Es ist eisig in den Tilsiter Lichtspielen, und nicht nur meine Zehen verwandeln sich langsam in eine kalte, harte und brüchige Substanz. Auf der Leinwand rollt eine Menge irrwitzig verwandelter Schrott umher, ich lache ein wenig, und schiele zu meinem Begleiter, dessen Lachen mit zunehmendem Verlauf der Handlung eher etwas eindeutig Angewidertes annimmt.
„Hat dir der Film gefallen?“, frage ich auf dem Weg nach draußen, und er wiegt abwägend und ein wenig vorsichtig den Kopf. „Geht so.“, erfolgt als sparsame Antwort, und wir sprechen über etwas anderes. Vor der Tür schlägt mir die Kälte entgegen und schlägt kleine Krallen in mein Gesicht. „Willst du meine Jacke haben?“, fragt J², und als er zum zweitenmal fragt, auf der Frankfurter Allee Richtung Osten, nicke ich. Auch nicht viel wärmer.
Später, zwanzig frostige Minuten später, wärme ich meine Hände über der Kerzenflamme, wir sprechen über alte und neue Zeiten, und mit den Stunden leert sich der Raum. Als wir zahlen, fegt die Kellnerin den Boden.
„Weißt du, wie lange die Ringbahn noch fährt?“, fragt der Begleiter, und ich schüttele den Kopf. Keine Ahnung. „Wie lange lebst du schon hier?“, merkt er stirnrunzelnd an, und ich erläutere ein wenig meinen üblichen Bewegungsradius und die dazugehörigen Fortbewegungsmodalitäten, zu der die Ringbahn eher selten gehört. Als wir auf dem Bahnsteig stehen, ist die letzte Bahn weg, und der Weg einmal quer durch die Stadt weit.
„Du kannst mein zweites Bettzeug haben.“, sage ich, angekommen in der eigenen Wohnung, und dann: „Gute Nacht.“, beziehe das Sofa für Gäste und schließe hinter mir die Tür. Verdammt kalt ist es auch hier, seit Stunden steht die Balkontür offen, die ich vergessen haben muss, bevor ich irgendwann am Nachmittag das Haus verließ. Fröstelnd ziehe ich mir diese Nacht nur eine einzige Decke hoch bis unters Kinn.
Ach - damals, denke ich, und ergehe mich ein bißchen in sentimentalen Erinnerungen an die guten Zeiten mit dem vormals geschätzten Gefährten J. mit den warmen Füßen, den feinen Händen und einer weichen Schulter, den Kopf darauf zu legen. Mein Begleiter tappt derweil Richtung Bad, und so erinnere ich mich auch an ihn ein bißchen, an die guten Zeiten, die es ja irgendwann gegeben haben muss. So lange ist das her.
Minutenlang bleibt der Begleiter im Bad. Ob du kämest, wenn ich dich frage, überlege ich ein wenig, und bin mir nicht sicher. Wenn ich mir sicher wäre, denke ich dann, würde ich dann nach dir rufen? Auch, ob du dich gut anfühlen würdest, weiß ich nicht, und ob es nicht nur ein Ersatz wäre, für etwas, was es gerade nicht gibt, und was die Auseinandersetzungen nicht wert wäre, die nachkommen würden, und die Stürme in der Begleiterseele samt Begleiterbeziehung auch nicht.
Leise stehe ich auf und suche nach Socken.
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Modeste Schublade: Datum: 22. Apr. 2005, 11:41 Uhr
„Du hast ja an und für sich ganz schöne Zähne.“, sagt die Urlaubsvertretung und leuchtet mir in den Mund. „Mmmmh,“, antworte ich und betrachte an der Wand, patientenfreundlich etwas höher als angebracht als üblich, die eingerahmten Querschnittsdarstellungen kariöser Zähne.
Nie, denke ich beim Anblick des leicht angegrauten Sprechzimmers und des unrasierten Zahnarzthalses, wäre ich aus freien Stücken zu diesem Herrn gegangen, der mit einer mürrischen Sprechstundenhilfe sich nun anschickt, meinen Mundraum zu betäuben. Am Morgen jedoch, just beim Verzehr eines ohnehin eher deprimierenden Trockenfrüchtemüslis geschah es, dass eine harte Substanz, ein Steinchen vielleicht oder eine besonders harte Frucht eine der vielen Füllungen, die meinen Mundraum zieren, ihrer Stabilität beraubte. Die Füllung brach, ein bedenklich großer Teil fiel mir aus dem Mund, und ein wenig erschrocken – denn große Angst hege ich vor Dentalmedizinern – saß ich eine ganze lange Weile mit der Zeitung an der Hand am Frühstückstisch. Und meine Zahnärztin ist in Urlaub. In dringenden Fällen, ist dem Anrufbeantworter zu entnehmen, wende man sich bitte an besagten Herrn, der mir fröhlich duzend ins leere Wartezimmer entgegenkam.
„Was haste denn für´n Problem?“, frug mich der Zahnarzt und zog einen weißen Kittel aus einem Schrank in der Ecke. Meine Schilderung beantwortete der Zahnarzt mit einem freundlichen Grunzen und zog mich sodann auf den Zahnarztstuhl. Er, so der Zahnarzt, praktiziere seit mehreren Jahren eigentlich so gut wie gar nicht mehr. Für Tochter und Neffen jedoch mache er mehrmals jährlich noch die Urlaubsvertretung, auch sonst wohl für den einen oder anderen Kollegen, wie jene Dame etwa, der sonst die Sorge für meine Zähne obliegt. „Aaaah.“, sage ich und betaste mit der Zunge vorsichtig die nun taube Stelle. „Schöne Krone ham´se da.“, meint der Zahnarzt, und tippt mit einem hakenbewehrten Metallstab auf den Zahnersatz. „Jold hätt ick nich machen lassen.“, fährt er fort, während er die Füllmasse in den Zahn drückt. Schon in wenigen Jahren, fährt er fort, würde Zahnsubstanz einfach in den Knochen von Ratten nachgezüchtet werden können. Im Labor sei das heute schon der Fall, die kommerzielle Verwertung daher nur noch eine Frage der Zeit. Also wozu langlebige Füllungen und Kronen, Provisorium sei ohnehin alles.
Ob ich denn auch eine Zahnpasta benutze zum Aufhellen der Zähne, fragt er, und ich gebe zu verstehen, dass dies nicht der Fall sei. „Nützt eh nüscht. Bleaching!“, sagt der Zahnarzt da, und es klingt ein wenig triumphierend. Seine Tochter mache das dauernd, ohne weiße Zähne ginge ja heute nichts mehr. Er könne mir gleich einen Termin vermitteln bei der Tochter, günstig sei es auch. Die Tochter könne auch gleich einmal überprüfen, ob mit meinen Vorderzähnen denn gar nichts zu machen sei.
Hätte ich nicht einen Schlauch zum Absaugen im Rachenraum, so würde ich dem Zahnarzt die Vergeblichkeit einer langen kieferorthopädischen Behandlung erläutern, die mir über Jahre meines Lebens völlig ergebnislos eine vollgesabberte Zahnspange eintrug. Die Vorderzähne blieben schief.
„So,“, sagt der Zahnarzt, und wirft seinen Kittel durch die offenen Tür auf einen Stuhl im Vorraum des Behandlungszimmers. „Sind wa fertich.“ Ich nicke, lächele und greife nach meinem Trenchcoat. „Auf Wiedersehen,“, gurgele ich aus den Tiefen meiner Lokalanästhesie.
„Darf meine Tochter sich mal bei dir melden?“, fragt der Zahnarzt.
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Modeste Schublade: Datum: 21. Apr. 2005, 11:53 Uhr
Den einen oder anderen meiner geschätzten Leser kenne ich inzwischen persönlich, andere lese ich selbst und freue mich über ihre Kommentare. Den unbekannten Leser aber, den, der sich nie räuspert, sich nicht auf twoday anmeldet, um mir einmal mitzuteilen, wie großartig er mich findet, jenen unbekannten Leser eben, der stillvergnügt durch die blühenden Auen meines Leben schreitet – von jenem Leser habe ich mir stets, und wenn die Gelegenheit einmal danach war, ein recht positives Bild gemacht. Wer überhaupt willens und in der Lage ist, durch diese virtuellen Bleiwüsten ohne das klitzekleinste bunte Bild zu flanieren, und sich den Petitessen eines vorwiegend ereignislosen Lebens zwischen Patisserie Albrecht und dem 103 aussetzen mag, der kann kein schlechter Mensch sein, dachte ich so bei mir.
Heute jedoch, vor gut einer Stunde blinkt mein Mailaccount auf, und siehe da: Ein unbekannter Leser fasst sich ein Herz und gesteht mir seine geheimsten Wünsche. Der Leser ist so unbekannt, dass ich anhand des verwandten yahoo-accounts nicht einmal sagen, ob hier Mann oder Frau einen Wunsch loswerden möchte. Anhand der mir verliehenen weiblichen Intuition tippe ich aber einmal scharf auf ein Wesen ohne zweites X-Chromosom, welches mich im Anschluss an ein paar recht beliebige Komplimente um Folgendes bittet:
„Mehr S*exgeschichten und daß es mal mehr zur Sache geht. Hat Berlin da nicht mehr zu bieten? Wenn du soviel weggehst, wie du schreibst, muß da doch auch mal was passieren. Trau Dich!“
Wähnt jener Leser mich nun schon auf dem Weg zum Wäschegeschäft, um sodann unverzüglich und in verführerisch-transparente Hüllen gekleidet auf die Pirsch zu gehen, hat sich da aber jemand kräftig geschnitten. Angetan mit meinen üblichen schwarzen Pullovern, Jeans und den unsexiest Perlenohrsteckern überhaupt sitze ich hier, werde auch heute nacht die Bar meiner Wahl allem menschlichen Ermessen nach allein verlassen und rufe ins Dickicht der unbekannten Leser:
Ich bin doch nicht RTL 2! Wer glaubt, hier findet das große Wunschkonzert in der Kurmuschel statt, hat sich schwer in der Location geirrt. Sie, mein Herr, verhöhnen hier gerade in übelster Weise die Fußkranken des urbanen Liebeslebens. Fragen Sie gefälligst andere Leute nach ihren S*exgeschichten, in dieser Hinsicht ist beim Papst mehr los als hier.
Oder versuchen Sie´s einfach mal woanders.
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Modeste Schublade: Datum: 20. Apr. 2005, 18:49 Uhr
Wie mir scheint, gehört es zu den ersten Verbalhandlungen der Kleinstkinder, unmittelbar nach der ersten Anrufung der Erzeuger sich auf dem Spielplatz zusammen zu rotten und eine neue Generation auszurufen. „Generation Kollwitzplatz“ oder so, vielleicht auch „Generation Sportbuggy“.
Einige Jahre später, gegen Mitte des zweiten Lebensjahrzehnts, genauer gesagt: Mit 16, stellt sich die Lage etwas differenzierter dar, genauere Analysen müssen her, und so versinkt auch mein kleiner Lieblingscousin gelegentlich in ausführlichen Betrachtungen seiner generationsspezifischen Eigenarten.
„Ihr wart ja immer noch zu zweit.“, meint der Kleine, und malt für die Zukunft ein gräßliches Szenario von beziehungsunfähigen Einzelkindern aus, in denen Papas kleine Prinzessinnen und Mamas kleiner Liebling sich gegenseitig mit Schaufeln auf den Kopf hauen, wenn einmal irgendetwas nicht klappt. Man sei ja so wenig gewöhnt, Kompromisse zu schließen. „Hmmm“, murmele ich ein wenig uninteressiert vor mich hin und schaue bedauernd auf den nackten Grund meiner Teetasse. Überhaupt, fährt der Kleine fort, die Kompromissfähigkeit sei ein generelles Problem. Man sei so oberflächlich geworden. „Ganz anders als deine alte Cousine und Konsorten, was?“, ätze ich ein wenig in der Struktur dieses nicht besonders reizvollen Gesprächs herum. Der Kleine lässt sich indes nicht beirren und erzählt eine fürwahr erstaunliche Geschichte über seinen Freund H.
H. als ein ambitionierter junger Mensch, zugetan den schönen Künsten und insbesondere der Literatur, musste irgendwann feststellen, im Klassenverband irgendwie ins Hintertreffen geraten zu sein. So in amore. - Interessentinnen habe es aber schon gegeben, der H. sei nämlich sportlich und sehe gut aus, aber ein bißchen idealistisch sei er veranlagt, und ein Perfektionist dazu offensichtlich. Eine ernsthafte Sache wie die Uraufführung des H.´schen Liebeslebens habe H. daher nur mit einer absoluten Starbesetzung erleben wollen, denn, und so sagt mein Cousin in ernsthaftem Tonfalle, man eröffne ja auch die Scala nicht mit einer Performance der Waldshuter Liedertafel von 1904. Überhaupt, ein so prägendes Ereignis, das man nie vergesse, und dass im Fall des Fiaskos schwerwiegende Folgen zeitigen könne für die Psyche eines Menschen....der H. habe also lange geschwankt. Eine Kandidatin, mit der er es sogar schon ins Kino geschafft hatte, habe sich als ausschließliche Leserin billiger Kriminalromane entpuppt. Eine andere sei bei näherem Hinsehen irgendwie zu kräftig gewesen, „so der Typ Frauenfußball“, sagt mein Cousin, und man hört, wie es ihn ein wenig schüttelt. Schließlich habe H. eine Wahl getroffen, die Wahl war angetan, und die Dinge nahmen ihren ordnungsgemäßen Verlauf.
Später aber, nach dem Ereignis, wie mein Cousin mit hörbarem Bedauern ausführt, habe H. seine Gefährtin irgendwie nicht mehr so besonders gemocht, versucht, diese auch für ihn irritierende Empfindung zu verbergen, und sich schließlich offenbart. „Wie krank ist denn das?“, frage ich nach. Der H. sei halt nicht verliebt gewesen, und dann sei das eben so bei ihm, sagt mein Cousin, und verbietet mir, ehrliche Empfindungen anderer Menschen zu sezieren. Vermutlich, so seziert mein Cousin selber, habe H. im Nachhinein erkannt, dass sein Ideal der göttlichen Verschmelzung mit diesem Mädchen doch nicht zu verwirklichen gewesen sei, und er sich somit in der Auswahl seiner Premierenpartnerin geirrt habe. Zuviel Perfektionismus sei eben schädlich.
Das Mädchen jedoch habe diese Abfuhr schwer genommen und angekündigt, sich demnächst zu entleiben. „Das hätte die eh nie hinbekommen.“, meint mein Cousin, und erwähnt ihren kurzfristigen Aufenthalt in einer Klinik, die sich ausschließlich solchen Problemen widmet. „Der reinste Wedekind.“, ächze ich in den Hörer und freue ich meines Erwachsenseins.
„Ja, und wenn das schon so losgeht.“, meint bekümmert mein Cousin.
von:
Modeste Schublade: Datum: 20. Apr. 2005, 11:43 Uhr
Im Frühling, wissen wir, wird alles neu, Frühlingsgefühle durchziehen das menschliche Gemüt, und man geht daher in Gärtnereien und bepflanzt den Garten oder zumindest den Balkon schön bunt und üppig.
Bunt und üppig soll mein virtuelles Heim vielleicht nicht werden, aber dort oben, wo Sie gerade noch einen roten Balken sehen, da möchte ich einen Vorhang haben, einen Theatervorhang nämlich, um meine banale Daseinsform ein wenig theatralisch zu umkleiden. Als rechtstreuer Hasenfuß hätte ich gern eine Abbildung, die keinem Urheberrecht von fremden Leuten unterliegt. Gemalt oder abphotographiert ist mir gleich. Und wenn Sie so etwas irgendwo in petto haben, und Sie würden es mir zukommen lassen, dann...
...brauche ich nur noch Hilfe beim Anbringen.
Ach ja, und wo wir schon einmal dabei sind: Es gibt so Leute, die können auch in Kommentaren alles mögliche machen, fett schreiben, zum Beispiel, durchstreichen oder alles kursiv in die Kurven legen. Ich bewundere diese Menschen. Wie man verlinkt, hat ein netter Herr mir mal geschrieben, aber eine Liste, so eine richtige Liste mit allen Anweisungen drauf und am besten einem Beispiel, die hätte ich schon gern.
Lobende Erwähnung auf diesen Seiten und meine ewige Dankbarkeit wären Ihnen gewiß.
Nachtrag: Auf Ihre Hilfsbereitschaft ist Verlass! Ich danke also Frau
Kaffemäulchen, Herrn
Booldog, dem Herrn
Mequito, Frau
Assoziativspeicher, Herrn
Pathologe, Herrn
Kid37, Herrn
Che2001 und dem
Jazzlog für schnelle Hilfestellung.
von:
Modeste Schublade: Datum: 19. Apr. 2005, 15:01 Uhr
Zu den eher unschönen Gegebenheiten des Wissenschaftsbetriebes gehört die lästige und unergiebige Angewohnheit, in regelmäßigen Abständen an teilweise abgelegenen Orten zusammenzukommen und sich dort gegenseitig aus den jeweils neuesten Schriften vorzulesen. Abends gibt es äußerst mediokre Buffets mit hartgekochten Eiern und aufgeschnittener Extrawurst, und man ist angehalten, sich mit den anderen Mitgliedern des Mittelbaus zu unterhalten, falls diese einmal wichtig werden, und man später etwas von ihnen will. Kommt es ganz schlimm, wollen andere Beteiligte auf der Stelle etwas von einem selbst, obwohl man schon aufgrund einer schwerwiegenden und in Fachkreisen deutschlandweit berüchtigten Faulheit vermutlich nie wichtig wird, und schauen nach der unausweislichen Abfuhr die nächsten Jahre oder Jahrzehnte jedesmal beleidigt zur Seite, wenn man den Raum betritt.
Des Nachts, um zum eigentlichen Problem zu kommen, übernachtet man kostensparend in Gästehäusern des CVJM oder Zweisternehotels, in denen sonst Bustouristen absteigen. An den Wänden hängen dann sehr sonderbare Bilder auf einer irgendwie pastelligen Strukturtapete, im Bad wartet eine Miniseife darauf, sich mit ihr von Kopf bis Fuß abzureiben, und von den Frühstücksbuffets mag man gar nicht sprechen. Die großartige Idee des stilvollen Kurzzeitheims, welche ihre Verwirklichung so trefflich in pittoresken Absteigen wie in den schimmernden Palästen der Belle Époque findet – in jenen Häusern, die sich auch renommierte Forschungseinrichtungen noch leisten mögen, wird sie gnadenlos pervertiert. In jenen Hotels, die ihren Namen nicht wert sind, wird dem Opfer wissenschaftlicher Umtriebe ein Bett in einem Doppelzimmer zugewiesen. In diesem Bett liegt man dann nach des Tages Müh´ und Last, die mehr oder weniger vertraute Zimmergenossin schläft friedlich vor sich hin, man selbst aber schläft keine Minute und wälzt sich leise hin und her. Man kann ja gar nicht schlafen mit einer Fremden neben sich. Man kann, bei Licht betrachtet, nicht einmal mit guten Freunden im Zimmer schlafen, obwohl man doch weiß, dass weder diese noch jene jemals auf die Idee kommen werden, einem des Nachts den Kopf abzuschneiden. Man hat, kurz gesagt, eine veritable Macke.
Vor Jahren, noch wohlausgestattet mit kindlichem Grundvertrauen in die Welt, war diese meine Marotte noch ganz gegenteilig ausgestaltet: Stets musste die Tür offen sein, eine kleine schummerige Lampe brannte die ganze Nacht auf der weißen Kommode, und wenn ich nachts aufwachte, weil in meinem träumerischen Unterbewusstsein einmal wieder der Teufel los war, kam mein Vater über den Korridor gleich gelaufen und hielt mich fest, bis ich wieder schlief. Schon Klassenfahrten oder Reiterhof allerdings gestalteten sich zunehmend schwierig: Macke zugeben und gegen Entrichtung der Mehrkosten alleine schlafen, ging auf keinen Fall. Mit sechs Mädchen in der Jugendherberge nächtigen ging aber gleichfalls nicht, bis die Übermüdung nach ein paar Tagen dann doch für einen gesunden Schlaf sorgte.
Zunehmende Selbständigkeit in der Planung auswärtiger Aufenthalte half mit den Jahren, diesem Problem aus dem Weg zu gehen: Rucksacktouren ja – aber auf keinen Fall Schlafsäle. Verreisen mit guten Freundinnen? Gern, aber nur getrennte Zimmer. Eine einzige Freundin, erprobt in allen Wasserglasstürmen, die mein Leben so zu bieten hat, behindert nicht meinen Schlaf.
Führt der akademische Tagungscircus seine Mitglieder in Städte, in denen mir liebe Menschen wohnen, so quartiere ich mich im Regelfalle auf den Schlafcouches und in den Gästezimmern dieser meiner Lieben ein. Rege Umzugstätigkeit auf allen Seiten hat die Liste der Städte, in denen ein Zimmer zur nächtlichen Alleinbenutzung zur Verfügung steht, mit den Jahren kräftig anwachsen lassen. Kiel oder Passau, Heidelberg oder Frankfurt am Main, das Ruhrgebiet und die rheinischen Provinzen – alles kein Problem. Weiße Flecken auf dieser Karte stellen allerdings nach wie vor die neuen Bundesländer dar, in die es die Menschen meines Vertrauens offenbar selten oder nie zieht.
Jahrelang wurde dies nie zum Problem. Gibt es irgendwelche Gründe, sich jemals nach Gotha zu begeben? Sind Rostock oder Meiningen Orte, die nicht gesehen zu haben den Fremden schmerzt? Selten oder nie fanden Tagungen im Osten statt, blühende Landschaften der Wissenschaft ließen zumindest in dieser Beziehung auf sich warten, dieses Jahr aber haben sich die Mächte der Finsternis gegen mich verschworen: Fast täglich reiße ich die Post auf und finde Ankündigungen von Tagungen und Seminaren an allen Orten des Ostens, die ich noch nie bereisen wollte...und vor allem: Wo ich niemanden kenne. Und sehe mit Grausen langen, schlaflosen Nächten in tristen Hotelzimmern entgegen.
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Modeste Schublade: Datum: 19. Apr. 2005, 11:08 Uhr
„Frauentechnisch ist Richtersein das letzte.“, meint der D., und saugt mit resignierter Geste an seinem Smothee. „Anwalt ist aber auch nicht wesentlich mehr sexy.“, wirft der T. ein, und damit dürften die wesentlichen juristischen Berufe sich als Köder auf der Partnersuche erledigt haben. Professoren sind zwar meistens verheiratet, Erscheinung und Wesen der Professorengattinen legen indes den Verdacht nahe, dass es durchaus Berufe gibt, die ihren Trägern auf der Pirsch mehr Nimbus verleihen als ausgerechnet der des Gelehrten.
Kreative Berufe, so munkelt man, wirkten wesentlich attraktiver, ein Künstler gar, vielleicht ein Dichter, allerdings hat ein auf diesem Gebiet bewanderter Herr bereits glaubhaft versichert, dass dies ein Irrtum sei: Ohne Gitarre ginge gar nichts.
Im Ergebnis sei der Beruf eines Mannes vermutlich egal, meint C., dem jedoch ist natürlich ganz energisch zu widersprechen: Wer sich als Landwirt, evangelischer Pastor oder Müllmann offenbart, muss schon sehr zielgruppengenau suchen.
Wie es mit den Landwirtinnen bestellt ist, ist gleichfalls unbekannt, wenn es denn überhaupt Landwirtinnen gibt, denn auch das weiß ich nicht genau. Zu meinem übergroßen Leidwesen scheint auch die Jurisprudenz nicht zu denjenigen Berufen zu gehören, die ein weibliches Wesen mit einem zusätzlichen Nimbus auszustatten in der Lage sind. Umfangreiche Feldforschungen haben vielmehr ergeben, dass das Ideal einer Frau in den Augen der überwiegenden Anzahl der Männer beispielsweise in einer Galerie arbeitet, auch Orchestermusikerinnen sind begehrt. Sängerinnen dagegen hält der gemeine Mann für zickig, und das einzige mir bekannte Exemplar bestätigt dieses Vorurteil auch aufs Schönste.
Bei Titeln scheint es eine feine Differenzierung zu geben: Männer werden durch einen Doktorgrad eher attraktiver, will mir scheinen, bei Frauen verschweigt man den Klotz Papier offenbar besser, Adelsprädikate dagegen schmücken Männer wie Frauen aufs Beste.
Und am Ende zieht wohl doch am ehesten ein Paar schöner Augen.
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Modeste Schublade: Datum: 18. Apr. 2005, 16:59 Uhr
Erst von den weißen Polstern am Wriezener Bahnhof in die Sophienstraße, noch jemanden abholen, und dann hoch, 12 Stockwerke über dem Alex tanzen. Großartig ist es hier. Als es schon fast hell ist, aber eben noch nicht ganz, im Taxi weiter nach Friedrichshain. Meine Freundin auf der Fahrerseite lacht hin und wieder anlasslos ein wenig, und singt ein Lied an, das ich nicht erkenne. Uns fährt ein bärtiger Türke, der sein Taxi mit goldfarbenen Plastikblumen dekoriert hat, und kein Wort mit uns spricht. Der französische Dokumentarfilmer neben mir auf der Rückbank legt mir seine fette Hand auf den Oberschenkel und lallt, in fünfzig Jahren seien wir alle tot. Nach der allgemeinen Lebenserwartung männlicher Westeuropäer dürfte es meinen schwitzenden Nachbarn allerdings schon in gut zwanzig Jahren dahinraffen. Bei meiner Freundin ist er schon vor Stunden abgeblitzt, nun schiebe ich die fremde Hand zurück auf den dazugehörigen Bauch, und den Rest der Fahrt schaut er stumm aus dem Fenster die Stalinbauten entlang.
Die Wohnung, deren Tür sich einige Minuten später öffnet, wird ganz offensichtlich nicht zum Wohnen genutzt. An einem riesigen, wilhelminischen Tisch mit Knorpelkrebs sitzen ein paar Gestalten, meine beiden Begleiter begrüßen den einen, der ihnen mit offenen Armen entgegenkommt. Der Raum ist dunstig vor Qualm. Die Musik ist dafür angenehm, leise und geschmackvoll, langsam werden die Bässe in meinem Kopf leiser, und mit meiner Freundin setze ich mich zu einem bunt geschminkten Mädchen auf die Couch, die sich einige Minuten später als polnische Filmstudentin vorstellt. Einer der Männer am Tisch, ein hagerer Riese mit schwarzen langen Haaren, ist ihr Freund. Ein großer Künstler, sagt sie, wir nicken und fragen nicht nach.
Eine Art Kellner gibt es auch, wir bestellen Gin Tonic, und bekommen ein Tischchen herangezogen mit einem schweren Marmoraschenbecher drauf. Am Tisch fliegen die Karten, die Fremde, meine Freundin und ich trinken noch einen Gin Tonic, und als selbst durch die schweren blauen Vorhänge das Licht dringt, erinnere ich an meinen Zug ein paar Stunden später und gehe. Die Straßen sind ganz leer.
„Hey,“, flüstere ich ins Telephon auf der Fehrbelliner Straße, als der T. abnimmt. „Bist du schon zu Bett?“, frage ich, aber T. klingt ausgesprochen munter. Ich könne vorbeikommen, sagt T.,
Herzchen und Röschen, die neue Liebste, sei allerdings da und schliefe schon. „Macht nichts.“, sage ich, und klingele ein paar Minuten später. T. steht in der Tür.
Weil die Freundin einen robusten Schlaf hat, machen wir Musik an, Billy Idol singt, T. brüht einen Kanne Tee auf, und liest mir auf dem Balkon aus der Zeitung von gestern ein paar Nachrichten vor. Hinter den Vorhängen liegt die Freundin mit weit offenem Mund und grunzt ab und zu leise. „Macht sie immer,“, sagt T., und schenkt nach. „Hast du Kekse?“, frage ich, aber T. hat weder Gebäck noch sonst irgend etwas Essbares im Haus, und so ziehen wir uns an, und gehen frühstücken, sprechen über die Anschaffung türkisfarbener
Pedro Garcia´s, sieben Zentimeter hoher Knöchelbrecher mit Seidenüberzug, und T. rät ganz entschieden zu. Ich puste mir die Haare aus der Stirn, beruhige meinen Magen mit frischem Pfefferminztee, und T. schaut ab und zu auf die Uhr.
„Du musst los.“, sagt er schließlich, und so lasse ich mein Frühstück stehen, und wir gehen langsam zur U-Bahn. Am Ostbahnhof fällt mir ein, meine Tasche vergessen zu haben, aber es wird auch ohne gehen, für ein paar Notfallkäufe am Zielort bin ich früh genug da, und als der Zug einfährt, steige ich ein, ein bißchen Geld und eine Karte in der Hosentasche, Zigaretten und Telephon in der Hand. T. winkt und geht langsam Richtung Ausgang.
Wenn ich nicht wiederkäme nach Berlin, denke ich, und schaue aus dem Fenster, würde meine Wohnung kündigen oder meiner neuen Mitbewohnerin einfach dalassen, und allen Freunden eine E-Mail schreiben, dass ich weggezogen bin, dann könnte ich morgen schon ein neues Leben beginnen. Nicht zu jener Freundin fahren, die auf dem Hauptbahnhof stehen und mich abholen wird, sondern irgendwohin, wo ich niemanden kenne. In einer anderen Stadt würde ich mit anderen Menschen leben, einmal schauen, ob es woanders vielleicht noch ein schöneres Leben ist als hier, ob das volle Glück vielleicht zwischen anderen Häusern wohnt, und dort jemand auf mich wartet, dessen Hände besser zu mir sind.
von:
Modeste Schublade: Datum: 18. Apr. 2005, 2:50 Uhr