch habe, schaue ich mir fröhlich und sonnenverbrannt entgegen, einmal mit Sonnenbrille und einmal ohne. Der Freund, mit dem die Liebe damals zu Ende ging, befand sich irgendwo auf dem Balkan, und der, der erst noch mein Freund werden sollte, fuhr durch die USA. Ab und zu schrieben sie Briefe, die ich vielleicht einmal die Woche aus meinem Briefkasten zog, um dann hochzugehen in meine erhitzte, leere Wohnung, in der der Staub immer dicker auf den Regalen lag, und mit ein paar frischen Kleidungsstücken in der Tasche wieder abzuziehen.

Am Abend zogen wir uns Jeans über die Bikinihosen, befeuerten hin und wieder den gemauerten Grill, und tanzten ohne Zuschauer auf dem Gras. Die Gastgeberin sprengte den Rasen und spritzte uns mit dem Schlauch nass, wenn eine gerade nicht aufpasste. Nachts schlief ich in einem riesigen Gästebett, dessen andere Hälfte meine damals beste Freundin einnahm. Den einzigen Mann, den ich wochenlang sah, war der Gärtner der Eltern der Gastgeberin, der einmal die Woche vorbeikam und die Beete pflegte.

Ein paar Monate später heiratete die Gastgeberin, zog davon, und der Abend der Hochzeit war der letzte, den ich in dem Garten verbrachte, in einem luftleeren Raum zwischen den Akten, erfüllt von Musik, Hitze und Gelächter.

Die Gastgeberin ist inzwischen geschieden und denkt daran, ihr damals abgebrochenes Studium doch noch zum Ende zu bringen. 34 ist sie inzwischen, wohnt wieder bei den Eltern und das ist schwierig, mit Kind. Die beiden Schwestern aus meinem Semester, rotblonde Zwillinge, sitzen wieder im Badischen, Richterin ist die eine geworden, und ein Kind hat die andere, nachdem es mit dem Job nicht klappen wollte. Die Richterin ruft nie zurück, ihre Schwester dafür um so häufiger an. Es gehe ihrer Schwester nicht gut, sagt die mit dem Kind, und dass das Ende der letzten Beziehung nun auch schon zwei Jahre her sei. Der Mann habe sich nicht scheiden lassen wollen von der Frau, die halt schon da war. Gesundheitlich gehe es ihrer Schwester auch nicht gut. Wie es ihr selber geht, sagt sie selten. Die Karriere ihres Mannes läuft ziemlich gut, und eine passende KiTa hat sie auch gefunden.

Mein ehemals beste Freundin und nach wie vor gute Freundin lacht immer noch ziemlich viel, mag ihren Beruf, wenn auch nicht ihren Arbeitgeber, und könnte etwas mehr verdienen für die Arbeitszeiten und die Verantwortung und sowieso. Gut schaut sie aus, wenn sie mal in Berlin ist, oder ich bei ihr, was ungefähr alle sechs Monate der Fall ist in den letzten Jahren. Sie ist ein wenig üppiger geworden mit den Jahren, aber nicht dick, und den Grübchen und dem wunderschönen, dicken Haar schauen nach wie vor Männer nach, wenn sie im Café sitzt und lacht. In ihrer geschmackvollen Wohnung in einem schönen Stadtviertel der großen Stadt, in der sie lebt, wo die Bäume rauschen, hat seit dem Einzug aber noch kein Mann übernachtet, und das ist nun auch schon wieder drei Jahre her. Als ich sie anrief, um meine letzte Trennung durchzugeben, hat sie mich gewarnt, etwas sei vielleicht besser als nichts. Und es werde schwieriger werden, als ich denke, nicht allein am Frühstückstisch zu sitzen all die Jahre, die noch kommen.

Vor ein paar Tagen hat sie mich wieder angerufen. Die Gastgeberin in jenem Haus am Ende der Welt verbringe den Sommer allein im Haus, die Eltern seien auch diesen Sommer nicht da. Und ob ich auch kommen wolle, vielleicht nur ein paar Tage, oder auch eine Woche, wenn es denn passt. Und dass es doch schön wäre, gemeinsam grillen, am Pool liegen und im Garten tanzen, wenn keiner zuschaut.

Mysterien des Alltags

Schön ist es auch im drei am Helmholtzplatz, zumindest solange man dort nichts à la carte ordert, und so bestelle auch ich mir gelegentlich Menschen, die ich gerne um mich habe, in jenes Lokal von entspannter Urbanität. Hat man aber zwar bereits einen Tee bestellt, die bestellte Freundin ist jedoch noch nicht eingetroffen, so kann man sich bisweilen in seltsamen Zwischenrealitäten wiederfinden, vor denen ich auch an dieser Stelle nur warnen kann – aber urteilen Sie selbst:

„Modeste?“, wird man von der Seite angesprochen, und sieht sich einem schlaksigen, blonden Herrn gegenüber, der einem nicht einmal vage bekannt vorkommt. „Ja?“, antwortet man deswegen und kramt in seinem unaufgeräumten Gehirn nach diesem zwar minder markanten, aber so unauffällig nun doch wieder nicht gestalteten Gesicht, ohne zu einem Ergebnis zu gelangen. Währenddessen nimmt der Fremde auf dem Sofa gegenüber Platz und beginnt angeregt und etwas hastig von einer Silvesterfeier zu sprechen, die zu besuchen man sich ganz und gar nicht erinnern kann. Zwar wäre man um ein Haar auf jener Feier ins Jahr 2004 gelangt, aber Kreuzberg ist weit, und wenn mich mein Gedächtnis nicht völlig trügt, so war man mit Personen, die man sogar noch namentlich bezeichnen könnte, vielmehr in der Volksbühne, und ganz und gar nicht bei jener Bekannten, die unweit der Bergmannstraße ein paar Menschen an ihrem Esstisch versammelt hat. „Da war ich gar nicht.“, sage ich daher zu dem Fremden. Man müsse sich bei anderer Gelegenheit begegnet sein, denn eine Verwechslung scheint aufgrund der Namensnennung jener wohl tatsächlich gemeinsamen Bekannten ausgeschlossen.

Der Fremde beharrt. Man habe sich diese ganze Silvesternacht angeregt unterhalten, er erinnert an ein paar Anekdoten aus dem Leben von Schwesterchen, meinen damals noch geschätzten schwarzlockigen Gefährten, und den tödlichen Gin Tonic, der auf meine Unfähigkeit, Longdrinks nicht nur zu trinken, sondern auch zu mixen, zurückzuführen ist.

Wir müssten uns von anderer Gelegenheit her kennen, sage ich, die sich nunmehr ganz genau an diesen Jahreswechsel erinnern kann. Er sei doch nicht verrückt, sagt mein Gegenüber. Er wisse noch ganz genau, was auf dem Tisch gestanden habe bei jener Kreuzbergerin, die den guten Dingen aus der Küche sehr zugetan sei. Er zählt die Speisefolge auf, und ich bin mir sicher, derartige Dinge bei jener Bekannten überhaupt nie zu mir genommen zu haben.

„Das werden wir wohl nicht aufklären können.“, sage ich, und wünsche ihm noch einen schönen Abend. Nun wird der Fremde ein wenig ungehalten. Ich hätte ihn damals nicht nur nicht angerufen, was angesichts der Existenz des vormals geschätzten Gefährten zwar verständlich sei, nach dem Verlaufe dieser Silvesternacht aber nicht gerade zu erwarten gewesen wäre. Nun behaupte ich sogar, mich noch nicht einmal an ihn erinnern zu können? Er wisse nicht, was ich für ein Problem habe, aber schließlich habe er noch alle Gedanken beisammen, und wenn ich mich nicht (danke, Herr Kid) erinnern könne, was ich an so markanten Daten wie dem 31.12. getrieben habe, dann täte ich ihm rechtschaffen leid. Sprach´s, machte kehrt, und setzte sich ganz weit weg.

Wenig später, die Freundin ist unterdessen angekommen, frage ich sie, die zumindest meiner Erinnerung nach an jenem Abend mit mir in der Volksbühne getanzt hat, nach dem vorletzten Jahreswechsel. Sie überlegt lange. „Da waren wir in der Volksbühne.“, sagt sie, und ich atme auf. Also doch nicht Alzheimer. „Siehst du den Kerl da drüben?“, frage ich. „Nie gesehen.“, sagt sie.

Montag, 11. April 2005

Sport

Gleich dem majestätischen Walrosse ziehe ich gelegentlich, angetan mit einem riesigen schwarzen Badeanzug, dem Tschador unter den Badebekleidungen, meine Bahnen im verhältnismäßig kinderfreien Stadtbad Mitte, und von Zeit zu Zeit nach besonders mächtigen kulinarischen Ausschweifungen halte ich die Jogger an der Schmeling-Halle auf. Wenn es aber Sommer wird und die Kleidchen und Oberteile in den Geschäften locken, wenn man erst gestern verbindlich Flüge gebucht hat, um mit der dünnsten unter den Freundinnen in Urlaub zu fahren, dann müssen effizientere Maßnahmen her, dann führt kein Weg vorbei an jenen Etablissements, in denen magere Foltermägde, ganz aus Muskeln gemacht, in täglichen Kursen den Weg vom Pudding zum Stahl begleiten: Ich brauche ein Fitness-Studio.

Wie wohl jeder Mensch, der nicht jenseits der körperlichen Eitelkeit ein über die irdischen Dinge erhabenes Leben führt, verfüge auch ich über eine dunkle Vergangenheit in Bezug auf diese Einrichtungen, die sich in meinem Leben nach jeweils ungefähr zwei Monaten des gequälten Enthusiasmus in stein- und metallgewordenes schlechtes Gewissen verwandelt haben. „Ich müsste auch mal wieder...“ oder „Am Wochenende bestimmt“, das sind so die Formeln, die mir von meinem letzten Versuch noch in den Ohren hallen. Täglich an der Vanitas meiner Bauchdecke vorbeizufahren, hat allerdings auch keine über gute Vorsätze hinausreichende Ergebnisse gezeitigt.

Aber jetzt wird alles anders.

Eine Sauna wäre schön, aber gemischte Saunen besuche ich schon aus Prinzip nicht. Ein Schwimmbad wäre nett, allerdings befindet sich das einzig mir bekannte Fitness-Studio mit Bad nicht gerade wohnortnah, und vielleicht besteht doch der Hauch einer Möglichkeit, ach nur die Chance, über die holperigen Pflaster meiner Bequemlichkeit eher des fettfreien Paradieses teilhaftig zu werden, wenn das Studio irgendwo in der Nähe liegt. Fitness-Studios mit allzu gutaussehenden oder schlanken Menschen verbieten sich aus Gründen der Frustrationsvermeidung, da traue ich mich nach einigen spektakulären Misserfolgen nicht mehr hin.

Mit dem Hintrauen ist es sowieso so eine Sache. Ähnlich jenen Menschen, die aufräumen, bevor die Putzfrau kommt, meldet sich auch bei mir das Bedürfnis, vor Beginn eines Kurses erst einmal ein wenig Konditionsverbesserung zu betreiben. Vielleicht ein bißchen zu laufen oder daheim vorzutrainieren, um sich nicht völlig zum Deppen zu machen zwischen den gestählten und gestärkten anderen Kursteilnehmern, um statt eines straffen und fettfreien Körpers bloß ein paar mitleidige Blicke zu ernten oder beim Fit-Bo erschöpfungsbedingt zusammenzubrechen.

„Geh´ doch zu Kieser, wenn dich dünne Leute nervös machen.“, rät C., aber das kommt natürlich gar nicht in Frage. „Leider hast du einen riesengroßen Knall“, wischt O. meine Bedenken bezüglich der sportlichen Leute im Holmes Place vom Tisch. Die FitCo in der Schönhauser verbietet sich schon wegen der Massen an Studenten, die schon altersbedingt ganz andere Körper aufzubieten haben als ich.

Verdammt, denke ich da. Nicht nur hat der Schöpfer vor den Lohn den Schweiß gesetzt, nein, nicht einmal der Weg zur entspannten Koexistenz mit dem eigenen Fleisch ist eine diesbezüglich unproblematisch Zone. Wieso, sinniere ich, gibt es eigentlich keine schummerigen, warm ausgeleuchteten Fitnesstudios, in denen ausschließlich stark Kurzsichtige trainieren, die zum Training alle ihre Brillen absetzen und Kotaktlinsen rausreißen müssen? Und: Bin ich eigentlich die einzige mit diesem Problem?

Sonntag, 10. April 2005

Die stummen Farben

„Da bist du ja.“, sagt er, und schaut auf die Uhr, aber weil die Schlange vor der Kasse des Gropius-Baus länger ist als die Bibel, gehen wir doch lieber im Tiergarten spazieren, und schauen den Bäumen beim Ausschlagen zu. Die Sonne scheint kraftlos von einem fadblauen Himmel, und ich friere in meinem schwarzen Rock und dem dünnen Trenchcoat.

J² spricht über den neuen Job, ich berichte meine Urlaubspläne, die dieses Jahr gleich zweimal Richtung Osten zielen, und schließlich sprechen wir doch wieder über die Liebe, obwohl ich mit J² nie wieder über die Liebe sprechen wollte. J² rühmt die Beständigkeit, schilt den Hedonismus, der die Menschen ruiniere mit ihrem Hinterherlaufen nach einem Glück, das doch seiner Natur nach nicht auf Dauer angelegt sei und spricht am Ende von der Einsamkeit der Jäger und dem verfehlten Leben derer, die vom Leben nur das Leichte nehmen wollen.

„Red du nur,“, denke ich, und dass am Ende der auch mein Leben durchaus kreuzenden Versuche, im ernsten Rollenfach zu brillieren, stets kein goldener Pokal, sondern bloß Streit, Tränen und verbrannte Erde standen. Und dass ich an Erlösung und Ankommen in einem warmen Raum zu zweit nicht mehr glaube.

J² malt wolkige Idyllen in die kalte Luft, von denen ich nicht weiß, ob er selber daran glaubt, und zieht mir Streifen für Streifen die Haut von den eingekapselten Träumen. Was soll das, denke ich, mir geht´s doch gut. Was soll ich in meinen Katakomben immer wieder versuchen, ob die Leichen noch zucken.

Mit zunehmendem Alter nutze sich die Seele ab, sagt der J², die Wunden werden tiefer und hören auf, sich zu schließen. Wen man dann noch liebt, der wird nicht mehr anwachsen an mir. Allein werd´ ich sein, gleichgültig, ob ein warmer Körper morgens neben mir erwacht. „Das ist doch Quatsch!“, möchte ich antworten, aber gerade glaube ich mir nicht, und nicht meinem Glück. J² zieht mir die vielen Jahre, die festen Häute und die Erfahrungen Haut für Haut vom Fleisch, bis statt Blut immerhin Tränen fließen. Quäl´ mich nicht, will ich sagen. Lass´ mir mein gutes Leben und die irisierenden Hüllen, die ich mir unter Schmerzen habe wachsen lassen, und die mir nun gehören, zu schillern und zu schützen.

„Ich muss los“, sage ich.

Bei Eis und Tee dann, ein paar Stunden später, beim Plänemachen mit den Freundinnen, sitzt die Haut wieder. Hey, denke ich, großartig wird dieses Jahr und soll riechen nach schwarzen Kirschen und durchlachten Sommernächten. Und mein Leben ist schön und passt mir so gut wie die festen Hüllen, die wieder sitzen, als hätte man sie nie abgezogen.


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