Freitag, 3. Juni 2005

Vorbereitungen

„Komm rein.“, sage ich zum , der unverhofft vor der Tür steht, und bedaure, gerade keine Zeit für ihn zu haben: Ein pünktlicher Mensch wäre seit zwanzig Minuten unterwegs, um in zehn Minuten in einer Friedrichshainer Bar lieben Freunden um den Hals zu fallen. Ob der M² nicht auch morgen...? Morgen nachmittag vielleicht? Nein, schüttelt der M² den Kopf, um acht in der Früh müsse er los, und zwei Wochen sei er außer Landes. „Schade.“, sage ich und biete ihm einen Sherry an. „Ich muss noch duschen.“, sage ich, aber wir könnten uns durch die Tür unterhalten.

„Ich verstehe kein Wort.“, sagt der M² wenig später durch das prasselnde Wasser, und ich bin erleichtert: Es liegt also nicht an meinen Ohren. „Such mir was anzuziehen raus.“, sage ich statt dessen, weil es jetzt wirklich spät ist, und der M² macht sich an meinem Schrank zu schaffen. „Was macht ihr heute nacht?“, fragt er, während ich mir die Haare frottiere. „Nichts.“, sage ich. Essen, Trinken und vielleicht Tanzen im sehr unprätentiösen Friedrichshain. „Da war ich ewig nicht.“, sagt der M². „Ich auch nicht.“, sage ich, und erläutere die unerklärliche Wohnortwahl ansonsten lieber Menschen. M², so fürchte ich rein akustisch, nimmt gerade meinen ganzen Schrank auseinander.

„Den schwarzen Rock?“, fragt der M² und schwenkt einen schwarzen Baumwollrock mit Blüten und einem Unterrock aus Tüll. „Das ist nicht Friedrichshain.“, sage ich, und M² stimmt mir zu. Statt des seidenbandgeschnürten Tops deswegen vielleicht einfach einen schwarzen Pullover? Und Stiefel? „Stiefel im Juni?“, ich lache den M² ein bißchen aus, und ziehe den Reißverschluss des Rocks hoch. Saß auch schon mal besser, denke ich, und M² hält mir verschiedene Pullover an und entscheidet sich schließlich für ein schlichtes, grobgestricktes Modell. „Lässt du die Haare so?“, fragt M² und hat das Haarwachs schon in der Hand. „Mach du.“, sage ich und sehe im Spiegel, wie er mit Bürste und Kamm einzelne Strähnen vom Ansatz nach oben zieht, Wachs einknetet und schließlich alles mit Spray befestigt. „Gut schaust aus.“, sagt der M² und stäubt ein bißchen mit Puder herum, heller Staub im gelblichen Lampenlicht. Ich puste ihm den Puder vom Hemd, er singt ein bißchen vor, um mir einen Eindruck von einer neuen CD zu geben, erzählt von seinem Sohn, und ich suche in allen Taschen nach meinem Schlüssel.

„Zieh´ ich jetzt die Stiefel an?“, frage ich M². „Ist verdammt kalt da draußen.“, sagt er, und ich mache ihm ein paar Komplimente für seinen fabelhaften Dialekt. Wir preisen ein bißchen alle Schönheiten der Steiermark, und M² schiebt meinen Fuß langsam in die derben Stiefel und zieht den Reißverschluss nach oben. „Schöne Beine hast du.“, sagt er und streicht kurz mit zwei Fingern über das Stück Haut zwischen Stiefel und Rockansatz. „Danke.“, sage ich und freue mich über das Kompliment.

„Ich muss los.“, sage ich dann. „Bis in zwei Wochen?“, fragt der M². „Da bin ich in Urlaub.“, bedaure ich. Wir telephonieren, rufen wir uns noch zu, und dann laufe ich vorbei am Kollwitzplatz zur Tram.

„Da bist du ja.“, sagen die Freunde eine halbe Stunde später.

Donnerstag, 2. Juni 2005

Letzter Aufruf! - Concours Berlin - Paris

Der Countdown läuft – acht Wettbewerbsbeiträge sind unterdessen eingegangen, und bis morgen Mittag um zwölf, meine Damen und Herren, haben Sie die einmalige Gelegenheit, mir mit Ihren französischen Geschichten die nächste Woche zu versüßen, in der ich, wieder einmal abgeschnitten von jedweder Zivilisation, in der Abgeschiedenheit vor mich hin modern werde. Am Ende dieser Woche werden die Gewinner feststehen, und bekommen sodann herrliche Preise zugesandt.

Geschichtsfälschung

„Lebst du noch? Du hast tagelang nichts von dir hören lassen!“, mein Vater lacht leise in den Hörer und fragt nach Gesundheitszustand und Ernährung. „Als Kind warst du nie krank.“, sagt er, und nun sei alle paar Monate irgend etwas, was er fehlerhafter oder unzureichender Ernährung zuschreibt, der Hektik der Stadt, die ihm fremd ist, und mangelhafter Fürsorge Dritter sowieso. „Als Kind warst du die Gesundheit selber. Du hast den ganzen Tag gelacht.“, sagt er, und lässt die alten Zeiten hochleben: Ich im Tragetuch auf dem Wochenmarkt, fest vor seine Brust geschnürt. Im Sommer die ganze Terrasse mit einer riesenhaften Brio-Bahn zubauend. Zum Fasching als Hexe verkleidet, fünf Jahre alt.

„Das weiß ich noch.“, sage ich. „Da habe ich tagelang geheult, weil ich als Prinzessin gehen wollte und nicht durfte.“ – Prinzessinnen erschienen meiner Mutter als abgegriffen, unoriginell und daher unvertretbar. „Bist doch immer die Prinzessin.“, beschwichtigt mein Vater den längst vergangenen Kinderzorn, und fährt fort.

Vier Jahre alt bei einer Ballettvorführung. Achtjährig auf dem Geburtstag meines Großvaters, den „Taucher“ aufsagend, im dunkelroten Taftkleidchen und Lackschuhen. Zehnjährig beim Klavierspielen. „Du warst immer gut in der Schule.“, sagt mein Vater, und klagt ein bißchen über die unverständigen Lehrer der exakten Wissenschaften, denen ich immer wieder begegnet sei, und die das glänzende Abitur auf dem Gewissen hätten, das ich wegen ihrer mangelnden didaktischen Begabung nicht besitze.

„Ballett habe ich gehasst.“, versuche ich die Vergangenheit wieder ein wenig zurechtzurücken. In meiner Erinnerung springe ich in einer für Außenstehende sicherlich außergewöhnlich komisch anmutenden Manier als eine Art Walross zwischen lauter Nixen herum. Die auswendiggelernten Darbietungen deutscher Dichtkunst bei eigentlich allen Zusammentreffen der väterlichen Familie rufen mir noch heute, gut zwanzig Jahre später, die Erinnerung an die würgende Aufgeregtheit zurück auf dem Weg zu meinen Großeltern. Die lachende, turbulente Familie, die mit ihrer Heiterkeit meist nicht hinter dem Berg hielt. Die absurde Angst, eine Zeile zu vergessen, und die ganze Feier zu ruinieren mit meinem faux pas. Noch heute verfüge ich über ein imposantes Repertoire deutscher Balladen vorwiegend des 19. Jahrhunderts. - Ich bin eine miese Klavierspielerin, und in sämtlichen Naturwissenschaften wäre ich überhaupt immer und unter allen Umständen mangels jedweder Begabung eine Totalversagerin gewesen.

Mein Vater streitet alles ab. Als Kind sei ich nicht so negativ gewesen. Man dürfe sich nicht der Manier hingeben, in jedem Apfel nach dem Wurm zu suchen, und notfalls den Wurm hineinzudenken. „Das hast du recht.“, sage ich, und dass ich müde sei.

„Dann schlaf schön.“, sagt mein Vater. Und dass ich genug essen soll. Und sagen, wenn ich etwas brauche.

"Mir geht´s bestens.", sage ich.

Mittwoch, 1. Juni 2005

Alles Verzweifeln, Sehnsucht und wer hofft

Vor dem Aufwachen kommt er noch manchmal, um mit mir zu kämpfen. „Was willst du noch hier?“, frage ich ihn, dem die Zeit weiße Stellen auf den Körper gebrannt hat, Leerstellen der Erinnerung. „Wir haben uns doch nichts vorzuwerfen.“, sage ich dann, und weiß, das ist gelogen.

„Ich habe dich vergessen.“, sage ich ihm, und er kämpft wortlos weiter. Das starke, dunkle Haar weiß ich noch, das der andere auch hatte, der weinte und schrie und sein Examen drangab, seine Sachen packte, mitkam um den halben Erdball und in eine fremde Stadt, und schließlich gewann. „Ich hab´ dich nicht geliebt.“, sage ich dann noch, damit er wieder verschwindet in die Katakomben, in die ich selten gehe. „Das stimmt nicht.“, sagt er, und ich erinnere ihn an die beiläufigen, dahingeplauderten Mails, die er gelöscht haben wird, vielleicht. „Komm nicht wieder.“, sage ich, und weiß, dass dieser Abschied nicht so einfach sein wird wie das drei Minuten währende Telephonat, die blonde Freundin an der anderen Seite des Tisches, die irgend etwas sang, mit den roten Stiefeln wippte, und mit mir ausging eine ganze bitter kalte Nacht, um ihn in Wein und Wodka zu ertränken.

„Das ist so lange her.“, sage ich ihm, damit er loslässt, und beiße ihn weg.

Aus den offenen Wunden fließen kaltes Blut und schwarze Galle in meinen Mund.

Dienstag, 31. Mai 2005

Der Kandidat

„Endlich erwisch´ ich dich!“, die mir aus Studientagen bekannte und befreundete C² lacht in den Telephonhörer und plaudert ein bißchen über Erwerbstätigkeit und das Nachtleben am Rhein und die unschöne Neigung junger Eltern im Freundeskreis, ihren Nachwuchs für den Nabel der Welt zu halten. Ich plaudere ein bißchen zurück und referiere meine Urlaubspläne. „Wir können auch mal wieder zusammen verreisen.“, schlägt die C² vor. Als Single sei die Suche nach geeigneten Begleitpersonen doch immer eine schwierige Sache. Und apropos – wie es denn bei mir ausschaue in dieser Beziehung. „Schlecht.“, sage ich, und erläutere kurz die betrüblichen Umstände eines Privatlebens, in dem Neigung und Gegenneigung nur selten zusammenfinden.

C², so berichtet sie, sei ja jetzt Mitglied einer Datingplattform, und habe schon einige Kandidaten getroffen. „Und?“, frage ich. „Bisher nichts dabei.“, kommt postwendend zurück. Man müsse das Ganze eher vom Unterhaltungsfaktor her sehen, dann sei die Datingplattform gar nicht übel. Überhaupt zumeist ganz nette Leute, meint C², und verweist auf die Tatsache, dass hochgradiger Schwachsinn bei dem jeglichen persönlichen Treffen vorangehenden Mailkontakt und Telephonaten ja gar nicht verborgen bleiben könne. Optisch jedoch – und hier fängt C² an, herzlich zu lachen.

„Erzähl mal.“, sage ich.

Eine ganze Weile, so sagt C2, sei der Kontakt mit einem ortsansässigen Herrn hin und her gewogt. Der Mann schrieb nette Mails und vertippte sich auch beim Chat nicht mehr als nötig, seine Schweigsamkeit bei einigen Telephonaten schrieb die C² eventueller Schüchternheit zu, und so beschloss man, sich demnächst einmal zu sehen. „Ein paar Kilo zuviel, hat er gesagt.“, prustet die C², und erwähnt ein paar Bilder, die der Betreffende gemailt habe. Ein paar Kilo zuviel habe sie schließlich auch auf den Rippen, meinte die C², und stimmte einem Treffen schließlich zu.

Sie solle zu ihm kommen, schlug der Kandidat vor. Er werde kochen. „Ich bin doch nicht verrückt, und gehe zu jemandem nach Haus, den ich gar nicht kenne.“, wandte die C² ein, eingedenk aller Massenmördergeschichten, von denen man in der Zeitung liest, und nach einigem Hin und Her einigte man sich schließlich auf einen Spaziergang mit anschließendem Restaurantbesuch. Man traf sich auf dem Parkplatz.

„Modeste, du wärst umgefallen!“, sagt die C²: „Er hatte nicht ein paar Kilo zuviel – es war der Koloss von Rhodos. Mindestens 200 Kilo. Ein Mensch, der sich nicht allein die Fussnägel schneiden kann.“

Er habe sich, so rechtfertigte der Kandidat sein Vorgehen, erlaubt, etwas ältere Bilder zu übersenden aus Sorge, C² werde sonst einem Treffen nicht zustimmen. „Und das hätte ich auch nicht!“, sagt die C², und fährt mit einer ausgesprochen plastischen Beschreibung der Leiblichkeit des Herrn fort. „Und dann seid ihr spazierengegangen?“, frage ich. „Spazieren – ach was. Nach zweihundert Metern Stop an einem Eiswagen. Und nach einem Kilometer konnte der Kerl nicht mehr laufen und musste sich auf eine Bank setzen.“ Gesprochen habe der Kandidat auch im realen Leben kaum. „Kann auch am Spaziergang gelegen haben.“, wende ich ein. „Der hat auch im Sitzen den Mund nicht aufbekommen.“, entgegnet C².

Sie, so fährt C² fort, habe den offensichtlich aussichtslosen Versuch des Kennenlernens eigentlich abbrechen wollen, der Kandidat habe jedoch auf dem gemeinsamen Essen bestanden. Dass das Treffen nicht ganz optimal verlaufen sei, muss allerdings auch im Gehirn des Kandidaten angekommen sein, und so bestellte der Kandidat im aufgesuchten Restaurant lediglich ein Wasser. Um abzunehmen, wie er sagte. C² aß aus lauter Frust über den unguten Verlauf des Sonntagnachmittags hintereinander eine Suppe mit Kokosmilch und einen Haufen Gemüse mit Rindfleisch. Der Kandidat schwieg. Sie wolle ihn wohl nicht ein zweites Mal treffen, frug er irgendwann. C² verneinte. Das, so seufzte der Mann, habe er sich schon gedacht. Ob er ihr Essen denn trotzdem bezahlen solle? Die leicht irritierte C² bestand auf getrennter Bezahlung, und ließ sich die Dessertkarte kommen. Tja, so sprach der Kandidat. Dann müsse dieser Versuch der Partneranbahnung wohl als gescheitert angesehen werden, und erhob sich. Er werde jetzt fahren und wünsche ihr noch viel Glück bei der weiteren Suche. Er gebe aber zu bedenken, dass die Suche schwierig würde, versteife man sich zu sehr auf das Aussehen des Partners. Das, so sagte die C², solle der Kandidat ihre Sorge sein lassen, und bestellte eine gebratene Banane mit Eis. Der Kandidat verabschiedete sich. Auf Wiedersehen, sagte der Mann, schon halb im Gehen, und wandte sich ein paar Meter vor der Tür noch einmal um. Ob C² sein Wasser mitbezahlen könne.

„Das hört sich ja grässlich an.“, bedaure ich die geschätzte Freundin für den vertanen Sonntagnachmittag. „Halb so wild.“, winkt die C² ab. Hätte ja auch klappen können. Und ob eine solche Möglichkeit der Partnersuche nicht auch etwas für mich wäre.

Auf keinen Fall, sage ich.

Montag, 30. Mai 2005

Concours Berlin-Paris

Die ersten natürlich durchweg hochwertigen Beiträge meiner geschätzten Leser sind angekommen, und nun haben auch Sie die großartige Chance, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Amüsieren Sie mich mit Ihren besten, katastrophalsten, komischsten oder egreifendsten Geschichten aus dem Herzen Frankreichs, und gewinnen Sie liebevoll ausgesuchte und persönlich beschriftete Postkarten, CD´s oder andere Sachpreise, die mir bis Freitag möglicherweise noch einfallen.

Einsendeschluss ist immer noch Freitag mittag und der Rechtsweg selbstverständlich vollkommen ausgeschlossen. Ach ja: Entgegen einem offenbar bestehenden, von mir aber keineswegs beabsichtigten Vorurteil dürfen und sollen sich auch weibliche Personen beteiligen!

Bereits gewonnen hat Herr Mequito , dem ich dieses schöne Banner verdanke.

concoursfuerfraumodeste.jpg

Tipps, wie ich das Banner auf die rechte Seite bekomme, sind übrigens auch gern gesehen.

Nachtrag:
Tipps, wie ich das Banner auf die rechte Seite bekomme, sind immer noch gerne gesehen - will mir denn keiner helfen? Oder wissen Sie auch nicht, wie das geht?

Die Niedrigkeit der Träume

Die Welt ist kalt und fremd, und der Mensch des Menschen Wolf. Und Glück und Schönheit sind stets eine Verführung zu etwas, was am Ende nicht gut sein wird für alle Beteiligten, aber schade ist´s schon um die Menschen, die Fassbinder vor unseren Augen zugrunde gehen lässt. Gesellschaftskritik mag man das schwitzende, übelriechende Panoptikum der verzweifelten Suche nach dem kleinen Glück kaum nennen, auch wenn es denn meist die Gesellschaft ist, an der man eingeht, sei´s die kriminelle Konkurrenz, seien´s die bösen Nachbarn, oder einfach die Verhältnisse der alten Bundesrepublik, die in diesen Filmen ein dämonischer Ort zu sein scheint, bevölkert von geborstenen, umgetriebenen Untoten mit Hosenträgern und Kittelschürze.

Weich sind nur die Träume und Schatten, die Liebe ist ein ferner Sehnsuchtsort zwischen feindlichen Reichen, über die der Gesang der wunderschönen Hanna Schygulla nicht siegen wird, und die schmierigen Finger des schlechteren Lebens drücken an den Träumen herum, bis die fauligen Stellen auch dieses Glück noch zerstört haben werden. Die Welt fordert Unterordnung, um die Folgsamen dann beiläufig und grausam zu bestrafen. - Die miteinander ihr Leben verbringen, werden sich gegenseitig zur Qual, und wer sich an Irm Hermann als Ehefrau im Händler der vier Jahreszeiten erinnert, wird dieses Bild ehelicher Discordia wohl kaum so schnell vergessen. Der Untergang der Liebe zwischen der alten Putzfrau und ihrem jungen Marokkaner, der Untergang der Effi Briest in einer niemals aufbegehrenden Demut, die man am Ende noch anschreien mag für ihre Vergebung, wäre sie nicht schon ganz und gar hinüber. Die ganze würgende Traurigkeit der Elvira „In einem Jahr mit 13 Monden“, senkt sich gerade im – gelungenen - Zitat auf die Lider: In Oskar Roehlers großartiger „Agnes“ nämlich: Durch die dicke Haut und das Fett der alten Republik platzen die Schäbigkeit der Verhältnisse, wie sie auch sein mögen, und die Gewalt. Keine schöne Welt ist das also, durch die Fassbinder uns führt, und warum, so fragen Sie sich, mag das Fräulein Modeste gerade über diese Filme schreiben, und plaudert nicht ein wenig über Rohmer oder die langen Nächte am Helmholtzplatz unter Sternen?

Warum ich, fernab der Wurzeln des verworrenen Lebens, abhold der Gesellschaftskritik, gleichgültig gegenüber jeglichem Realismus, den Fassbinder liebe, warum ich Filme einmal, zweimal, öfter gesehen habe, die quälen und auf der Haut brennen, mag sein, dass hier hinter der hässlichen Welt der untergegangenen Nachkriegsrepublik eine Eisenschmelze kocht und brodelt, in der alle Leidenschaften der Welt und eine überlebensgroße Sehnsucht lauern. Die ungeheuerliche Lebensfülle dieses Werkes, die Erkenntnis, dass hinter den glatten Dingen der äußeren Welt Abgründe von Schmutz und blutigen Tritten warten, dass alle Schönheit der Grausamkeit abgerungen ist, und zu ihr zurückfließen wird. Dass die Wahrheit hinter den Fassaden nur ein paar Worte, ein paar Gesten entfernt ist. Dass die ganze überschießende und brutale Vitalität des Sein im Banalen droht und lockt zugleich. Diese Angstlust, dass da noch etwas ist hinter den schwebenden Nächten, wird es sein, die in den Filmen bis heute flackert und bisweilen überquillt. Und diese Ahnung von den dunklen Seiten aller Leidenschaften mag es sein, die den Sog ausmacht dieser über vierzig Filme, die ich nicht alle kenne: Einen dreckigen Traum zu zeigen, ohne den ich nicht aufstehen könnte, morgen früh, irgendwann.



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