Über Träume

Dienstag, 21. November 2006

Träume von Schweinen

In meinem Unterbewusstsein, verehrte Leserinnen und Leser, spielen Schweine offenbar eine Rolle, die durch ihr Vorkommen in meinem Alltagsleben keineswegs gerechtfertigt erscheint. Tatsächlich begegne ich Schweinen eher selten, um nicht zu sagen: So gut wie nie, denn das Schwein, Haus- wie Wildschwein, ist eine in urbanen Gegenden eher seltene Erscheinung.

Nachts aber, in den viel zu kurzen Stunden, die ich schlafe, laufen des öfteren ausgewachsene Säue herum, und erst letztes stand ich irgendwo in einem Traum herum, ein großes, massiges, rosafarbenes Schwein saß mir gegenüber und sprang an mir hoch wie weiland unser Hund, der allerdings keinerlei Ähnlichkeit mit einem Schwein hatte, was bei einem Hund ja auch einigermaßen befremdlich gewesen wäre, und sicherlich mindestens zu einer drastischen Minderung des Kaufpreises für den Hund, wenn nicht sogar zur Rückgabe des Tieres und dem Umtausch gegen einen neuen Hund berechtigt hätte, der ungefähr so aussehen hätte müssen, wie es unser Hund tatsächlich getan hat, der deswegen auch nicht umgetauscht werden musste.

Möglicherweise habe ich mit dem Schwein sogar gesprochen. Des Inhalts der Konversation erinnere ich mich nicht mehr, allein – was kann man mit einem Schwein schon groß besprechen, und ob das Schwein geantwortet hat, habe ich gleichfalls vergessen. Irgendwann ging das Traumschwein wieder davon.

Ein paar Tage vorher war bereits ein anderes – oder auch dasselbe – Schwein eine ganze Weile neben mir hergegangen, wurde größer und kleiner, veränderte gelegentlich seine Farbe, blieb allerdings in demjenigen Spektrum der Farbigkeit, die bei Schweinen nicht weiter zu erstaunen vermag, und erregte in mir, die ich im Traum Halterin des Schweines war, durch diese Flexibilität einen gewissen Stolz.

In Wirklichkeit habe ich nie ein Schwein besessen. Ich esse nicht einmal Schweine, nicht einmal im Traum, und vielleicht ist es diese kulinarische Zurückhaltung, die die Tiere zutraulich werden lässt, denn Kühe, denen ich als Esserin zugetan bin, nähern sich mir nie, wenn ich schlafe, aber ich werde das im Auge behalten und Sie, sollte sich dies ändern, laufend über die Entwicklung meiner nächtlichen Tierwelt informieren.

Montag, 10. Juli 2006

Die Behandlung

Eine grüne Wartemarke war’s, von einem ausgewaschenen, kreidigen Grün, aber die Zahl darauf - ich hab‘ sie nicht gelesen. Vielleicht war der Zettel sogar leer. Niemand sonst war auf dem Korridor, der nur einer Behörde gehören konnte, das stumpfe Linoleum unter meinen Sohlen, das wohl einen Steinboden imitieren sollte, die abwischbaren Wände, halbhoch gelb gestrichen, und von einem tristen, gebrochenen Weiß bis unter die Decke.

Ganz allein saß ich auf dem Gang, die Türen waren noch geschlossen, und hielt mich fest an der Wartemarke, die ich in der Hand drehte, zusammenrollte, knickte und faltete. Ein wenig nervös war ich, weil man mich dahingesetzt hatte, einbestellt von Nacht und Traum, wozu auch immer. Hoch war der Korridor und schmal, ein weißes, diffuses Licht sog die Farbe aus meiner Haut, die käsig schien, farblos, als hätte man etwas abgezogen, was eigentlich noch zu mir gehörte, eine elastische Schicht aus Farbe zwischen mir und der Welt.

„Frau Modeste!“, wurde ich hereingerufen, eine Frauenstimme drang verzerrt aus den Lautsprechern unter der Decke, und hinter einem Tisch saßen drei Maskierte und sahen mich an. Kreisrunde Löcher hatten ihre Masken um die Augen, die ich zu erkennen meinte, zuerst. Aber nein, erschreckte ich mich. Das würdet ihr nicht tun, und ich sprach sie nicht an mit Namen. Vielleicht hätte ich sie rufen sollen, vielleicht erinnern an alles, alte Zeiten, Liebe, Freundschaft und Vertrauen, aber sie sahen mich an, als seien sie’s nicht, und ausziehen musste ich mich und wurde gewogen und gemessen.

„1,67!“, quakte wieder der Lautsprecher, und ich sah an mir herab, rotes, rohes Fleisch und die Tränen liefen mir über die Wangen. „Sie können jetzt in den Behandlungsraum.“, kündigte die Vorsitzende mir an, und ich lächelte ihr versuchsweise ein wenig zu, aber sie schien es wirklich nicht zu sein, denn die Maske behielt sie auf und sah streng an mir vorbei durch die runden Löcher.

Durch eine Tür musste ich gehen, durch eine zweite, und es wurde ziemlich heiß, so warm wie in meinem Schlafzimmer vielleicht, und ich hob die Arme, weil man das so machen musste, um behandelt zu werden. Ein großes Waffeleisen stand zur Behandlung bereit, und ich stellte mich folgsam in die Mitte. „Jetzt schließen sie die Augen!“, sprach man mir beruhigend zu, und die beiden Seiten des Eisens senkten sich und schlossen mich ein.

Heiß wurde es. Sehr heiß, und eng dazu, und die Stacheln des Eisens stachen mir in die Haut. Jetzt erst bekam ich Angst, man hatte mir also eine Falle gestellt. Das hätte ich nicht von euch gedacht, konnte ich nicht mehr sagen, und im Hintergrund tuschelte die Spruchkammer leise, wann man das Eisen in Betrieb nehmen sollte, wie sie sagten, und ich schnappte nach Luft. In meiner Hand begann die Wartemarke zu glühen und zu qualmen, aber um sie fallen zu lassen war es zu eng, und die Marke fraß sich in meine Hand.

Es werde schnell gehen, versprach man mir, und ich versuchte zu nicken.

Freitag, 26. Mai 2006

Zu Besuch

Aber manchmal steigst du herab, die Treppen sind verhangen von Spinnweben, und feucht liegt der Moder auf dem nackten Beton. „Sie waren lange nicht da.“, sagt der Mann an der Rezeption, dessen Züge langsam in der Haut versinken und wirft dir das Wechselgeld auf den Tresen, als sei es nichts wert. Seine Augen aber siehst du nicht mehr, und nur noch Haut, Haut, Haut deckt den blanken Schädel ohne Höhen und Senken. „Hast du denn gar kein Gesicht?“, fragst du ihn, als würdest du ihn kennen, aber er lacht dich nur aus. „Wozu noch, mein Engel?“, legt er seine Hand aufs Herz, und du gehst schnell weiter.

Hinter der Tür schnappt ein Hund nach dir, und ein Fluß rauscht schwarzes Vergessen. Hier scheint die Sonne nicht hin, hier ist der Himmel nichts als ein doppelter Boden, und du gehst schneller. Einen Schafbock zerrst du an der Leine hinter dir her, der Hund heult dir nach, und die grünen Himbeeren rechts und links des Weges leuchten entzündet und grell und zeigen sinnlose, eiserne Dornen. Kehr um, flüstert dir ein Geflügelter zu, aber du läufst weiter, weiter, bis zur Schädelstätte, bis zur Mitte des Nichts, wo die schwarzen Blätter zu Boden fallen, eng beschrieben, aber du willst sie nicht lesen.

Der Schafbock zerrt an seiner Leine, und ein Wind ist aufgekommen, der an deinen Haaren reißt, als sei der, den du rufen willst, schon wieder zurück. „Komm her!“, befiehlst du ihm, und der Sturm drückt dich näher zur Mitte. Der Schafbock schaut dich an aus angstvollen Augen und wendet sich um, als gäbe es noch einen Weg zurück zu Sonne und Gras, aber du rufst den Verschwundenen dreimal beim Namen, und der Bock senkt den Kopf. Du rufst einen Namen, du schwenkst dein mitgebrachtes Messer, und der Bock schwankt, um zu fallen. Aus seiner Kehle lässt du das Blut fließen, dessen Dunst die Luft reinigen wird mit blanken, roten Eisen. „Komm her!“, befiehlst du wieder, und die Schatten drängen sich näher. „Wir sind so schmerzliche, durchseuchte Götter....“, singt ein Chor dir vor, und ein Schatten löst sich aus den Reihen der Tenöre.

„Da bin ich.“, sagt er, und taucht seine Fingerspitzen in das frische Blut. „Erzähl‘ mir was.“, bitte ich, und ungeduldig sehe ich ihn trinken. Rot steigt es auf von seinem Mund, bunt und leuchtend, schillernd in allen Farben einer Sommerlüge, und erst, wenn das Blut getrocknet sein wird, frierend am Ende aller Geschichten, steigst du wieder hinauf, und hinter dir schließen sich die Pforten, bis sie so glatt sind wie die Wand.

"Auf bald.", sagt der Rezeptionist, und du schüttelst den Kopf.

Mittwoch, 22. März 2006

Sarabande

„Komm näher.“, flüstere ich in den Schatten neben dem Schrank, in die Falten der Vorhänge und setze mich auf. Schon rührt sich etwas zwischen Balkontür und Bett, jemand tanzt in meinen Augenwinkeln ein paar Schritte über die Dielen und singt ganze und halbe Takte mit schwankender, trunkener Stimme.

„Du kannst doch gar nicht singen.“, lache ich ihn aus und greife nach seiner Hand. „Tanz mit mir“, singt er, dreht mich um die eigene Achse und zieht mich an seine Brust, wo es nach Zimt riecht, nach Pfeffer und Zedern, und er dreht mich immer schneller, mit sicherem Griff um die eigene Achse, dreht mich wieder aus, und seine Hand wird wärmer auf meinem Rücken. „Du atmest ja wieder.“, flüstere ich ihm zu, und lasse Nina Simone lauter singen, black is the color of my true love’s hair. Sicher und fest setzt er seine Füße auf meine Dielen.

„Bist du es auch?“, frage ich ihn und fahre ihm zweifelnd durch das Haar und über die rissigen Lippen. Er lacht mich aus, dreht mich schneller, wirft mich heftiger über den Boden, und seine Füße stoßen das Holz, als wolle er Löcher in die Dielen treten. Seine rechte Hand greift kraftvoll um meinen Nacken, meinen Hals, und mit dem Zeigefinger tastet er den Kehlkopf ab und die Sehnen, die den Kopf halten.

„Komm näher.“, bitte ich ihn, und er gräbt seine Finger tief in meine weichen Seiten. „Komm näher.“, bettele ich, und er fährt mir mit seinen Nägeln durch die Haut und greift mir ins blutige Fleisch, bis ich schreie. „Spürst du mich?“, fragt er und schiebt seinen kleinen Finger in meine Adern, dass das Blut an den Seiten brennend über seine Hände läuft.

Rauh leckt er mir über die Lider, bis es dunkel wird, Purpur und Schwarz. „Noch näher?“, fragt er, und streicht durch das klaffende Fleisch den Knochen entlang, und ich nicke. Lauter wird das Reißen an meiner Haut, schmatzend löst sich das Fleisch von meinen Knochen, und am Ende wird er meine Haut in den Wind hängen, der durch die Bäume streicht, und allein weitertanzen, die ganze Nacht und später, irgendwann, wenn es mich nichts mehr angehen wird, in aller Helligkeit des Morgens.

Mittwoch, 8. März 2006

Aus einem schwarzen Stein gebrochen

Tiefer sinke ich, immer tiefer dem Schlaf entgegen. Die Dunkelheit umfängt mich wie warmes, brackiges Wasser, und ich falle der Nacht und den Träumen entgegen, die ihre Finger ausstrecken nach mir. Auf einmal aber schiebt eine Hand sich empor von ganz unten, aus dem Bodensatz der Nacht, und setzt einen schwarzen Traum ab auf meinen Dielen. Dichter wird die Dunkelheit, fester und schwer, und klumpt sich zusammen zu Schatten erst, zu Traumfleisch dann und Knochen.

Langsam und tastend, wie jemand in fremden, dunklen Räumen umhergeht, höre ich seine Schritte, recke mich angstvoll nach oben, versuche, dem Schlaf zu entkommen und dem Knacken des Bodens unter seinem Fuß. Die Hände aber, die nach mir greifen, die Müdigkeit in mir, sie sind stärker als ich, und ich falle wieder, gleite dahin, meinem Traum entgegen, dessen Schritte lauter werden, sicherer sein Gang, und ich höre ihn atmen.

Dass er verschwinden wird, öffnete ich nur die Augen, das weiß ich genau, aber ich kann nicht erwachen, ich sinke, falle immer weiter, und sein Schritt nähert sich dem Bett. Laut knacken die Dielen, sein Ärmel streift die rote Wand an meinem Bett, und ich kneife die Augen zu, um ihn nicht zu sehen. Aufwachen will ich, ihn zurückschicken dahin, wo er mich nicht fassen kann, aber immer tiefer wird mein Schlaf, und immer lauter sein Atem. Sprich, denke ich, und gib dich zu erkennen, obwohl ich weiß, wer er ist, und was er sagen wird.

Tief vergrabe ich meinen Kopf im Kissen, ziehe die Decke über mich, damit er mich nicht anfassen kann mit seinen kalten, feuchten Fingern. Er aber steht an der Wand, wartet auf mich, atmet, und ich höre sein Räuspern. Sprich endlich, fahre ich ihn an, damit ich antworten kann, und dich zurückjagen in die Hölle, aus der du kommst. Näher kommt sein Schritt, bewegt die Luft an meinem Bett, und als er sich setzt, als er seine Hand auf meine Schulter legt, öffne ich die Augen.

Du bist ja immer noch da, sage ich, und sehe ihm in die Augen, streife versehentlich sein weißes, blutleeres Fleisch, und er starrt an mir vorbei zum Fenster. Du hast mich gerufen, sagt er, und ich schüttele den Kopf. Du hast mich doch gerufen, beharrt er und streicht mir mit einem Finger den Unterarm aufwärts zur Armbeuge.

Verschwinde, schreie ich ihn an, reiße die Augen auf, und höre seinen Schritt leiser werden, sich entfernen, bis ich die Augen wieder schließe, und der Schlaf mich wiederum umfängt und sinken lässt, fallen lässt, und seine Hand wiederum nach meiner greift, wenn ich schlafe.

Freitag, 13. Januar 2006

Lasst Butterkekse um mich sein

Die menschliche Psyche stellt man sich ja laienhaft wie eine Art Konzernzentrale vor, in der der Vorstand in den holzgetäfelten Obergeschossen schon einmal die Kontrolle über das Tun und Treiben in den ausführenden Unterabteilungen verliert, und im Keller wilde Kerle herumtanzen, die den ganzen Tag Gin Tonic trinken und ein ziemlich wüstes Zeug daherbrabbeln. „Die Vorlagen aus dem Unterbewusstsein“, legt der Assistent dem Vorstand dann mit einem entschuldigenden Lächeln die vorwiegend unbrauchbaren Ergebnisse der Kellerkerle vor, „sind mal wieder zu nichts zu gebrauchen.“ – „Hoffnungslos mit denen da unten.“, knurrt der Vorstandsvorsitzende bei der meist eher flüchtigen Durchsicht der Mitteilungen, mit denen die Kellerabteilung den ganzen Laden zu überziehen pflegt, und bedauert den überbordenden Kündigungsschutz, der eine personelle Erneuerung der Kellerkinder leider verbietet.

„Das ist mal wieder völlig unbrauchbar.“, dürfte auch der Kommentar der seriösen Abteilungen des Hauses gelautet haben, als ich mir am Dienstag morgen zu wirklich sehr nachtschlafener Zeit die Augen rieb, um den Zug um 7.35 nach Prag noch irgendwie zu erreichen. Mit verklebten Augen, blind, wie es sich für meine –8,25 Dioptrien gehört, schlingerte ich also ins Bad, stellte mich in die Dusche und versuchte, mich meines Traumes zu erinnern, von dem ich nur noch wusste, dass er wirklich ziemlich irritierend gewesen sein muss. Auf dem Weg zur Bahn verdichteten sich die Bilder dann wieder, und ich sah mich, unbekleidet in der vollen Pracht meines Übergewichtes, auf einem riesengroßen Butterkeks herumrutschen, der sehr steil in einen Raum aufragte, über den ich leider eigentlich gar nichts sagen kann, weil der Butterkeks meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Um das Ganze noch etwas schwieriger zu gestalten, war der Butterkeks feucht und ein wenig glitschig und so monströs, dass die charakteristischen abgerundeten Zacken so groß waren wie meine Zehen, denen sie ohnehin, wie mir auffiel, ein wenig ähnelten. Irgendeine Art von Fortschritt bei der Besteigung des Butterkekses war nicht zu verzeichnen; als eine Art Sisyphos des Trockengebäcks robbte ich über den Keks, und die Hintergrundmusik schien mich gleichsam zu verhöhnen: Dämmerung senkte sich von oben, schon ist alle Nähe fern... erschallte es in dem Raum, in dem der Butterkeks stand, in den erhabenen Worten des Dichters zur Musik von Johannes Brahms, den ich gar nicht so besonders schätze.

„Hat das irgendwas zu bedeuten?“, brüllte, während ich in der U 2 dem Alexanderplatz zustrebte, der Vorstandsvorsitzende seinen Assistenten an und schwenkte ärgerlich die Arbeitsvorlage der Kellerabteilung, und ich überlegte angestrengt, welche Bedeutung Butterkeksen generell oder individuell eigentlich zukommt, wann ich das letzte Mal mit diesen trockenen und eher unerfreulichen Produkten in Berührung gekommen sein könnte, und schloss einen prophetischen Traum, zu derlei Extravaganzen ich ohnehin eigentlich gar nicht neige, angesichts der Unwahrscheinlichkeit der geträumten Ereignisse aus.

„Reißen sie sich gefälligst ein bißchen am Riemen!“, schmierte der Vorstandsvorsitzende auf die Vorlage mit dem Butterkeks und verfügte das Schriftstück zurück in den Keller. Irgendwo ganz unten zwischen den zerfledderten Akten der Registratur und den Kopierern schlugen sich die Sachwalter meines Unterbewusstseins lachend auf die kräftigen Schenkel, während der EC Richtung Prag/Budapest den Ostbahnhof verließ.

[Nachtrag: Einen überaus gutaussehenden und obendrein sehr zutreffenden optischen Eindruck meiner nächtlichen Eskapaden vermittelt an dieser Stelle der anbetungswürdige Herr SvenK.]

Sonntag, 9. Oktober 2005

Ein Toter lacht

Des Nachts sitzt er auf einmal an meinem Bett. „Du bist doch tot.“, sage ich ihm und lege meine Hand auf die Leichenflecken auf seiner Brust. „Man trinkt nicht einfach so von fremdem Blut.“, sagt er, lacht, zeigt seine schiefen, spitzen Zähne und streicht mir mit kalten, feuchten Fingern den Hals abwärts.

„Mir geht´s nicht gut.“, sage ich, damit er verschwindet und reiße den Rachen weit auf, um ihn in mein Inneres schauen zu lassen, dass er Mitleid hat mit mir. Mit offenem Mund lacht er mich aus, legt sich zu mir und drückt mir die kalten Glieder an den Leib. „Ich hab dich nie geliebt.“, sage ich, damit er weint, ablässt von mir und wieder verschwindet in jenen Hohlraum zwischen Haut und Adern, wo er herkommt, und wohin er wieder verschwinden soll.

Er aber legt mir den Arm um die Schulter, und tief sinke ich ein in sein mürbes Fleisch. Geschichten erzählt er mir, so viele Geschichten von ihm und mir, die so lange vorbei sind, dass ich sie vergessen habe, wenn ich nicht schlafe, gekreuzigt von der Nacht auf trockenem, splitternden, schlafblauem Holz. „Ich habe dir doch nichts getan.“, behaupte ich, und er lacht, lacht mich aus, zeigt mir Wunden, die ich nicht geschlagen habe bei Tageslicht und Sonnenschein.

„Du hast bekommen, was du gesucht hast.“, halte ich ihm vor, und er nickt und spricht weiter. „In allen Untergängen haben wir uns gefunden“, sage ich. „Auf dem Weg zur Hölle warst du nicht allein.“

„Du hast mich verraten.“, sagt er, und zieht mir den Kopf zur Strafe so weit nach hinten, bis der Hals in den Wirbeln krachend nach hinten fällt.

Jeder ruiniert sich, wie er kann, denke ich, schaue ihn an und fahre langsam durch sein dichtes, dunkles Haar. Er tut mir nicht leid, wie er nun da sitzt, ausgeliefert unter meiner Hand, die Augen zugekniffen und den Mund halbgeöffnet zwischen blauen Wangen. Hilflos rudern seine Arme in meiner Schlafluft, und die kräftigen Fäuste werden weich. Wie Tentakel ragen seine Finger in den Raum.

„Ich bin dir über.“, halte ich dem Alptraum vor, und er lacht, er lacht so laut, so gellend, dass ich erwache und ihn eine Zigarettenlänge lang noch riechen kann in der Luft über meinem Balkon.

Dienstag, 30. August 2005

Schließe mir die Augen beide

Der Schlaf will nicht kommen. „Bleib´ bei mir.“, bitte ich, aber der Schlaf ist woanders, und schickt nur seinen Schatten, jenen Zustand auf der scharfen Schneide zwischen Traum und Tag, offene Augen und jene Wehrlosigkeit gegen die Farben und Geräusche dieser Wohnung, deren Leere und Stille schwer auf meinem Hals sitzt.

Im Badezimmer zeichnen die roten Vorhänge fiebrige Schlieren auf den Boden, das Wasser in meinem Glas flüstert von Schmerz und Niederlagen, Abschied und vergeblichem Warten. „Was willst du?“, fragt mich die Wand, aber das habe ich vergessen. Im Spiegel über den Waschbecken schaut mir eine Frau in die Augen, die stehenbleiben wird, wenn ich das Bad verlasse, um eine halbe Stunde beim Lampenlicht im Bett zu sitzen, nicht ganz wach, nicht schläfrig, aufgehängt an der Mauer, die Schlaf und Wachen trennt.

„Gleichsam, als ob unsere Berührung etwas Ansteckendes hätte, verderben wir durch unser Behandeln solche Dinge, die an und für sich selbst schön und gut sind.“, lese ich bei Montaigne, und klappe den schmalen Band wieder zu. Mit dem Verlöschen des Lichts fängt das Dunkel wieder an, Schwaden zu ziehen, sich zu verdichten, und vielleicht greift eine Hand nach mir, wenn ich endlich schliefe, um auf meiner Stirn zu liegen im Bösen oder Guten.

Über dem Dach des Hinterhauses verliert die Nacht schon ihre Tiefe, flacht ab und zeichnet die nüchternen Konturen der Kastanie gegen das Licht, deren Blätter braun und fleckig werden. Die Kastanie schickt ihre Schatten in meinen Traum, zwischen reifen Weizenfeldern schreite ich langsam im Schatten der Bäume eine Allee entlang. Zur Linken sehe ich Mühle und Weiher, zur Rechten dehnen sich die Felder, und die fremde Frau, die mir entgegen läuft, sehe ich minutenlang näher kommen, sie rennt, rast, ich höre ihren Atem, und sehe ihre nackten Beine weit ausholen. Spät erst sehe ich sie bluten, sie sieht mich nicht, sie zieht ihre blutigen Streifen über den Straßenbelag, und keucht immer schneller auf mich zu. Mich ergreift die Wut, ich hasse die Fremde für ihr Blut, für ihren gehetzten, eiligen Lauf, und so stelle ich ihr, als sie blicklos an mir vorbeilaufen will, ein Bein, ziehe sie zu Boden, beiße in ihre Schulter, ramme ihr mein Knie in den Bauch, und tauche die Hände in ihre offenen Wunden. Sie wehrt sich, kratzt mir den Hals auf, schreit schrill und erbärmlich, aber ich bin frisch, die Fremde hat einen langen Weg hinter sich und ist verletzt, und so ziehe ich die Stillgewordene irgendwann in das Weizenfeld zur Seite der Allee und setze meinen Weg fort.

Der Tag wird heiß, denke ich, als ich, die Teetasse in der Hand, am Fenster stehe, zwei Stunden nach meinem letzten Blick auf die Uhr.

Mittwoch, 1. Juni 2005

Alles Verzweifeln, Sehnsucht und wer hofft

Vor dem Aufwachen kommt er noch manchmal, um mit mir zu kämpfen. „Was willst du noch hier?“, frage ich ihn, dem die Zeit weiße Stellen auf den Körper gebrannt hat, Leerstellen der Erinnerung. „Wir haben uns doch nichts vorzuwerfen.“, sage ich dann, und weiß, das ist gelogen.

„Ich habe dich vergessen.“, sage ich ihm, und er kämpft wortlos weiter. Das starke, dunkle Haar weiß ich noch, das der andere auch hatte, der weinte und schrie und sein Examen drangab, seine Sachen packte, mitkam um den halben Erdball und in eine fremde Stadt, und schließlich gewann. „Ich hab´ dich nicht geliebt.“, sage ich dann noch, damit er wieder verschwindet in die Katakomben, in die ich selten gehe. „Das stimmt nicht.“, sagt er, und ich erinnere ihn an die beiläufigen, dahingeplauderten Mails, die er gelöscht haben wird, vielleicht. „Komm nicht wieder.“, sage ich, und weiß, dass dieser Abschied nicht so einfach sein wird wie das drei Minuten währende Telephonat, die blonde Freundin an der anderen Seite des Tisches, die irgend etwas sang, mit den roten Stiefeln wippte, und mit mir ausging eine ganze bitter kalte Nacht, um ihn in Wein und Wodka zu ertränken.

„Das ist so lange her.“, sage ich ihm, damit er loslässt, und beiße ihn weg.

Aus den offenen Wunden fließen kaltes Blut und schwarze Galle in meinen Mund.


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